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Nach der Krebsdiagnose: Bin ich ein

Nach der Krebsdiagnose: Bin ich ein "Cancer Survivor"?

Wer einmal eine Krebsdiagnose erhalten hat, ist danach ein "Cancer Survivor". Doch was löst dieser Begriff bei Betroffenen aus? Unser Autor Niklaus Müller reflektiert seine Krebserkrankung – und den Stempel, jetzt ein Überlebender zu sein.

Krebs überlebt und trotzdem nicht geheilt. Was passiert nach einer Erkrankung? Zwei Jahre und drei Monate nach meiner Krebsdiagnose ist der Tumor nicht mehr sichtbar. Das ist die medizinische Wahrheit. Aber man fragt sich: Bleibt er auch tatsächlich weg? Diese Angst kann mir niemand nehmen. Ich lebe mit ihr, manchmal besser, manchmal schlechter.

Trotzdem bin ich extrem dankbar, denn viele andere Krebspatient:innen haben diesen Moment nicht mehr erlebt. Ich bin noch hier. Aber bin ich deshalb gesund? Und macht mich dieses «Noch-hier-Sein» automatisch zu einem Survivor?

Seit dem 15. November 2023 begleitet mich dieser Begriff. Lokal fortgeschrittener, nicht-kleinzelliger Lungenkrebs. Rund drei Zentimeter grosser Tumor, so lautete die Diagnose. Danach kam eine Zeit, die mein Leben komprimierte und veränderte: 30 Bestrahlungen, sieben Chemotherapien, anschliessend eine Immuntherapie mit Durvalumab, zwölf Monate lang, alle zwei Wochen. Therapiepläne, Wartezimmer, Infusionen. Mein Alltag wurde medizinisch.

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"Heute bin ich offiziell tumorfrei – und trotzdem weit davon entfernt, mich einfach als geheilt zu bezeichnen"

Ich hatte Glück! Habe alle Therapien laut Ärzt:innen erstaunlich gut überstanden. Keine zu schlimmen Nebenwirkungen. Ausser der Fatigue, einer bleiernen Müdigkeit, die ich heute noch spüre, nichts Unerträgliches. Sogar die Haare zu verlieren, nimmt man in Kauf, denn sie wachsen ja wieder nach.

Heute bin ich offiziell tumorfrei – und trotzdem weit davon entfernt, mich einfach als geheilt zu bezeichnen. Der Begriff Cancer Survivor ist klar definiert. Survivor ist, wer eine Krebsdiagnose erhält – vom ersten Tag an, ein Leben lang. Während der Therapie, danach, auch mit chronischer Erkrankung. In Leitlinien ist das klar. Im Leben nicht.

Denn was macht dieses Wort mit mir? Am Anfang hat es mich getragen. In ihm lag Hoffnung: Ich lebe noch. Ich bin nicht verschwunden. Gleichzeitig schwang eine Härte mit, die mir zunehmend widerstrebte. «Du musst kämpfen!», hiess es oft. Gut gemeint. Aber ich wollte keine Schlachten schlagen. Ich wollte einfach alles überstehen und überleben. Auf keinen Fall aufgeben, aber mich doch in die Situation hineingeben. Was konnte ich denn anderes tun?

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"Nach der Therapie beginnt ein fragiles Dazwischen"

Die Spuren der Behandlungen sind geblieben. Nicht nur im Körper. Die vielen Infusionen – bewusst ohne Port, weil ich der Krankheit keinen festen Platz geben wollte – haben kleine Narben auf meinen Handrücken hinterlassen.

Und grössere in mir. Ich merke, dass ich die Therapien seelisch noch nicht abgeschlossen habe. Der Körper ist weiter als die Seele. Oder umgekehrt. Vielleicht hilft mir der Begriff Survivor, dieses Dazwischen besser auszuhalten. Vielleicht auch nicht. Vielleicht darf er widersprüchlich sein.

Denn nach der Therapie beginnt etwas, worüber erstaunlich wenig gesprochen wird: eine dritte Phase. Kein Ende, kein Neubeginn, sondern ein fragiles Dazwischen. Die Befunde sind gut. Die Bilder sauber. Und trotzdem wächst die Angst – vor allem die vor einem Rückfall.

Ärzt:innen schauen auf Werte und Tumormarker, also Spuren des Tumors. Was von der Umwelt seltener gesehen wird: das Fremdheitsgefühl im eigenen Körper. Die Erschöpfung. Die Verunsicherung. Das leise Wissen, nicht mehr ganz der Mensch von früher zu sein.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Bin ich ein Survivor? Sondern: Wie lebe ich mit dem, was war – und mit dem, was vielleicht wiederkommt? Es ist viel passiert. Ich bin noch hier. Das reicht für heute.

Dieser Artikel erscheint zum heutigen Weltkrebstag, der ein Zeichen setzt für mehr Sichtbarkeit und eine umfassendere Krebsvorsorge und -versorgung. Bei Fragen zur Krankheit, zu deiner Rolle als Betroffene:r – aber auch als Angehörige:r, bei der Suche nach medizinischer und psychologischer Unterstützung und für regionale Anlaufstellen, findest du bei der Krebsliga Unterstützung.

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Elke Müller

Danke für den Artikel. Die “dritte Phase” hat mich auch kalt erwischt. 🙏👋