Geruchsforschung

«Parfums sind ein purer Versuch der Manipulation»

Text: Niklaus Müller, Bilder: Getty Images, zVg

  • Die bekanntesten Happy-Go-Lucky-Düfte im Uhrzeigersinn:
    Chance von Chanel, La Vie Est Belle von Lancôme, Happy von Clinique,
    Pleasures von Estée Lauder, Dior Joy von Dior, Joy von Jean Patou

Joy, Pleasure, Chance – all diese Parfums verheissen ein kleines Stück Instant-Glück. Ob Düfte dieses Versprechen auch wirklich halten können? Wir haben bei Geruchsforscher Hanns Hatt nachgefragt – und erhielten verblüffende Antworten.

annabelle: Hanns Hatt, können uns Düfte glücklich machen?
Hanns Hatt: Davon gehen die Wissenschaft, die Physiologie und die Psychologie eigentlich aus. Allerdings gibt es zwei Arten, wie Düfte auf den Menschen wirken. Die eine Wirkung hat mit der Nase zu tun und mit der Erinnerung. Das heisst, wenn wir einen Duft zum ersten Mal riechen, dann wird nicht nur dieser Duft im Hirn abgespeichert, sondern gleichzeitig auch die Situation und Emotion, in der wir diesen Duft zum ersten Mal wahrgenommen haben. Wenn das ein sehr glücklicher Moment war, dann wird dieser Duft das Gefühl des Glücklichseins immer wieder in Erinnerung rufen. So kann man tatsächlich Emotionen, die man mit einem Duft verbindet, gezielt erzeugen. Das können sowohl positive wie auch negative Gefühle sein.

Und welches ist die zweite Art, mit der Düfte beim Menschen Emotionen erzeugen?
Wir wissen, dass Düfte, wenn man sie längere Zeit riecht, über die Atemluft auch in unseren Körper gelangen können. Sie werden über die Lunge ins Blut und vom Blut durch den Körper transportiert. Auf diesem Weg kommen sie auch ins Gehirn und lösen dort Wirkungen aus, indem sie bestimmte Rezeptoren beeinflussen. Sie arbeiten so ähnlich wie Pharmaka. Bei diesem Vorgang geht es allerdings nicht so sehr um die Erzeugung von Glück, sondern eher um Beruhigung oder Erregung, Schlaf oder Angst. Also Gehirnfunktionen, die etwa aktivitätsabhängig sind.

Welche Düfte haben diese Wirkung?
Wir haben herausgefunden, dass Duftstoffe aus den Gardenien- oder Lavendel-Blüten beruhigend wirken. Man kann diese Moleküle auch über die Haut zuführen, indem man sich damit einreibt, oder über den Magen-Darm-Trakt, indem man sie isst. So gelangen die Duftstoffe ins Blut und werden dann ins Gehirn transportiert. Dort binden sie sich an sogenannte Schlafrezeptoren, die auf Gehirnzellen sitzen und für die Hemmung der Zellaktivität verantwortlich sind. Sie potenzieren deren beruhigende Wirkung. Ähnlich wie es auch viele Medikamente tun, etwa Valium oder Barbiturate.

Wir nehmen Düfte also nicht nur mit der Nase auf?
Genau. Wir konnten zeigen, dass sich die 350 verschiedenen Duftrezeptoren, die in den Riechzellen der Nase vorkommen, über den Körper ausgebreitet haben. Wir haben einzelne von ihnen in allen unseren Körperzellen gefunden. In der Haut, in der Leber, in der Niere, im Herzen.

Und was genau machen sie dort?
Sie haben dort nicht die Aufgabe, Düfte zu riechen und das Gehirn darüber zu informieren, wie das die Nase tut. Sie steuern zellbiologische Funktionen wie Wachstum, Bewegung oder Freisetzung von Hormonen. Neben dem direkten Kontakt mit Duftstoffen über die Haut, den Magen und Darm oder die Atemorgane entstehen Düfte auch beim Stoffwechsel. In der Haut können Düfte beispielsweise die Wundheilung oder das Haarwachstum anregen. Im Darm können Düfte, die wir mit der Nahrung aufnehmen oder die von Darmbakterien erzeugt werden, unsere Verdauung fördern und sogar unseren Blutdruck beeinflussen. In unserem Atemsystem können Blutabwehrzellen aktiviert werden. Indem sich Zellen schneller teilen oder schneller wachsen, werden Infektionen effektiver bekämpft. Auch das Gegenteil ist möglich, also dass das Zellwachstum gehemmt wird.

In welchem Bereich wäre das besonders hilfreich?
Interessant ist das bei Krebszellen. Auch die haben nämlich Riechrezeptoren. Wenn man einen Duft finden würde, der die Krebszellen am Wachstum hindert, wäre das eine grosse Sache. Das hätte enorme therapeutische und diagnostische Konsequenzen. Aber bei dieser Forschung sind wir erst am Anfang. In Zukunft wird man im Gesundheitsbereich intensiv mit Düften arbeiten.

So eine Therapie würde aber nicht über die Nase funktionieren?
Nein. Hier hilft das Riechen nicht, die Düfte müssen direkt zu den Gewebezellen kommen. Das ist eine pharmakologische Wirkung von Düften und funktioniert sogar bei Menschen, die nicht riechen können. Diese unterscheidet sich deutlich von der Wirkung in der Nase. Dort geht es über die Bewertung und die Emotionen. Die kann bei jedem Menschen anders sein, je nachdem was er für Erfahrungen mit dem jeweiligen Duft gemacht hat.

Zurück zu den Parfums: Wieso parfümieren wir uns eigentlich?
Es ist ein purer Versuch der Manipulation. Wir wollen in den Nasen der Mitmenschen angenehm zur Geltung kommen. Wir kleiden uns ja auch schön und schminken uns. Dazu gehört eben auch, dass wir gut riechen. Damit überdecken wir unseren persönlichen Körpergeruch. Den versuchen wir heutzutage sowieso völlig loszuwerden. Deswegen rasieren wir ja auch alle Körperhaare weg, denn die sind bei uns Menschen dazu da, den Duft zu verbreiten, indem sie die Hautoberfläche vergrössern. In unserem Kulturkreis ist der Körpergeruch negativ besetzt, das lernen wir von klein auf durch die Erziehung.

Verwenden wir also zu viele parfümierte Produkte wie Seife, Deos oder Waschmittel?
Noch vor zwei-, drei- oder vierhundert Jahren hat die Welt fürchterlich gestunken, das können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Heute hingegen gibt es einen Overload an künstlichen Düften. Doch es geht deutlich zurück damit, denn zu intensiver Duft stösst eher ab. Die Dosis macht auch hier das Gift.

Wie gehen Sie mit Ihren Erkenntnissen im Privatleben um? Verwenden Sie ganz bewusst bestimmte Düfte? 
Ich verwende privat Parfums und probiere gern immer wieder mal etwas Neues aus. Und dann verwende ich Düfte, um mich selbst in andere Stimmungen zu versetzen. So habe ich zum Beispiel einen Duft, der mich in Arbeitswut versetzt. Immer, und nur dann, wenn ich konzentriert arbeiten muss, verwende ich ihn. Er hat sich bei mir im Gehirn mit intensiver Arbeit verbunden. Wenn ich ihn rieche, schalte ich sofort in den Arbeits- modus.

Sie haben auch selber Parfums entwickelt. Welche Wirkung sollen diese erzielen?
Zusammen mit dem Parfumeur Geza Schön haben wir zwei Projekte realisiert. Einerseits einen Duft für die Uni Bochum, der Knowledge heisst, der Duft des Wissens. Und ganz neu mit der Firma Amatrius vier Wirkdüfte. Im Duft Love Me gibt es beispielsweise sehr viel Hedion, welches das zwischenmenschliche Vertrauen und die Kommunikation verbessert und damit auch mehr Nähe mit anderen Menschen zulässt. Die Idee ist, sogenannte Wirkdüfte zu machen, die nicht nur gut riechen, sondern auch eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung haben, wie uns am Morgen zu beleben, am Abend zu entspannen oder während des Tages Stress zu lösen.

Verraten Sie uns zum Schluss noch, welche Düfte tatsächlich heiter, fröhlich und glücklich machen?
Das kann ich leider nicht, weil das höchst subjektiv ist. Aber jeder Mensch kann sein Glücksempfinden mit einem eigenen Duft konditionieren. Man sollte ihn einfach immer in besonders schönen Situationen verwenden.

Die neuen Wirkdüfte von Amatrius: Enjoy Me, Unplug Me, Recharge Me und Love Me, je ca. 135 Franken 

Professor Hanns Hatt ist Geruchsforscher und Zellphysiologe an der Ruhr-Universtät Bochum und Autor der Bücher «Niemand riecht so gut wie du» (Verlag Piper, 2010, 317 Seiten, ca. 15 Franken) und «Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken» (Verlag Knaus, 2012, 220 Seiten, ca. 23 Franken)

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