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Wie ist es eigentlich, sich mit siebzig Jahren noch einmal zu verlieben?

Wie ist es eigentlich, sich mit siebzig Jahren noch einmal zu verlieben?

Schmetterline im Bauch, ständig zusammen sein wollen, Lust auf Sex – diese Gefühle sind nicht nur ans Jungsein gekoppelt. Sylvie (72) erzählt, wie sie mit siebzig Jahren eine neue Liebe fand.

«Felix war 73, ich 70, als wir uns kennenlernten. Ich schrieb ihn auf einer Online-Dating-Plattform an. Seine Beschreibung hatte mich angesprochen. Sie war kurz, direkt und humorvoll.

Mein Mann starb vor etwas mehr als elf Jahren. Wir haben zwei erwachsene Kinder. Einige Jahre später hatte ich wieder einen Partner. Die Beziehung war schwierig und ging in die Brüche. Erst genoss ich es, allein zu sein, irgendwann spürte ich, dass mir etwas fehlte. Ich raffte mich auf, meldete mich bei der Dating-Plattform an und traf vor zweieinhalb Jahren Felix.

Bei unserem ersten Treffen plätscherte das Gespräch leicht und angeregt. Wir entdeckten Gemeinsamkeiten – etwa unser Interesse für Politik – und Felix brachte offen seine körperlichen Beschwerden auf den Tisch. Mit ihm schien alles einfach. Dennoch dachte ich nach dem Treffen: Schöner Abend, interessanter Mann, aber das wird nicht mein Partner. Das schrieb ich ihm. Er hingegen hatte eine Tiefe gespürt, die er nicht ziehen lassen wollte. Wir trafen uns ein zweites Mal. Und langsam änderte sich etwas.

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"Die Verliebtheit traf mich verzögert, aber mit voller Wucht"

Die Verliebtheit traf mich verzögert, aber mit voller Wucht. Die Schmetterlinge im Bauch, der Drang, mit der anderen Person zusammen sein zu wollen, die Lust auf Sex – alles war da. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte bis dahin, dieses Gefühl sei ans Jungsein gekoppelt. Aber egal, ob man sich mit zwanzig oder siebzig verliebt, es fühlt sich gleich an. Zumindest bei mir. Es war schön, manchmal auch anstrengend, das noch einmal zu spüren.

Sich mit siebzig zu verlieben, hat Vorteile. Ich bin gelassener als früher, weiss, was ich will und brauche, und was nicht. Äusserlichkeiten verlieren an Wichtigkeit. Man sieht schneller den Menschen als Ganzes. Als Paar muss man sich manche Fragen nicht mehr stellen, etwa, ob man Kinder will. Unsere Leben bestehen. Wir müssen den Rahmen nicht mehr definieren. Das sorgt für Leichtigkeit.

Manches ist auch komplizierter. Man ist nicht mehr so kompromissbereit wie früher. Das stellt einen vor neue Herausforderungen: Wie gelingt es, eine Paarbeziehung zu leben, ohne dass eine Person Eigenständigkeit, Umfeld oder die eigenen Wurzeln aufgeben muss? Wie gelingt es, unterschiedliche Vorlieben punkto Ferien, Einrichtung oder Rollenverteilung in Einklang zu bringen? Felix lebte zum Beispiel ein traditionelles Familienmodell, ich nicht.

Lösungen zu finden, bedeutet, im Gespräch zu bleiben, das Gegenüber mit seiner Art zu akzeptieren und aufeinander zuzugehen. Wir wohnen getrennt, rund dreissig Autominuten voneinander entfernt. Für uns ist es dieser Freiraum, der Nähe schafft und unserer Beziehung Tiefe und Innigkeit gibt.

In unserem Alter begleiten uns zunehmend existenzielle Fragen: Wie lange können wir noch zwei Haushalte führen? Wie lange selbstständig leben? Wie entwickelt sich unsere Gesundheit? Alles kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Das ist in jüngeren Jahren nicht anders. Mit siebzig ist man sich dessen aber bewusster. Die Endlichkeit begleitet unsere Beziehung. Das schweisst zusammen.

In meinem Alter noch mal eine solche Nähe zu spüren, ist ein Geschenk. Das Wagnis, sich mit siebzig noch mal zu verlieben, lohnt sich.» – Sylvie (72), Name geändert

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