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Kann Ozempic bei Alkoholabhängigkeit helfen?

Kann Ozempic bei Alkoholabhängigkeit helfen?

Ozempic rückt als mögliche Therapie bei Alkoholabhängigkeit in den Fokus. Der Pharmakologe und Psychiater Georgios Schoretsanitis über die Wirkung der Abnehmspritze auf Gehirn und Psyche.

annabelle: Georgios Schoretsanitis, die WHO empfahl vor Kurzem erstmals jene Medikamentengruppe, zu deren Wirkstoffklasse Ozempic gehört, für die Behandlung von krankhaftem Übergewicht. Was bedeutet das?
Georgios Schoretsanitis: Wichtig sind hier zwei Dinge: Die WHO legitimiert damit explizit eine medizinische Therapie zur Gewichtsreduktion – nicht den Lifestylehype. Ausserdem markiert die Empfehlung einen Paradigmenwechsel: weg von der Idee des individuellen Versagens, hin zur Anerkennung von Adipositas als chronischer Erkrankung. Dazu muss man verstehen, dass wir es mit einer globalen gesundheitlichen Herausforderung zu tun haben. Adipositas ist kein Randphänomen, sondern ein weit verbreitetes Syndrom – eine Kombination aus Übergewicht, erhöhtem Blutzucker und Bluthochdruck. In westlichen Ländern ist inzwischen jeder dritte bis vierte Erwachsene betroffen (laut Bundesamt für Statistik waren in der Schweiz 2022 rund zwölf Prozent der Bevölkerung adipös, Anm. d. Red).

Und wie bewerten Sie als unabhängiger Forscher diesen Entscheid?
Ich stehe hinter dieser Empfehlung. Schon eine zeitlich begrenzte Behandlung kann bei gegebener medizinischer Indikation den Körper erheblich entlasten und schwere Folgeerkrankungen – wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Typ-2-Diabetes– zumindest vorübergehend verhindern.

Wie funktioniert Ozempic eigentlich genau?
Der Wirkstoff Semaglutid imitiert das körpereigene Sättigungshormon GLP-1 und verlängert dessen Wirkung. Ursprünglich für die Diabetesbehandlung entwickelt, stabilisiert es den Blutzucker. Gleichzeitig verlangsamt es die Magenentleerung: Nahrung bleibt länger im Magen, das Sättigungsgefühl hält an, man nimmt weniger Nahrung zu sich. Entscheidend ist jedoch, dass Semaglutid nicht nur im Körper, sondern auch im Gehirn wirkt.

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"Semaglutid scheint jene neuronalen Prozesse zu dämpfen, die Essen, Alkohol oder andere Substanzen als beruhigend oder belohnend markieren"

Auch den nach Alkohol?
Immer mehr Studien zeigen, dass auch das Verlangen nach Alkohol abnimmt. Der Grund liegt im Belohnungssystem des Gehirns. Hunger- und Suchtreize laufen über ähnliche neuronale Pfade. Semaglutid scheint das sogenannte Rewarding zu dämpfen, also jene neuronalen Prozesse, die Essen, Alkohol oder andere Substanzen als beruhigend oder belohnend markieren. Das Gehirn verlangt weniger nach dem nächsten Kick. Ich rechne damit, dass in den USA zeitnah die Zulassung von Ozempic als Medikament gegen Alkoholabhängigkeit beantragt werden könnte.

Es gibt auch eine Kehrseite des Wirkstoffs. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hatte vor drei Jahren eine Untersuchung zu Suizidgedanken unter Semaglutid angeordnet. Wie kam es dazu?
Der Auslöser waren Berichte über Suizidideen von Patient:innen aus skandinavischen Ländern, insbesondere Island. Zu diesem Zeitpunkt gab es in den Beipackzetteln von Semaglutid oder dessen Vorgänger Liraglutid keinerlei Hinweise auf solche Nebenwirkungen. Ich erinnere mich gut: Ich war gerade im Urlaub, als ich die Nachrichten las. Gemeinsam mit dem Pharmakologie-Departement der ETH Zürich und Professor Stefan Weiler nutzten wir den Zugriff auf die globalen WHO-Daten mit immerhin 28 Millionen Berichten, um dieses Signal wissenschaftlich zu untersuchen. Wir wollten wissen: Gibt es bei Semaglutid tatsächlich häufiger suizidale Tendenzen als bei anderen Medikamenten oder bei anderen Adipositas-Therapien?

Und?
Wir haben tatsächlich ein statistisch signifikantes Signal für Suizidgedanken unter Semaglutid gefunden. Wichtig ist aber die Einordnung: Rund ein Fünftel der Betroffenen nahm gleichzeitig auch Antidepressiva. Als wir diese Patient:innen mit bereits bestehender psychiatrischer Vorgeschichte aus der Analyse herausnahmen, zeigte sich für psychisch gesunde Menschen kein erhöhtes Risiko mehr. Semaglutid macht also nicht per se depressiv und löst in der Allgemeinbevölkerung keine Suizidfantasien aus. Für Patient:innen mit bestehender psychischer Erkrankung hingegen ist ein solches Me-dikament eine Hochrisiko-Intervention, die eng begleitet werden muss.

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"Tiefe Eingriffe in den Stoffwechsel verändern nicht nur den Körper, sondern auch das psychische Erleben"

Wäre es also besser, bei bestehenden Depressionen kein Ozempic zu verabreichen?
Nein, aber eine entsprechende Behandlung braucht besondere Aufmerksamkeit, sollte interdisziplinär erfolgen und eng begleitet werden, um früh zu erkennen, ob eine bestehende psychische Verletzlichkeit verstärkt wird. Um diese Mechanismen besser zu verstehen, lohnt der Blick zu Patient:innen, an denen eine Magenverkleinerung vorgenommen wurde.

Was zeigt sich hier?
Aus grossen Registerstudien in Skandinavien wissen wir, dass Patient:innen nach Magenverkleinerungen innerhalb von fünf Jahren überdurchschnittlich häufig Suizidideen entwickeln, insbesondere dann, wenn sie bereits vor dem Eingriff psychisch instabil waren. Bei Ozempic hatten wir in unseren Daten der Menschen mit Suizidgedanken keine Informationen dazu, wie viel Gewicht sie abgenommen haben, aber die Hypothese liegt auch hier nahe: Wenn sich Körperbild, Essverhalten und damit auch Teile der Identität abrupt verändern, geraten sensible Menschen ins Trudeln. Tiefe Eingriffe in den Stoffwechsel verändern nicht nur den Körper, sondern auch das psychische Erleben – und genau das muss in der Behandlung mitgedacht werden. Wir müssen aus dieser strikten Trennung zwischen Körper und Geist herauskommen.

Man könnte meinen, dass Abnehmwillige zufrieden sein müssten, wenn die Kilos purzeln. Wieso kann einen das in eine Identitätskrise stürzen?
Essen ist auch eine soziale Komponente. Wenn man im Restaurant die Portion nicht mehr schafft, mag man stolz auf die neue Kontrolle sein, aber es verändert die soziale Interaktion und das Selbstbild massiv. Genau das ist der Punkt. Stellen Sie sich vor, Sie koppeln Essen – wie ich als Grieche – an Ferien, Freundschaften, das Leben, erfreuen, belohnen oder beruhigen sich sogar zuweilen mit Essen. Wenn Ihnen dieses Werkzeug genommen wird, ohne dass Sie Alternativen haben, hängen Sie psychisch in der Luft. In der Psychiatrie kennen wir das Phänomen der Suchtverlagerung.

"Ozempic wird als Wunderwaffe vermarktet. Wenn Patient:innen nicht so viel abnehmen wie erhofft, kann das in tiefe Frustration und Depression umschlagen"

Erklären Sie bitte!
Ein klassisches Beispiel: Wird eine Alkoholabhängigkeit erfolgreich gestoppt, entwickeln manche Patient:innen stattdessen eine Spielsucht. Eine zentrale Quelle von Zufriedenheit wurde blockiert, die Psyche sucht ein anderes Ventil. Gelingt diese Kompensation nicht, können schwere psychische Krisen entstehen. Dann gibt es noch eine zweite Arbeitshypothese.

Die da wäre?
Ozempic wird weltweit als Wunderwaffe vermarktet. Wenn Patient:innen nicht so viel abnehmen wie erhofft oder die Erwartungen an das neue Leben enttäuscht werden, kann das in tiefe Frustration und Depression umschlagen. Man hat alles versucht und trotzdem klappt es nicht. Das Gefühl, endgültig gescheitert zu sein, ist ein gefährlicher Trigger.

In den USA ist Ozempic allgegenwärtig. Was halten sie davon?
Ja, ob im Fernsehen oder auf Plakaten, überall wird die lebensverändernde Medikation angepriesen. Das suggeriert, dass man eine Mitschuld trägt, wenn man sich die Spritze nicht holt. In der Schweiz war die Verordnung lange Zeit streng und medizinisch begründet zentralisiert, etwa durch das Universitätsspital Zürich. Doch wir beobachten eine Wende: Ozempic wird auch hier zum Statussymbol. Wer das Geld hat, kann es sich besorgen – oft ohne medizinische Notwendigkeit. Das führt dazu, dass die psychische Komponente völlig unterschätzt wird.

In ersten Luxus-Kliniken wird bereits mit «Ozempic-Entzug» geworben. Kann man von diesem Medikament im medizinischen Sinne abhängig werden?
Hier müssen wir klar zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit unterscheiden. Körperlich ist Semaglutid kein Suchtmittel. Bei einer echten Abhängigkeit zum Beispiel, etwa bei Alkohol oder Heroin, sehen wir so genannte Toleranzeffekte – man braucht immer höhere Dosen für den gleichen Effekt. Das ist hier nicht der Fall.

"Das eigentliche Risiko beginnt nicht unter der Spritze, sondern an dem Tag, an dem sie nicht mehr verabreicht werden kann"

Und psychologisch?
Die Patient:innen gewöhnen sich an das neue Ich, an das schlanke Spiegelbild, gewinnen auch oft ein völlig neues Selbstbewusstsein. Ich hatte etwa einen Patienten mit Schizophrenie, der jahrelang in einem Teufelskreis aus Symptomen wie starker Antriebslosigkeit und schwerem Übergewicht gefangen war. Wir haben bei ihm Ozempic eingesetzt, und der Erfolg war phänomenal – nicht nur auf der Waage. Plötzlich sass er bei mir im Sprechzimmer und fragte mich: «Herr Professor, was halten Sie eigentlich von Dating-Plattformen?» Das ist der Moment, in dem ich merkte: Hier hat jemand sein Selbstvertrauen zurückgewonnen.

Und wohl auch die Angst, es wieder zu verlieren.
Nicht nur in solchen Fällen kann die Angst vor dem Rebound-Effekt in der Tat entsprechend massiv sein. Und irgendwann kommt der «Tag 1 ohne Ozempic». Für die meisten Patient:innen ist Ozempic ja keine Dauertherapie: Nach ein bis zwei Jahren ist Schluss, aus Kostengründen, wegen Nebenwirkungen und mangels Langzeitdaten.

Wie gilt es, das Leben nach Ozempic zu meistern?
Man muss den Lifestyle aktiv umbauen und Themen wie Sport und bewusste Ernährung nachhaltig verankern. Und das mit professionellen Übergangsplänen statt teurer Entzugskuren in Wellness-Spas. Ausserdem gilt es, Konsument:innen über die enormen körperlichen Belastungen aufzuklären, die ein Absetzen des Medikaments mit sich bringt.

Heisst das, entscheidend für den Erfolg des Abnehmens ist nicht die Behandlung selbst, sondern das, was danach passiert?
Ja, das eigentliche Risiko beginnt nicht unter der Spritze, sondern an dem Tag, an dem sie nicht mehr verabreicht werden kann. Kommt es danach erneut zu einer raschen Gewichtszunahme, kippt die Stoffwechsellage oft – man nimmt also noch schneller zu. Besonders die Bauchspeicheldrüse reagiert sensibel, weil sie unter ungünstigeren Bedingungen wieder stärker zur Insulinregulation beitragen muss. Entscheidend ist deshalb, die Übergangsphase medizinisch zu begleiten. Ohne nachhaltige Lebensstilveränderungen ist der Rückschlag vorprogrammiert – und der gesundheitliche Gewinn oft nur von kurzer Dauer.

"In den USA gibt es bereits eine ganze Industrie, die plastische Eingriffe nach einer Ozempic-Behandlung anbietet"

Welche neuen Einsatzfelder rund um den Wirkstoff zeichnen sich noch ab?
Eine grosse Herausforderung bei Semaglutid besteht darin, dass das Volumen der Muskeln abnimmt. In den USA gibt es bereits eine ganze Industrie, die plastische Eingriffe nach einer Ozempic-Behandlung anbietet. Die Zukunft liegt in Kombinationspräparaten, die das Gewicht reduzieren, aber die Muskelmasse schützen. Soziale Medien schwärmen bereits von einer Generation «Sexy Americans» – ganz einfach fit und muskulös durch Pharma-Unterstützung. Solche Präparate werden unser gesellschaftliches Körperbild noch einmal radikal verändern, Muskeln als Statussymbol sind ja eh auf dem Vormarsch.

Klingt nach dem ultimativen Lockmittel für menopausale Frauen…
Ja, Frauen kämpfen in der Menopause oft mit Bauchfett, erhöhtem Blutdruck und Insulinresistenz – selbst, wenn sie ihren Lebensstil gar nicht verändert haben. Hinzu kommt der altersbedingte Muskelabbau. Das ist für viele psychisch belastend. Hier kann Semaglutid in einem Kombinationspräparat ein echter Gamechanger sein, weil es genau an diesen metabolischen Entgleisungen ansetzt. Angesichts der demografischen Entwicklung wird diese Patientengruppe immer grösser.

Aber ist das nicht auch wieder nur eine Lifestyle-Lösung für einen natürlichen Alterungsprozess?
Nein, das sehe ich anders. Wir reden hier über Lebensqualität und davon, Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme zu verhindern, die nach der Menopause rasant ansteigen. Ich glaube fest daran, dass wir mit diesen neuen therapeutischen Möglichkeiten die zweite Lebenshälfte für Frauen völlig neu definieren können. Ziel ist nicht, dass Frauen in den Fünfzigern ihre Symptome verwalten, sondern dass ihr Stoffwechsel so reibungslos arbeitet, dass Energie, Kraft und geistige Klarheit erhalten bleiben.

Nun wird nicht jede Frau ab fünfzig adipös, meist geht es um die berühmten fünf Kilo, die es abzunehmen gilt. Was sagt die Medizin zu Microdosing?
Es gibt dazu keine Datenlage und medizinisch können wir das weder unterstützen noch untermauern.

Ein sehr sensibles Thema ist die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Mehr als 390 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 19 Jahren sind heute übergewichtig – ein dramatischer Anstieg im Vergleich zu früheren Jahrzehnten.
Bei Kindern und Jugendlichen sind kognitive und körperliche Entwicklungsprozesse im Gange, die wir nicht durch eine Wunderspritze gefährden sollten. Die Langzeitfolgen dieser Inhaltsstoffe sind auch nicht gut bekannt. Ethisch halte ich es für fragwürdig. Wir müssen erst alle anderen Ressourcen – Bewegung, Ernährung, familiäre Aktivierung – ausschöpfen, bevor wir die Verantwortung an die Pharmaindustrie übergeben.

Georgios Schoretsanitis ist Pharmakologe und Psychiater an der Universität Zürich. Er forscht zu Psychopharmakologie, Therapeutic Drug Monitoring und Arzneimittelsicherheit.
Bild: Constantinos Tziamalis

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