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Von einem Mann ohne Eier – die etwas andere Ostergeschichte

Gesundheit

Von einem Mann ohne Eier – die etwas andere Ostergeschichte

Unser Autor wurde mit nur einem Hoden geboren. Das ist eigentlich kein grösseres Problem. Doch dann verlor er auch sein letztes Ei. Eine etwas andere Ostergeschichte – mit Happy End.

Es stimmt wirklich, dass sich Männer öfter mal die Eier kraulen. Zum Glück, kann ich in meinem Fall sagen. Auch wenn ich mir damals unter der Dusche genau genommen nicht die Eier gekrault habe, sondern ein Ei, mein einziges Ei. Und damit wären wir beim ersten Teil meines Problems.

Ich hatte als Kleinkind einen sogenannten Leistenhoden. Während normalerweise bei Jungs noch vor der Geburt beide Hoden durch den Leistenkanal in den Hodensack wandern, hatte das bei mir nur einer geschafft. Der andere war steckengeblieben. Das ist eigentlich keine grosse Sache und passiert etwa jedem fünfzigsten männlichen Säugling. In der Regel wird dann medikamentös oder chirurgisch nachgeholfen und gut ists. Auch bei mir wurde das Skalpell angesetzt, allerdings etwas schlampig, so dass der renitente Hoden irgendwann wieder hinaufwanderte in den Leistenkanal.

Mutter sagte: Nur ein Hoden ist kein Drama

Mit acht Jahren kam ich ein zweites Mal unters Messer. Es waren Sommerferien. Während der Operation zeigte sich, dass der Leistenhoden mittlerweile so fest mit dem umliegenden Gewebe verwachsen war, dass selbst eine zweistündige Operation ihn nicht mehr retten konnte. Weiter schlimm fand ich das nicht. Von meiner Schulklasse erhielt ich regelmässig Post, zudem war gerade Fussball-WM in Spanien. Meine Mutter fütterte mich täglich mit Panini-Bildern und noch viel besser: Auf Knopfdruck kam das Pflegepersonal zu mir ins Zimmer, karrte mich im Bett liegend in den Fernsehraum, drückte mir die Fernbedienung in die Hand und servierte in der Halbzeitpause Sirup und Apfelkuchen.

Von da an hatte ich nur noch einen Hoden. Meine Mutter versicherte mir, dass das kein Drama sei und ich trotzdem genau wie andere Jungs später Kinder haben könne. Ich übernahm diese Erzählung und erinnere mich noch gut daran, wie mein Primarlehrer einmal im Unterricht erklärte, dass der Mensch viele Organe doppelt habe, damit immer ein Ersatz da sei. Anschliessend stellte er die etwas makabre Frage, auf welches Organ wir Schülerinnen und Schüler denn am ehesten verzichten würden: Ein Ohr wurde genannt, eine Hand, ein Auge … als ich «einen Hoden» sagte, verstummte die Klasse. Mein Lehrer räusperte sich, die Jungs kicherten und die Mädchen sahen mich mit grossen Augen an.

Ein Risikopatient für Hodenkrebs

Meine Mutter behauptet noch heute, sie habe mich darüber aufgeklärt, dass ein Leistenhoden das Risiko für Hodenkrebs massiv erhöhe und Vorsorgeuntersuchungen im Risikoalter zwischen zwanzig und vierzig Jahren ratsam mache. Ich bin der Meinung, ich wusste nichts davon. So verging meine Zeit als Eineiiger. Ich war mittlerweile dreissig Jahre alt, beruflich erfolgreich, aktiv, auch sexuell. Einige Frauen belustigte es, dass ich nur ein Ei hatte, andere bemerkten es gar nicht. Mir selbst war es einerlei. Bis ich eines Morgens unter der Dusche stand und beim besagten Eikraulen eine Unebenheit auf meinem Hoden verspürte. Nichts Schmerzhaftes, eher etwas Erstaunliches. Warum hatte ich das noch nie bemerkt? Damit begann Teil zwei meines Problems.

Etwa zwei Wochen später besuchte ich meine Hausärztin wegen einer Erkältung. Sie war ziemlich hübsch und jung, so um die vierzig. Am Ende der Untersuchung fragte sie mich routinemässig: «Und sonst, alles gut bei Ihnen?» Ich sagte ja. Beim Hinausgehen kam mir dann aber diese Unebenheit wieder in den Sinn. Allerdings hatte ich wenig Lust, mich vor meiner Ärztin zu entblössen. Also verabschiedete ich mich, trat über die Türschwelle, zögerte einen Moment – und ging dann doch zurück ins Zimmer. Etwas wäre da noch, druckste ich. Ich bin meiner Hausärztin heute noch dankbar: dafür, dass sie mich nicht abgetastet hat, und vor allem dafür, dass sie mich direkt zum Urologen geschickt hat.

Von der Routine zum Ernstfall

Sorgen machte ich mir immer noch nicht. Routine, dachte ich. Der Urologe schmierte kaltes Gel auf meinen Hodensack und machte einen Ultraschall. Da ich auf dem Monitor nichts erkannte, lenkte ich meinen Blick auf das Gesicht des Urologen, das sich zusehends verdüsterte. «Das sieht nicht gut aus», sagte er und zeigte auf einen nun deutlich erkennbaren dunklen Fleck auf einer Mondlandschaft, die offensichtlich mein Hoden war. Mit höchster Wahrscheinlichkeit sei das Hodenkrebs, sagte er. Der Urologe überwies mich direkt ans Universitätsspital.

Ich ging hinaus, kaufte mir ein Bier, setzte mich auf eine Parkbank – und begann zu weinen. Am gleichen Abend erzählte ich es meinem Bruder, der sogleich zusammenbrach. Ich tröstete ihn mit der im Internet gewonnen Erkenntnis, dass 95 von hundert Männern diesen Krebs überleben. Ich habe mir die Haare abrasiert, ohne mich heute daran zu erinnern, warum. Vielleicht wollte ich einfach hart aussehen. Und mit meiner Fussballmannschaft habe ich noch den Cup in der Freizeitliga gewonnen.

Der Secret-Room des Unispitals

Sechs Tage nach dem Besuch beim Urologen lag ich im Universitätsspital. Da hatte ich die Abteilung bereits näher kennengelernt, von einer Voruntersuchung her, zu der ich zwischenzeitlich aufgeboten worden war – und einem etwas speziellen Spendenaufruf: Ich sollte mir einen runterholen, im Unispital, auf Anweisung und Empfehlung des Chefarztes für Urologie. Weil das Risiko bestand, dass ich meinen letzten Hoden wegen des Tumors verlieren würde, sollte ich angesichts der drohenden Impotenz noch einmal etwas Samen sammeln und einfrieren lassen.

Im Unispital habe ich dann nicht schlecht gestaunt, dass es für solcherlei Aktionen sogar ein Extrazimmer gibt, das vielleicht geheimste Zimmer des ganzen Spitals. Dorthin also hat mich eine ältere Pflegefachkraft begleitet, mir einen Plastikbecher in die Hand gedrückt und gesagt: «Wiedersehen macht Freude.» Ans Interieur erinnere ich mich noch gut. Im Zimmer hatte es ein Sofa, an den Wänden Poster mit barbusigen Frauen, auf einem Beistelltisch eine Ausgabe des «Playboy» – nicht gerade das, was einen Mann in meiner Situation so richtig auf Touren bringt. Doch irgendwie ist es mir gelungen, mir ein Portiönchen abzuringen.

Der Start in ein Leben ohne Eier

Nun gut. Nach der Operation kam jedenfalls der Oberarzt und teilte mir mit, dass alles gut gegangen sei, er den Hoden aber tatsächlich habe entfernen müssen. Der Tumor sei zu gross gewesen, eine Teilentfernung hätte eine erneute Krebserkrankung wahrscheinlich gemacht. So begann mein Leben als Mann gänzlich ohne Eier.

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«Ich hatte zwar keine Eier mehr, aber fast ein ganzes Leben vor mir. Und Sperma auf der Bank»

Viele Freundinnen und Freunde kamen ins Spital, meine Familie natürlich, meine Mutter und allen voran mein Bruder. Das war schön. Etwas später brachte die Computertomografie die Gewissheit, dass der Krebs keine Metastasen gebildet hatte. Ich war so erleichtert, dass ich ein zweites und letztes Mal wegen meiner Krankheit weinen musste. Ich hatte zwar keine Eier mehr, aber fast ein ganzes Leben vor mir. Und Sperma auf der Bank.

Soll der Kinderwunsch bleiben?

Allzu grosse Hoffnungen auf eigene Kinder machte mir der Chefarzt im Nachgespräch allerdings nicht. Laboruntersuchungen hatten ergeben, dass der Tumor nicht nur meine Spermienproduktion, sondern auch die Beweglichkeit der einzelnen Spermien reduziert hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich biologisch eigene Kinder haben würde, stünde höchstens bei eins zu zehn, sagte der Chefarzt. Ein Jahr später rief ich ihn an und erklärte, dass ich mein eingefrorenes Ejakulat wegschmeissen wolle. Nicht wegen der 400 Franken, die das Einlagern pro Jahr kostete, sondern weil ich Angst vor diesem kleinen Häufchen Hoffnung hatte.

Ich war damals gerade Götti geworden und hatte zum ersten Mal aus der Nähe eine Familie wachsen sehen. Zwar hatte ich zu jener Zeit selber keine feste Freundin, doch umso mehr sagte ich mir: Sollte beziehungstechnisch irgendwann mal etwas Ernstes entstehen, will ich von Anfang an klare Verhältnisse – weshalb ich mich auch gegen Hodenimplantate entschieden hatte: «Sorry, Kinder gibt es mit mir leider keine. Take it or leave me!» Nur bloss nicht ernsthaft verlieben, zusammenziehen und sich dann als Paar den Kopf zermartern, weil der Kinderwunsch – aller Wahrscheinlichkeit nach – unerfüllt bleibt. Der Arzt jedoch riet mir ab, mein Sperma zu vernichten. Ich hörte auf ihn.

Acht Jahre voller Änderungen

Acht Jahre schlummerte mein allerletztes produktives Ejakulat im Permafrost. Acht Jahre, in denen die Reproduktionsmedizin gewaltige Fortschritte machte – und ich meine heutige Frau kennenlernte. Als wir uns im Unispital erkundigten, wie das nun genau sei mit so einer künstlichen Befruchtung und wie gross die Erfolgschancen aussehen, hiess es plötzlich: eins zu vier.

«Intrazystoplasmatische Spermieninjektion» lautete die medizinische Wunderwaffe: Um die Wahrscheinlichkeit einer In-vitro-Befruchtung durch meine wenigen müden Krieger zu erhöhen, wurden diese unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle meiner Frau injiziert – und nicht nur in eine Eizelle, sondern in viele Eizellen, die meine Frau unter Einnahme heftiger Hormone zuvor überproduziert hatte. Anschliessend wurden zwei befruchtete Eizellen im Vierzellenstadium in die Gebärmutter meiner Frau transferiert. Klingt harmlos, ist aber eine Operation unter Vollnarkose.

Mit Ehrgeiz zum Happy End

Das erste Mal passierte nichts. Damit war zu rechnen gewesen. Trotzdem erschauderte ich, als ich ein paar Wochen später wieder mit meiner Frau im Wartezimmer der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie sass und um mich schaute: diese bleierne Schwere in den Gesichtern der anderen Paare, die sich nichts sehnlicher als ein Kind wünschten und durch diesen unerfüllten Wunsch zu traurigen Stammgästen dieser Institution geworden waren. Würden wir hier auch noch in vier Jahren sitzen?

Das Wissen um die Endlichkeit meines Spermaguthabens machte die Situation nicht leichter; ich begann sogar schon zu hadern, warum man mich damals vor der Operation nicht öfter in die schummrige Masturbationshöhle geschickt hatte. Nur ein Besuch mehr hätte meine eingelagerte Potenz schliesslich verdoppelt. Zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest beseitigten alle aufkeimenden Sorgen. Meine Frau war schwanger – beim zweiten Versuch! Irgendein Spermium von mir hatte tatsächlich mit einer geballten Ladung Restehrgeiz die Eizelle meiner Frau erobert. Aus zwei Zellen wurden Billionen von Zellen und das, was heute meine, unsere Tochter ist.

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Nica

Lieber Martin,danke fürs Teilen Deiner trotz so ernstem Inhalt,witzig geschriebener
” Eierstory” .Und Irgendein Spermium von mir hatte tatsächlich mit einer geballten Ladung Restehrgeiz die Eizelle meiner Frau erobert. DAS ist sooo wunderbarst und zeigt,Wunder sind möglich