Brautmode

Interview mit Brautmodespezialistin Milena Zoro

Interview: Helene Aecherli; Foto: Anne Gabriel-Jürgens

  • Brautmodespezialistin Milena Zoro verhilft den Bräuten zum perfekten Kleid

Brautmodespezialistin Milena Zoro heiratet stets leidenschaftlich mit ihren Kundinnen mit. Und ist fasziniert davon, welche Emotionen das weisse Kleid immer wieder auslöst.

annabelle: Milena Zoro, ein weisses Brautkleid bringt Frauen zum Weinen. Was steckt bloss in diesen zehn Meter Stoff?
Milena Zoro: Das ist schwer zu erklären. Ich kann es nur so beschreiben: Wenn die Frauen zu uns in den Laden kommen, sind sie extrem kopflastig. Sie haben recherchiert, kennen jeden Trend, sind zum Teil fast informierter als wir. Das hängt auch damit zusammen, dass die Bräute heute durchschnittlich dreissig plus sind, unsere älteste Braut war gar achtzig Jahre alt. Die haben klare Vorstellungen. Dann beginnen sie ein Kleid nach dem anderen zu probieren, beginnen loszulassen, irgendwann kommt das berühmte eine Kleid, und dann haut es sie um.

Woran liegt das?
Ich vermute, viele sind so mit der Organisation des perfekten Festes beschäftigt, dass sie erst in diesem Moment realisieren: Ich heirate! Ich gebe ein Versprechen! Sie werden an einem ganz tiefen Punkt berührt, den sie vorher vielleicht gar nicht wahrhaben wollten. Aber – das Kleid bewegt nicht nur die Bräute selbst. Ich erinnere mich an den Vater, der zu weinen begann, als er seine 40-jährige Tochter im Brautkleid sah – und wir weinten mit.

Sind die heutigen Bräute traditionsverbundener, als man denkt? 
Ja, wir können noch so modern sein, die Traditionen holen uns immer wieder ein. Und es ist berührend zu erleben, wie existenziell Heiraten auf einmal werden kann. Vor ein paar Jahren kam zum Beispiel eine junge Frau mit ihren Freundinnen in den Laden. Sie hatte Krebs, war todkrank, wollte aber unbedingt noch heiraten – und zwar im schönsten Kleid. Es war ihr wichtig, ihrem Partner sagen zu können: «Wir gehören zusammen, auch wenn es vielleicht nur noch für zwei Wochen ist.» Doch genau das ist es ja, worum es beim Heiraten geht: dieses Ja zueinander, egal, ob die Welt um einen zusammenbricht.

Was sind die Voraussetzungen dafür, dass solche Emotionen bei Ihnen Platz haben?
Eine Chemie, die auf beiden Seiten stimmen muss. Denn ein Brautkleid aussuchen ist Vertrauenssache. Nicht nur, weil die Anproben viel Körperkontakt erfordern, sondern eben vor allem auch, weil die Kundinnen von ihrem Leben erzählen, von ihrer Familiengeschichte und warum sie jetzt heiraten. Viele Kundinnen sind denn auch im Lauf der Zeit völlig auf ihre Beraterin fixiert.

Sehen Sie auf Anhieb, welches Kleid zu welcher Frau passt?
Ja und nein, es gibt immer wieder Überraschungen. Oft suchen sich Frauen etwas ganz anderes aus, als wir – aber auch sie selber – gedacht haben.
Wie das?
Sehen Sie, das Gros der Frauen hält sich bei der Tagesmode gern an Marken. Das verleiht eine gewisse Sicherheit, dann weiss man, dass man nicht falsch liegt. Bei Brautkleidern aber spielen ganz andere Gesetze.

Sie kehren die Seele einer Frau nach aussen.
Genau. Ich sage immer: «Vergiss, was jetzt gerade Mode ist. Du musst das nehmen, was dir wirklich gefällt. Und das unterscheidet sich oft völlig von dem, was du im Alltag trägst.» Mit anderen Worten: Wird der Kundin die Sicherheit der Tagesmode entzogen, kann sie ins Schlingern geraten. Dadurch aber erhält sie die Chance, sich selbst näherzukommen und eine Seite von sich zu offenbaren, die sie vorher womöglich nie zeigen konnte. So entpuppt sich bei einigen plötzlich eine total romantische Seele. Oder sportliche Frauen, die vielleicht noch nie ein Kleid getragen haben, stehen am Schluss in einem Kleid da, das ihre Kurven betont.

Welche Rolle haben die Männer in diesem Prozess inne?
Eigentlich kaum eine. Männer verirren sich selten in den Laden, und wenn, sind sie eher überfordert. Die meisten Frauen wollen ohnehin nicht, dass ihr Mann sie vor der Hochzeit im Brautkleid sieht, selbst wenn sie eine noch so gleichberechtigte Partnerschaft führen. Er soll bei ihrem Anblick genauso verzaubert sein, wie sie es war, als sie sich zum ersten Mal in dem Kleid erblickte.

Wie oft kommt es vor, dass das Hochzeitsfest dem Brautkleid angepasst wird?
Wir erleben immer wieder, dass eine Kundin ihren Partner anruft und sagt: «Schatz, ich habe ein Kleid an. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wunderschön ich aussehe. Wir müssen das Fest umstellen. Ist das für dich okay?» Das heisst dann meist, dass mehr Leute eingeladen werden als geplant oder das Motto geändert wird.

Welcher Aufwand steckt hinter einem Hochzeitskleid?
Vom ersten Moment, da die Kundin den Laden betritt, bis sie sechs bis acht Monate später das Kleid holen kommt, benötigen wir etwa 16 bis 22 Stunden: Die Änderungen am Kleid brauchen je nachdem 3 bis 12 Stunden, dazu kommen etwa vier Anproben, bis alles perfekt sitzt. Eine Woche vor der Hochzeit sehen die meisten Bräute dann wieder anders aus. Viele sind vor lauter Stress oder weil sie ein hartes Fitnessprogramm absolviert haben, dünner geworden, andere werden schwanger. Dann müssen wir Spickel einsetzen, Corsagestäbchen herausnehmen. So oder so: Das Kleid geht häufig in letzter Minute noch einmal ins Atelier zurück.

Wird immer noch vornehmlich im Mai geheiratet?
Ja, aber wir haben immer mehr Herbst- und Winterbräute. Und gerade Winterhochzeiten sind betörend schön.

Milena Zoro ist Besitzerin der gleichnamigen Brautmodeboutique in Zürich. www.zoro.ch

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Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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