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Sauer und bitter: Logbuch einer Bulimikerin

Gesundheit

Sauer und bitter: Logbuch einer Bulimikerin

Fabienne ist Bulimikerin. Über Jahre hält sie in einem berührenden und extrem ehrlichen Logbuch fest, wie sich das Leben mit der Krankheit anfühlt – und wie sehr sie darunter leidet.

Triggerwarnung: Thema Essstörung

12 Jahre

«Wenn du mit der Hand fest in deinen Bauch drückst, geht es besser», ermuntert mich meine Freundin. Wir sind schon früher da, damit wir genügend Zeit haben bevor die Nachmittagslektion beginnt. Die mit Liebesbotschaften und anrüchigen Witzen behaftete Wand im Mädchenklo trennt uns. Wir versuchen unser Mittagessen zu erbrechen. «Bei mir geht’s nicht», bemerke ich enttäuscht, nachdem ich dem Erfolg meiner Freundin lausche und, wie dessen Echo, höre ich die Spüle.

14 Jahre

«Wusstet ihr, Models essen Watte! Weisse Watte, um ihre leeren Magen zu füllen.» Watte gegen den Hunger. Watte, nicht Zuckerwatte. Weisse Watte, mit der man normalerweise Kissen oder Plüschtiere ausstopft. Zum Spass beschliessen wir uns gegenseitig zu vergleichen. Ich stehe neben meiner Freundin an der Wand und die anderen schauen und bewerten.

16 Jahre

«Keine Angst, die wachsen noch», bemerkt mein Hausarzt ungefragt. Ich liege auf der Behandlungsliege, schutzlos fühle ich mich mit meinem nackten Oberkörper im sterilweissen Raum. Warum kommentiert er die Grösse meiner Brüste? Ich bin nicht wegen deren Form hier, sondern zur Kontrolle eines Muttermals unterhalb meiner linken Brust. Etwas stimmt nicht mit mir, denke ich, wenn sogar er meint, meine Brüste sind zu klein. Insgeheim freue ich mich trotzdem über seine Worte, sie hallen in mir nach und ich wünsche mir, dass sie wahr werden: «Keine Angst, die wachsen noch.» Heute habe ich versucht, nichts zu essen. Wenn ich schon klitzekleine Brüste habe, dann sollte ich zumindest überall dünn sein, schlussfolgere ich.

Meine Oberschenkel sind unförmig, wie zwei Keulen aus Fett, wie zwei Pouletschenkel, muskulös und einfach überdimensional zu meinem sonst schlanken Körperbau. Wenn ich sie mir abnehmen könnte, dann wären meine Brüste im Verhältnis dazu nicht mehr so klein. Und weil nichts essen so schwer ist, esse ich so wenig wie ich kann und wenn aus wenig trotzdem zu viel wird, erbreche ich halt. Es sieht fast noch so aus, wie vorhin auf dem Teller: Nudeln, ein paar Stücke Brokkoli und Salatblätter. In der WC-Schüssel schwimmt mein Mittagessen. Meine Hände zittern, mein Gesicht ist rot und heiss und meine Fingerspitzen sind klebrig. Ich putze mir die Zähne, um den bitteren Geschmack in meinem Mund vergessen zu können.

18 Jahre

Immer mehr schleicht sich etwas an. Wie ein Unkraut schlängelt es sich zwischen meine Tage, wächst langsam, ohne dass ich ihm gross Beachtung schenke. Einer Zeremonie ähnlich, immer öfter, stopfe ich mich nachts voll mit allem, was ich mir sonst verbiete und stolpere danach ins Badezimmer. Manchmal zweimal in der Woche und manchmal kein mal in drei Wochen. Doch immer schlummert es irgendwo in mir, weckt mich oder wartet, bis ich es wecke.

20 Jahre

Mit neunzehn nahm ich mir vor, als Zwanzigjährige nicht mehr zu erbrechen. Ich erbreche mein Versprechen.

21 Jahre

Ich ziehe aus und kann mich endlich so ernähren, wie ich es für richtig halte. Wenn ich anfange zu essen, kann ich nicht mehr aufhören. Mein Kühlschrank bleibt leer und öfter, als ich es merke, wenn der Hunger mich kontrolliert, fahre ich nachts an den Bahnhof, denn dort schliesst der Supermarkt zuletzt. Ich kaufe alles ein, was mein Hunger sieht und Zuhause stopfe ich es in mich, bis die kleinen Tropfen der WC-Spülung mir ins Gesicht spritzen. Ich lauere an der Türe bis es klingelt. Der Boden meiner Mansarde ist voller Kleider, die es nicht schafften, mich gut aussehen zu lassen. Töpfe türmen sich auf der elektronischen Zweierkochplatte und im zu kleinen Lavabo schwimmt Spülwasser, schon seit Tagen ist der Ablauf verstopft.

Mit Scham nehme ich die übergrosse Käsepizza, die Portion Pommes, die Penne an Tomatensauce all’arrabbiata, den in Plastik verpackten Reibkäse und das Tiramisu entgegen. Der Lieferant ist immer der gleiche Mann. Wir kennen uns mittlerweile. Wer ist dieses dünne Mädchen mit dem grossen Hunger, das jede zweite Nacht Unmengen bestellt? Ich habe jetzt drei Waagen, um ganz sicher zu sein. Fünfmal verschiebe ich sie am Boden meines Zimmers, ich wiege mich in allen Ecken meines Zimmers. Die Zahl ist nicht immer gleich. Spinnt die Waage oder spinne ich?

Mein Hals schmerzt nach dem Kotzen und das Klopfen meines Herzes ist unregelmässig. Die Knöchel meiner rechten, Brechreizauslösenden Hand sind rot und gereizt. Manchmal google ich die Folgen dessen, was ich mir antue und es macht mir Angst. Ein Mensch erbricht durchschnittlich 25 bis 30 Mal im Leben, lese ich. Ich erbreche 25 bis 30 Mal in einem Monat. Und jedes Mal, wenn ich erbreche, zerbreche ich irgendetwas in mir.

Wie von ganz weit weg schaue ich zu, wie das Wasser sprudelt und meinen Mageninhalt verschwinden lässt. Tränen rinnen nur aus meinen Rissen, wenn ich die Realität für einmal nicht mehr ignorieren kann, und wenn sie dann kommen, hören sie fast nicht mehr auf. Dünnhäutig stolpere ich durch die Tage, ich schwebe und hebe fast ab.

Manchmal kotze ich in Plastiksäcke. Die Woche zuvor ist ein Sack, der über die Nacht an der Zimmerwand lehnte, umgekippt und das Erbrochene verteilte sich auf dem Fussboden. Deshalb verknote ich den Sack dreifach und hülle ihn, zur Sicherheit, in einen zweiten. Es ist mitten in der Nacht, dunkelviolett sehe ich den Himmel durch das grosse Dachfenster, dessen Weitblick mich manchmal in die Ferne trägt, als ich mein Erbrochenes zum Hinunterspülen in das Badezimmer trage und ausrutsche. Niemand sieht mich, als ich dastehe, in und voller Kotze und auf einmal stimmt mein inneres Elend mit meinem äusseren Bild überein. Ich brauche Hilfe, doch ich bin überzeugt, dass ich nicht dünn genug bin, um sie zu erhalten. Die helfenden Hände meines sich hilflos fühlenden Umfeld schiebe ich von mir. Denn Hilfe annehmen heisst, mich meiner grössten Angst stellen zu müssen: zu Essen und es mir nicht wieder enteignen zu können.

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22 Jahre

Ein rotes Etwas überdeckt mein Erbrochenes. Woher kommt das Blut? «Kotzen Sie bloss, weil sich der Todestag von Lady Diana jährt und sie früher auch an Bulimie litt?», fragt mein Hausarzt, derselbe, der mir das Wachsen meine Brüste voraussagte. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Meine Brüste sind übrigens nicht grösser geworden. Er verschreibt mir Säureblocker und eine weisse Flüssigkeit, welche ich nach dem Erbrechen trinken soll. Mit Spezialzahnspülung und Zahnpasta zum Schutz und einem Termin zur Versieglung meines verletzten Zahnschmelzes, verlasse ich die Praxis meiner Dentalhygienikerin. Ich bin sauer auf mich. Und die Kotze ist so sauer, dass sie die Innenwände meiner Zähne beschädigt hat.

Ich ziehe mich immer mehr zurück. Überall gibt es Essen und Essen erinnert mich an die Albträume, die ich versuche, vor allen zu verstecken. Das Geburtstagfest meiner Freundin, ein Apéro bei einer halb Unbekannten, auf dem Flohmarkt, beim Picknick im Park, ich esse mit und viel und bin gedanklich näher bei der Toilettenschüssel als bei allen um mich herum. Sie finden sich überall, die Schüsseln, und manchmal ist es mir sogar egal, dass ich gehört werden kann. Nicht zu kotzen ist schlimmer, als kotzend gehört zu werden. Kaugummikauend mische ich mich immer wieder unter die Menschen und lache am lautesten mit.

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23 Jahre

Ich bin ganz dünn und merke es nicht. Ich denke, niemand merkt es, doch eigentlich tun es alle. Ich kaufe mir fünf Nüsse und esse drei davon und fühle mich so schlecht, dass ich die restlichen zwei in den Mülleimer werfe.

Jeden Morgen raffe ich mich auf und gehe zur Arbeit, um die äussere Fassade, die sich bis jetzt noch schwankend hält, zu erhalten. In der Mittagspause gehen wir gemeinsam in die Kantine nebenan. Niemand scheint zu merken, dass meine Speiseröhre nicht bloss einbahnig verläuft. Toiletten gibt es überall.

Wer versteht mich denn noch? Essen bestimmt über alles. Wenn ich esse, fühle ich mich wie im Himmel, so, als wäre die Welt für einen kurzen Moment wieder in Ordnung. Aber vergessen, was nach dem Essen passiert, kann ich nicht. Ich will nie mehr essen müssen und vor anderen kann ich es längst nicht mehr. Ich denke dann, dass sie sich vorstellen, wie ich vor die Schüssel sinke, mir mit der linken Hand in den Bauch drücke und mit meiner rechten in meinen Hals greife, bis ich zu würgen beginne. Wie ich mich zwingen muss, weiterzumachen, bis alles aus mir herausgewürgt ist. Es fühlt sich nicht immer gleich an. Manchmal schiesst alles schnell, wässerig, in einem Strahl heraus. Manchmal muss ich mehrmals würgen, bis die Essensbrocken halbverdaut, sauer und bitter, häppchenweise im Wasser versinken.

Meine Therapeutin zieht die Notbremse. Der Einweisung in die Klinik stimme ich nicht zu, weil ich mir mein Leben zurück erkämpfen möchte, sondern weil ich keine Kraft mehr habe, so weiterzumachen. Ich möchte mich fallen lassen, in ein Meer weicher Kissen. Ich möchte mich in mein Lieblingsmärchen hineinzaubern, dem ich als Kind vor dem Kassettenrecorder so gerne lauschte. Ich möchte die Augen schliessen, denn im Schlaf zerreisst mich mein ewiger Kampf zwischen Fressen und Fasten nicht mehr. Ich weiss gar nicht mehr, wer ich bin.

Eine weisse, alte Villa, fast etwas verwunschen, auf einem kleinen Hügel nahe den Gleisen, umrundet von klobigen, moderneren Bauten, ein zusammengewürfelter Gebäudekomplex aus Beton: die psychiatrische Klinik. Die einzigen, die dieses verschlossene Anwesen mit der Aussenwelt verbinden, sind in mit weissen Kitteln gekleideten, von Gebäude zu Gebäude huschenden Pfleger:innen und die Menschen mit den angespannten Gesichtern, die ihre Autos auf den Besucherparkplätzen abgestellt haben. Gehöre ich hierhin?

Ich komme allein, denn ich bin alt genug und doch liegt dazwischen gedrückt, unter all meinen Kleidern im vollgestopften Koffer, mein Teddybär. Die zehn Minuten vom Bahnhof gehe ich zu Fuss, ich höre das holprige Poltern meines Rollkoffers nicht, denn Bachs Chaconne beruhigt mich durch meine Kopfhörer. Und unterstreicht dramatisch meine Schritte ins Ungewisse.

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Du willst mit jemandem reden? Hier findest du Hilfe: 143.ch

Informationen und Hilfsangebote zum Thema Essstörungen findest du hier: sges-ssta-ssda.ch oder aes.ch

Fabienne Winkler kommt aus Basel, lebt jetzt jedoch in Südspanien, um die Sonne besser kennenzulernen. Sie wohnt zusammen mit ihrem Partner, ihrem Kätzchen und einer Vielzahl selbstgezüchteter Avocado- und Mangobäumchen.

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Claudia

Ein sehr schwieriges Thema… Vor allem mit der Veröffentlichung solcher Insights mit Tipps, die in den falschen Händen durchaus Ansporn anstatt Abschreckung sind. Ich fände es gut, wenn ihr die Verlinkung auf Socialmedia mit einer Triggerwarnung versehen könntet.

Carey

<3

Last edited 4 months ago by Carey