Liebe kennt kein Alter: Mein Freund ist jünger als mein Sohn
Sie dachte, das Kapitel Liebe sei für sie abgeschlossen. Doch in Kolumbien verliebt sich unsere 69-jährige Autorin in einen Mann, der 35 Jahre jünger ist als sie – und findet sich plötzlich in einer Beziehung wieder, die alle Konventionen sprengt.
- Von: Géraldine Sibler
- Illustration: Alice Piaggio
Mit Liebe, Lust und Leidenschaft hatte ich längst abgeschlossen. Mein Mann und ich hatten uns getrennt, nachdem sich unsere Sexualität verabschiedet hatte, wofür ich mich verantwortlich und schuldig fühlte. 15 Jahre ging ich danach allein durchs Leben – zwar nicht glücklich, aber ich hatte mich als bald Siebzigjährige mit meinem Schicksal abgefunden.
Immerhin hatte ich eine tiefe Beziehung mit meinem erwachsenen Sohn aus erster Ehe und eine sinnerfüllte Aufgabe: Seit über zwanzig Jahren ermögliche ich als Ethnologin und Kulturpädagogin Kindern in Armutsverhältnissen in Kolumbien den Zugang zur Kultur.
Auf einer dieser Reisen nach Cali begegnete ich im Oktober 2022 Tomás*, einem Theaterregisseur und Tanzlehrer. Mir fiel auf, wie aufmerksam und liebevoll er die Kinder zum freien Tanzen und zu Theaterimprovisationen anleitete.
"Nie hätte ich gedacht, dass es noch einmal möglich sein würde, mich einem Mann so vertrauensvoll hinzugeben"
Als er im Anschluss mit mir und den anderen Lehrpersonen des Kulturklubs Kaffee trank, lief im Hintergrund Salsamusik. Tomás merkte, dass ich kaum ruhig sitzen konnte, und forderte mich zum Tanzen auf.
Vielleicht war es ja da schon um mich geschehen. Spätestens aber am nächsten Abend, als wir an einem Konzert unter freiem Himmel bis tief in die Nacht hinein tanzten. Da war klar, dass wir uns wieder treffen wollten.
Aber mein dichtes Besuchsprogramm liess vor der Weiterreise nur noch eine einzige Begegnung zu. Nie hätte ich mir in meinen einsamen Jahren vorstellen können, dass es noch einmal möglich sein würde, mich einem Mann so vertrauensvoll hinzugeben. Die Erregung bei den Berührungen seiner samtig-seidenen Haut, sein Duft, das Einswerden mit seinem kraftvollen, 35-jährigen Körper.
"Mein Vorsatz war klar: Ich musste diese unmögliche Liebe beenden"
Tomás meldete sich während meiner weiteren Projektreise in Kolumbien immer wieder bei mir. Als ich zurück in der Schweiz war, tauschten wir uns täglich per Whatsapp über sein und mein bisheriges Leben aus. Mit zunehmendem Erstaunen stellten wir fest, dass wir die gleichen Bücher, Filme und die gleiche Musik liebten und dass wir uns tief verbunden fühlten, obwohl wir uns kaum kannten.
Zwei Monate später setzte ich mich wieder in ein Flugzeug, um den jungen Mann in Cali noch einmal zu treffen und um besser zu verstehen, wieso mich diese Leidenschaft gepackt hatte. Mein Vorsatz aber war klar: Ich musste diese unmögliche Liebe beenden.
Unmöglich wegen des riesigen Alterstunterschiedes und weil ich als Feministin nicht dem Klischee der älteren Frau entsprechen wollte, die sich in einem armen Land einen Lover nimmt. Ich kenne das Thema Sextourismus für Frauen gut, weil ich darüber eine Untersuchung veröffentlichte, als ich Anfang der 1990er-Jahren in Kolumbien lebte.
"59 Prozent der Männer haben eine jüngere Partnerin, aber nur 13 Prozent der Frauen"
Jetzt, beinahe dreieinhalb Jahre nach unserem Kennenlernen, sind Tomás und ich noch immer ein Paar. Im Winter leben wir in Cali, den Sommer verbringt er bei mir in der Schweiz. Wenn wir Hand in Hand spazieren gehen, spüren wir manchmal irritierte Blicke und wir haben auch schon – in beiden Ländern – Kommentare aufgeschnappt wie: «Schau mal, was macht denn diese Grossmutter mit dem Minderjährigen?»
Das Gespött der Leute schmerzt. Gleichzeitig bin ich realistisch genug zu wissen, dass unsere Partnerschaft mit dem Altersunterschied von knapp 35 Jahren wohl nicht für die Ewigkeit ist. Deshalb macht sich meine beste Freundin schon jetzt ein bisschen Sorgen um mich. Vor allem mein Sohn – der fünf Jahre älter ist als Tomás – freute sich aber von Beginn an, dass mich diese junge Liebe glücklich macht.
Gemäss Statistik haben deutlich mehr Männer als Frauen eine solche Mai-Dezember-Beziehung: 59 Prozent der Männer haben eine jüngere Partnerin, aber nur 13 Prozent der Frauen. Ich kenne beide Seiten: In den 1980er-Jahren war ich die Freundin eines damals international bekannten Theaterschauspielers.
"Liebt er mich, weil ich weiss bin und aus einem reichen Land komme?"
Er war 23 Jahre älter als ich und immer unsicher, ob ich ihn wirklich liebte oder ob ich eine der Frauen war, die sich nur mit ihm sehen lassen wollten, weil er so berühmt war. Geht es mir umgekehrt nun auch so? Wertet sich Tomás über meinen hohen sozialen Status auf? Liebt er mich, weil ich weiss bin, aus einem reichen Land komme, wo ich mir viele Wünsche ermöglichen kann? Oder weil ich weniger fordernd, fürsorglicher, mütterlicher bin als junge Frauen? Weil ich kein Kind von ihm will beziehungsweise keins mehr haben kann?
Finanziell hatten Tomás und ich von Anfang an die Regelung, dass wir alles selbst bezahlen oder uns abwechselnd einladen. Jedoch bezahle ich jeweils seinen Flug und alle Kosten in der Schweiz, er könnte sich das nicht leisten.
Ich habe Tomás schon mehrmals gefragt, wieso er mich liebt. Er antwortet jeweils differenziert und ehrlich, dass wahrscheinlich alle meine Vermutungen mitspielen würden und es natürlich wertvoll für ihn sei, dass er dank mir die Schweiz kennenlernen kann. Tatsächlich könnte er es sich nicht leisten, in andere Länder zu reisen.
Immer wieder schliesst Tomás seine Überlegungen ernst und sicher mit: «Ich liebe dich, weil du bist, wie du bist.» In solchen und in anderen Momenten spüre ich tiefe Verbundenheit. Doch dieser Zustand ist brüchig.
"Irgendwann wird er aus seiner Verliebtheit aufwachen und neben sich eine müde alte Frau mit faltiger Haut, Grauem Star und Besenreisern an den Beinen vorfinden."
Die Panik vor dem Liebes-Aus bohrt sich in mein Herz und ich habe das Gefühl, es wäre leichter, alles selbstbestimmt zu beenden, anstatt darauf zu warten, dass Tomás mich verlässt.
Ich weiss: Irgendwann wird er aus seiner Verliebtheit aufwachen und neben sich eine müde alte Frau mit faltiger Haut, Grauem Star, Altersflecken auf den Händen und Besenreisern an den Beinen vorfinden. Auch wenn Tomás mir regelmässig sagt, wie sehr ich ihm gefalle, gelingt es mir häufig nicht, unsere innigsten Momente zu geniessen, ohne mich schon kurz danach mit der Frage nach unserem kontrastreichen Leben zu quälen.
Eigentlich wäre ich heute altersgemäss in einer Lebensphase, in der innere Werte wichtiger werden als äussere, in der ich zur Ruhe kommen, Bilanz ziehen und vorausplanen könnte, wie ich mein Alter gestalten will. Stattdessen liebe ich einen jungen Mann.
"Es ist wunderbar, noch einmal einen Geliebten zu haben mit einem muskulösen Körper"
Mir geht es wie vielen älteren Frauen, die einen jungen Mann haben: Ich fühle mich jünger und attraktiver, neu motiviert, inspiriert und vitalisiert. Es ist wunderbar, noch einmal einen Geliebten zu haben mit einem muskulösen Körper.
Umgekehrt gibt es Momente, in denen ich mich genau wegen Tomás älter als siebzig fühle. Nicht nur, wenn ich mir abwertende Kommentare anhören muss. Manchmal auch dann, wenn Tomás sich – wie so häufig – auf Social Media verliert. Oder wenn wir in einer Runde mit seinen Freund:innen sind. Dann spricht er plötzlich auch diese «Hey Bro»-Sprache und gibt sich sehr cool.
Immer wieder zweifle ich an unserer Verbindung. Zumal unsere Beziehung noch aus einem anderen Grund Toleranz fordert: Tomás lebt nach wie vor mit seiner Frau zusammen – die auch einen anderen Partner hat. Ich weiss, dass Tomás ein aktives Sexualleben mit seiner Frau hat. Gemeinsam haben sie Zwillinge im Alter von zehn Jahren.
Insbesondere in den Frühlings- und Herbstwochen, in denen Tomás in Cali bei seiner Familie lebt und ich in Lausanne bin. Meistens kann ich damit gut umgehen. Ich kenne, schätze und respektiere seine Frau und finde es die bessere Variante, als wenn Tomás sich sonst wie ausleben würde. Und doch überfällt mich ab und zu die Eifersucht. Wäre es allenfalls einfacher, ich hätte in der Schweiz auch einen anderen Partner? Aber das würde nicht funktionieren: Mein Herz ist komplett besetzt mit Tomás.
Ich habe erkennen müssen, dass diese Unsicherheit für uns beide eine belastende Begleiterscheinung ist. Vor einigen Wochen hat er mich gebeten, unsere gemeinsame Zeit längerfristig zu planen. Ich habe ihm das versprochen und merke seither, dass es mir eine gewisse Ruhe gibt, nicht immer in der Erwartung zu leben, dass er mich nächstens verlassen wird. Umgekehrt äusserte Tomás – für mich sehr überraschend – schon einige Male die Befürchtung, er könnte mich verlieren. Offensichtlich teilen wir die gleichen Ängste.
Wir führen klar geregelte Paargespräche, in denen eine Person von sich erzählt und alles sagen kann, was ihr wichtig ist. Die andere Person hört ruhig zu, darf nicht unterbrechen. Missverständnisse und Schwierigkeiten können wir so fast immer gut klären. Tief verbunden fühlen wir uns zudem nach wie vor beim Tanzen. Da werden wir – wie auch beim Liebemachen – zu einem ungeteilten Sein.
Es tönt kitschig und ich bin eigentlich ein realitätsnaher Mensch. Aber ich spüre, dass Tomás und ich seelenverwandt sind. Wenn wir getrennt sind, passiert es häufig, dass wir im selben Moment aneinander denken und unabhängig voneinander beginnen, uns auf Whatsapp eine Nachricht zu schreiben.
Wenn wir beisammen sind und aus einem stillen Moment heraus zu reden beginnen, ertappen wir uns dabei, dass wir beide den gleichen Gedanken hatten und diesen nun gleichzeitig äussern. Auf Spaziergängen fällt uns auf, dass wir nicht nur unsere Schritte unbewusst aufeinander abstimmen, sondern dass sich auch unser Atemrhythmus und die Herzfrequenz angleichen.
Wir leben eine Liebe, die keine Zukunft hat – aber es ist Liebe.
* Namen wurden geändert und einige Details verfremdet