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Meinung: Wieso müssen beim Thema Stillen immer alle mitreden?

Familie

Meinung: Wieso müssen beim Thema Stillen immer alle mitreden?

Als sich unsere Autorin Julia Heim entschied, ihr Baby nicht zu stillen, wollten alle mitreden. Wie eine persönliche Entscheidung zur Nervenprobe wurde.

Mit knapp fünf Monaten hat meine Tochter ihre Technik am Schoppen perfektioniert. 180 Milliliter Wasser und sechs gestrichene Löffel Milchpulver sind ihr Rezept zum Glück. Gestillt habe ich nie. Stillen wollte ich nie. Das halten Sie für egoistisch? Na, dann warten Sie mal ab.

Ich habe viel gelernt in den Monaten der Schwangerschaft. Beispielsweise, was ein Frauenkörper so alles kann (ich halte mich seit der Geburt meiner Tochter in aller Bescheidenheit für eine Art Superheldin), welch monumentale Wucht mein Hormonhaushalt haben kann (im zweiten Drittel weinte ich, als der werdende Vater an einem Samstag spontan zum Apéro abmachte – wohlgemerkt nicht mit mir) und dass so ziemlich alle eine Meinung zum Thema Stillen haben – und diese auch äussern (selbst die, die keine Kinder haben; die, die keine Kinder wollen, und die, die keine Kinder bekommen können, weil sie Männer sind).

Den Körper wieder für sich haben

Warum ich nicht stille? Nun, meine Brust ist empfindlich. Seit einer Brustoperation vor einigen Jahren ist die Sensibilität stark erhöht. Allein die Vorstellung, dass mein Baby mehrere Stunden täglich daran saugt, löst Unbehagen aus. Dazu kommt: Vierzig Wochen lang habe ich mich an- und auf unsere Tochter aufgepasst. Ich habe mich an jeden ärztlichen Rat gehalten, wollte ihr all das geben, was sie braucht – schliesslich war ich die Einzige, die das konnte. Doch nach ihrer Geburt wollte ich die Verantwortung, den Schlafentzug, die Müdigkeit teilen.

Ich wollte sie ihrem Vater übergeben können, wenn ich Zeit für mich brauche. Ich wollte Knoblauch essen, Orangensaft trinken und Wein geniessen, ohne mir Gedanken zu machen, ob ich ihr damit schade. Ich wollte ein gewisses Mass an Freiheit zurück und meinen Körper wieder für mich haben. So offen ich meine Beweggründe kommuniziere, so irritierend war es für mich, festzustellen, wie ungeniert mein Gegenüber jeweils bewertet, ob diese auch triftig genug sind, um das Nichtstillen zu legitimieren.

Durch die Brust soll Gelassenheit fliessen

Selbstverständlich kann auch ich dem Stillen sein Gutes nicht absprechen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, in den ersten sechs Monaten voll zu stillen und in der Folge Breikost und feste Nahrung mit Muttermilch zu ergänzen, bis der Nachwuchs zwei Jahre alt ist. Das macht besonders in Regionen dieser Welt Sinn, in denen der Zugang zu sauberem Wasser und einer gesunden, ausgewogenen Ernährung für die Kleinen nicht gegeben ist.

Es macht auch Sinn für all jene, die sich aus eigenen Stücken dazu entschliessen – und bei denen es die körperlichen Voraussetzungen zulassen. Denn Stillen ist vor allem dann das Beste, wenn durch die Brust nicht nur Milch, sondern auch Gelassenheit fliesst. «Sonst trinkt ihr Baby den gesamten Stress gleich mit», hiess es von meiner Ärztin. Ein Rat, der mir logisch erschien und viel Druck von meinen Schultern nahm. Plötzlicher Kindstod, erhöhtes Allergierisiko, Bindungsstörung. Gewissen Studien zufolge setze ich meine Tochter all diesen Gefahren aus.

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«Immer wieder die Frage: ‹Willst du es denn nicht einfach mal probieren?›»

Und das ist noch nicht alles: Einer neuen Publikation des Del Monte Institute for Neuroscience an der University of Rochester ist zu entnehmen, dass gestillte Kinder später bessere neurokognitive Fähigkeiten aufweisen. Über 9000 Kinder wurden dazu untersucht. Die detaillierten Ergebnisse der Studie lassen sich im Fachjournal «Frontiers in Public Health» nachlesen.

«Dann gib deinem Neugeborenen doch wenigstens das Kolostrum» – meinem Baby also nicht auch noch die wertvolle Vormilch zu verweigern, davon wollte mich nicht nur mein Schwiegervater überzeugen. Mir wurden – ungefragt – auch diverse Techniken zum Ausstreichen dargeboten, von Stillhütchen und Lasertherapie für verletzte Brustwarzen erzählt und überhaupt immer wieder die Frage gestellt: «Willst du es denn nicht einfach mal probieren?» – Nein, wollte ich nicht.

Milchflecken auf dem T-Shirt

Auch nicht, nachdem mir ein guter Freund erzählte, wie sehr seine Frau das Stillen seinerzeit genossen habe. Als ich der diensthabenden Hebamme im Spital kurz vor Beginn des (geplanten!) Kaiserschnitts mitteilte, dass ich primär abstillen wolle, war die Stimmung im Raum gedämpft. Dass sie mich nicht darüber aufklärte, dass nach der Einmal-Dosis von zwei Abstill-Tabletten noch Milch kommen könnte, war jedoch gewiss nur der Hektik des Moments geschuldet.

Jedenfalls war der Schock gross, als ich eine Woche nach der Bauch-OP in unserem Badezimmer stand und sich auf meinem T-Shirt immer grösser werdende Milchflecken abzeichneten; Milcheinschuss kurz vor Mitternacht – und ich völlig überfordert. Die Tränen liefen. Immer wieder wählte ich die Nummer meiner Hebamme. Als sie kurz darauf zurückrief und ich ihr schluchzend die Situation erklärte, fragte sie einfühlsam und doch gänzlich unpassend, ob ich es nicht doch probieren wolle mit dem Stillen. Hatte sie mir zugehört?

«Es wird nicht gestillt!»

Dass der frisch gebackene Papa mein Stammeln, meine Unsicherheit und meine aufkeimende Kapitulation registrierte und lauthals dazwischen ging, war mein Glück. Für sein «Es wird nicht gestillt!» bin ich ihm unendlich dankbar. Sein für ihn so untypischer Ausbruch war meine Rückendeckung. Eine halbe Stunde später fuhren wir in die Notaufnahme des Spitals, in dem wenige Tage zuvor unsere Tochter zur Welt gekommen war.

Zweimal musste ich dort noch erklären, weshalb ich nicht stillen wollte. Die diensthabenden Schwestern fanden «das Thema halt einfach interessant». Verständlich. Doch ich war müde – und das nicht nur von einer Woche postpartum. Nach einer zweiten Dosis Tabletten war die Milch nach wenigen Tagen aus der Brust und das Thema vom Tisch – bis wir vor wenigen Wochen bei lieben Freunden zu Abend assen.

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«‹Stillst du nicht mehr?›, fragte der Gastgeber. ‹Das habe ich nie›, sagte ich und griff nach dem Spargel»

«Stillst du nicht mehr?», fragte der Gastgeber. «Das habe ich nie», sagte ich und griff nach dem grünen Spargel. «Also gar nie?», fragte er. «Nicht eine Sekunde», sagte ich und merkte, dass ich mich für diese Antwort nicht mehr schäme. «Krass!», sagte er. Ich spürte, wie sich mein Mann neben mir in Stellung brachte, bereit, zu erklären, dass unsere Tochter bestens gedeiht und dass er es geniesst, sie füttern und versorgen zu können. Erstaunlicherweise sind es häufig gerade die Männer, die Geburt und Ernährung des Kindes möglichst der Natur überlassen wollen und überzeugt sind, dass sie es selbst ganz genauso machen würden, wenn sie nur könnten.

Wertungen von Aussen

Es sind übrigens dieselben, die sich – genau wie ich – bei Kopfschmerzen eine Tablette einwerfen oder sich beim Zahnarzt «natürlich» für die lokale Betäubung entscheiden. Gefragt werde ich auch immer wieder, weshalb ich nicht spontan geboren habe. Meine Antwort ist simpel: weil ich nicht wollte. Aber ohne einen medizinischen Grund ein solches Risiko eingehen? Das verstehen viele nicht. Und wieder entscheidet die Welt da draussen, ob meine Angst vor der Unplanbarkeit einer Geburt, vor stundenlangen Wehen, den Schmerzen und möglichen Verletzungen beim Geburtsvorgang Grund genug ist. Oder nicht.

Heute, ein knappes halbes Jahr nach der Geburt meiner Tochter, kann ich wieder für mich einstehen. Doch während meiner Schwangerschaft, einer Zeit, in der ich so verletzlich war wie selten in meinem Leben, prasselten die Meinungen anderer auf mich ein wie ein nicht enden wollender Hagelschauer. Denn in diesen vierzig Wochen werden nicht nur Bänder und Gelenke weich, sondern auch der Mörtel, der die Mauer hält, die uns vor dem Urteil anderer schützt. Ich bin nicht gegen das Stillen. Ich bin nicht für die Flasche. Ich bin nicht gegen eine Spontangeburt. Ich bin nicht für einen Kaiserschnitt. Ich bin für die bedingungslose Freiheit, eine eigene Entscheidung zu treffen, die sich gut anfühlt.

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Dorothée

Klar darf jeder Mensch das tun und lassen was er will und was ihm gut tut. Ein Baby kann das noch nicht – weil es unseren Entscheidungen ausgeliefert ist. Ein Baby zu bekommen bedeutet ja vor allem auch Verantwortung zu übernehmen – nicht nur für sich selber sondern für ein Wesen das von uns nur das Beste verdient hat. Schade dass es so oft am Vertrauen in die Natur fehlt. Ich bin selber zweifache Mutter, habe Zuhause geboren und beide Kinder 15 Monate lang gestillt. Ich hatte insgesamt etwa 6 Brustentzündungen und beim 2. Kind nur noch Milch in einer Brust aber ich wäre nie auf die Idee gekommen deshalb nicht zu stillen – nicht weil ich glaube deshalb eine bessere Mutter zu sein, sondern weil ich ganz fest spürte dass es für meine Kinder das Beste ist. Übrigens musste ich mir öfters anhören: waas Du stillst immmmernoch???

Last edited 1 month ago by Dorothée
Marie

Wunderbarer Text, vielen Dank für den Mut und die Offenheit der Autorin. Beim Thema Muttersein und Stillen hat niemand der Mutter dreinzureden oder ihr einen Kommentar aufzudrücken, punkt. Das wurde hier sehr treffend geschildert. Alles Liebe der kleinen Familie!

Emma

Ging mir (fast) genauso, vielen Dank für die Schilderung! Das Grundsatzproblem ist leider immer noch die gesellschaftliche Erwartung, dass wir Mütter uns für unsere Kinder aufzuopfern haben. Dabei sind wir (nur) zu 50% für sie verantwortlich.

Alexandra

50% verantwortlich – stimmt so nicht, denn niemand ausser die Mutter kann stillen. Auch das Austragen – Schwangersein – bleibt uns Frauen vorbehalten. Ich finde, das sind Privilegien, und sie machen mich stolz.

Ines Glatz

Liebe Autorin,

Auch ich selbst konnte nicht stillen, weil ich eine seltene Form von Brustwarzen habe, die nach innen anstatt nach außen zeigten.
Deshalb habe ich beim ersten Kind eine fertige Muttermilch in Pulverform aus der Drogerie gekauft und war sehr unzufrieden mit dem Ergebnis.
Beim zweiten Kind habe ich die Ersatzmilch täglich vorgekocht aus Reispulver,Weizenkeimöl und Kuhmilch bzw. Ziegenmilch und war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Meine Kinder sind nun 32 und 30 Jahre alt und erfreuen sich bester Gesundheit.
Sie haben auch keine emotionalen Bindungsprobleme.
Ich möchte Sie hiermit bestätigen, denn dem Kind tut gut, was Ihnen gut tut

SHe

Volle Unterstützung der Autorin. Was betreffend stillen oder eben nicht stillen an Druck von aussen abläuft, ist hanebüchen. Mittlerweile nenne ich es schlicht Stillterror. Man ist so verletzlich in der ersten Zeit – und soll sich auch noch schlecht fühlen, wenn man nicht stillen will, es nicht klappt oder man aus medizinischen Gründen nicht soll.

Und dann auch noch von Hinz und Kunz gefragt wird, was denn der Grund dafür ist, dass man nicht stillt. Als ob es einen Anspruch darauf gäbe, das zu wissen.