Donald S. Beyer

Das Berner Repräsentantenhaus

Text: Silvia Binggeli; Fotos: Reto Guntli

Ein Stück Amerika am Hang über dem Marzili: Die Villa aus dem 19. Jahrhundert wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA erworben – für 672 000 Franken.
Seit Juli 2009 residieren Megan und Donald S. Beyer mit ihren Töchtern Clara und Grace hier...
...und empfangen ihre Gäste gern im Garten oder im Musikraum.
Vom Geräteschuppen zum Bijou: Den Pavillion unter den Bäumen hat Megan Beyer entrümpelt und zum Begegnungsort umgestaltet.
In der Residenz selber herrschen die Gebote der Tradition: Das Mobiliar wurde vom US Department of State ausgesucht und 1977 letztmals angepasst.
Mit Fotos, Blumen, Vorhängen und kleinen Möbelausnahmen bringt Megan Beyer eine persönliche Note in die altehrwürdige Umgebung.
Die meisten Gemälde zeigen unberührte Landschaften und sind Leihgaben amerikanischer Museen.
Auch Quincy Jones feierte schon in diesem Garten mit Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau: 850 Gäste tranken Pepsi und knabberten amerikanische Chips
Teil der Familie: «The President» ist im Haus der Beyers omnipräsent
e
f

Ein Stück Amerika am Hang über dem Marzili: Die Villa aus dem 19. Jahrhundert wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA erworben – für 672 000 Franken.

Seit Juli 2009 residieren Megan und Donald S. Beyer mit ihren Töchtern Clara und Grace hier...

...und empfangen ihre Gäste gern im Garten oder im Musikraum.

Vom Geräteschuppen zum Bijou: Den Pavillion unter den Bäumen hat Megan Beyer entrümpelt und zum Begegnungsort umgestaltet.

In der Residenz selber herrschen die Gebote der Tradition: Das Mobiliar wurde vom US Department of State ausgesucht und 1977 letztmals angepasst.

Mit Fotos, Blumen, Vorhängen und kleinen Möbelausnahmen bringt Megan Beyer eine persönliche Note in die altehrwürdige Umgebung.

Die meisten Gemälde zeigen unberührte Landschaften und sind Leihgaben amerikanischer Museen.

Auch Quincy Jones feierte schon in diesem Garten mit Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau: 850 Gäste tranken Pepsi und knabberten amerikanische Chips

Teil der Familie: «The President» ist im Haus der Beyers omnipräsent

Diskussionspodien, Filmpremieren und Empfänge: In der US-Botschafterresidenz in Bern wohnen und repräsentieren Megan und Donald S. Beyer. Sie zelebrieren Barack Obamas Idee der Offenheit – und tricksen sanft die altehrwürdige Einrichtung aus.

 

Nach ihrer Ankunft in Bern hat Megan Beyer als Erstes das Gartenhäuschen ausgemistet. Sie hat die schwarze Farbe von den Scheiben geputzt, Hacken, Schaufeln und Schläuche rausgeräumt, den Wänden einen fliederblauen Anstrich verpasst, einen Tisch hineingestellt und eine Lampe aufgehängt. Kurz, sie hat den Holzpavillon, den ihre Vorgänger als Geräteschuppen missbraucht hatten, wieder zu dem gemacht, was er ist: ein kleiner Begegnungsort unter Bäumen. Ihr gesamtes neues Zuhause hat Megan Beyer nach dem Motto «Raus mit dem Gerümpel, rein mit der Offenheit» gestaltet, schliesslich hat sie diesen Auftrag von allerhöchster Stelle bekommen, direkt aus dem Weissen Haus, von Barack Obama höchstpersönlich.

Die 53-Jährige trägt ein adrettes Etuikleid von Dolce & Gabbana – nicht zu formal, nicht zu leger für ein solches Treffen – und das offensive Lächeln einer Frau, die dem Erfolg wenn nötig mit einer charmanten Hartnäckigkeit nachhilft. Megan Beyer will Menschen zusammenführen. «Dafür musst du neugierig sein, herausfinden, wo die unterschiedlichen Bedürfnisse liegen, und dann die Möglichkeit für einen Austausch schaffen.» Ihre Aufgabe als Botschaftergattin nimmt sie sehr ernst. «Zeigt den Schweizern das neue, offene Amerika», hatte Barack Obama sie und ihren Mann Donald S. Beyer, US-Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein, gebeten, bevor er sie vor zwei Jahren nach Bern schickte. Barack Obama selbst ist ein Präsident zum Anfassen, lässt sich in lässiger Pose beim Baseballspielen fotografieren oder in den Sommerferien mit der Familie auf Hawaii. Das Weisse Haus hat er zum People’s Place erklärt, zum Haus des Volkes, in dem er zu Filmpremieren lädt, zu Poetryslams, Jazz- und Country-Abenden; derweil sensibilisiert seine Frau Michelle an Events Schulkinder für gesunde Ernährung.

The President

Megan Beyer spricht respektvoll von «the President». Doch als sie durch die Botschaftsresidenz führt und erzählt, wie offen Barack Obama sei und wie schnell ihm Menschen ihre Sorgen anvertrauen, wird schnell klar: Förmlich ist das Verhältnis ihrer Familie zum amerikanischen Präsidenten, der im Moment mit so allerhand Problemen zu kämpfen hat, bestimmt nicht. Die Beyers haben den Wahlkampf von Barack Obama von Anfang an unterstützt. Donald S. Beyer, der sich zuvor als Vizegouverneur von Virginia für sozial Benachteiligte eingesetzt hatte, sammelte insgesamt rund 500 000 Dollar Spendengelder. Die Familie zog von Tür zu Tür, um Stimmen zu gewinnen. Es war nicht einfach, die Wähler in ihrem traditionell republikanischen Heimatstaat Virginia von einem afroamerikanischen Präsidenten zu überzeugen. Deshalb kontaktierten die Beyers Ethel Kennedy, die 83-jährige Witwe des 1968 ermordeten demokratischen Bürgerrechtlers Robert Kennedy. Sie kam und warf den Nimbus der Kennedys für Obama in die Waagschale. Am Ende wählte Virginia zum ersten Mal nach vierzig Jahren wieder demokratisch.

Der Präsident ist in der Botschafterresidenz omnipräsent: Auf Cheminéesimsen, auf Salontischchen und dem Klavier stehen Fotos von Barack und Michelle Obama, ihren Töchtern Malia Ann und Natasha, daneben Donald S. Beyer und seine Frau Megan, die besonders auf Bildern aussieht wie die jüngere Schwester von US-Aussenministerin Hillary Clinton. Dazu erzählt sie ein Müsterchen: Während des Vorwahlkampfs hat Megan Beyer, in Amerika eine preisgekrönte Politjournalistin, am Fernsehen Diskussionsrunden mit Republikanerinnen und Demokratinnen geleitet. Nach den Sendungen riefen immer wieder konsternierte Zuschauer an und fragten: «Warum spricht Hillary Clinton so versöhnlich über Barack Obama? Ich dachte, sie bewirbt sich selber für das Präsidentenamt.» Megan Beyer lacht herzhaft über die Verwechslung. «Ich nehme es als Kompliment, schliesslich ist Hillary eine Persönlichkeit.» Und selbstverständlich ist die Familie Beyer auch mit den Clintons befreundet.

Leichtigkeit in ihr neues Heim zu bringen, war keine einfache Sache: Die Geschichte der Residenz wiegt so schwer wie das Mobiliar, das dort seit Jahrzehnten mehr oder weniger unverändert steht. Erbaut wurde die Villa im 19. Jahrhundert, nahe dem heutigen Bundeshaus. René von Wurstemberger, auch bekannt als Architekt des Berner Stadttheaters, erweiterte das Gebäude später beidseitig um einen Flügel und machte es so zu einem stattlichen Anwesen. In den Teichen des Parks tummeln sich Goldfische und Salamander, daneben gedeihen Tulpen, Azaleen und Narzissen. Von der Terrasse fällt der Blick auf den Hausberg Gurten, bei Föhn zeigen sich in der Ferne Eiger, Mönch und Jungfrau. Bringt das Wetter Schweizer und amerikanisches Pathos zusammen, kann das bei Megan Beyer zu einem sentimentalen Ausbruch führen. «Als ich zum ersten Mal durch den Eingang schritt, vor dem Haus unsere Flagge wehen sah und dahinter die Alpen erblickte, kamen mir die Tränen.» Sie schmunzelt amüsiert über die Anekdote.

672 000 Schweizer Franken

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die US-Regierung das Haus für 672 000 Schweizer Franken gekauft. Das Mobiliar, eine Mischung aus Louis XIV und der amerikanischen Vorstellung davon, hat das US Department of State ausgesucht und 1977 zum letzten Mal leicht erneuert. Megan Beyer verpasst der altehrwürdigen Umgebung eine persönliche Note: Zwischen Voltaire-Bücher in brüchigem Leder hat sie Fotos von ihrer Familie gestellt, inklusive Hund Chilli. Vor einem Spiegel mit verschnörkeltem Goldrahmen blühen schnittfrische Rosen. Sie liebe die hohen Räume des Hauses, die Stuckatur an der Decke, die alten Holzböden, sagt Megan Beyer. Doch sie will auch in einem leichten Ambiente leben. «Vor allem, weil ich gehört hatte, dass es in Bern oft regnet. Da wollte ich von Anfang an Helligkeit schaffen. Aber dann hatten wir eher südkalifornische Wetterverhältnisse.»

Die Villa verfügt über drei Etagen. Im ersten Stock liegen die Privaträume, im zweiten die Gästezimmer. In den Empfangsräumen im Parterre hat die Botschaftergattin die schweren Vorhänge gegen helle aus Leinen getauscht, sie hat Möbel verrückt und Bilder aufgehängt, die ihr amerikanische Museen zur Verfügung gestellt haben. Die meisten davon zeigen unberührte Landschaften. «Wir sind Naturfreaks», sagt sie. «Ein weiterer Grund, weshalb wir die aktuelle US-Regierung so mögen: Endlich spielen Umweltthemen wieder eine Rolle.»

Amerikanische Vorzeigefamilie

Auch der Töchter wegen schätze sie ihren derzeitigen Wohnort. «Sie können hier Sprachen lernen und verschiedene Kulturen kennen lernen», sagt Megan Beyer. «Und müssen dafür noch nicht einmal die Schweiz verlassen.» Die 16-jährige Grace und die 19-jährige Clara haben sich für den Fototermin herausgeputzt, auf dem Sofa präsentiert sich eine amerikanische Vorzeigefamilie. Grace, die jüngere Tochter, erzählt, dass sie die vielen Trinkbrunnen in Bern liebe. Und dass die Langsamkeit der Menschen hier durchaus vorteilhaft sei. «So kann ich sie wenigstens verstehen.» Clara schwärmt vom Marzilibad. «In Washington DC, wo wir vorher kurz wohnten, würde man nie in den Fluss springen, man bekäme wohl sofort Krebs.» Dann sind die Fotos im Kasten, die Töchter machen sich auf zu einem kleinen Stadtbummel, der Botschafter muss zurück an sein Pult. Nicht ohne vorher von seinen Lieblingswandertouren in der nahen Umgebung zu erzählen und augenzwinkernd zu bemerken: «Viel Glück beim Interview mit meiner Frau. Normalerweise stellt sie die Fragen.» Die beiden haben sich übrigens bei einem Interview kennen und lieben gelernt.

Im Hauskino im Keller, durch das Megan Beyer nun führt, hängen Filmplakate von «African Queen» bis «Pulp Fiction» an den Wänden. Hier macht es sich die Familie Beyer oft im Pyjama unter Decken gemütlich. Hierher werden auch Gäste eingeladen. Der «President» bat seine Vertreter in Bern, nicht bloss Kontakt zu den üblichen Verdächtigen zu pflegen, sprich zu anderen Botschaftern und Mitgliedern der Schweizer Regierung. Also haben Megan Beyer und ihr Mann die bestehende Adresskartei der Botschaft mit neuen Namen ergänzt. Sie wollen spannende Amerikanerinnen und Amerikaner aus Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mit interessierten Schweizern zusammenbringen. Sie veranstalten Podiumsgespräche mit Wissenschaftern, organisieren Diskussionsrunden mit Frauen in Führungspositionen, bringen kalifornische Weinbauern mit ihren Schweizer Kollegen zusammen oder laden Banker zur Premiere von «Wall Street 2» ein.

Schulkinder in der Botschafterresidenz

Wie Michelle Obama es im Weissen Haus vormacht, empfängt Megan Beyer Schulkinder in der Botschafterresidenz, um mit ihnen über gesunde Ernährung zu sprechen. Hinter dem Haus baut sie dafür den Kräuter- und Gemüsegarten aus. Erfährt sie, dass die bekannte New Yorker Tanzcompagnie Alvin Ailey in der Schweiz gastiert, forscht sie im Internet nach Adressen von Schweizer Tanzschulen, deren Vertreter sie zu einem Austausch mit der Compagnie in die Botschaft einladen will. «Kennen Sie interessierte Tanzschaffende?», fragt sie und erzählt vom letzten grossen Event: Im Juli ehrten sie und ihr Mann Quincy Jones, der für das Montreux Jazz Festival in die Schweiz reiste, in der Residenz für sein grosses Schaffen. An die 850 Gäste luden sie in den Garten ein. Natürlich war auch für das leibliche Wohl gesorgt, neben Wein und Apérohäppchen gabs Pepsi und amerikanische Chips. Die Getränke schenkte ein Kellner im Gartenhäuschen aus. Schliesslich hat Megan Beyer es genau für solche Gelegenheiten ausgemistet.

Mehr aus der Rubrik

Wohntrend

Im Aufräumfieber? – Hier kommen unsere Top 10 Ordnungshelfer

Von Nicole Gutschalk