Voll von schlechtem Sex

Rainer Moritz: Sieben literarische Sexsünden

Redaktion: Claudia Senn
 

Die Weltliteratur ist voll von schlechtem Sex. Warum, weiss Literaturprofessor Rainer Moritz.

Sieben literarische Sexsünden

1. Sex, anatomisch rätselhaft (und hart an der Ekelgrenze)

Aus «Freiheit» von Jonathan Franzen: «Eines Nachmittags wurde Connies erregte Klitoris, ihrer Beschreibung zufolge volle zwanzig Zentimeter lang, ein hervorstehender Stift der Zärtlichkeit, mit dem sie sanft die Lippen seines Penis teilte und sich bis zum Sockel seines Schafts hineinzog. An einem anderen beschrieb Joey, auf ihr Drängen hin, die glatte, warme Reinheit ihrer Würste, die, als sie aus ihrem Anus glitten und in seinen offenen Mund fielen – schliesslich waren es ja nur Wörter –, wie vorzügliche dunkle Schokolade schmeckten.»

2. Sex als Metaphernorgie

Aus «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell: «Dieses Geschlecht schaute mich an, belauerte mich wie ein Gorgonenkopf, wie ein unbeweglicher Zyklop, dessen einziges Auge niemals blinzelt. Ganz allmählich durchdrang mich dieser stumme Blick bis ins Mark. (...) Wenn ich nur noch eine Erektion bekäme, dachte ich, könnte ich mich meines Schwanzes bedienen wie eines im Feuer gehärteten Pfahls, um diesen Polyphem zu blenden, der mich zum Niemand machte.»

3. Sex für Stotterer

Aus «Ich bin Charlotte Simmons» von Tom Wolfe: «Die Finger schoben sich unter das Gummiband ihres Höschens, und Hoyt stöhn-, stöhn-, stöhn-, stöhnte, während seine Finger sich vor-, vor-, vor-, vortasteten und sie kos-, kos-, kos-, kosten, bis sie nur noch Bruchteile von Zentimetern vom Ansatz ihres Schamhaars entfernt waren.»

4. Sex, das Raum-Zeit-Gefüge aus den Angeln hebend

Aus «Das letzte Testament der Heiligen Schrift» von James Frey: «Es war Liebe und Freude und Lust, und jeder Teil meines Körpers sang ein Lied, das ich noch nie gehört hatte, aber es war das schönste Lied überhaupt, und es war blendend und rein, und mein Gehirn verwandelte sich in das weisseste Weiss, und ich sah die Unendlichkeit, für immer und immer, ich sah Unendlichkeit und verstand sie sogar und verstand alles andere in der Welt, den ganzen Hass und Zorn und Tod und Leidenschaft und Neid und Mord, und nichts spielte eine Rolle.»

5. Sex, so abtörnend wie möglich

Aus «Indigo» von Clemens J. Setz: «Sie spreizte die Beine und gab den Blick frei auf das Hässlichste, was Robert je gesehen hatte. Es sah aus wie Knetmasse. Wie ein zusammengeknüllter Oktopus, der in eine enge Höhle gestopft worden war. Wie das Schattenprofil von Alfred Hitchcock. Weiche, herabhängende Hautlappen mit etwas Nasenartigem in der Mitte. Und das sollte das Mysterium des Lebens sein? Er blickte weg und liess sich auf ihr nieder, sein Penis war zusammengeschrumpft auf die Grösse eines Shrimps.»

6. Sex für Herrenausstatter

Aus «Tread Softly» von Wendy Perriam: «Sie schloss die Augen und sah, wie seine dunklen Sirupbonbon-Augen auf sie herunterschauten. Seltsamerweise war er zugleich nackt und mit Nadelstreif bekleidet. (...) Nadelstreif war erotisch, die Uniform von Vätern, von zweidimensionalen Vätern. Sogar der Penis von Mr. Hughes hatte eine verführerische Nadelstreif-Vorhaut.»

7. Kein Sex (ein Schelm, wer Schlüpfriges dabei denkt ...)

Aus Siegfried Lenz’ Erzählung «Atemübung». Es geht um einen Wettbewerb im Luftmatratzenaufblasen: «Die sogenannten Wettkämpfer gingen auf die Knie, nahmen das Mundstück zwischen die Lippen und starrten auf Emily, die gleichzeitig mit dem Zeichen zum Beginn ihr Bandgerät einschaltete. Zum Bolero von Ravel fing das grosse Pusten und Blasen an. Es wunderte mich, auf welch unterschiedliche Weise die einzelnen Teilnehmer ihr Gerät aufzublasen suchten; einige, darunter die Grillenstimme, versuchten es mit eiligen, kurzen Stössen; hastig saugten sie die Luft ein und pressten sie unter rhythmischem Schnaufen in die Mundstücke; andere füllten mit mächtigen, langsamen Atemzügen ihre Lungen, schlossen die Augen und gaben das ganze Volumen restlos an die Kammer ab. Backen blähten sich auf, Stirn- adern schwollen. Ein Mann liess sich verleiten, im Rhythmus des Boleros zu blasen, gab es jedoch bald wieder auf.»

Bad-Sex-Preis

Die englische Zeitschrift «Literary Review» vergibt alljährlich den Bad Sex in Fiction Award. Ziel ist es, «auf den derben, geschmack- und oft gedankenlosen Einsatz überflüssiger Passagen sexuellen Inhalts in literarischen Romanen aufmerksam zu machen und davon abzuschrecken». Die englischsprachigen der zitierten Autoren waren dafür nominiert oder haben den Award gewonnen. Die restlichen Passagen sind aus Rainer Moritz’ Buch.

Rainer Moritz (56)

leitet das Hamburger Literaturhaus. Zuvor hat er bei mehreren Buchverlagen gearbeitet, zuletzt als Programm-Geschäftsführer des Hoffmann-und-Campe-Verlags. Als Literaturkritiker schreibt er unter anderem für die NZZ, auch im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens war er schon zu Gast. In seinen eigenen Büchern beschäftigt sich der Literaturwissenschaftler auch mit Themen wie dem deutschen Schlager oder Fussball. Eben hat ihm die Stadt Hamburg den Titel eines Ehrenprofessors verliehen.

—Rainer Moritz: Wer hat den schlechtesten Sex? Eine literarische Stellensuche. Deutsche Verlagsanstalt, München 2015, 240 S., ca. 28 Fr. Ab 9. März im Buchhandel

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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