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Verhütungsnotfallstation

Body & Soul

Verhütungsnotfallstation

  • Text: Julia HoferFotos: Elisabeth RealErstellt: 14. Januar 2010

Ungeschützter Geschlechtsverkehr? 72 Stunden bleiben, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern – mit der Pille danach. Diese wird immer häufiger verlangt, meist von Teenagern, die sich in diesem prekären Moment Gedanken über Männer, Beziehungen und Verhütung machen. Ein Augenschein in der Apotheke.

Ungeschützter Geschlechtsverkehr? 72 Stunden bleiben, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern – mit der Pille danach. Diese wird immer häufiger verlangt, meist von Teenagern, die sich in diesem prekären Moment Gedanken über Männer, Beziehungen und Verhütung machen. Ein Augenschein in der Apotheke.

Sie sitzen auf einer Wartebank in der Apotheke im Hauptbahnhof Zürich und beugen sich über einen Fragebogen. Sie: vielleicht 16 Jahre alt, lange blonde Haare, weisse Röhrlijeans, die Beine übereinander geschlagen, gestresst. Er: vielleicht 16 Jahre alt, Gel im Haar, fette Halskette, Lederjacke, die Beine breit geöffnet. Sie schaut jeweils vom Fragebogen auf zu ihm. Dann redet er, und sie füllt aus.

Es macht den Anschein, als wüsste er besser als sie darüber Bescheid, ob sie auf gewisse Medikamente allergisch reagiert, ob sie die Pille danach schon einmal genommen hat und wann sie ihre letzte Blutung gehabt hat. Zwischendurch nimmt der junge Mann seine Freundin in den Arm, massiert ihre Schulter. Das junge Paar wirkt routiniert, wahrscheinlich ist es nicht zum ersten Mal hier. Dennoch scheint die Situation sehr privat zu sein und auch unangenehm; die beiden sehen aus, als wären sie am liebsten schon wieder draussen. Sie haben keine Lust, ihren Aufenthalt hier drin zu verlängern, um mit einer Journalistin zu sprechen. Die entsprechende Frage des Apothekers beantwortet der junge Mann selbstbewusst und abgeklärt mit zwei Worten: «Sicher nicht.»

Bereits wenige Minuten nachdem das Teenie-Pärchen die Apotheke eng umschlungen verlassen hat, nimmt die nächste junge Frau auf der Wartebank Platz. Auf ihren Knien liegt derselbe Fragebogen. Sie trägt die Highheels, die sie wahrscheinlich schon am Abend zuvor getragen hat, und wirkt ebenfalls nervös. Neben sich hat sie einen grossen Rollkoffer parkiert. Jetzt füllt Caroline, so soll das Mädchen hier heissen, den Fragebogen aus und wartet darauf, dass der Apotheker sie zum Beratungsgespräch ins Hinterzimmer ruft und ihr danach, wenn keine gravierenden Gründe dagegen sprechen, die Pille danach zusammen mit einem Glas Wasser in die Hand drückt. Zum Runterspülen, gleich hier und jetzt, damit ausgeschlossen werden kann, dass das Medikament mit der irreversiblen Wirkung jemand anderem, vielleicht sogar gegen dessen Willen, verabreicht wird.

Der sympathische Apotheker, der an diesem Sonntagabend die Pille-danach-Kundinnen berät, heisst Helmut Höller, ist 61 Jahre alt und hat schon viele Verhütungsnotfälle behandelt. Er hat schluchzende Frauen beruhigt, die um sieben Uhr früh vor der Tür standen. «Manche sind erschreckend schlecht informiert, wissen nicht, was ein Zyklus ist, oder glauben, dass sie sich bei einem Mann, der einen Nadelstreifenanzug trägt, unmöglich mit HIV infizieren können.» Andere wiederum würden es gelassen nehmen und wüssten dank Internet noch über die letzte mögliche Nebenwirkung von Norlevo Uno Bescheid.Seit 2002 kann man dieses Medikament – die Pille danach – in der Schweiz rezeptfrei nach einem Beratungsgespräch in jeder Apotheke kaufen. Während 2002 noch 8000 Packungen abgegeben wurden, waren es im Jahr 2008 schon 93 500, mehr als das Zehnfache. Erstaunlicherweise ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche trotzdem nicht zurückgegangen. Johannes Bitzer, Leiter der Frauenklinik im Universitätsspital Basel, erklärt sich das so: «Wahrscheinlich verhüten viele Frauen, die Norlevo Uno einmal anwenden, auch danach nicht sicher, weshalb sie zu einem späteren Zeitpunkt trotzdem schwanger werden.» Ausserdem gehen viele Schwangerschaftsabbrüche auf eine unregelmässige Einnahme der Antibabypille zurück, in diesen Fällen wird die Schwangerschaft erst bemerkt, wenn es für die Pille danach längst zu spät ist. Damit die Pille zuverlässig wirkt, muss sie innerhalb von 24 Stunden eingenommen werden, nach 72 Stunden beträgt die Wirkung nur noch 58 Prozent. Was geht Frauen wie Caroline in diesen Stunden durch den Kopf?

Caroline ist 17 Jahre alt und war gestern mit ihrem Freund an einer Party, irgendwo ausserhalb von Zürich, in einem Kaff, wo die Apotheke am Sonntag geschlossen bleibt. Deswegen ist sie mit dem Zug zurück nach Zürich gefahren, um zum ersten Mal in ihrem Leben die Pille danach zu schlucken. Caroline schiebt ihren Rollkoffer zur Seite, sie ist bereit zu erzählen. Ihr Freund habe ein Kondom benutzt, beginnt sie ohne Umschweife die technischen Details ihres Verhütungsunfalls zu schildern. Sie habe ihn, nachdem er «gekommen sei», gebeten «weiterzumachen», damit sie selber «noch etwas mehr Spass habe». Doch weil sein Glied nicht mehr voll erigiert gewesen sei, könne sie nun nicht ausschliessen, dass Sperma aus dem Kondom ausgetreten und in ihr, sie zögert, «Loch» gelangt sei. Caroline seufzt.

Später berichtet sie ausführlich und teils etwas wirr von ihren Schwierigkeiten, sich Informationen über Verhütungsmittel zu beschaffen. Da ist die Rede von einer Beratungsstelle, wo entsprechende Fragen abgeblockt worden seien, weil dort wohl die Meinung herrsche, mit 17 sei man zu jung für Sex. Von einer Mutter, einer Russin, die nicht mit ihrer Tochter über Sex spricht, weil ihr das ihre Kultur verbietet. Und von einer Website, die Caroline zum Schluss kommen liess, dass eine Spirale für sie nicht das Richtige sei. Nicht etwa weil sie dafür noch zu jung ist, sondern «weil sie extrem viel kostet». Ironie des Schicksals: Wäre Caroline erst 15, hätte sie die ersehnten Informationen heute erhalten, weil sie dann von Helmut Höller an eine Frauenärztin überwiesen worden wäre.

Schliesslich habe sie, erzählt Caroline weiter, von ihrem Hautarzt wegen ihrer unreinen Haut die Antibabypille verschrieben bekommen – die als Nebeneffekt ihr Verhütungsproblem löst. Zumindest sporadisch. Denn Caroline setzt die Pille immer mal wieder ab, ohne zu ahnen, dass diese Stop-and-go-Einnahme ihren Körper belastet. Momentan nimmt sie sie nicht, weil «die Haut gerade gut ist» und sie sich auf ihre soeben begonnene Ausbildung konzentrieren möchte, nicht auf ihren Freund. Ja, und wo ist der Freund jetzt? Der sei bei den Kollegen geblieben, habe sich das Geld für ein Zugbillett nach Zürich gespart. Caroline ist das recht. Allerdings findet sie es «mega hässlich» von ihm, dass er so wenig Verständnis für ihre Ängste aufbringt. «Er glaubt nicht, dass ich schwanger sein könnte.» Dass sie gerade ihre fruchtbarsten Tage hat, hat sie ihm gar nicht erst erzählt, «das begreift er eh nicht».
Verglichen mit Caroline wirkt die 34-jährige Anna sehr gefasst. Die visuelle Gestalterin erzählt, sie habe gestern bei Freunden einen Mann kennen gelernt und mit ihm die Nacht verbracht. «Leider ist das Kondom abgerutscht.» Auch sie nimmt das Notfallverhütungsmittel zum ersten Mal, und auch sie ist allein hier, allerdings aus einem andern Grund: Sie möchte damit signalisieren, dass nach dem One-Night-Stand jeder wieder getrennte Wege geht. Die Entscheidung, die Pille danach zu schlucken, hat sie allein getroffen. Ohne zu wissen, ob dieser Schritt auch tatsächlich nötig ist: Vielleicht ist gar nichts passiert? «So kurz nach dem Geschlechtsverkehr kann kein Test eine Schwangerschaft nachweisen», sagt Helmut Höller. «Deshalb muss die Frau selber entscheiden.» Für Anna ist der Fall klar: «Lieber jetzt den Kopf einschalten als später eine Schwangerschaft abbrechen.»

Wenn Anna jetzt so darüber nachdenkt, findet sie es «fast erschreckend, wie leicht es geht». Obwohl, gibt sie zu, auch sie gehofft habe, dass es am Schalter hinter ihr keine Schlange habe und sie diesen Die-hats-ja-wohl-überhaupt-nicht-im-Griff-Blick nicht ertragen müsse. Der in ihrem Fall sicher nicht angebracht ist. Auch an ihrem Mann von gestern Nacht hat Anna nichts auszusetzen. Er habe sich nicht gescheut, den Verhütungsunfall anzusprechen und wolle heute Abend erfahren, wie es gelaufen sei. «Auf Männer, die nicht so ticken, würde ich mich wohl gar nicht erst einlassen.» Trotzdem sei ihr auf dem Weg in die Apotheke wieder einmal bewusst geworden, dass Verhütung letztlich eben doch oft Sache der Frau sei, so wie es jetzt an ihr sei, die Pille danach zu schlucken.

Manchmal erleichtert es Helmut Höllers Arbeit, wenn die Frauen ohne männliche Begleitung erscheinen. Viele verschweigen nämlich, dass sie nicht zum ersten Mal in seiner Apotheke sind, um Norlevo Uno zu nehmen, ohne zu ahnen, dass Helmut Höller diese Information in seinem Computer abrufen kann. Wenn er dann seine Kundin über die grosse hormonelle Belastung des Körpers aufklären will, die mit der häufigen Einnahme des Medikaments verbunden ist, muss er damit rechnen, dass er einen Seitensprung aufdeckt, falls der Freund daneben sitzt.

Obwohl Helmut Höller schon manch vertracktes Liebesleben behandelt hat, erlebt auch er noch Überraschungen. Wie damals, als ihm eine Frau erzählte, sie habe Geschlechtsverkehr gehabt, «gleich hier im Bahnhof, hinter den Zügen». Als es verzweifelt aus ihr herausbrach, sie heirate doch in neun Tagen!, wollte der Apotheker sie mit der Bemerkung trösten, «aber das merkt doch keiner, wenn Sie neun Tage zu früh schwanger werden». Der Apotheker lächelt. «Erst als sie mir erzählte, dass sie mit einem andern Sex hatte, begriff ich.»
Auch die dritte Frau, die an diesem Sonntagabend über ihr Pille-danach-Abenteuer zu sprechen bereit ist, hat mit einem Kondom verhütet. Oder ist es bloss einfacher, gibt Helmut Höller zu bedenken, dem (schadhaften) Material die Schuld zu geben, als zu einem unvernünftigen Liebesrausch zu stehen? Die 18-jährige Gymnasiastin, nennen wir sie Kim, muss die Pille danach bereits zum dritten Mal schlucken. Beim ersten Mal sei ebenfalls das Kondom geplatzt, sagt sie, und beim zweiten Mal habe sie die Antibabypille vergessen. «Oder so», schiebt sie verlegen nach. Sie hat mit Männern eine ganz andere Erfahrung gemacht als Anna: «Männer sprechen die Verhütungsfrage nie an. Und wenn ich ihnen dann sage, dass wir ein Kondom nehmen müssen, stöhnen sie.» Kim imitiert die genervten Jungs: «Ich hasse Kondome.»

Weil es immer ein blödes Gefühl sei, hier «anzutraben», habe sie auch heute wieder ihre beste Freundin aufgeboten, die sich kichernd als «Angehörige» vorstellt und Kim nun mit vernünftigen Sätzen wie «lieber einmal zu viel als einmal zu wenig» coacht. Jetzt ein Kind kriegen? «Geht gar nicht», sind sich die beiden einig. Wegen der Eltern, denen dieser Apothekenbesuch natürlich verschwiegen wird. Aber auch, weil sie das Gymi fertig machen und später Jus studieren wollen und sich eine eigene Familie sowieso nur vorstellen können, wenn der Partner stimmt. Der von gestern, das weiss Kim ebenso gut wie Anna und Caroline, ist noch nicht der Richtige.

Kims Typ scheint heute schon wieder sehr weit weg zu sein. Nach dem Sex hat er lediglich einen Termin in ihr Handy eingetragen, der sie heute daran erinnern sollte, die Pille danach zu kaufen. Und vorgeschlagen, die Hälfte der Kosten zu übernehmen. «Das sagen sie alle», sagt Kim verächtlich, und ihre Stimme klingt zum ersten Mal in diesem Gespräch selbstbewusst. «Wenn ich erst einmal bezahlt habe, gehe ich doch nicht zu ihm, um zwanzig Franken zu erbetteln.»

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