Werbung
Comicautorin Rinah Lang:

Comicautorin Rinah Lang: "Die Perimenopause ist eine unübersichtliche Sache"

Rinah Lang hat einen Comic über die Perimenopause geschrieben, um unverkrampft Wissen über hormonelle Veränderungen zu teilen. Ein Gespräch über Scham, Schleimhäute und schwarze Löcher.

  • Von: Sandra Brun
  • Bild: Carlsen Verlag by Silke Weinsheimer

annabelle: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie feststellten, dass sich Ihr Körper verändert, oder kam das schleichend?
Rinah Lang: Ich hatte ungefähr ein Jahr lang immer wieder das Gefühl, irgendwas ist anders. Es fühlte sich so an, als ob jemand den Sattel meines Fahrrads, mit dem ich schon ewig herumfahre, verstellt hätte. Plötzlich passte es nicht mehr richtig.

Wie kann ich mir das vorstellen?
Ich kannte PMS, fiel immer mal wieder in ein schwarzes Loch kurz vor der Periode. Aber plötzlich hatte ich unabhängig von meinem Zyklus starke Stimmungsschwankungen. Anfangs erklärte ich mir diese mit den äusseren Umständen: Wir befanden uns damals mitten in der Pandemie, der Krieg in der Ukraine beschäftigte mich, die Weltlage verunsicherte mich. Als die Tiefs aber jeweils von einem Tag auf den anderen weg waren, musste ich doch wieder an PMS denken. Und als dann noch meine Füsse kitzelig wurden, wie ich es bisher nur in meiner Schwangerschaft erlebt hatte, und ich wieder Pickel kriegte, wie zuletzt als Teenager, realisierte ich: Okay, das muss was mit Hormonen zu tun haben, aber Menopause wäre mit Mitte Vierzig doch noch etwas früh. Und so stiess ich auf den Begriff Perimenopause.

Werbung

Wie kann es sein, dass wir noch so wenig über die Perimenopause wissen?
Es war ja selbst unter Mediziner:innen lange wenig darüber bekannt, viele Erkenntnisse sind erst in den letzten paar Jahren gewonnen worden. Mittlerweile wurde mehr Wissen über die Menopause geteilt in Büchern, auf Social Media, in Podcasts – das hat schon mal geholfen, dieses Thema zu enttabuisieren. Aber die Perimenopause kommt bei den meisten so schleichend, zu so unterschiedlichen Zeitpunkten und mit so unterschiedlichen Symptomen, dass es tatsächlich eine recht unübersichtliche Sache ist. Dazu kommt: Wir sind da noch nicht empathisch genug miteinander.

Werbung

"Wir sind es gewohnt, Dinge erst mal mit uns selbst auszumachen"

Inwiefern?
Manchmal haben auch Frauen wenig Verständnis untereinander, vielleicht weil sie selbst relativ beschwerdefrei durch Menstruation, Schwangerschaft oder dann die Wechseljahre spazierten. Und wir sind es gewohnt, stark sein zu wollen, Dinge erst mal mit uns selbst auszumachen, bevor wir Hilfe suchen.

Weil wir, statt Hilfe zu erhalten, oft auch eher doofe Kommentare zu hören kriegen?
Gerade unsere Generation, die noch dafür kämpfen musste, auf dem Arbeitsmarkt als gleichberechtigt gesehen zu werden, sprach noch kaum über körperliche Beschwerden. Wir haben verinnerlicht, das Gleiche leisten und uns am vermeintlich geradlinigen Karriereweg der Männer messen zu müssen. Dabei müssen wir miteinander reden, um Wissen auszutauschen, Beschwerden zuordnen zu können und uns auch nicht so ausgeliefert zu fühlen.

Was hat Sie dazu bewegt, einen Comic zum Thema zu machen?
Nachdem ich mich selbst immer mehr informiert hatte, wurde ich schnell zur Anlaufstelle für Freundinnen und Freundinnen von Freundinnen. Weil viele eben nach Informationen suchten, aber nicht genau wussten, wo. Und oft auch bei Ärzt:innen, sogar Gynäkolog:innen, keine Hilfe erhalten hatten – was mich überhaupt nicht überrascht.

"Viele Ärzt:innen wissen noch wenig darüber, wie allumfassend hormonelle Veränderungen den Körper betreffen"

Wieso das?
Weil die Perimenopause im Medizinstudium noch kaum behandelt wird. Zum jetzigen Zeitpunkt finden nur vereinzelte Vorlesungen dazu statt, obwohl Hormone eine komplexe Angelegenheit sind und sie ja in alle Organe reinspielen. Viele Ärzt:innen wissen also noch wenig darüber, wie allumfassend diese hormonellen Veränderungen den Körper betreffen.

An wen richtet sich Ihr Comic?
Ich hatte beim Schreiben jüngere Frauen im Kopf, weil ich es wichtig finde, schon ein wenig Bescheid zu wissen, welchem Umbau ihr Körper ausgesetzt sein wird. Und Comics sind für mich ein Medium, Persönliches mit Sachinformationen zu verbinden.

Welche Informationen fehlen uns denn Ihrer Meinung nach am meisten zum Thema (Peri)Menopause?
Dass die hormonellen Veränderungen eben nicht erst mit der Menopause einsetzen, wenn wir unsere Periode nicht mehr haben, sondern viel früher, ab Mitte, Ende 30. Und dass die Symptome nicht einfach Hitzewallungen sind, was oft die einzigen Beschwerden sind, die wir von der Generation vor uns überhaupt mitkriegten. Sondern ganz unterschiedliche – von trockenen Schleimhäuten hatte ich beispielsweise zuvor noch nie gehört.

Welche weiteren Symptome ordnen wir oft nicht der Perimenopause zu?
Die Hormonumstellung wirkt sich allgemein auf das Gehirn, den Stoffwechseln, das Herz, die Psyche und die Sexualität aus. Das kann verschiedene Beschwerden mit sich bringen, die man vielleicht gar nicht zuordnen kann: Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Herzstolpern, Haarausfall, Nachtschweiss, veränderte Libido, Gelenkschmerzen, Alkoholunverträglichkeit, Migräne – um nur einige zu nennen.

Hängt unser Unwissen auch damit zusammen, dass die Generationen vor uns kaum über ihre Menopause gesprochen haben?
Scham spielt eine grosse Rolle. Und die Tatsache, dass die Wechseljahre in der öffentlichen Wahrnehmung, in Filmen, Büchern, Musik lange kaum vorkamen – da verinnerlicht man natürlich, dass das Thema offensichtlich nicht der Rede wert ist. Und bei der Generation vor uns kommt noch dazu, dass sie zu den ersten zählten, die die Pille genommen haben. Und dies meist sehr lange – ich erfuhr von Ärzt:innen, dass die Pille Symptome lindern kann und man dann vielleicht weniger merkt, dass man schon in den Wechseljahren ist.

"Die Menopause ist noch immer dieser Reminder: Ich verliere die Fruchtbarkeit"

Ist die Scham, über Themen wie Menopause zu sprechen, denn heute komplett weg?
Überhaupt nicht. Als ich angefangen habe, an dem Comic zu schreiben, gab es immer wieder Freundinnen, die zusammengezuckt sind, als ich davon erzählte. Eine hat sogar laut gekreischt! Dabei müssen wir da alle durch. Aber vielleicht ist es für viele auch einfach noch immer dieser Reminder: Ich verliere die Fruchtbarkeit. Das zu akzeptieren kann schwierig sein. Da steckt halt auch Angst vor dem Altern drin, das in unserer Gesellschaft sehr negativ konnotiert ist.

Haben Sie Hoffnung, dass wir diese Scham vor unseren Körpern verlieren?
Ich sehe auf jeden Fall, dass die Generation heutiger junger Frauen anders aufwächst, dass sie einen Vorsprung an Wissen und an Informationsquellen hat. Dass junge Frauen achtsamer und vorsichtiger mit ihren Körpern umgehen. Was aber auch dazu führt, dass viele Eingriffen auf ihren Hormonhaushalt in Form der Pille – oder später auch hormoneller Ersatztherapie – eher abgeneigt sind, auch wenn es ihnen vielleicht helfen würde. Dabei ist das Thema wahnsinnig komplex und man braucht ein:e Expert:in, die positiven Wirkungen und Nebenwirkungen klar aufzeigen kann.

Wie wichtig ist es, dass gerade auch Jungs und Männer mehr über den weiblichen Körper und dessen Veränderungen lernen?
Ich finde es essenziell, dass wir im Austausch mit Männern, mit Jungs offen über unsere Körper sprechen, über die Veränderungen, die gerade stattfinden, über mögliche Beschwerden. Mein Sohn kriegt das alles mit. Und er interessiert sich auch dafür. Das hat ja auch damit zu tun, wie man aufwächst als Mann, wo man von Diskussionen über sogenannte Frauensachen ausgeschlossen wurde – dabei sind Kinder total neugierig und nehmen dieses Wissen ohne Wertung und Scham auf.

In Ihrem Comic geht es auch um Berührungsängste von Männerseite während der Wechseljahre, gerade in Hetero-Beziehungen.
Viele haben das Gefühl, nicht mehr einschätzen zu können, was bei ihrer Partnerin gerade abgeht. Da finde ich es total wichtig, dass man darüber redet, sich mitteilt. Und als Mann sich nicht erschrocken zurückzieht, sondern Fragen stellt. Und was Wut und Emotionen angeht, die man in den Wechseljahren als Frau oft stärker spürt: Dahinter stecken wichtige Informationen, die gesehen werden wollen. Dass man vielleicht zu lange Kompromisse eingegangen ist und jetzt seinen Alltag und seine Beziehung verändern muss. Also hinschauen und im Gespräch bleiben.

"Peri Meno" von Rinah Lang, Carlsen Verlag, ca. 24 Fr.

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
0 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Inline Feedbacks
View all comments