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Gynäkopsychiaterin Rea Somer:

Gynäkopsychiaterin Rea Somer: "Der Stress durch die Depression geht auch in die Muttermilch"

Als Gynäkopsychiaterin behandelt Rea Somer Frauen, die rund um Schwangerschaft und Mutterschaft psychisch erkranken. Ein Gespräch über ein wenig bekanntes Fachgebiet.

annabelle: Rea Somer, der Begriff Gynäkopsychiatrie dürfte den meisten kein Begriff sein. Was beinhaltet dieses Fachgebiet konkret?
Rea Sommer: Gynäkopsychiatrie ist ein umfassender Begriff. Darunter fallen Themen wie unerfüllter Kinderwunsch oder die Reproduktionsthematik, unter der viele Frauen auch psychisch sehr leiden. Ich selbst arbeite vor allem mit Frauen in der Schwangerschaft, die psychisch krank sind. Oder wenn sich nach einer Geburt psychische Störungen zeigen. Zudem kommen auch Frauen zu mir, die eine Geburt als traumatisch erlebt haben.

Welche psychischen Erkrankungen können denn rund um eine Schwangerschaft auftreten?
Manche Frauen erkranken rund um die Schwangerschaft zum ersten Mal psychisch. Andere hatten früher schon einmal eine Angststörung, eine depressive Episode oder eine Zwangsstörung. Diese Frauen sind in dieser Zeit gefährdeter, wieder zu erkranken. Auch nach der Geburt. Viele kommen auch, wenn sie zum zweiten Mal schwanger sind oder werden wollen.

Warum bei der zweiten Schwangerschaft?
Häufig ist da etwas an der ersten Schwangerschaft oder Geburt, das nicht aufgearbeitet wurde. Zum Beispiel eine traumatisch erlebte Geburt. Die kann man oft eine Zeit lang zur Seite schieben, aber sobald sich das Thema wieder nähert, kommt es zurück. In anderen Fällen waren sie vielleicht nach der ersten Geburt depressiv, haben mehr schlecht als recht funktioniert. Und dann merken sie im Rückblick, dass das wahrscheinlich mehr war als nur ein bisschen Verstimmung.

Kann man sagen: Eine Schwangerschaft ist für die Psyche eine Ausnahmesituation?
Nicht für alle Frauen. Aber für viele, ja. Und dasselbe gilt für die Pubertät, die Geburt, die Stillzeit und dann auch die Menopause.

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"Frauen mit PMS sind bei jeder Art von hormoneller Veränderung gefährdeter"

Was haben diese Frauen gemeinsam?
Ich frage immer: Wie ist der gesamte hormonelle Zyklus? Bei sehr vielen Frauen, die ich sehe, gab es schon immer starke prämenstruelle Beschwerden. PMS ist ja nicht nur eine Stimmungsschwankung, sondern bringt auch körperliche Beschwerden mit sich. Häufig ist es aber viel mehr: psychische Beschwerden, enorme Reizbarkeit, schwer steuerbare Wut, die sich oft gegen den:die Partner:in richtet – und wenn man Mutter ist, oft auch gegen die Kinder. Dazu kommen ausgeprägte Stimmungstiefs, in seltenen Fällen bis hin zu Suizidalität. Das kann bis zu zwei Wochen im Zyklus ausmachen. Und wenn die Menstruation kommt, ist es häufig schlagartig vorbei. Und da merke ich: Frauen mit PMS sind bei jeder Art von hormoneller Veränderung gefährdeter. Aber – und da sehen wir, wie gross die Bandbreite ist – es gibt auch solche, für die eine Schwangerschaft stabilisierend und ausgleichend wirkt, weil dieses Auf und Ab der Hormone nicht da ist.

Sie sind ja Psychiaterin, verschreiben auch Medikamente. Rund um die Schwangerschaft ist das vermutlich ein heikles Thema.
Das muss man immer sehr individuell abwägen. In vielen meiner Fälle geht es vor allem um Psychotherapie. Wenn jedoch die Kriterien erfüllt sind für – beispielsweise – eine depressive Erkrankung in der Schwangerschaft oder nach der Geburt, dann muss man über Medikamente sprechen.

Ich kann mir vorstellen, dass das viele nicht möchten, in der Schwangerschaft und Stillzeit.
Ich sage dann häufig: Schauen Sie, diesen Stress, den sie haben durch ihre psychische Ausnahmesituation, ihre Depression, ihre Angst, der geht auch in die Muttermilch. Das ist auch nicht «natürlich». Da braucht es viel Psychoedukation: Wir wissen, wie schädlich eine unbehandelte Depression für das Kind und die Bindung ist. Über Bindung wissen viele junge Eltern inzwischen recht viel. Da haben sie ein offenes Ohr. Man muss immer abwägen: Was ist der Nutzen und was ist der Schaden, wenn man medikamentös behandelt oder eben nicht? Und grundsätzlich sind die gängigen Medikamente, die wir einsetzen, für das Stillen unproblematisch.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn Mütter sehr schwer depressiv erkranken?
Ich hatte kürzlich eine Patientin, die sehr depressiv war mit schweren Schlafstörungen, und kaum Unterstützung hatte. Es war klar, dass sie in die Klinik musste. Wir haben geschaut, ob es einen Platz auf der Mutter-Kind-Station gibt. Leider hatte es so akut keinen und sie musste in eine normale Psychiatrie ohne Baby. Eine derartige Trennung von Mutter und Kind will man eigentlich unbedingt vermeiden.

Es gibt Mutter-Kind-Stationen in den Psychiatrien?
Die gibt es. Und es gibt auch Tageskliniken mit diesen Angeboten. Aber die Plätze sind begrenzt und oft auf Wochen ausgebucht.

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"Frauen mit ADHS haben häufig PMS – oder sogar PMDS"

Ich stelle mir Ihren Job als Gynäkopsychiaterin schwieriger vor als den von anderen Psychiater:innen, wenn Sie so aktiv auf Zyklen und Hormonschwankungen achten müssen, die laufend eine neue Situation für Sie und die Patientinnen schaffen.
Das macht es eben auch sehr spannend. Und ich glaube, die meisten Frauen sind auch neugierig auf sich selbst und auf diese Zusammenhänge. Viele Frauen haben ja heute Apps, in die sie alle Symptome eintragen. Zu meiner Zeit gab es das noch nicht. Ich finde das super. Aber den Link zu machen von den Beschwerden zu diesen Daten, das fehlt manchmal. Viele sagen: «Ach ja, Sie haben recht, eigentlich habe ich das schon gemerkt.» Aber viele haben sich damit einfach arrangiert. Es ist wichtig, Worte dafür zu haben.

Sie sind auch auf ADHS spezialisiert. Mittlerweile ist ja bekannt, dass der Zyklus bei Frauen mit ADHS eine grosse Rolle spielen kann.
Frauen mit ADHS haben häufig PMS – oder sogar PMDS. PMDS ist die prämenstruelle dysphorische Störung. Sie gilt als die schwerste Störung in diesem Kontext. Frauen mit PMDS tauchen psychisch richtig ab, in seltenen Fällen bis hin zu Suizidalität. Der Leidensdruck ist sehr hoch. Und Frauen mit ADHS haben das häufiger. Man geht nicht davon aus, dass die hormonellen Schwankungen an sich anders sind – eigentlich haben alle Frauen diese hormonellen Schwankungen –, aber dass das Gehirn dieser betroffenen Frauen viel sensibler auf diese Schwankungen reagiert. Und dass dadurch die Symptomatik entsteht.

Sind Frauen mit ADHS auch bei Schwangerschaft und Mutterschaft besonders gefordert?
Beim ersten Kind geht es meistens noch. Beim zweiten wird es schwierig, weil sich die Frauen noch mehr anpassen müssen. Organisation, Zeitmanagement – das sind Themen, die bei ADHS natürlich ohnehin da sind und dann verstärkt werden. Viele haben in der Schulzeit vielleicht Medikamente genommen, dann einen Beruf erlernt, in diesen Strukturen gut funktioniert und über lange Zeit keine Medikamente mehr benötigt. Dann kommt die Mutterschaft.

Wie sieht es mit ADHS-Medikamenten in der Schwangerschaft und Stillzeit aus?
Ich habe eine Patientin, die gerade ihr zweites Kind bekommen hat. Sie hatte bereits eine bekannte ADHS. Sie hat die Medikamente in der ersten Schwangerschaft nicht mehr genommen, dann nach der Geburt auch nicht mehr. Jetzt ist das zweite Kind da. Sie hatte dann eine ganz heftige Postpartum-Depression. Da war klar: Wir müssen auch die ADHS wieder behandeln. Aber sie stillt jetzt. Bei ADHS bin ich maximal zurückhaltend, wenn es darum geht, während der Stillzeit Medikamente zu geben. Da warten wir jetzt ab.

"Je mehr Angebote, desto tiefer sind die Hürden, sie in Anspruch zu nehmen"

Psychische Probleme sind nach wie vor tabuisiert. Wenn diese jedoch in der Schwangerschaft oder als Mutter vorkommen, stelle ich mir das Tabu noch grösser vor.
Die Scham ist oft enorm, die Schuldgefühle riesig, gerade bei Patientinnen mit Themen rund um die Geburt. Darum finde ich es so gut, dass es zunehmend mehr Angebote gibt. Je mehr Angebote, desto tiefer sind die Hürden, sie in Anspruch zu nehmen.

In vielen Kliniken gibt es mittlerweile gynäkopsychiatrische Sprechstunden. Wann sollte man sich an solch ein Angebot wenden?
Wenn der Leidensdruck hoch ist und der Alltag mehrheitlich durch die Symptomatik beeinträchtigt wird, ist es Zeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – und das gilt besonders während der Schwangerschaft und der Postpartumzeit. Denn in dieser Phase geht es nie nur um die Mutter allein, sondern immer auch um das Kind und die ganze Familie. Wir tragen hier eine sehr hohe Verantwortung, gerade diesen jungen Wesen gegenüber, damit sie gut gedeihen können.

Welche Anlaufstellen empfehlen Sie?
Der Kanton St. Gallen und der Kanton Thurgau verfügen über sehr gute und spezifische gynäkopsychiatrische Angebote rund um die Peripartalzeit sowie eine ausgezeichnete Vernetzung. Auch im Kanton Zürich gibt es spezifische Anlaufstellen und frauenspezifische Sprechstunden. Für Themen rund um die Geburt empfehle ich ausserdem den Kontakt zum Verein Periparto. Gesamtschweizerisch ist das Angebot unterschiedlich ausgebaut, aber diese Anlaufstellen sind ein sehr guter Einstieg.

Machst dir Sorgen um deine psychische Gesundheit, willst mit jemandem reden oder kennst du Betroffene, die Hilfe benötigen? Hier findest du Hilfe:

Erwachsene können über die Telefonnummer 143 die Dargebotene Hand kontaktieren oder finden Hilfestellung auf der Website 143.ch. Die Angebote sind vertraulich und kostenlos.

Crisis support in English: heart2heart.143.ch

reden-kann-retten.ch

Opferhilfe Schweiz

Für Kinder und Jugendliche: Telefon 147, auch per SMS, Chat, E-Mail oder im Internet unter 147.ch

Der Verein Periparto hilft bei Fragen zur psychischen Gesundheit rund um die Geburt

Dr. med. Rea A. Somer ist Fachärztin FMH Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Sie betreibt die Praxis im Fluss in Zürich.

Gabriella Alvarez-Hummel ist freie Journalistin und schreibt Cramp Mag – einen Newsletter über reproduktive und sexuelle Rechte im DACH-Raum und weltweit.

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