Einrichten - Du treibst mich zum Wohnsinn

Text: Julia Hofer
Illustration: illumüller.ch

Frauen legen sich beim Einrichten mit missionarischem Eifer ins Zeug. Auf emotionale Kollateralschäden kann dabei leider keine Rücksicht genommen werden.

Zu meinem ersten Einrichtungsdebakel kam es kurz nach meinem 30. Geburtstag. Ich zog mit meinem Freund zusammen, der gerade von Erex- auf Lehni-Regale hochgerüstet hatte und meine Aussteuer, die aus einem schwarzen Sixties-Beistelltischchen auf Rollen und einer orangen Brocki-Plastikleuchte in Pilzform bestand, nicht gut fand. Das Beistelltischen sei ein schwarzes Loch, der orange erleuchtete Pilz alles andere als «selbstverständlich». Meine beiden einzigen Möbel sollten in den Keller. Natürlich gab ich alles für sie und machte eine riesige Szene von wegen Warum-denn-überhaupt-zusammenziehen-wenn-du-meine-Möbel-und-somit-auch-mich-so-unerträglich-findest und legte mich zum Schlafen theatralisch in einen Zügelkarton.

Wir überwanden die Krise, ohne therapeutische Hilfe. Ich setzte mich durch. Auf keinen Fall wollte ich enden wie ein Kollege: Dessen Freundin hatte seinen Wohnstil als nicht kompatibel eingestuft und seine Möbel (viel Glas und Metall) in ein «Herrenzimmer» verbannt.

Einige Jahre später schmiss ich das schwarze Loch dann selbst raus. Der gute Geschmack muss auf mich abgefärbt haben, anders kann ich es mir nicht erklären. In der gemeinsamen Wohnung hatte sich mein Wille zum Stil rasant entwickelt. Und ich gehörte plötzlich zu jenen, die glauben, dass man besser lebt, wenn man schöner wohnt. Als Erstes musste ein Designersofa her. Wir entschieden uns nach langem Abwägen für ein Modell von Zanotta (das sich später wegen des guten Preis-Design-Verhältnisses in unserem Freundeskreis wie ein Ölteppich ausbreitete), liehen uns im Fachgeschäft Stoffmusterfächer und legten Fetzen von graugrün bis braunbeige auf das Parkett. Als wir uns endlich zu Beigegrün durchgerungen hatten, bestellte ich das Sofa, nachdem ich meine moralischen Bedenken mit einem gezielten K.o.-Schlag ausser Gefecht gesetzt hatte, in einem deutschen Möbelhaus, wo alles viel billiger ist. Shame on me.

Aber richtig schlimm geworden ist es mit dem Einrichten erst seit vorletztem Sommer, als wir ein Haus kauften. In einer Art Cocooning-Rausch nähte ich Vorhänge (um dann festzustellen, dass es genau gleiche halb so teuer bei Ikea gibt). Meine gross angelegte Studie ergab, dass Halogenlicht die erträglichste Alternative zur verpönten Glühbirne ist (und dass Lampen lächerliche 1.5 Prozent des Stromverbrauchs eines Haushalts verursachen). Ich recherchierte, wie viele Zentimeter ein Tisch idealerweise höher als ein Stuhl sein sollte (28). Und fragte mich, ob man eine Stehleuchte in Röhrenform und ein vertikales Ofenrohr, das sich im selben Raum befindet, jemals getrennt voneinander wahrnehmen kann.

Solche Probleme mögen absurd erscheinen, aber wenn man vorhat, zwanzig Jahre im selben Haus zu verbringen, dann lohnt sich das Einrichten. Möbel werden sozusagen zu Freunden fürs Leben. Es ist darum nicht weiter erstaunlich, dass man mit Leuten, die sich in dieser Jetzt-oder-nie-Phase befinden, ein Jahr lang über nichts anderes mehr reden kann, wie eine Kollegin lästerte.

Interior Styling avancierte auch in unserer Beziehung zum Topthema. Meinen Mann hatte ich, was das Einrichten anbelangt, längst links überholt (ich weiss nicht, ob es damit zusammenhängt: Wir hatten geheiratet). Jedenfalls nervt er sich, wenn er im Warenhaus länger als zwei Minuten vor der Auslage mit den Seifendispensern stehen bleiben muss. Meine Erfindung, Kabelsalat in schicken Körbchen verschwinden zu lassen, diffamiert er als Optimierungssucht, und als ich eines Tages mit einem Türvorleger ankomme, der farblich zur Fassade passt, reagiert er schon fast melancholisch. Hätte er geahnt, welche Lawine er mit seinem Verdikt über das schwarze Loch lostreten würde, er hätte geschwiegen wie das Möbel selbst.

Funktionalität vs. Atmosphäre

Zu meiner Entschuldigung kann ich sagen: Ich bin nicht die Einzige. Frauen über vierzig loben begeistert die Wohnungen ihrer Freundinnen («Ihr habts soooo schön hier!») und verstummen vor Neid, wenn sie diese wirklich toll finden. Sie verschlingen heimlich Bücher, die «Mexican Interior Design» heissen, und schreiben auf Wohnblogs völlig überdrehte Kommentare zu fremden Häusern («Can I please live there?! I’m so very much in love with your pillows!»). Die Mischung aus Design und Nestbau scheint Frauen in der zweiten Lebenshälfte geradezu zu entrücken. Es ist langweilig geworden, den persönlichen Stil mit einem extravaganten Kleidchen auf der Tanzfläche zu demonstrieren, Frau tut das jetzt lieber mit einem originellen Ensemble skandinavischer Möbel aus der Eero-Saarinen-Ära. Oder wie es ein Freund treffend formulierte: Eames-Stühle sind die Highheels des Alters.

Eine Freundin, die ihre Möbel aus Prinzip bei Ikea kauft, hat sich neulich vehement von den, wie sie es nennt, Einrichtungs-Taliban distanziert. Ich jedoch befürchte, mittlerweile selbst zum Kommando zu gehören. Versuche ich, meinen Mann (der immer noch fleissig mitredet, obwohl er, wie gesagt, nicht mehr wirklich up to date ist) davon zu überzeugen, dass wir den Küchentisch ablaugen müssen, um ihn auf dem schwarzen Boden besser zur Geltung zu bringen, meint er entnervt: «Warum diskutieren wir überhaupt? Du setzt deinen Kopf ja eh durch.» Nun ja, ich habe ihn durchgesetzt.

Ein weiterer Dauerstreitpunkt: Funktionalität versus Atmosphäre. Ich hatte die geniale Idee, einen eher langweiligen, puristischen Schubladenschrank mit selbst schliessendem Einzug – eines seiner Lieblingsstücke – durch ein stimmungsvolles weiss bemaltes Küchenbuffet zu ersetzen (ein bisschen landhausmässig, ich weiss, aber der perfekte Kontrast zum nüchternen Sichtbackstein). Als er sich endlich an den Gedanken gewöhnt hatte, nörgelte er, 650 Franken seien für einen morschen Schrank, den man selbst abschleifen und (wie sich herausstellte: viermal) streichen müsse, ziemlich viel. Netterweise führte er die handwerklichen Arbeiten trotzdem aus. Optisch ist der Schrank heute ein Knüller – olfaktorisch leider weniger. In unserem Schlafzimmer riecht es jetzt nach altem Moder. Ich habe den Geruch wochenlang mit gemahlenem Kaffee und Lenor-Dufttüchern für den Tumbler (Tipps von www.fragmutti.de) bekämpft. Mit mittlerem Erfolg.

Erst neulich haben wir uns der Beleuchtungsfrage angenommen. Ich war für einen stimmungsvollen Lichtmix, er wollte den Raum per Umlegen eines Schalters mit Licht fluten - «jeden Abend Funzel um Funzel anzünden, um etwas Licht in die Bude zu kriegen», kann er sich nicht vorstellen. Den verzweifelten Blick, den er mit dem Lampenverkäufer austauschte, nachdem ich meine Licht-Vision beschrieben hatte, werde ich nie vergessen. Er bedeutete: Frau liest zu viele Wohnheftli.

Niemand hat behauptet, dass das zusammenwohnen einfach sei. Gerade heute, wo ich diese Zeilen schreibe, musste ich wieder kämpfen, diesmal dafür, dass die Tischleuchte fünf Zentimeter tiefer gehängt wird. Manchmal sehne ich mich nach einem Interiorstyling-Blankocheck. Bis ich mich an die Worte erinnere, mit denen mich einmal ein befreundeter Architekt tröstete. Er sagte: «Vergiss nicht, es gibt nichts Schlimmeres als die Einsamkeit jener Frauen, die all diese Entscheide allein treffen. Und deren Männer zuhause wie ihm Hotel wohnen.»

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