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Erotik hinter dem Schleier — Shereen El Fekis Buch bricht Tabus

Redaktion: Helene Aecherli; Fotos: Bohdan Cap

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Shereen El Feki, fotografiert in der arabischen Halle des Leighton House Museum in London.

«Viele Frauen sind enttäuscht von der sexuellen Leistung ihrer Partner.»

In ihrem Buch «Sex und die Zitadelle» wagt sich die ägyptisch-kanadische Autorin Shereen El Feki an ein Tabu heran: Sex in der arabischen Welt.

ANNABELLE: Shereen El Feki, Sex ist in der arabischen Welt genauso ein Dauerthema wie hier im Westen.
SHEREEN EL FEKI: Natürlich. Sind Frauen oder Männer unter sich, wird ständig darüber geredet. Nur: Sex ist kaum etwas, worüber Männer und Frauen miteinander sprechen, und nichts, das man in der Öffentlichkeit diskutiert. Zwar gibt es Schriftsteller, die über Sex schreiben, ja, sogar TV-Sex-Expertinnen, doch herrscht bei den meisten Menschen dem Thema gegenüber ein tief verwurzeltes Unbehagen. Das macht es sehr schwierig, die positiven Seiten der Sexualität zu beleuchten oder kontroverse Aspekte wie Unzufriedenheit in der Ehe, Homosexualität oder Abtreibung zur Sprache zu bringen.
Worin gründet dieses Unbehagen?
In einer Mischung aus Selbstzensur, die von konservativen religiösen Strömungen gepredigt wird, und oft auch gesellschaftlich festgelegter Moral: In der arabischen Welt ist der einzige akzeptierte Rahmen für Sexualität die staatlich registrierte, von der Familie abgesegnete, religiös sanktionierte Ehe. Alles andere gilt als schändlich oder ungehörig.
Gerade in Zeiten revolutionärer Umbrüche müssten doch auch sexuelle Normen hinterfragt werden.
Dafür gibt es erste Anzeichen. So sind Frauen in Kairo zum Beispiel nicht mehr bereit, sexuelle Gewalt schweigend hinzunehmen. Generell aber wird politische Freiheit nicht zwingend mit grösseren persönlichen Freiheiten verbunden. Als ich Protestierende auf dem Tahrir-Platz fragte, ob sie sich nun auch von den sexuellen Fesseln befreien würden, reagierten sie entsetzt.
Warum?
Die sexuelle Freiheit sei nicht die Freiheit, nach der sie strebten. Das entspreche weder ihren Sitten noch ihrer Moral.
Wie erklären Sie diese Haltung?
Politik und sexuelle Normen werden kaum in Zusammenhang gebracht. Echte demokratische Entwicklungen werden wohl erst möglich sein, wenn mit politischen Veränderungen auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung bewusst gemacht wird. Und das wiederum bedingt, dass ein Staat die universellen Menschenrechte anerkennt und sie konsequent umsetzt. Es darf nicht vergessen werden, dass viele Muslime diese sexuelle Selbstbestimmung innerhalb der islamischen Gesetzmässigkeiten leben wollen.

Das Individuum wird vom autoritären Staat kontrolliert

Liesse sich das mit der Scharia vereinbaren?
Ja. Klar auferlegt das islamische Regelwerk dem Individuum und der Sexualität Grenzen. Doch das Spektrum zwischen haram (verboten) und halal (erlaubt) ist riesig. Es gibt alternative Interpretationen zu vielen Fragen, die von der konservativen Linie abweichen. Damit die Menschen diese sexuellen Rechte innerhalb des Islam aber wahrnehmen können, braucht es ein gesellschaftliches System, das es ihnen erlaubt, selbstständig zu denken und zu handeln. Davon ist die arabische Welt noch weit entfernt.
Das heisst: keine Demokratie ohne sexuelle Rechte und umgekehrt?
Bereits in den Dreissigerjahren wurde in Europa eine These formuliert, die besagt, dass autoritäre Staaten sexuelle Normen nutzen, um das Individuum zu kontrollieren. Die Unterdrückung der Sexualität resultiere in einer für den Staat erwünschten Denkhemmung und Kritikunfähigkeit der Bevölkerung. Dies könnte zumindest ansatzweise erklären, warum miserable Regierungen in der arabischen Welt so lange toleriert worden sind.
Einst war der Islam für seine Sinnenfreude berühmt-berüchtigt. Im Gegensatz zum Christentum kennt er kein Zölibat und preist die Lust. Ist dies in Vergessenheit geraten?
Leider ja. Noch in der Generation meines Vaters empfand man es nicht als so beschämend wie heute, über Sex zu reden. In der arabischen Welt gibt es unzählige alte Schriften von Religionsgelehrten, die sich sehr explizit und lustvoll mit Sexualität auseinandersetzen. Selbst der Prophet liess sich über sexuelle Anliegen aus. So betonte er unter anderem, wie wichtig es ist, Frauen für den Geschlechtsakt richtig «vorzubereiten». Die Sinnenfreude der Muslime war den Christen damals ein Dorn im Auge.
Warum ist es zu einer solchen Kehrtwende gekommen?
Historiker sagen, dass der Beginn des sexuellen Winterschlafs, in dem sich arabische Gesellschaften heute befinden, ein Element eines umfassenden geistigen Niedergangs ist, der mit dem Anfang der Kolonialzeit, also mit dem Einmarsch Napoleons in Ägypten, beschleunigt wurde. Es entstand ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber dem Westen, das sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt hat. Die arabischen Gesellschaften befinden sich in der Defensive, was dem islamischen Fundamentalismus Tür und Tor geöffnet hat.

Widerstand gegen die westliche Sichtweise

Ist diese Wende auch als Opposition zum Westen zu verstehen?
Ja. Der Islamismus definiert seine rigide Sexualmoral oft bewusst als Widerstand gegen die westliche Sichtweise, die als kulturelle Degeneration wahrgenommen wird.
Inwiefern wirkt dieser Abwehrreflex in der weniger konservativen Bevölkerung nach?
Insofern, als dass der Begriff sexuelle Freiheit mit der Geschichte der sexuellen Revolution im Westen assoziiert wird. Der Westen darf nicht davon ausgehen, dass die jungen Menschen in arabischen Gesellschaften nur darauf warten, dessen sexuellen Lebensstil zu übernehmen. Dank TV und Internet haben sie eine Ahnung davon, was im Westen abgeht. Und sie sind sich im Klaren darüber, welche Freiheiten sie selber gern haben würden und welche sie ablehnen.
Welche Freiheiten wären willkommen?
Die meisten Frauen sehnen sich nach dem respektvollen Verhältnis zwischen Eheleuten und nach der Romantik, die TV-Serien und Magazinen zufolge in westlichen Ehen gelebt wird. Bahnbrechend ist hier die türkische Soap «Noor», die von einem jungen islamischen Paar handelt, das trotz aller Probleme eine Partnerschaft führt, die auf Gleichberechtigung, Freundschaft und gutem Sex basiert. «Noor» hat die arabische Welt zum Vibrieren gebracht. Viele Frauen fühlen sich vernachlässigt und sind enttäuscht über die sexuelle Performance ihres Gatten: Nach fünf Minuten sei der Sex vorbei, der Mann dreht sich um, schläft ein oder sieht fern.
Wo bleibt hier die Initiative der Frauen?
Das Problem ist, dass die Männer in einem Dilemma stecken. Einerseits wollen sie das aufregende Sexleben, das sie in westlichen Pornofilmen sehen. Gleichzeitig aber haben sie klare Vorstellungen darüber, was züchtiges islamisches Verhalten ist und was nicht. Viele meiner Freundinnen, die versucht haben, Abwechslung ins Bett zu bringen, haben ihren Ehemann dadurch in Alarmbereitschaft versetzt und sind in Verdacht geraten, sich diese Kenntnisse beim Fremdgehen angeeignet zu haben. Eine hatte vor ihrer Hochzeitsnacht im Internet verschiedene Stellungen studiert und das Erlernte dann umzusetzen versucht. Ihr Mann war so entsetzt, dass er sie aus dem Bett zog und über dem Koran schwören liess, dass sie keine voreheliche Beziehung gehabt hatte.
Hier müsste man jetzt sagen: «Let’s talk about Sex, Baby!»
Genau. Die mangelnde Kommunikation zwischen den Ehepartnern erschwert ein erfülltes Sexleben.

«Jungfräulichkeit ist immer noch ein big fucking Deal»

Wäre es nicht an der Zeit, für Sex vor der Ehe zu plädieren?
Viele arabische Frauen lehnen Sex vor der Ehe ab. Die Sängerin Madonna gilt in dieser Hinsicht als Negativbeispiel: Ihre sexuelle Erfahrung, heisst es, hätte ihre Ehen nicht stabiler gemacht.
Bedenkt man, dass immer mehr junge Menschen immer später heiraten, ist diese Haltung ziemlich unrealistisch, oder?
Diese Frage entwickelt sich in der Tat zu einem der brennendsten Anliegen: Heiraten kann nur, wer es sich leisten kann. Und da sehr viele junge Menschen arbeitslos sind oder zu wenig verdienen, um sich Hochzeit und Haushalt leisten zu können, müssen sie warten; manche bis sie dreissig oder älter sind. Das schafft enorme Frustrationen – und ebnet den Weg für «informelle Ehen», einen eheähnlichen Vertrag, der für ein paar Stunden oder Jahre gelten kann.
Eine gesellschaftlich legitimierte Affäre?
Die informellen Ehen liegen in der Grauzone islamischer Zulässigkeiten. Es gibt viele verschiedene Formen dieser Ehen, zudem unterscheiden sie sich in ihrem rechtlichen Status von Region zu Region. Da die informellen Ehen soziale Konventionen herausfordern, werden sie von den meisten Jungen weder als echte Alternative zur Ehe noch als neuer Lebensstil empfunden, sondern als vorübergehende Notlösung.
Wie stark ist heute das Dogma der Jungfräulichkeit noch?
Es ist ein big fucking Deal. Der Wert der Jungfräulichkeit hat nach wie vor einen hohen Stellenwert und ist in den meisten Fällen eine Angelegenheit der ganzen Familie. Das Hymen symbolisiert die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, die vielerorts vorherrscht.
Ein anatomischer Zustand dient als symbolischer Schleier?
Genau. Solange das Hymen intakt ist, spielt es keine Rolle, was vorher war. Das hat unter anderem zur Folge, dass viele Paare vor der Ehe zwar tatsächlich keinen konventionellen Geschlechtsverkehr haben, dafür vielleicht aber Analsex praktizieren, um das Hymen der Frau nicht zu verletzen. Dies führt mitunter dazu, dass junge Leute kaum Kondome benutzen. Solch fahrlässiges Sexualverhalten, gekoppelt mit mangelnder sexueller Aufklärung, erhöht unter anderem das Risiko für HIV-Infektionen.

Fragen als Schlüssel zur Enttabuisierung

Die Hauptlast der sexuellen Kontrolle liegt auf den Frauen. Was muss geschehen, damit sich das ändert?
Bildung und wirtschaftliche Stabilität werden zentrale Faktoren sein – für Frauen, aber auch für Männer. Und wir müssen mehr darüber wissen, was wirklich in arabischen Männern vorgeht: Welche Ängste und Bedürfnisse sie haben, ist noch kaum bekannt.
Bräuchte es da so etwas wie einen arabischen Kinsey-Report, der das sexuelle Verhalten dieser Männer erforscht?
Das wäre grossartig.
Sie haben für Ihr Buch fünf Jahre lang im arabischen Raum recherchiert und mit vielen Menschen gesprochen. Wie sieht denn Ihr persönliches Fazit aus?
Meine Recherchen haben mich zu meinen Wurzeln zurückgeführt. Und sie haben mich meinen Vater neu schätzen gelehrt. Er ist ein gläubiger Muslim, der die Liebe zu seinem Glauben dadurch definiert, dass er ihn kritisch hinterfragt. Ich möchte meine Leserinnen und Leser ermuntern, genau das zu tun: Fragen zu stellen.
 

Shereen El Feki: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt. Hanser-Verlag, Berlin 2013,
415 Seiten, ca. 35 Franken

Die Autorin

Shereen El Feki wuchs als Tochter einer Waliserin und eines Ägypters in Kanada auf. Sie studierte Immunologie, arbeitete als Journalistin beim «Economist» und war stellvertretende Vorsitzende der Global Commission on HIV and the Law der Uno. Ihre Recherchen zu HIV in arabischen Ländern veran- lassten sie dazu, das sexuelle Leben in der Region unter die Lupe zu nehmen.

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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