Warum wir uns von unserer Wimperntusche verabschieden
Künstlich war gestern, Zeit für mehr Natürlichkeit. Fake Lashes, Wimpern-Extensions, sogar die gute alte Mascara: Können wir uns alles abschminken.
- Von: Sandra Brun
- Bild: Launchmetrics Spotlight
Seien wir ehrlich, es gibt Wichtigeres als die perfekten Wimpern. Dennoch habt ihr euch bestimmt auch schon den Kopf darüber zerbrochen, welche Mascara denn jetzt wirklich die beste ist. Eine, die tatsächlich den ganzen Tag hält, Länge oder Volumen oder Schwung oder bestenfalls alles zusammen verleiht, ein paar Tränen verträgt, gern auch einen Regenschauer und ja, für Frische und vielleicht auch ein bisschen Flirtiness in unserem Look sorgt.
Schon vor dreitausend Jahren verdunkelten sich Ägypter:innen die Wimpern mit Asche – damals noch zum Schutz vor Sonne und bösen Geistern. Im 19. Jahrhundert wurde zu einem Seife-Russ-Gemisch gegriffen, 1913 erfand Maybelline-Gründer Thomas Lyle Williams ein Gemisch aus Vaseline und Kohlenstaub für seine unglücklich verliebte Schwester, mutmasslich um ihre Flirtchancen zu erhöhen – im Handel gibts Mascara seit den Dreissigerjahren.
Etwa zeitgleich erfand Max Factor, Gründer des gleichnamigen Make-up-Brands, künstliche Wimpern für die Schauspielerin Phyllis Haver, die damals im Musical «Chicago» Roxie Hart spielte. Auch Wimpernverlängerungen gibt es seit über hundert Jahren und spätestens seit den Nullerjahren gehören sie zum Standardrepertoire jedes Beautysalons.
Die Evolution der Mascara, der Fake Lashes und Wimpern-Extensions sind ein Segen für diejenigen, die nicht von Natur aus mit langen, dunklen, vollen Klimperwimpern ausgestatten sind. Das lassen wir uns auch was kosten an Zeit, Geld und Nerven: Allmorgendliches Hochbiegen, Tuschen, Kleben. Plus: Schmierstress bei Sinnkrisen, Hitze, Sintfluten.
"Wir haben uns sattgesehen an vermeintlicher Perfektion in den Sozialen Medien, in Hochglanzmagazinen, auf den roten Teppichen"
Und jetzt? Schreiten Models ohne einen sichtbaren Hauch von Mascara über die Catwalks – bei Labels wie Ralph Lauren, Aje oder Chloé wurden an den vergangenen Fashion Weeks ungeschönte, ja beinahe unsichtbare Wimpern gezeigt. Influencer:innen posten immer öfter die ungeschminkte Wahrheit. Und Hollywoodstars lächeln auf Pressetouren wimperntuschefrei in Kameras.
Glamour weicht Echtheit. Von wegen «fake it till you make it». Wir haben uns sattgesehen an vermeintlicher Perfektion in den Sozialen Medien, in Hochglanzmagazinen, auf den roten Teppichen. Ghost Lashes heisst der Trend der Stunde. Dafür wird maximal eine schüchterne Schicht Mascara aufgetragen, es soll «au naturel» aussehen; mit der Wimpernzange ein wenig Schwung reinbringen und etwas transparentes Wimperngel reicht allemal.
Je mehr gefakt wird, desto weniger blenden uns Fälschungen. Bei zigtausend verschiedenen Wimperntuschen und künstlichen Wimpern wird es zum Statement, sich davon nicht mehr beeindrucken zu lassen. Sich kein wildes Contouring aufzumalen, keine langen Fake Nails aufzukleben, die falschen Wimpern im Böxli und die Tusche wegzulassen.
Einfach sein. Ich geh mir jetzt die vom Regen verschmierte Wimperntusche abschminken.