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Macht Naturkosmetik den Unterschied?

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Macht Naturkosmetik den Unterschied?

  • Text: Olivia Goricanec Fotos: Daniel Valance

Naturkosmetik ist immer gefragter. Doch was unterscheidet natürliche Produkte von konventionellen? Und ist das eine besser als das andere? Ein Gespräch mit Hautärztin Liv Kraemer.

annabelle: Liv Kraemer, der Trend geht immer mehr in Richtung chemiefreier, natürlicher Kosmetik. Doch was unterscheidet diese eigentlich von der konventionellen Kosmetik?
Liv Kraemer: Naturkosmetik verbinden wir mit Reinheit und Gesundheit – ganz ohne Chemie. Nur sollten wir uns vor Augen halten, dass auch die Natur ihrem Wesen nach Chemie und Physik ist, ohne Chemie und Physik gäbe es sie gar nicht. Und ausserdem: Wenn etwas – egal ob natürliche oder konventionelle Kosmetik – in den Tiegel kommt, muss zuvor ein verarbeitender, chemischer Prozess dafür stattgefunden haben.

Dann frage ich anders: Was ist Naturkosmetik?
Was man darunter versteht und was in Naturkosmetika stecken darf und was nicht: eine europaweit einheitliche Definition dafür existiert nicht. Die Bezeichnung ist bis heute auch nicht geschützt. Grundsätzlich bedeutet Naturkosmetik ein Gemisch aus verschiedenen Extrakten, aus Rohstoffen pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Ursprungs, also Fette, Öle, Wachse, Kräuter, Blütenwasser und ätherische Öle.

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«Wenn etwas in den Tiegel kommt, muss zuvor ein verarbeitender, chemischer Prozess dafür stattgefunden haben – das gilt für alle Kosmetika»

Und was ist konventionelle Kosmetik?
Die konventionelle Kosmetik benutzt eher einzelne, aus Studien belegte Inhaltsstoffe. Diese hat man ursprünglich aus der Natur gewonnen, stellt sie jetzt teils aber eigens her. Aber es gibt auch keine genaue Definition, was konventionelle Kosmetik ist.

Die Menschen achten vermehrt auf eine gesunde Ernährung und biologische Produkte. Ist es da nicht ein logischer Schritt, auch bei seinen Beautyprodukten genauer hinzuschauen?
Ich bin ein total holistischer Mensch und bin überzeugt: Man ist, was man isst. Die Nahrung, die durch unser Darmsystem geht – und das ist immerhin fast acht Meter lang –, hat einen starken Einfluss auf unseren Körper und unsere Gesundheit. Aber auch in Sachen gesunder Ernährung wird es für uns Konsumenten immer schwieriger. So gibt es Studien, die zeigen, dass unsere konventionelle Nahrung immer ärmer an Selen, Zink und Eisen wird. Gesund ist also zum Beispiel nicht der Spinat vom Markt, sondern derjenige aus der Tiefkühltruhe; da sind die Mineralstoffe nämlich noch drin. Und genauso komplex verhält es sich auch mit den Kosmetikprodukten. Das heisst: Man darf nicht einfach alles in einen Topf werfen, sondern man muss ganz spezifisch auf den Einzelfall bezogen hinschauen.

Wie soll die Konsumentin denn entscheiden, ob sie eine natürliche oder doch eher eine konventionelle Crème benutzen soll?
Die Frage, die man sich stellen sollte, ist: Weshalb benutze ich das eine und warum das andere nicht? Ein Produkt zu verwenden, nur weil «Natur» drauf steht, finde ich falsch. Viele Leute stellen sich dann gleich eine ganze Heidilandschaft im Tiegel vor. Ich plädiere dafür, seinen gesunden Menschenverstand zu benutzen und gleichzeitig auch vom heutigen Stand der Wissenschaft Gebrauch zu machen. Ich würde ja auch nicht mehr wie Kleopatra in gegorener Eselsmilch baden, nur weil es «Natur pur» ist. Ich würde mich auf Produkte mit Milchsäure festlegen, weil die Wissenschaft herausgefunden hat, dass es die Milchsäure ist, die eine schöne Haut macht.

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«Es ist nicht so kompliziert, wie es aussieht. Man darf in der Kosmetik, wie in vielen anderen Bereichen des Lebens, einfach nicht schwarz-weiss denken»

Ist denn das eine besser als das andere?
Nein. Wir wissen zum Beispiel, dass die Kamille viele gute Eigenschaften besitzt, jedoch die Haut auch sehr reizen kann. Während Naturkosmetikhersteller den ganzen Kamillenextrakt für ihre Produkte verwenden, benutzen Hersteller konventioneller Produkte den daraus isolierten Wirkstoff Bisabolol. Dieser ist im Vergleich zum Extrakt nämlich viel weniger allergieauslösend. Wer eine tolle Haut hat, kann also gut und gern den ganzen Kamillenextrakt benutzen. Andere hingegen werden mit Reizungen und Rötungen zu kämpfen haben und sollten besser nur Produkte mit dem einzelnen Wirkstoff verwenden.

Konservierungsstoffe, Weichmacher, chemisch-synthetische Duft- und Farbstoffe, Rohstoffe aus der Erdölbranche – die Liste der Inhaltsstoffe konventioneller Kosmetikprodukte ist lang. Sind denn solche Inhaltsstoffe wirklich gesund?
Jetzt benutzen Sie all diese Schlagwörter, die so negativ behaftet sind. Das finde ich nicht richtig. Das Mineralöl zum Beispiel ist einer der sichersten Inhaltsstoffe, weil es nicht nur enorm haltbar ist, sondern auch überhaupt nicht in die Haut eindringt. Naturkosmetik verwendet zum Beispiel als Konservierungsstoffe oft die als besonders allergieauslösend geltenden ätherischen Öle und Pflanzenextrakte wie Arnika, Kamille oder Ringelblume. Wir Ärzte verwenden bei problematischer Haut deshalb nur konventionelle Produkte, weil sie am wenigsten allergen sind. Denn Sie müssen wissen, jedes Beautyprodukt, egal ob «natürlich» oder «künstlich», enthält Konservierungsstoffe, sonst wäre es nicht so lang haltbar.

Dann entsprechen Aussagen auf Produkten wie «frei von Parfum- und Konservierungsstoffen» nicht der Wahrheit?
Insgesamt gibt es 16 Parfumstoffe, die reizend sind. Diese muss die Kosmetikindustrie deklarieren. Alle anderen 230 Parfumstoffe aber nicht. Steht auf einem Beautyprodukt also «keine Parfum- und Konservierungsstoffe», heisst das nicht, dass keine drin sind. Zum Glück! Produkte ohne Parfum oder ätherische Öle würden wir nämlich nur ungern riechen wollen.

Wie soll man also bei der Produktwahl vorgehen?
Als Konsumentin sollte man sich zuerst einmal überlegen, welche Konsistenz für die eigene Haut die richtige ist. Ist meine Haut besonders trocken und benötigt sie eine reichhaltige Crème oder genügt das leichtere Fluid? Zum Vergleich kann man sich eine Suppe vorstellen: Bei der einen ist das Gemüse püriert, in der anderen schwimmt es obenauf. Die eine wäre dann eine Crème, die andere ein Serum. Erst wenn diese Frage geklärt ist, schaut man, welche Inhaltsstoffe sich im Produkt befinden sollen.

«Auf der Verpackung sollte also nicht ‘Anti-Falten’ oder ‘frei von ...’ stehen – das ist nur Marketing! –, sondern, was genau im Produkt enthalten ist»

Können Sie das noch ein wenig näher erklären?
Man sagt zum Beispiel, Teebaumöl helfe gegen Akne wegen der antiseptischen Wirkung des Teebaumes. Da es sich jedoch um eine ölige Konsistenz handelt – das Gleiche gilt übrigens auch bei Mineral-, Soja- oder Kokosöl –, wird das Produkt auf der Oberfläche der Haut bleiben. Hat man nun eine unreine Haut, wird dies zu einer Art Treibhauseffekt führen. Besser wäre es also, man würde nur den Inhaltsstoff des Teebaumöls nehmen und diesen in ein Gel statt in Öl verpacken.

Irgendwie ist das alles etwas verwirrend.
Es ist eigentlich nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Man darf in der Kosmetik, wie in vielen anderen Bereichen des Lebens, einfach nicht schwarz-weiss denken. Und oft sieht etwas nur kompliziert aus, weil Menschen dazu tendieren, viel zu genau hinzuschauen. Der normale Konsument geht bezüglich Inhaltsstoffe sehr in die Tiefe und diskutiert über Sachen, die erst einmal gar keine grosse Rolle spielen. Es ist zum allgemeinen Trend geworden, über alles Bescheid wissen zu wollen. In der Kosmetik wie auch bei Nahrungsmitteln. Und Angst entsteht oft durch Unwissenheit. Für einen normalen Konsumenten ist es jedoch unmöglich, die Inci-Liste (Internationale Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe, Anm. d. Red.) zu entziffern. Das ist sogar teils für meine Studenten schwierig. Ich rate meinen Patienten deshalb, nicht einfach auf Schlagworte zu achten und sich von der Industrie nicht in eine falsche Richtung leiten zu lassen.

Und wie soll das gehen?
Achten Sie primär auf die Hauptinhaltsstoffe. Auf der Verpackung sollte also nicht «Anti-Falten» oder «frei von …» stehen – das ist nur Marketing! –, sondern, was genau im Produkt enthalten ist. Die wichtigsten Stoffe sollten dabei vorne auf dem Produkt stehen.

Ich habe aber das Gefühl, dass viele Konsumentinnen insbesondere auf solche «Anti»- und «frei von …»- Begriffe achten.
Leider ja, doch diese Verkaufsargumente sind, wie beim Beispiel der Parfum- und Konservierungsstoffe, nichtssagend. So verhält es sich zum Beispiel auch für die in Verruf geratenen Parabene. Es sind mehrere Hundert Parabene auf dem Markt, fünf davon wurden als schädlich bezeichnet, alle anderen sind sehr sicher. Steht auf einem Produkt «ohne Parabene», bedeutet dies, dass keine dieser fünf schädlichen im Produkt enthalten sind. Nicht aber, dass gar keine Parabene drin sind!

«Mir sind Labels so ziemlich egal. Ich bin für Inhaltsstoffe. Und da gibt es sehr viele. Meine Favoriten sind die Fruchtsäuren»

Und was soll man tun, wenn man in diesem ganzen Beauty-Dschungel keinen Überblick mehr hat?
Es ist wie beim Sport. Auch da weiss man über vieles Bescheid, man weiss aber auch, dass man im Zweifelsfall viel falsch machen und seinem Körper schaden kann. Also ist der nächste logische Schritt: Man nimmt sich einen Trainer. Das sollte auch bei der Haut so sein. In den USA hat jeder seinen eigenen Dermatologen als Haut-Trainer, in Europa leider nicht.

Nun ja, nicht jede Person kann sich einen Dermatologen leisten.
Das ist mir bewusst. Ich stelle einfach fest, dass sich die Menschen bei allem informieren und beraten lassen. Zum Beispiel beim Kauf eines neuen Fernsehers. Man schaut im Internet nach, fragt Freunde, informiert sich bei den Herstellern und beim Fachpersonal im Geschäft. Zudem überlegt man sich, was genau die Anforderungen an das neue Gerät sind. Brauche ich einen Flachbildschirm? Reicht mir ein kleiner oder will ich auch Spiele machen und benötige dafür einen grösseren? Kein Mensch macht sich bei der eigenen Pflege solche Gedanken. Die Menschen lesen «in fünf Tagen frei von Falten», «70 Prozent organic» oder «frei von Silikonen» und kaufen das Produkt.

Viele Konsumentinnen holen sich inzwischen Infos über bestimmte Apps oder im Internet. Was halten Sie von Programmen wie Codecheck und Co.?
Gar nichts! Es gibt leider kein Kontrollsystem, das die Daten überprüft. Es gibt dort teils sehr fragwürdige und undifferenzierte Bewertungen. Gewisse Bestandteile werden gleich für schädlich befunden, sind es aber nicht für alle, wie etwa Palmöl oder Glutein. Manche Daten sind auch völlig veraltet.

Welche Inhaltsstoffe sind denn weshalb unerlässlich und auch wissenschaftlich für wirksam befunden?
Vielleicht vorweg: Mir sind Labels so ziemlich egal. Ich bin für Inhaltsstoffe. Und da gibt es sehr viele. Meine Favoriten sind die sogenannten Fruchtsäuren. Diese helfen sowohl bei der Akne als auch im sogenannten Anti-Aging. Denn der Wirkmechanismus ist der gleiche: Neu-Ankurbelung der Zellen, ich nenne es Zell-Sport. Dann gibt es noch die Antioxidantien, die essenziell sind, und die sogenannten Retinole. Diese kommen aus der Vitamin-A-Familie. Und natürlich geht nichts ohne Sonnenschutz! •

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