Parfumeurin Azzi Glasser im Interview – wie riecht Hollywood?
Die Kompositionen der Londoner Parfumeurin Azzi Glasser können mehr als nur betören: Sie helfen Hollywood-Schauspieler:innen, in ihre Rolle zu finden – und das mitunter durch bestialischen Gestank.
- Von: Mariam Schaghaghi
- Bild: Debbie Clarke
annabelle: Azzi Glasser, Sie wurden bekannt als Schöpferin des Agent-Provocateur-Dufts. Wie fing Ihre Lovestory mit Hollywood an?
Azzi Glasser: Per Zufall. Austin Butler wurde bei einem Videointerview mit «GQ» gebeten, seine fünf liebsten Gegenstände zu zeigen. Einer davon war eine Duftkerze aus meiner Kollektion, Fig Ambrette. Er erzählte, dass die von einer Parfumeurin aus London stamme, deren Düfte er grandios fände, vor allem Rain on Earth, den er tagsüber trage. Das war unfassbar, so etwas Nettes zu hören von jemandem, den ich damals noch nicht mal persönlich kannte! Irgendwann danach besuchte er mich mit Kaia Gerber, seiner damaligen Freundin, in meinem Atelier.
Ihr Label heisst The Perfumer’s Story. Warum?
Weil es mir genau darum geht: Über einen Duft eine Geschichte zu transportieren. Alles hat eine eigene Geschichte, eine eigene Vision, eine eigene kreative Tiefe – und die lässt sich für mich am besten über eine Geruchskomposition erzählen.
Wenn Sie ein massgeschneidertes Parfum für einen Menschen kreieren, müssen Sie also zuerst seine Story kennen?
Oh ja, und das Kennenlerngespräch dauert oft zwei, drei Stunden. Lord David Linley, zweiter Earl von Snowdon, für den ich einen Duft komponiert habe, sagte nach drei Stunden: «Das war die beste Therapiestunde meines Lebens. Kann ich für nächste Woche noch einen Termin buchen?» Dabei ist er sonst ein sehr privater Mensch. Aber um einen Duft zu kreieren, muss ich etwas über den Beruf einer Person wissen, über ihre Familie, muss wissen, was sie zuhause gern anzieht, wie sie sich für draussen stylt, welche Filme sie mag und warum … Ich führe ein Interview, fast wie eine Journalistin. Oder eben: eine Therapeutin.
Sie erfassen also die Essenz einer Person und setzen diese in einen Duft um. So weit, so bekannt. Wo wird es kompliziert?
Besonders herausfordernd war es bei Cindy Crawford: Ihr Mann Rande Gerber wollte ihr zum fünfzigsten Geburtstag einen eigenen Duft schenken, als Überraschung. Dabei, das weiss man, trägt Cindy nie Parfums. Sie mag sie nicht. Das war nicht ohne. Ausserdem musste ich meine «Spass-Therapie» ja mit ihm durchziehen, er musste mir alles über Cindy erzählen. Das hat er toll gemacht, er wusste alles, jedes Detail. Die Familie ist sowieso entzückend, die stehen sich alle sehr nah.
Warum wollte Rande Gerber Cindy unbedingt einen eigenen Duft schenken, wenn sie Parfums hasst?
Habe ich ihn auch gefragt. Er sagte, weil ich die Beste sei und Cindy nicht Parfums generell ablehne – ihr gefallen nur die meisten Düfte nicht. Sie wünsche sich sogar ein Parfum, nur habe sie nie eins gefunden. Ich habe dann zwei Kreationen für sie komponiert, nennen wir sie A und B, und reiste damit nach Malibu. Cindy machte es spannend: Sie schickte Rande aus dem Zimmer, wollte sich allein für einen Duft entscheiden und ihn dann dazuholen und fragen, welcher sein Favorit sei. Bei einer Übereinstimmung – Bingo. Wären sie sich nicht einig, würde ich von vorne beginnen.
Wie ging es aus?
Ich liess mich darauf ein – was sollte ich auch tun? Cindy schnupperte und entschied sich für B. Dann rief sie Rande rein, und der sagte wie aus der Pistole geschossen: «B!» Es macht so viel Freude, solch einen Moment zu schaffen, einem Menschen einen olfaktorischen Spiegel vorzuhalten. Seine Story in einem Fläschchen einzufangen.
Dann gingen Sie einen Schritt weiter, kreierten für die Filmbranche den Duft einer fiktiven Figur. Wie kam das?
Ich lernte die Schauspielerin Helena Bonham Carter in London kennen, am Schultor, als unsere Söhne ihren ersten Schultag hatten. Das ist lange, lange her. Unsere Jungs wurden Freunde, und einmal holte sie ihren Sohn nach einem Playdate bei uns ab und fragte mich, was ich eigentlich beruflich mache. Wir sprachen ja sonst immer nur über unsere Kinder. Sie besuchte mich dann in meinem Atelier, erzählte von ihrem nächsten Projekt – und so wurde die Idee geboren: Sie wünschte sich einen Duft, der zu ihrer Filmfigur in «Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln» passte. Seither spielt sie kaum mehr eine Figur ohne einen passenden Duft von mir.
"Duft kann ganz schön manipulativ sein!"
Und, wie wirken die sich auf ihr Schauspiel aus?
Helena sagt, dass ein spezifisch für eine Rolle entworfener Duft ihr «Empowerment» gebe: Dass er ihr genau vorgebe, wie sich die Figur fühlt, was sie ausmacht, was sie gerade erlebt. Duft kann ganz schön manipulativ sein! Daher hilft er Schauspieler:innen, in die fremde Haut zu schlüpfen.
Und indem er der Schauspielerin hilft, macht er auch der Regie das Leben leichter – und der gesamten Produktion. Die dann sicher gern zahlt.
Helena, ihr damaliger Mann Tim Burton, Johnny Depp und ich wurden in der Zeit dieses Drehs eine Art Geheimquartett, wir sahen uns dauernd. Johnny spielte den verrückten Hutmacher, Helena die Rote Königin, Tim führte Regie. Die drei sind so witzig! Für Johnny musste ich etwas kreieren, das ihm sofort einen seligen Ausdruck ins Gesicht zaubert. Ich wählte etwas, das an Grossmutters frischgebackene, warme Kekse erinnert, nach Puderzucker riecht, nach Kindheit, Wohltat … Tim Burton war begeistert. Wir unterhielten uns darüber, wie wir beide, jede: r auf seine kreative Weise, eine Stimmung erzeugen – er am Set, ich in der Flasche. Und wir sprachen darüber, wen wir zu unseren Hauptakteur: innen wählen, wen zu Nebendarsteller: innen – da gibt es viele Parallelen.
Aber jetzt mal konkret: Was kostet es, sich von Ihnen einen Duft mischen zu lassen?
Die Preise für ein Character Perfume sind ganz unterschiedlich. Wenn sich eine Privatperson einen individuellen Duft kreieren lassen möchte, kostet das rund 20 000 Franken. Das Parfum wird dann in einem wunderschönen Vanity Case geliefert, und letztlich steckt genauso viel Arbeit und Aufwand drin, wie wenn ich den Duft für Dior designt hätte. Der Prozess ist derselbe. Aber Dior zahlt dann doch mehr! (lacht)
Welchen Filmfiguren haben Sie schon per Duft zur Leinwand-Geburt verholfen?
Helena Bonham Carters Bellatrix Lestrange in «Harry Potter» 2007, ihrer eleganten Enid Blyton 2009 und 2018 ihrer Princess Margaret in «The Crown» – allein für Helena habe ich schon zehn Character Perfumes kreiert. Dann Johnny Depps Vampir in «Dark Shadows» und zuletzt Cate Blanchetts Irina Arkadina in Anton Tschechows «Die Möwe», das am Barbican Centre in London aufgeführt wurde. Ach, und auch Laura Linneys Doppelrolle in «The Little Foxes» – natürlich bekamen ihre zwei Rollen Birdie und Regina je eigene Düfte. Das half ihr, rasch von einer Figur zur anderen zu wechseln. Diese Düfte müssen ja gar nicht gut riechen, sondern: real.
Heisst: schlecht?!
(lacht) Nein. Nur real. In «Dark Shadows» zum Beispiel spielt Helena eine kettenrauchende, versoffene Psychiaterin. Ihren Duft komponierte ich also so, dass er nach Tabak – und zwar dem der Gauloises-Zigaretten – und Bourbon roch. Als sie damit um sechs Uhr morgens am Set Johnny Depp entgegenkam, meinte der: «Nimmst du dir die Rolle nicht zu sehr zu Herzen?» Als sie ihm erklärte, dass der Duft ihr beim Spielen helfe, war er begeistert und liess sich sofort meine Nummer geben. So ging es dann mit Johnny los.
Sie sind die erste Parfumeurin, die je einen Film-Credit bekommen hat, richtig?
Ja, für «Firebrand» mit Jude Law und Alicia Vikander. Ich war sogar bei der Premiere in Cannes dabei, war aber vom Filmende so ergriffen, dass ich den grossen Moment selbst völlig verpasst habe. Dabei war das der extremste Duft, den ich je kreiert habe!
Warum?
In Karim Aïnouz’ Film spielt Jude Law Heinrich VIII. – mit einem eiterschwärenden, offenen Bein und der ganzen spätmittelalterlichen Unsauberkeit. Jude Law kam damals mit Karim Aïnouz in mein Atelier und erzählte, dass er ihn als totalen Widerling spielt, als Tyrannen, dem langsam das Bein abfault. Also brauchte er einen Duft, der nach Schweiss, Eiter, Pisse, Exkrementen und nach Kotze riecht – einfach nur eklig. Ich sage nur: Buttersäure. Ich habe Jude mit dem Handy gefilmt, als er das Flacon beim Abholen zum ersten Mal öffnete und daran roch. Er verzog das Gesicht, rief: «Das ist widerlich!» – und dann sofort: «Das ist fantastisch!»
Und so übel roch Jude Law am Set dann die ganze Zeit?
Ja. Auf der Afterparty des Films in Cannes traf ich Alicia Vikander, die seine Frau Catherine Parr spielte. Sie wollte mich unbedingt kennenlernen. Ich war mir sicher, dass sie mich umbringen wollte. Sie meinte: «Azzi, weisst du eigentlich, durch welche Hölle du mich geschickt hast?» Aber der Regisseur hatte mir nun mal aufgetragen, den Duft so schlimm stinken zu lassen wie nur möglich. Und das habe ich. Ich durfte Jude den Duft auch immer nur ausserhalb der Halle an der frischen Luft aufsprühen, damit der Gestank ja nicht auf etwas anderem haften blieb.
Wie hat Jude selbst diesen Gestank bloss über Wochen ertragen?
Jude? Der war völlig okay. Er spielte doch den mächtigsten Mann Englands. Meinen Sie, Henry VIII hätte es interessiert, wie furchtbar er stinkt? Jude hatte aber immer auch ein Taschentuch bei sich, das mit der Essenz des kostbarsten Rosendufts besprüht war. Ich liess ihn sich wie den König fühlen, den er spielte.
Bei Matthew Vaughns «Kingsman» haben Sie Colin Firth und Taron Egerton wie echte Gentlemen duften lassen.
Ja, mit Vetiver. Das trug mein Vater immer, es duftet ganz eindeutig nach umwerfendem, wohlhabendem Alphamann.
Und besprüht haben Sie auch schon Douglas Booth, Machine Gun Kelly und Orlando Bloom.
Ja, Orlando liebt meinen Duft C, seit er mal mit dem Stück «Killer Joe» auf der Bühne stand. C macht richtig süchtig – so wie Opium von Yves Saint Laurent in den 1980er-Jahren fast zur Droge wurde. Die Kopfnote von C riecht ähnlich wie die Droge unserer Zeit, Kokain, und die drei molekularen Akkorde – holzig, weihrauchartig, animalisch – reagieren auf die DNA der Haut, die Körpertemperatur und die Pheromone. Daher riecht C bei jedem Menschen anders, fast wie ein individuelles Parfum.
"David Cameron bat mich, den Geruch Englands zu entwickeln"
Man kennt es, dass für Automodelle Düfte entwickelt werden oder für Kaufhäuser und Galerien, um Kaufimpulse zu erzeugen. Was ist das Ungewöhnlichste, das Sie je parfümiert haben?
Ein Land. Als David Cameron Premierminister war, bat er mich, für eine Regierungskampagne den Smell of Britain zu entwickeln, den Geruch Englands. Ich nannte den Duft Rain on Earth.
Moment: David Cameron beauftragte Sie, einen Duft für England zu kreieren? Und der wurde später zum Lieblingsduft von Austin Butler?!
Genau. Der Name erklärt sich von selbst, es regnet nun mal viel in England. Wenn der Regen auf die trockenen Pf lastersteine fällt – diesen Moment wollte ich einfangen. Das Parfum riecht ausserdem nach nassem Gras, nach Wäldern. Es gibt den Duft auch als Kerze, die wurde von der britischen «Marie Claire» vor Kurzem zur besten Duftkerze 2025 gewählt.
Seit wann faszinieren Düfte Sie eigentlich?
Seit meiner Kindheit. Wenn meine Mutter sich für eine Soirée fertig machte, war der Duftstoss aus ihrem Flacon immer der Abschluss, die Krönung – sie zog eine zarte Parfumspur hinter sich her, wenn sie aus dem Zimmer ging, wie eine Schleppe. Diese Raison d’être wollte ich Parfums zurückgeben, die Schönheit, den Stil, den Glamour. Ein gutes Parfum sollte nie penetrant sein, sondern immer zart. Es sollte sich nicht aufdrängen, dich nicht wie ein Pirat kapern und nicht mehr loslassen. Oder dich erschlagen wie Oud. Wenn Sie jemanden auf die Wange küssen, der Oud trägt, haben Sie den ganzen Tag was davon.
Verraten Sie uns zuletzt: Machen Düfte glücklich?
Hundertprozentig. Für mich ist ein Parfum das Pünktchen auf dem i. Wenn man seinen Duft gefunden hat, ist das eine der grössten Freuden, die man sich machen kann. Wenn ich morgen überfahren werde, habe ich der Welt zumindest einiges an Freude und Glück hinterlassen. Und nur darum geht es doch.