Zürich

Zu Besuch bei Dieter Meier und seiner Familie

Text: Silvia Binggeli; Foto: Walter Pfeiffer

Zu Besuch bei Dieter Meier und seiner Familie
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Dieter Meier mit seinen Töchtern Sophie und Anna

Dieter Meier

Dieter Meier: Pionier, Kunschaffender und Familienvater einer sechsköpfigen Familie. annabelle besuchte den Schweizer Konzeptkünstler zuhause bei seinen Liebsten.

Dieter Meier scheint für einmal auf Knappheit bedacht. Er liegt auf einer Corbusier-Liege im ehemaligen Zimmer seiner Tochter, das berühmte Seidenfoulard um den Hals geschlungen, die langen Haare aus dem Gesicht gegelt, und sagt: «Also los, fangen wir an.» Sieht man ihn am Fernsehen, und das kommt öfter vor, spricht er ohne Punkt und Komma, referiert gestenreich über Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Selbst sein nahes Umfeld hat vor dem Besuch noch via E-Mail gewarnt: «Interviewen Sie bloss nicht den Dieter als Ersten. Sonst kommt nachher niemand mehr zu Wort.» Die Familie Meier gewährt einen Einblick in ihr Familienleben und präsentiert gleichzeitig die Winterkollektion ihres Zürcher Labels En Soie. Vor die Kamera bittet kein Geringerer als Walter Pfeiffer, Schweizer Topfotograf und Freund des Hauses. Visagisten, Hairstylisten, Moderedaktorin mit Assistentin und Assistentin für den Fotografen: Ein Dutzend Menschen wuseln durch die auf drei Etagen verteilten Räumlichkeiten des meierschen Stadthauses am Zürichberg, zwei der Zimmer sind kurzerhand zu einem Schmink- und einem Interviewraum umfunktioniert worden.

Das annabelle-Shooting wird ein paar Stunden dauern. Dieter Meier schaut auf die Uhr. Er ist in Gedanken bereits beim nächsten Termin. «Im Schnittstudio warten vier Leute auf mich», sagt er. «Wir sind dabei, meinen neuen Film fertig zu stellen.» Filmemacher, Autor, Künstler, Teil des Schweizer Musikerduos Yello, das in den Achtzigerjahren mit «The Race» weltberühmt wurde, all das gehört zu Dieter Meiers Portefeuille. Ausserdem betreibt er eine Biorinderfarm in Argentinien und zwei Restaurants in Zürich, in denen er Fleisch und Wein aus Eigenproduktion anbietet. Ganz nebenbei ist der 64-Jährige auch noch Vater von drei Töchtern und einem Sohn im Alter zwischen 13 und 24 Jahren, ein Vater on the road sozusagen. «Ich bin immer gern an einem Ort angekommen. Aber ich bin auch immer gern abgereist», sagt Dieter Meier über seine Rastlosigkeit und schliesst die Augen, was er während des Gesprächs immer wieder tut, als ob er so wenigstens seine Gedanken zur Ruhe bringen könnte. Und weil er so viel unterwegs ist, sei auch die Familie ein «Wanderzirkus». Mal trifft man sich in Los Angeles, wo die Meiers ein weiteres Haus besitzen und die älteste Tochter Eleonore grad ihr Filmstudium abschliesst. Oder auf der Rinderfarm in Argentinien. «Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit man gemeinsam verbringt, sondern wie man sie verbringt.»

annabelle: Dieter Meier, wenn Sie zu Hause sind, welche Familienrituale sind Ihnen heilig?
Dieter Meier: Das gemeinsame Essen. Die Küche ist der wichtigste Ort im Haus. Dort besprechen wir den Tag und kochen. Alle unsere Kinder können kochen. Schon mit sechs, sieben Jahren haben sie es gelernt.

Hatten Sie nie Angst, sie könnten sich beim Kochen verletzen?
Natürlich haben wir darauf geachtet, dass sie nicht als Erstes Spaghetti mit heissem Wasser zubereiteten. Zum Gemüseschneiden haben wir ihnen einen stumpfen Schnitzer gegeben.

Abgesehen von einer gewissen Selbstständigkeit, welche Werte wollten Sie Ihren Kindern vermitteln?
Das ist eine sehr komplexe Frage. Wenn man seine Kinder nicht nach moralischen und schon gar nicht nach religiösen Grundsätzen erziehen will, dann lassen sich die Werte nicht eindeutig benennen. Dann muss man ihnen halt selber vorleben, was einem wichtig erscheint.

Was ist denn das Wichtigste?
Keine Angst vor dem Umfallen zu haben. Der Begriff Misserfolg ist ja in unserer Welt derart negativ besetzt, dass sich die Leute kaum trauen, etwas anzupacken. Dabei kann Misslingen auch Teil der Lebenserfahrung sein. Man steht wieder auf, lächelt und macht weiter.

Ihnen ist in Ihrem Leben vieles gelungen. Haben Sie deshalb höhere Erwartungen an Ihre Kinder?
Meine Frau und ich sind da völlig offen. Wir haben einzig darauf geachtet, dass die Kinder eine möglichst gute Ausbildung haben. Denn ich habe erlebt, wie kompliziert es sein kann, wenn man seine Matur nachholen muss. Mit einer guten Ausbildung hat man so viele Möglichkeiten. Und obwohl das jetzt vielleicht banal klingt, aber sie gibt mir das selbstsichere Gefühl, im Leben etwas abgeschlossen zu haben.Worauf haben Sie in der Beziehung zu den Kindern Wert gelegt?
Dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. Kürzlich hat unsere Anna gesagt, sie realisiere erst jetzt, wie viel sie über Politik und Wirtschaft wisse, wie kritisch sie sei und wie sie das, was ihr erzählt werde, auch erst mal hinterfrage. Wir haben eben mit ihnen früh über alles gesprochen. So wie es übrigens auch mein Vater mit mir gehalten hat.

Eine Assistentin streckt den Kopf zur Tür rein: Der Fotograf sei da. «Ah, l’artiste est venu», sagt Dieter Meier und schwingt sich aus der Corbusier-Liege. «Das Einzige, was uns den Kindern gegenüber zu ‹den Erwachsenen› gemacht hat, war, dass wir sie vor Gefahren beschützt haben», sagt er, bevor er die Treppe hinunterstürmt. «Ansonsten haben wir von ihnen genauso viel gelernt wie sie von uns.»

Einen Stock höher werden Sophie Meier und ihre jüngere Schwester Anna für das Shooting geschminkt. Die beiden sind vor einem halben Jahr gemeinsam in ihre erste eigene Wohnung im Zentrum der Stadt gezogen. Keine leichte Entscheidung für die 22-jährige Sophie. «Zwar wollte ich unbedingt ausziehen, aber irgendwie ist es mir auch schwer gefallen. Ich habe sehr gern hier gelebt und mein Zimmer extrem gemocht.» Einmal die Woche besucht sie die Eltern. «Ich nehme hier in der Nähe Golfstunden, und so kann ich beides verbinden», sagt sie, und es scheint, als lächelte sie etwas verlegen. Die 18-jährige Anna hingegen sagt, sie sei «peinlicherweise» seit dem Umzug vielleicht erst dreimal zu Hause gewesen. «Dadurch, dass ich ausgezogen bin, hat sich ja nicht die Verbindung zu meinen Eltern geändert. Ich habe sie immer noch, auch wenn ich ausgezogen bin. Für mich sind Veränderungen wichtig. Ich stelle auch unsere neue Wohnung mindestens einmal die Woche um. Sophie dreht manchmal fast durch!»

annabelle: Sophie, Anna, warum zieht man mit der eigenen Schwester zusammen?
Sophie: In unserem Fall war das irgendwie logisch, Anna wollte auch ausziehen. Und wir dachten, da ist es am einfachsten, wenn wir uns zusammen eine Wohnung nehmen. Wir kennen uns ja seit fast zwanzig Jahren.
Anna: Und wir können miteinander umgehen.
Sophie: Ich muss Probleme nicht unbedingt immer ansprechen. Anna schon. Aber sie macht es auf eine lustige Art. Deshalb kann ich ihre Kritik annehmen. Es gibt kurz Streit, aber dann ist es wieder gut. Mit meiner älteren Schwester war das anders. Wir haben nach einem Streit manchmal eine Woche nicht mehr miteinander gesprochen.
Anna: Ich bin meinen Eltern dankbar für die Offenheit und Toleranz, mit der sie uns erzogen haben. Es war schön, in einem kreativen Umfeld aufzuwachsen. Wir sind ja alle nicht so die Akademikertypen.
Sophie: Vielleicht fehlte uns manchmal auch ein bisschen Disziplin.
Anna: Wir waren zum Beispiel nie Kinder, die nach dem «Sandmännchen» gleich schlafen gingen.
Sophie: Wir sind eher um elf als um acht ins Bett gegangen.
Anna: Der Dieter isst ja sowieso nie vor neun.
Sophie: Nach dem Essen wurde noch stundenlang über Gott und die Welt diskutiert.
Anna: Die Diskussion konnte bei einem Entwurf von En Soie beginnen und beim Zweiten Weltkrieg aufhören.
Sophie: Die einzige Entschuldigung, vom Tisch gehen zu können, war, dass man noch lernen muss.
Anna: Es wurde wild durcheinander gesprochen. Deshalb reden wir heute auch alle relativ laut. Sitzt die ganze Familie in einem Restaurant zusammen, ist es schon passiert, dass uns der Kellner diskret darauf hingewiesen hat, doch bitte etwas leiser zu sein.
Im Salon im unteren Stock des Hauses posiert Dieter Meier mit seinem Sohn Francis vor dem Cheminée. Er sitzt auf einem Stuhl aus dem 18. Jahrhundert, von denen im grossen hohen Raum mit Blick auf die Terrasse noch eine Hand voll um einen langen Holztisch stehen. Die Sitzflächenflächen aus Samt sind zum Teil bis zum Futter abgewetzt. Die Meiers stöbern gern auf Flohmärkten auf der ganzen Welt. Die alten Möbel dürfen ihre Patina behalten, die wenigsten sind restauriert. Als Kontrast hängt an den Wänden moderne Kunst, etwa der Schweizer Grégoire Müller oder Elisabeth Heller. Monique Meier-Leuthold bringt schnittfrische Blumen, stellt sie in eine karierte Vase von En Soie und drückt sie ihrem Sohn fürs Bild in die Hand. Monique Meier ist die Sesshafte, die Nestbauerin in der Familie. «Als junge Frau habe ich die Welt bereist», sagt sie. Nach ihrer Lehrerausbildung und einigen Semestern Kunst- und Religionsstudium ist sie als Allrounderin und Designerin in die ehemalige Zürcher Seidenfirma Brauchbar eingestiegen. Sie hat die neusten Stoffdrucke Kunden in Saudiarabien, Amerika und China präsentiert. Mit 19 hatte sie ihren späteren Mann kennen gelernt, mit dreissig wurde sie zum ersten Mal Mutter. Und wusste, dass sie von da an nicht mehr dauernd unterwegs sein wollte: «Meine Kinder sollten ein Zuhause haben. Denn nur so können sie über längere Zeit soziale Kontakte pflegen und lernen, dass man Problemen nicht aus dem Weg gehen kann, indem man weiterzieht.»

Monique Meier wollte aber auch ihre Arbeit nicht aufgeben. Eine Woche nach der Geburt ihrer ersten Tochter stand sie wieder im Betrieb, den sie mittlerweile hatte übernehmen können und nun modernisierte. Statt Stoffe ins Ausland zu verkaufen, eröffnete sie in Zürich ihr eigenes Geschäft, En Soie. Dort werden Seidenfoulards, Kleider, Stoffe, Keramik, Schmuck und Möbel mit Mitarbeitenden entworfen und in eigenen Manufakturen im In- und Ausland hergestellt. «Ich wusste immer, dass ich arbeiten will. Ich finde das wichtig für eine Frau», sagt Monique Meier. «Aber ich wusste auch, dass es nur funktioniert, wenn die Kinder mitmachen und damit umgehen konnten, dass die Arbeit im Leben ihrer Eltern eine so grosse Rolle spielt.» Zunächst wohnten Monique und Dieter Meier mit ihrer ältesten Tochter über dem Laden an der Zürcher Strehlgasse 26. Sie hatten Hilfe von «Ary, einer wunderbaren Kinderfrau aus Sri Lanka». Auch die Mitarbeiterinnen unterstützten sie. «In einem afrikanischen Sprichwort heisst es: ‹Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.› Bei uns war das ein bisschen so.»

Wichtig war Monique Meier immer, dass die Kinder verstehen: Selbst in einem kreativen Beruf muss man wirtschaftlich denken. «Es ist toll, schöne Dinge zu kreieren. Aber es geht nicht nur darum, sich künstlerisch zu entfalten. Man muss mit seiner Arbeit Geld verdienen. Schliesslich muss jeden Tag Essen für die Familie auf den Tisch kommen.» Die Kinder helfen regelmässig im Laden mit. Mittags trifft man sich im eigenen Restaurant Ojo de Agua gleich um die Ecke zum Essen. Zur En-Soie-Familie und zur Familie Meier gehört ausserdem die jüngere Schwester von Monique Meier, Anna Leuthold. Mit ihr zusammen führt sie den Laden. «Anna ist zehn Jahre jünger als ich, hat damals ebenfalls bei Brauchbar gearbeitet, sozusagen bei mir die Lehre gemacht.» Die beiden arbeiten nicht nur zusammen, sondern verbringen auch privat viel Zeit miteinander, fahren sogar gemeinsam in die Ferien. Eifersüchteleien, Streit? «Nein! Wirklich nicht.» In dieser Familie scheint die Frage schon fast eine Beleidigung zu sein. Anna Leuthold lacht, ja, sie funktionierten gut zusammen, und so simpel es klinge: «Dazu braucht es gegenseitigen Respekt. Leben und leben lassen.»

Plötzlich wirds auf der Location laut: «Lass das doch», schnauzt Dieter Meier. Walter Pfeiffer hat die Linse auf Anna Leutholds achtjährige Tochter Ananda gerichtet, die es sich beinebaumelnd und mit einem Seidenfoulard über Kopf und Gesicht gezogen auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte. «So sieht man ja ihr schönes Gesicht gar nicht.» Walter Pfeiffer, ganz Künstler, lässt sich jedoch nicht beirren, drückt ein-, zweimal auf den Auslöser, während sich Ananda verdutzt das Tuch vom Kopf zieht, und wendet sich dann dem 13-jährigen Francis zu, der nun neben seiner Schwester posiert. «Papa, du redest zu viel», sagt Francis. Er wohnt als einziges der Kinder noch zu Hause. Weil das etwas komisch sei, so allein mit den Erwachsenen, übernachte er einmal die Woche bei seinen Schwestern in der Stadt. Er habe sich lustigerweise noch nie überlegt, was er an seinen Eltern besonders gut finde. «Doch, sie haben einen coolen Geschmack.» Seinen Schulkollegen sagt Francis nicht, dass er der Sohn von Dieter Meier ist. «Nicht dass es mir peinlich wäre. Aber früher oder später finden sie es sowieso selber raus.»

Das letzte Bild – das Familienporträt: Monique Meier bespricht einen Zeichnungsentwurf mit ihrer Schwester, Tochter Anna zieht sich um, Sophie raucht auf der Terrasse, Walter Pfeiffer drapiert ein Seidenfoulard, das ihm gefällt, um die Hüfte. Dieter Meier, der nun endlich ins Schnittstudio will, drängt, vorwärts zu machen. «So, chömet jetzt!», ruft er mit lauter Stimme durchs ganze Haus. Also ab in den Garten, wo die beiden Jüngsten schon auf den Baum gestiegen sind, vor dem das Bild gemacht werden soll. Links Tochter Anna, daneben die Mutter und ihre Schwester, vorne Sophie. «Und in der Mitte Dieter», verlangt der Fotograf, «der Patriarch.»

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