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Wie ist es eigentlich, sein altes Leben hinter sich zu lassen?

Body & Soul

Wie ist es eigentlich, sein altes Leben hinter sich zu lassen?

  • Aufgezeichnet von Evelin HartmannFoto: SXC

Beatrice* (43), Buchhalterin aus Hamilton, Neuseeland erzählt…

Mit 21 habe ich Kai * kennen gelernt. Nach 15 Jahren Beziehung haben wir geheiratet. Ich war glücklich. Kai irgendwann nicht mehr. Sein Geständnis kam nach zwei Jahren Ehe: «Ich habe meine Jugendliebe wieder getroffen.» Dann ist er gegangen.

Es war unerträglich. Ich konnte nicht mehr essen, nicht schlafen, nicht aufhören zu weinen – das Gesicht, das mich im Spiegel ansah, war um Jahre gealtert. Da wusste ich: Du willst weg hier, raus aus der Stadt, in der er ohne dich weiterlebt. Reisen ohne Rückflugticket. Als kleines Mädchen hatte ich Ansichtskarten aus aller Welt gesammelt. Hatte mir vorgestellt, wie toll es sein muss, ohne festen Plan zu reisen, ohne zu wissen, ob und wann es zurückgeht. Es war Zeit, mir diesen Kindheitstraum zu erfüllen – jetzt!

Ich leitete damals in einer Firma die Buchhaltung, hatte Geld gespart. Ich kündigte Job und Wohnung, verschenkte fast alle meine Sachen. Zwölf Kartonschachteln blieben übrig von meinem alten Leben. Die lagerte ich bei einer Freundin ein. Viele haben mich für diesen Entschluss bewundert, mir hat er Kraft gegeben.

Es ist mir nie schwergefallen, materielle Dinge loszulassen, aber mich von meinen Freunden zu verabschieden, das war hart; von ihrer Nähe, ihrem Zuspruch. Am 9. Juni 2009 zog ich die Wohnungstür endgültig hinter mir zu – ein Flugticket nach Pakistan in der Tasche. Danach sollte es nach Indien gehen, mehr wusste ich nicht. Als die Maschine vom Boden abhob, schloss ich die Augen.

Um vier Uhr morgens landete ich in Islamabad. Der Muezzin rief zum Gebet. Ich konnte mich kaum sattsehen an der Welt, die am Autofenster vorbeizog. Mit einer Gruppe ging ich auf Trekking im Himalajagebirge. Wandern, essen, schlafen – Tag für Tag der gleiche Rhythmus. Die ersten Wochen waren anstrengend, aber gut. Langsam nahm ich zu, spürte meinen Körper wieder.

Sechs Wochen später sass ich in einem Bus Richtung Indien, hospitierte in einer Schule. Die Kinder waren toll. Trotzdem war es nicht leicht. Ständig fiel der Strom aus, kein Internet. Ich fühlte mich isoliert, oft allein. In Nepal wurde es besser. Ich traf andere Touristen, ging mit einer Amerikanerin wochenlang wandern. Den Wunsch, nachhause zu fahren, hatte ich nie. Ich zog einfach weiter, liess mich von meinem Bauchgefühl treiben. Von Nepal nach Tibet, China, Laos. Es war grossartig.

Dann kam ein Mail von Kai. Ich sollte für die Scheidung zurückkommen. Mein Herz schlug bis zum Hals. Offenbar hatte ich bis zu diesem Moment gehofft, dass er es nicht ernst meinte mir ihr. Alles nur ein schlechter Scherz sei. Im März 2010 flog ich für eine Unterschrift nachhause. Und wieder zurück.

Ich sah Bhutan, Thailand, Australien. Mehr als 13 Kilo Gepäck hatte ich nie bei mir. In Neuseeland leistete ich mir ein Auto mit grossem Kofferraum – ein perfekter Schlafplatz. Ich habe fantastische Orte gesehen, doch kein Land gefiel mir so gut wie Neuseeland. Nach drei Monaten kaufte ich mir ein Around-the-World-Ticket. Zum ersten Mal in eineinhalb Jahren gab es jetzt nicht nur einen Start-, sondern auch einen Endpunkt: Neuseeland. Ich flog nach Argentinien und fuhr hinunter bis nach Patagonien. Es war der Punkt, an dem ich wusste, dass ich eine Pause brauche. Ich war übersättigt, konnte keine Eindrücke mehr verarbeiten.

Seit September 2011 wohne ich in Hamilton, 150 Kilometer südlich von Auckland. Ich habe ein Zimmer, ein Bett, einen Kleiderschrank, einen Computer und einen Fulltime-Job. Anfangs hatte ich Angst, dass ich das gar nicht mehr kann, jeden Tag zur Arbeit gehen. Und noch strengt es mich sehr an. Aber ich geniesse es auch, an einem Ort zu leben, nicht ständig das gleiche Paar Schuhe tragen zu müssen.

An Kai denke ich selten. Irgendwann während meiner Reise hatte ich begriffen, dass es egal ist, was er macht, und dass mein Leben unabhängig von ihm weitergehen muss. Ich bin unendlich dankbar, dass ich diese Reise machen konnte. Natürlich gibt es noch viel zu sehen auf der Welt. Aber ein paar Träume muss man sich für später aufbewahren.

*Namen von der Redaktion geändert

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