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Eineiige Zwillinge: Twin Peaks

Body & Soul

Eineiige Zwillinge: Twin Peaks

  • Text: Sven BoderIllustration: Denise van Leeuwen

Petra und Isolde sind eineiige Zwillinge. Das würde man nicht vermuten, denn Petra hat Brüste, wo Isolde nur Brustwarzen hat.

Petra und Isolde sind eineiige Zwillinge. Das würde man nicht vermuten, denn Petra hat Brüste, wo Isolde nur Brustwarzen hat.

Nennen wir ihn Erich. Erich war nicht Isoldes Traumprinz, aber so viel Unverschämtheit hätte sie ihrem damaligen Lover nicht zugetraut. Als Erich zum ersten Mal Isoldes Schwester gegenüberstand, sagte er: «Manchmal ist die Natur richtig gemein.» Worauf Erich anspielte, war offensichtlich. Obwohl derselben Eizelle entsprungen und vom gleichen genetischen Bauplan, hat Petra Brüste, wo ihre Zwillingsschwester Isolde nicht viel mehr als Brustwarzen hat. Was Erich nicht wusste: Die unterschiedliche Oberweite ist keine Laune der Natur, sondern das Werk eines Schönheitschirurgen. Petra hat sich mit zwanzig Jahren Implantate einsetzen lassen. «Keine Dolly-Parton-Dinger», wie sie es sagt, «sondern Brüste, die schön und natürlich aussehen. Und die zu mir passen.» In Körbchengrösse übersetzt: Früher trug sie eine kleine A, heute eine gute B.

Isolde, heute 39, hatte auch mal grössere Brüste. Fast zwei Jahre lang, vom Milcheinschuss bis zum Abstillen. Eine ungewohnte Zeit: «Auf einmal drehten sich die Bauarbeiter nach mir um.» In Italien, wo Isolde damals gelebt hat und wo man sie nur schwanger kannte, fragten die Leute, als der Spuk vorbei war: Isolde, was ist los? Bist du krank? Nein, sie war nicht krank. Nur war mit der Muttermilch auch Körbchengrösse B verschwunden. Isolde war wieder Isolde: gross, dünn, flach. Aber gesund. Und mit einem völlig neuen Verhältnis zu ihrem Busen gesegnet.

Bis dahin war Isolde nämlich stets mit dem Kopf an die Sache herangegangen. Sie sagte sich: Es gibt die Dicken und die Dünnen, es gibt die Grossen und die Kleinen. Es gibt Frauen wie die Venus von Willendorf, üppig, prall – und Frauen wie sie, Isolde. Frauen von anderer Abstammung, aber genauso schön und natürlich. «Gross, aufrecht, agil: So habe ich mich als junge Frau gesehen.» Als sie mit 24 ihr erstes und einziges Kind bekam, es monatelang stillte, spürte sie es zum ersten Mal auch körperlich: «Ich bin eine vollwertige Frau.» Schliesslich funktionierte ja alles.

Wenn einem die Leute ständig das Gefühl geben, es fehle da etwas obenrum, könnte man schon anfangen zu zweifeln an der eigenen Weiblichkeit. Doch Isolde war eben nicht nur die «Verkopftere» der beiden, sondern auch die Kantigere, Burschikosere. Als Teenager trug sie das Haar kurz und gern rot. «In der Umkleidekabine hat man mich gehänselt, weil ich so dünn war, nicht weil ich keinen Busen hatte.» Petra hingegen war immer die Femininere, hat sich geschminkt und gern Minijupe getragen. «Doch dann fehlt dir obenherum eben eher etwas», meint Isolde. Petra sieht das zwar etwas anders. Aber sie gibt zu: «Ich hatte damals kein gesundes Selbstvertrauen. Ich dachte, ein grosser Busen würde mir helfen.» – Eine Meinung, die nicht von ungefähr kam.

«Wir haben Mama nie nackt gesehen.»

Isolde war fünf Minuten vor Petra zur Welt gekommen. Und die beiden zwei Jahre nach Claudia, der ältesten der drei Schwestern. Dass es beim zweiten Mal ein Doppelpack geben würde, hatte ihre Mutter befürchtet; auch sie und ihre Schwester waren eineiige Zwillinge. Mit diesem Schicksal hat die Mutter nie wirklich Frieden geschlossen. Jahrelang fühlte sie sich minderwertig, vor allem ihrer Schwester gegenüber. Aber noch weniger kam sie zurecht mit dem offensichtlich familiär bedingten Mangel an Oberweite. «Unsere Mutter war wegen ihres Busens enorm verunsichert», sagt Petra. Isolde benutzt die Worte «verklemmt» und «verkrampft», um die Stimmung im Badezimmer ihrer Kindheit zu beschreiben. «Wir haben Mama nie nackt gesehen.» Das färbt ab.

Als Mädchen waren Petra und Isolde ein Herz und eine Seele. Bis 16 teilten sie sich das Zimmer, tauschten die Kleider, mochten die gleiche Musik, schwärmten für dieselben Stars. Sie waren sich so eng verbunden, dass für andere Freundinnen kaum Platz war. Aber über ihre Brüste geredet, das haben sie nie. «Das war wie kein Thema», meint Petra. Isolde findet das merkwürdig. Petra nicht.

Mit 16 begannen sich die beiden voneinander zu emanzipieren. Den «Individualisierungstrip» nennt es Isolde. Dabei war es vor allem Petra, die es leid war, ständig verglichen zu werden. Sie hatte es satt, dass man sie in der Schule «Zwilling» rief, als hätte sie keinen eigenen Namen. Und dass die älteste der drei Schwestern, Claudia, eine richtig schöne Hollywood-Barbie bekam, «die Zwillinge» je eine, die nicht mal Arme und Beine bewegen konnte. Aber eine halbe Barbie bleibt eben eine halbe Barbie, auch wenn es sie im Duopack gibt. «Man will doch ein eigener Mensch sein!», betont Petra.

Sind die Zwillinge heute gemeinsam unterwegs, was nur noch selten vorkommt, weil Isolde in Zürich lebt und Petra auf der gegenüberliegenden Seite des Erdballs, werden sie immer noch verglichen. Nur bietet Isolde, zumindest aus Männersicht, unterdessen das schlechtere Rating: Doppel-A, bestenfalls. Erich war nicht der einzige Liebhaber, der in ihrer Schwester die eigentlich sexyere Ausgabe von ihr sah. Einmal gestand ihr einer, er würde gern mal mit ihrer Schwester schlafen – vielleicht ja zu dritt? So etwas tut schon weh, meint Isolde.

Petra hat sich so etwas nie anhören müssen. Von ihr gab es nie ein gepimptes Double. Damals, mit 16, als beide noch flach waren, war es aber sie, die ins musische Gymnasium wechselte. Weg von Isolde. Nach dem Abschluss, sie war eben 18 geworden, zog Petra von zuhause aus, ging nach Neuseeland, begann eine Karriere als Model. Gefragt war ihr Körper – so zart und filigran, als hätte man ihn nachträglich auf die 174 Zentimeter gezogen – vor allem in Asien. In Japan fand sie auch den ersten BH, der ihr passte. Wohler in ihrem Körper fühlte sie sich deswegen nicht.

Nach der OP hat Petra ihr einfach nur leidgetan.

Denn da waren diese Männer. Die einen lachten sie nur aus, das Brett, die Spargel. Andere vergriffen sich an ihrer Brust, einfach so, als wäre nichts dabei, ist schliesslich nichts dran. Eine Beziehung mit einem Griechen, den sie als «ziemlichen Macho» beschreibt, sei «der Sache», wie sie es nennt, auch nicht gerade dienlich gewesen. Und so beschloss Petra, unterdessen 20, sich unters Messer zu legen.

Isolde kam gemeinsam mit ihrer Mutter, um Petra nach der OP vom Spital abzuholen. Die Schwester war gespannt. Die Mutter aufgeregt. Der erste Gedanke, als Isolde ihrem aufgemotzten Ebenbild gegenüberstand, war kein «Wow!» und auch kein «Oh, nein!» – Petra hat ihr einfach nur leidgetan: «Sie war so langsam, so zerbrechlich. Sie konnte nicht mal die Arme heben, weil ihr alles wehgetan hat.» Und was dachte sie, als sie ihre Zwillingsschwester erstmals nackt sah mit den neuen Brüsten? «Das habe ich bis heute noch nie.» Einmal angefasst? «Gehts noch!»
Nur das: Was sie erahnen könne, unter engen Kleidern, im Bikini – «das gefällt mir recht gut». Und die Mutter? Sie sah in Petras neuen Brüsten einen Traum erfüllt, den sie selbst gehegt, aber nie realisiert hat. So sieht es Isolde. Petra widerspricht ihr nicht.

Man müsste meinen, Isolde fühlte sich von den Frauen ihrer Familie verraten. Oder ihnen moralisch überlegen, weil sie dem gängigen Schönheitsideal ihre zwar flache, dafür unbeugsame Brust geboten hat. Isolde schüttelt den Kopf: «Ich habe Petra nie als mein Spiegelbild gesehen. Was sie gemacht hat, hat sie mit ihrem eigenen Körper gemacht. Und das ist ihr gutes Recht!» – Und sie? «Nein, mir hätten grössere Brüste nicht entsprochen. Mein kleiner Busen fühlt sich gut an. Irgendwie richtig.»

Petra formuliert es fast genauso: «Die neue Brust passt gut zu mir. Ich fühle mich jetzt sehr wohl, werde nicht mehr ausgelacht.» Vielleicht, meint Petra rückblickend, habe ihre Schwester einfach immer besser damit umgehen können, von Leuten blöd angequatscht zu werden. «Vielleicht hat sie aber auch einfach die netteren Männer kennen gelernt.» Dem würde Isolde widersprechen: «Es ist für keine Frau leicht, den richtigen Mann zu finden, egal, ob mit grossen oder mit kleinen Brüsten.»

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