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Die Lust lebt weiter: Wieso nach dem Tod des Partners auch der Sex fehlt

Liebe & Sex 

Die Lust lebt weiter: Wieso nach dem Tod des Partners auch der Sex fehlt

Stirbt ein geliebter Mensch, spricht man über vieles – nur nicht über den Verlust der sexuellen Intimität. Ein grosses Missverständnis.

Als mein Ex-Freund vor einigen Jahren starb, musste ich erleben, wie sehr Trauer in unserer westlichen Welt tabuisiert ist. Im Hausgang schien meine Nachbarin plötzlich mehrmals die Woche völlig vertieft ins Durchschauen ihrer Post. Ein Bekannter betete jede Einzelheit seiner Spanien-Ferien in einem atemlosen Monolog herunter, um ja keine Pause zwischen uns entstehen zu lassen. Die Arbeitskolleg:innen tauschten hilflose Blicke aus, während sich Schweigen im Lift ausbreitete.

Schlimmer kanns nicht werden, könnte man denken. Weit gefehlt.

Schlimmer noch ist die Sprachlosigkeit, die das Thema Trauer und Sexualität umgibt. Denn das ist ein doppeltes Tabu, eines, über das man unter keinen Umständen spricht.

Eine bleierne Taubheit

«Ich starre auf meine Hände, die dein Gesicht streichelten, denke an deine Hände, die ich so schön fand. Ich bin am Leben. Du bist tot. Mein Verstand arbeitet auf Hochtouren und mein Körper wird seltsam taub», schrieb ich damals in mein Notizbuch. Diese Trauer war anders als die Trauer, die ich kannte. Es fühlte sich an, als wäre die plötzliche Nichtexistenz seines Körpers in meinen Körper übergegangen, ich trug eine bleierne Taubheit in mir, die ich fast zwei Jahre lang nicht mehr los wurde.

Wie konnte es sein, fragte ich mich, dass ich davon noch nie vorher gehört hatte?

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Ich begann zu recherchieren und stiess auf die US-amerikanische Psychologin Alice Radosh. Sie nennt dieses Phänomen «sexual bereavement» – die Trauer über den Verlust der sexuellen Intimität. «Ich war nicht vorbereitet auf den Schock und die Schwere dieser Trauer. Sie fühlte sich grundlegender an als der Verlust gemeinsamer Aktivitäten wie Konzertbesuche und Kanufahren. Das waren Dinge, die wir zusammen getan hatten. Hier ging es darum, wer wir zusammen gewesen waren», schreibt sie in ihrem Essay «Taboo Times Two» über den Tod ihres Mannes, mit dem sie über vierzig Jahre verheiratet war.

Über Sex spricht man nicht

Wenn sie mit ihren Freund:innen darüber zu sprechen versuchte, stiess die über 70-Jährige auf pikiertes Schweigen. Auch Bücher halfen nicht weiter: «Ich machte mich auf die Suche nach einer Bestätigung, dass meine Gefühle nicht unangebracht waren. Ich las die Klassiker von Joan Didion und Joyce Carol Oates über den Tod ihrer Ehemänner. In zusammengenommen fast 700 Seiten fand ich keinen Hinweis auf die Trauer um ihre körperliche Beziehung, wie ich sie erlebte. Die unausgesprochene Botschaft: Über Sex spricht man nicht.»

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«Es fühlte sich an, als wäre die plötzliche Nichtexistenz seines Körpers in meinen Körper übergegangen.»

Ich selbst habe in den letzten Jahren so viele Bücher zum Thema Trauer gelesen, dass sie meine halbe Wohnzimmerwand füllen. Unter denen, die ich gelesen habe, sind poetische, philosophische und tröstliche Texte, solche, die den Schmerz und das Leid schonungslos sezieren und tief in den Abgrund blicken, der sich nach dem Verlust eines geliebten Menschen auftut. Doch um Sex geht es dabei erschreckend wenig.

Ein ständiges Sehnen

Die einzigen Bücher, die mein Erleben in all seiner Drastik spiegeln, sind die der niederländischen Schriftstellerin Connie Palmen. In ihrem autobiografischen Roman «I.M.» beschreibt sie eine Szene, die ich nie vergessen habe, seit ich sie zum erste Mal las. Als sie vom Tod ihres Lebensgefährten erfährt, klettert sie noch im Spital auf die Trage und liegt eine Dreiviertelstunde lang auf dem Toten: «Er wird warm von meinem Körper, aber er wird nicht mehr weich und lebendig. Nichts gibt nach, nicht einmal seine Hoden.»

In ihrem 13 Jahre später erschienenen «Logbuch eines unbarmherzigen Jahres» thematisiert sie die Trauer um die verlorene sexuelle Beziehung zu ihrem zweiten Ehemann bereits auf der ersten Seite: «Es ist ein ständiges Sehnen, ein rasendes Verlangen, ihn zu sehen und zu liebkosen, seinen prachtvollen Körper, gehüllt in diese seidenweiche, sonnengebräunte Haut, sein schwindelerregend schönes Gesicht, seinen Mund, seinen Torso, seine Beine und Arme, seine Hände. Ich will zu ihm, auf ihn, will ihn um mich und in mir haben. Die Erinnerungen an den Sex in all diesen Jahren bestürmen mich Dutzende Male am Tag, kurze Szenen, Bildblitze, in hoher Frequenz abgefeuert, ohne Chronologie, ohne Ton.»

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Sexuelle Wesen

Ich kenne diese Bilder. Mich durchzuckten sie, als ich die Kleider in Händen hielt, in denen mein Ex-Freund starb. Als ich seinen Geruch einsog, den es nur noch in Verbindung mit diesem Stoff gab. Es waren Bilder eines Körpers, der mir vertraut war. Ein Körper, der jetzt kalt und leblos irgendwo lag.

Darüber müssen wir sprechen. Wir Menschen sind sexuelle Wesen – auch in der Trauer. Es bringt nichts, unsere Gefühle und Bedürfnisse hinter Pietät und Scham zu verrammeln. Dabei geht es nicht nur um Sex. Es geht um das, was wir als moderne Gesellschaft nur allzu gern verdrängen: die Leiblichkeit des Todes. Fangen wir an, uns ihr zu stellen. Fangen wir an bei der schönsten und der schlimmsten Sache der Welt.

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Caroline Kraft (41) schreibt als freie Autorin u. a. für «Zeit Online» und das «Missy Magazine». Sie ist Sterbebegleiterin und immer wieder Bestattungspraktikantin. Zusammen mit Susann Brückner betreibt sie den Podcast «endlich. Wir reden über den Tod». Ihr Buch «endlich. Über Trauer reden» erscheint im März 2022 im Goldmann-Verlag.

Dieser Text stammt aus der aktuellen annabelle-Sonderausgabe zum Thema Tod. Das Spezialheft ist am Kiosk erhältlich.

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