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Midlife-Miezen – Frauen um die 50 haben besseren Sex

Liebe & Sex 

Midlife-Miezen – Frauen um die 50 haben besseren Sex

  • Text: Helene AecherliIllustration: Melinda Josie

Frauen um 50 haben oft, was Jüngeren fehlt: Erfolg in der Liebe – und fabelhaften Sex. Wie machen sie das bloss?

Ha! Was wird Frauen jenseits der fünfzig noch immer für ein mediales Image verpasst: Fast täglich erzählen Geschichten gebetsmühlenartig von Faltenbildung, Menopause oder Blasenschwäche, von Botox, Anti-Aging oder Atemworkshops. Nicht dass dies total an der Realität vorbeischrammen würde. Aber ein Thema wird fast gänzlich ausgeklammert: das von der Lust, der erotischen Entfaltung und sexuellen Attraktivität der nicht mehr ganz blutjungen Frau.

Aller Aufklärung zum Trotz wird Sexappeal reflexartig mit der Tally-Weijl-Häschen-Generation assoziiert, Orgasmen oder das Streben danach mit Tantra-Seminar-Besucherinnen Mitte dreissig, und wer öffentlich über Sex und Liebe spricht, ist allerhöchstens neununddreissig-einhalb. Ortet man sexuelle Aktivität in älteren Gefilden, wird sie bestenfalls mit Wohlwollen quittiert, die Frau bleibt aber meist unsichtbar, sie verharrt mit welkgeredeter Vulva auf der gesellschaftlichen Hinterbank. Klar, gibts Madonna, die ewige sexuelle Tigerin über fünfzig, und vielleicht noch Demi Moore. Aber mehr als Kuriosa sind sie nicht. Denn Madonna ist mittlerweile eine Karikatur ihrer selbst und Demi Moore magersüchtig.

Weiblicher Ü-50-Sex ist also noch immer ein Tabu. Erstaunlich angesichts der Tatsache, dass gerade Frauen, die die Fünfnullergrenze überschritten haben, oft besser aussehen als je zuvor. Mehr noch: Laut US-Studien sollen Midlife-Singles weitaus grösseres Datingglück haben als jüngere. Wo aber sind die denn alle? Es kann doch nicht sein, dass die Sichtbarkeit von Liebe und Sex der jungen werberelevanten Zielgruppe vorbehalten ist oder die weibliche Sexualität nur so lange aufregend ist, wie eine Frau fruchtbar ist, ergo in familientechnischer Hinsicht für die Gesellschaft interessant.

Zugegeben, da ich mich mit 45 nun selbst der Fünfziger-Guillotine nähere, wird mir diese Blasenschwäche-Botox-Fixierung immer bewusster, an manchen Tagen flösst sie mir sogar ein leises Unbehagen ein. Also gibt es nur eines: Sie muss weg! Weg mit dem Schleier, der über Köpfen und Körpern liegt. An die Öffentlichkeit mit den lustvollen Weibern! Und bitte, allen voran jene, die sich auf dem Single-Markt erfolgreich behauptet haben. Denn jede braucht Vorbilder – auch ich.

Der Schleier lüftete sich abrupt, als ich Simone begegnete. Die 54-Jährige ist die Freundin eines Bekannten, Primarlehrerin, lange braune Haare, kehliges Lachen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch, trafen uns bald regelmässig zu «Frauengesprächen». Eines Abends bat sie mich in die hinterste Ecke einer Bar. «Du», sagte sie heiser, «ich weiss kaum noch, wo mir der Kopf steht, es ist verrückt.» Sie senkte ihre Stimme, ihre Wangen glühten. «Ich habe vor einer Woche nach der Schule einen Mann getroffen, einen alleinerziehenden Vater.» Sie kicherte. «Wir fahren total aufeinander ab, haben es inzwischen wohl in jedem Hotelzimmer dieser Stadt miteinander getrieben. Es ist völlig mad. Es ist so geil!» Ich schnappte nach Luft: «Wow! Aber was ist denn mit Hans, deinem Freund? Liebst du ihn denn nicht mehr?» – «Doch, doch, das ist ja das Verrückte: Seit ich Stefan kenne, bin ich dauerscharf. Auch auf Hans. Ich glaube, ich hatte noch nie so viel Sex in meinem Leben.»

Nach dem Bargeflüster mit Simone hatte ich das Gefühl, als hätte ich meinen Kopf in die Gischt eines Wasserfalls gehalten. Ihre Bekenntnisse erquickten mich, versetzten mir aber gleichzeitig einen kleinen Stich. Denn Simone hatte etwas, das ich nicht habe: zwei Liebhaber und fast rund um die Uhr fabelhaften Sex. Aus diesem Stich wurde jedoch schnell sportliche Motivation: Nach Simone lernte ich innert Kürze zwei weitere Frauen kennen, von denen ich einiges lernen könnte.
 

Sex unterm Restauranttisch

Bettina (63), Journalistin, hatte vor einigen Monaten ihren verheirateten Liebhaber nach elf Jahren verabschiedet, weil er sie nach seiner Pensionierung nur noch mittwochs sehen konnte. «Wenn du eine Geliebte willst, musst du mutiger sein», hatte sie ihm gesagt. Bald darauf lernte sie an einem Apéro einen neuen Mann kennen, Single, etwas älter als sie. Zwei Wochen später hat er bei ihr übernachtet. Sie wollen weder heiraten noch zusammenziehen. Die Distanz hält sie auf Trab, alles bleibt unruhig, nichts ist vorgegeben. Das sei ihr Beziehungselixier.

Laurianne (55), Direktionsassistentin, hatte mit 45 ihren ersten One Night Stand. Der Junge war 30. Ein paar Jahre später ging sie mit einem zehn Jahre jüngeren Polizisten nachhause, er war so scharf, sie musste es tun. Seit fünf Jahren hat sie nun einen festen Partner, der zwar noch verheiratet ist, ihr aber eine magisch intensive Beziehung beschert. «Wir kennen keine Tabus mehr, erfinden beim Sex ständig neue Spielarten, machen es im Freien, während Autofahrten, manchmal stimulieren wir einander sogar unter dem Restauranttisch. Es ist unglaublich!»

Während sich meine gleichaltrigen, besonders aber meine sehr viel jüngeren Freundinnen verzweifelt durch den Datingdschungel kämpfen, einen Flop nach dem anderen aus dem Netz ziehen oder sich an blassen Afterworkpartys in den Erstbesten verknallen, weil er ihnen in der Apérol-Spritz-getränkten Euphorie in Aussicht stellt, sie zu schwängern, treibt es manch reifere Dame oft wilder als eine Vize-Miss im Formel-1-Stall. Und dies, betonten meine Gesprächspartnerinnen unisono, ohne dass sie Monate auf Online-Plattformen verbracht, an Speeddating-Abenden oder Single-Reisen teilgenommen hätten. Ihnen seien die Männer meist einfach vor die Füsse gefallen.

Chapeau. Doch wie zum Teufel machen die das? Was haben sie jüngeren Frauen voraus? Es kann nicht nur ihr gepflegtes Äusseres sein, ihr Charme und Witz oder ihre Kunst, schamlos zu geniessen. Nein, die Ursachen ihrer Anziehungskraft müssen tiefer liegen. Nach eingehender Befragung kristallisierten sich fünf Eigenschaften heraus.

Erstens: Alle, das heisst alle meine hier zitierten Bekannten, haben sich nach ihrer Scheidung stark mit ihrer eigenen Sexualität auseinandergesetzt, haben ausprobiert und experimentiert und wissen nun ganz genau, was sie wollen. Und nehmen es sich, gern auch mit Vibrator. Diese geballte Sinnlichkeit wirkt elektrisierend und überstrahlt Falten und ein paar Kilos zu viel. Zweitens: Sie sind alle beruflich erfolgreich und finanziell unabhängig. Das mag zwar weniger selbstbewusste Männer in die Flucht schlagen, starke Kerle hingegen finden dies inspirierend. Sie wollen ja schliesslich auch in der Vertikalen was auszutauschen haben. Drittens: Das Kinderthema ist abgehakt und damit auch das Balancieren zwischen Familie, Küche und Karriere. Gibts für einen Mann etwas Entspannenderes? Viertens: Männer bilden im Leben der Damen nicht den Hauptfokus – oder zumindest nicht mehr –, sondern eher das Beigemüse. Das wiederum spornt den männlichen Jagdinstinkt an. Fünftens: Sie pfeifen auf Konventionen. So viel Unverfrorenheit ist befreiend und eröffnet neue Möglichkeiten. Wie zum Beispiel Sex unter dem Restauranttisch.

Aber – es gibt noch einen weiteren Punkt. Und der fasst wohl gut zusammen, was die Anziehungskraft dieser Frauen ausmacht: Die Kunst, nicht mehr um jeden Preis gefallen zu wollen. Keine Bilder mehr zu erfüllen, die man nicht füllt, wie es die Sexualherapeutin Doris Christinger sagt. Sich loszueisen von der bangen Frage: «Wie muss ich sein, um bei anderen anzukommen, um gemocht und geliebt zu werden?» Es ist eine Kunst, deren Quintessenz Laurianne so formuliert: «Ich weiss, dass ich gefalle. Und wenn ich mal nicht gefalle, ist es mir egal.» Verdammt sexy!

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