annabelle-Redaktorinnen

Auf der Suche nach dem perfekten Hochzeitskleid

Text: Helene Aecherli; Fotos: Marvin Uilm, Anne Gabriel-Jürgens

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Bräute auf Probe: Die annabellas Helene Aecherli, Jacqueline Krause-Blouin, Vivian Scheifele und Barbara Loop (von links)

Spitzen und Symbolik: Das Kleid für einen Tag löst bei der stellvertretenden annabelle-Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin Emotionen aus.

annabelle-Reporterin Helene Aecherli spürte keinen Drang zum Altar.

Jacqueline Krause-Blouin fand sich schön – bis der Schleier kam.

Selten war ein Selfie nötiger: Jacqueline Krause-Blouin und Barbara Loop (rechts)

Lachanfall: Barbara Loop sitzt unter dem Hochzeitsfoto von Jackie Kennedy

Barbara Loop, Redaktorin: «Plötzlich wurde das Heiraten zu einer Option»

Jacqueline Krause-Blouin, stv. Chefredaktorin: «Das Kleid war immer der Star» 

Vivian Scheifele, Sekretariatsmitarbeiterin: «Ich hatte stets bedauert, dass ich kein weisses Kleid trug»

Keine dieser vier Frauen wird demnächst heiraten. Aber in ein Brautkleid schlüpfen kann man ja mal. Um herauszufinden, wie das symbolträchtigste aller Kleidungsstücke sich anfühlt – und vor allem, was es mit einem macht.

Vier Frauen zwischen Tüll, Taft und Seide; verhalten erst, dann aber immer ausgelassener, was am Prosecco liegen mag, allem voran aber an der Erkenntnis, dass ihnen die Textilien wohlgesinnt sind, die ihr Innerstes nach aussen kehren, so wie es sich für Brautkleider gehört.

Doch – keine der Frauen ist verheiratet, bei keiner eine Hochzeit geplant. Sie sind angezogen von der Versuchsanlage und getrieben von ihrer schon fast wissenschaftlichen Neugier, sich einmal im Leben als Braut in Weiss zu erleben, um zu erfahren, was es in ihnen auslöst, diesen Stoff auf ihrer Haut zu fühlen. Denn ein Brautkleid, das weiss jede, die als Seide-Tüll-Prinzessin ihren Übergang ins Eheleben zelebriert hat, ist mit einer Magie aufgeladen, die jedes Ballkleid banal erscheinen lässt. Diesen Zauber zu erkunden, war ein Ziel des soziotextilen Experiments. Ein Laborversuch also, für den Milena Zoro, Besitzerin des gleichnamigen Brautmodegeschäfts in Zürich, Kleider und Knowhow zur Verfügung stellte. Als Probandinnen agierten drei meiner annabelle-Kolleginnen und ich.

Vielleicht werden Sie sich jetzt trotz allem fragen, warum sich vier gestandene Frauen dazu hinreissen lassen, Brautkleider bloss um ihrer selbst willen anzuprobieren. Das haben wir uns auch gefragt und sind in uns gegangen, denn mit einem Brautkleid, das versteht sich, spielt man nicht leichtfertig herum.

«Für eine sexuell selbstbestimmte, finanziell unabhängige Frau der spätmodernen Gesellschaft wäre wenn schon sündiges Rot die richtige Wahl»

Gut, nüchtern betrachtet ist das Kleid in Weiss eine relativ junge Erfindung. Bis zum 17. Jahrhundert wurde unter dem Einfluss des spanischen Hofs in Schwarz geheiratet – was besonders für den Mittelstand auch praktische Gründe hatte: Ein schwarzes Brautkleid war leicht zu reinigen und konnte zu jedem Festtag wieder aus der Truhe geholt werden. Doch als Adel und Grossbürgertum später Weiss als Modefarbe für Bräute deklarierten, blieb dem Schwarz nur noch der Tod; mit der Symbolik des weissen Kleids konnte es nicht mehr mithalten. Denn Weiss steht für Reinheit und Unberührtheit. Es ist die Farbe, in der die ehrbare Frau ihrem Ehemann übergeben wird; es untermalt ihre gesellschaftliche Mündigwerdung, den Höhepunkt ihres Daseins, noch heute nachgebetet als «schönster Tag im Leben einer Frau». In den weissen Stoffschichten des Brautkleids, also, sind die Moralvorstellungen einer patriarchalischen Gesellschaft verwoben. Für eine sexuell selbstbestimmte, finanziell unabhängige Frau der spätmodernen, postindustriellen Gesellschaft eigentlich Grund genug, wenn schon in sündigem Rot zu heiraten.

Trotzdem bleibt das weisse Kleid unangefochten. Zu schön lässt es jeden Hautton strahlen, zu sehr ist es Ausdruck für den Neuanfang, den eine Hochzeit selbst nach Jahren des Zusammenseins unweigerlich darstellt. Um der Ernsthaftigkeit des Jaworts gerecht zu werden, betont Milena Zoro denn auch, käme selbst für ihre emanzipiertesten Kundinnen nur etwas infrage: Weiss.

Dies alles hatten wir also im Hinterkopf, als wir uns auf unser Experiment vorbereiteten. Und je länger wir uns damit auseinandersetzten, desto mehr manifestierten sich persönliche Motivationen. Am entspanntesten zeigte sich wohl annabelle-Sekretariatsmitarbeiterin Vivian Scheifele. Ihr lag vor allem daran, jetzt, im Alter von 65 Jahren, zum ersten Mal ein Brautmodegeschäft von innen zu erleben. Redaktorin Barbara Loop (31), zwar liiert, aber einer klassischen Hochzeit eher abgeneigt, offenbarte, dass sie sich auch deshalb auf den Test eingelassen hat, um den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, die Tochter als Braut zu sehen. Bei Jacqueline Krause-Blouin (29), stellvertretende Chefredaktorin, nahm das Unterfangen gar existenzielle Dimensionen an: Da ihre grosse Liebe sich gegen den Heiratsgedanken sperrt, hoffte sie, mit diesem Experiment ihren Mädchentraum von der Hochzeit in Weiss endgültig abhaken zu können.

Und ich? Ich bereitete mich auf eine Art Clash of Civilizations vor, der in mir ausbrechen würde, sobald ich ins Brautkleid steige. Denn ich (49) habe mich nie für die Institution Ehe interessiert. Hochzeiten und deren Kleider haben mich nur insofern beschäftigt, als dass sie Teil eines Milliardengeschäfts sind, das sich aus dem Mainstream nährt. Und da ich nicht Teil dieses Milliardengeschäfts bin, also in dieser Hinsicht nicht zum Mainstream gehöre, muss ich offstream sein, vielleicht sogar marktuntauglich – woraus sich aber nicht schliessen lässt, dass ich keine verbindliche Verbindung will. Meine Marktuntauglichkeit und ich haben es uns jedoch gemütlich eingerichtet. Würde ein Brautkleid diesen betulichen Zustand erschüttern und gar ungeahnte Wünsche wecken?

Nun, anders als bei meinen Kolleginnen (lesen Sie von ihren Erfahrungen auf den folgenden Seiten) geschah bei mir – nichts. Zwar hätte ich in meinem Meerjungfrauenkleid aus Tüll und französischer Spitze sofort Lust gehabt, auf eine Bühne zu schreiten und Shirley Basseys «This Is My Life» hinauszudonnern. Aber das Konzept Hochzeit blieb mir so fern wie eh und je. Doch halt! Da war doch noch etwas: Als ich mich im Spiegel erblickte, streifte mich ein übermütiger Gedanke: Trüge ich tatsächlich je einmal ein solches Kleid, müssten drei Männer am Altar auf mich warten, nicht bloss einer. Einer, das wäre für eine Meerjungfraubraut viel zu konventionell.

Barbara Loop, Redaktorin: «Plötzlich wurde das Heiraten zu einer Option» 

Einmal zur Probe in ein Hochzeitskleid schlüpfen, diese Idee liess mich erst einmal kalt. Ich dachte an ein Gespräch zurück, das ich vor Jahren mit meiner Mutter hatte. «Eine Hochzeit mit weissem Kleid in der Kirche, das kommt für mich nicht infrage», sagte ich. Keine zehn Schimmel würden mich vor den Traualtar bringen, ebenso wenig wie ein schöner Prinz. Und dann fügte ich noch hinzu, dass ich die Ehe ohnehin nicht sehr erstrebenswert fände. Meine Mutter blickte mich enttäuscht an.

Aber ich glaube, dass jede glückliche Beziehung auf so viel Freiwilligkeit wie möglich beruht. Und ich habe schon auf zu vielen langweiligen Hochzeiten getanzt. Je traditioneller sie waren, desto fremder fühlte ich mich.

Umso mehr überraschte mich mein rasendes Herz, als ich im Brautkleid auf den Spiegel zuschritt. Denn plötzlich wurde das Heiraten zu einer realen Option und ich zu einer Kandidatin.

Auf jeden Fall hat meine Mama schon jetzt ein Hochzeitsfoto von mir. Ohne Mann zwar, dafür mit Kleid.

Jacqueline Krause-Blouin, stv. Chefredaktorin: «Das Kleid war immer der Star»
Für mich war immer klar: Eine Märchenhochzeit mit kilometerlanger Schleppe muss es sein. Das Kleid ein Traum aus Tüll, das nur mit Hilfe von zwanzig Brautjungfern in die Kutsche passen würde. Als ich dann meinen ersten Freund hatte, der kaum was anderes tat als kiffen, verwandelte sich mein «Schwanensee»-Traum in eine Barfuss-Hippie-Hochzeit. Mit Brautkleid. Denn das Kleid war in meiner Vorstellung immer der Star, nicht die Liebe – fataler Fehler. Heute bin ich 29 und führe seit sieben Jahren eine Beziehung – ironischerweise mit einem dieser Exemplare, die die Institution Ehe als Spiessigkeit verschreien.

Ich finde zwar, dass heiraten spiessig finden spiessiger ist als heiraten, aber: Ich werde mit diesem Mann wohl nicht vor den Altar treten. Das schmerzt ein wenig, beeinträchtigt aber nicht mein Seelenheil. Für die Kleider-Anprobe war ich Feuer und Flamme.

Ich wollte meinen Plötzlich-Prinzessin-Moment erleben, um ihn dann für immer von meiner Lebens-To-do-Liste zu streichen. Und ich gefiel mir in Weiss – weiter aber nichts. Bis, ja bis man mir den Schleier ansteckte. Da weinte ich ein wenig. Überraschend, wie emotional aufgeladen solch weisses Textil ist. Es steht eben für Träume. Gelebte und begrabene.

Vivian Scheifele, Sekretariatsmitarbeiterin: «Ich hatte stets bedauert, dass ich kein weisses Kleid trug» 
Vor über vierzig Jahren heiratete ich zum ersten Mal. Es war weniger ein Fest als ein administrativer Akt, eine Formsache, da es zu jener Zeit schwierig war, als unverheiratetes Paar mit Kind zusammenzuleben. Mein Mann und ich begaben uns aufs Standesamt, danach gingen wir schön essen. Das wars. Im Nachhinein habe ich es stets bedauert, dass wir kein Fest gemacht hatten und ich kein weisses Kleid trug. Sollte ich ein nächstes Mal heiraten, das war für mich klar, würde es ganz anders sein.

Im Moment ist zwar kein Heiratskandidat in Sicht. Doch bin ich jetzt, mit 65 Jahren, mehr denn je davon überzeugt, dass eine nächste grosse Liebe und sogar eine Hochzeit möglich sind.

Und wenn es so weit ist, werde ich ein kleines Fest veranstalten und ein Kleid tragen. Vielleicht nicht ein weisses, wie ich es an unserem Shooting anprobierte, das ist dann doch nicht mehr so mein Ding, sondern ein crèmefarbenes Costume, das mir speziell für meine Hochzeit auf den Leib geschneidert wird.

Reporterin Helene Aecherli erzählt, weshalb sie nie heiraten möchte und dennoch in ein Brautkleid geschlüpft ist. Eine Slideshow mit Fotos von Marvin Zilm und Anne Gabriel-Jürgens, produziert von Barbara Achermann.

Hochzeit

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Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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