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Zufriedenheit in der Beziehung: «Die Ansprüche der Frauen dürfen durchaus hoch sein»

Liebe & Sex 

Zufriedenheit in der Beziehung: «Die Ansprüche der Frauen dürfen durchaus hoch sein»

Wie geht es den Frauen in der Schweiz? Das haben wir euch in unserer «annajetzt»-Studie gefragt. Die Journalistin Marah Rikli hat selbst an der Umfrage teilgenommen – und wollte nun von der Paartherapeutin Felizitas Ambauen wissen: Warum sind die Frauen nicht zufriedener mit ihren Partnerschaften? Was hilft gegen die Mental-Load-Falle? Und wieso fällt es Frauen schwer, über Sex zu reden?

«Recht zufrieden» – das sind gemäss der Frauenbefragung «annajetzt» die meisten Frauen in der Deutschschweiz. Das ist schön und gut. Trotzdem lassen mich einige Ergebnisse aufhorchen: Mit der Partnerschaft oder dem Sexualleben sind nämlich nur wenige der befragten Frauen wirklich happy. Auch mit ihrem Aussehen hadern die meisten. Und: Mütter sind tendenziell unzufriedener als Kinderlose.
Die Ergebnisse der Studie, die annabelle mit Sotomo durchgeführt hat, überraschen mich wenig – habe ich die meisten Punkte ähnlich bewertet wie die Mehrheit – und trotzdem frage ich mich: Warum sind wir Frauen nicht zufriedener? Was können wir selbst dafür tun und was unsere Partner? Zeit für ein Gespräch mit einer Expertin, und zwar mit einer auf Augenhöhe. Ich schreibe die Paar- und Psychotherapeutin Felizitias Ambauen, die ich gut kenne, für ein persönliches Gespräch an.

annabelle: Wir sind beide sehr beschäftigte berufstätige Mütter. Da wir so verplant sind, fanden wir weder ein Zeitfenster für ein Telefonat noch für ein Treffen. Wir führen dieses Gespräch nun durch Sprachnachrichten.
Felizitas Ambauen: Eine wunderbare Lösung, finde ich. Und gleich ein schönes Beispiel für das Leben berufstätiger Mütter! Was wir gerade erlebt haben, sehe ich auch oft in meiner Praxis bei Paaren. Raum und Zeit – zum Beispiel für sich selbst oder die Beziehung – muss man einplanen und dabei kreativ und erfinderisch sein.

Meiner Erfahrung nach sind es oft die Frauen, die ein Bedürfnis nach mehr Me-Time aussprechen, von Männern höre ich das selten.
In Beziehungen sind sich Frauen schneller der Probleme bewusst, das zeigt auch die Studienlage. Vermutlich gibt es mehrere Gründe dafür: Einer könnte sein, dass sich viele Frauen heute mehr mit ihren Wünschen und Bedürfnissen auseinandersetzen.

Ich frage mich, ob das immer so zielführend ist. Von älteren Frauen hörte ich schon: «Ihr beschäftigt euch zu viel mit euch selbst.» Wäre es nicht besser, wir würden uns weniger mit unseren Problemen beschäftigen?
Nein, das finde ich nicht. Aus psychologischer Sicht ist es erstrebenswert und gesund, dass wir uns früh genug fragen, wo es Störungen gibt in unserem Leben. Ansprüche dürfen durchaus hoch sein. Wichtig dabei ist, sich zu fragen ob die Erwartungen angemessen sind und ob unser Partner überhaupt davon weiss.

Wie zufrieden bist du mit deinem eigenen Beziehungsleben?
Ich bin tatsächlich gerade sehr zufrieden. Die Arbeit hat sich gelohnt. Ich vergleiche Beziehungen gern mit einem Garten, der, wenn man ihn nicht giesst, irgendwann verdorrt. In einem Garten jäte ich Unkraut, gebe Dünger, sorge für Sonnenlicht und Wasser. Wenn die Zufriedenheit also sinkt, kann es helfen, sich zu fragen, ob man als Paar seinen Job als Gärtner*in gemacht hat. Und ihr?

Wir haben gerade viele Unstimmigkeiten in Bezug auf Mental Load. Das scheint ein Thema zu sein in Beziehungen – über achtzig Prozent der befragten Frauen bei der Studie gaben ebenfalls an, mehr von dieser Denkarbeit zu tragen als ihr Partner.
Mental Load ist in jeder Beziehung, die mir bekannt ist, präsent – vor allem, wenn Kinder mit im Spiel sind. Oftmals herrscht bei den Männern grosses Unwissen darüber. Der erste Schritt ist darüber zu reden.

Wir haben zum Beispiel eine klare Aufgabenverteilungen gemacht. Ist das sinnvoll?
Ja. Von allein verteilt sich diese Arbeit nicht gleichmässig, da braucht es Abmachungen. Dazu kommt ja auch noch die «emotionale Arbeit», die mehr von Frauen ausgeführt wird.

Was meinst du damit?
Zusätzlich zum Mental Load stellen Mütter oft ihre eigenen Emotionen und Bedürfnisse hinten an, weil es gerade wichtiger ist, diejenigen der Kinder zu regulieren. Das heisst, beispielsweise zugewandt zu bleiben, obwohl man selbst schreien oder weinen möchte. Ich erlebte das gerade selbst: Ich war krank, meine Tochter an dem Tag aber gerade sehr fordernd. Ich musste meine Bedürfnisse zurückstellen und mich zuerst um ihre kümmern. Das kann sehr energieraubend sein.

Absolut. Gerade jetzt in der Covid-Zeit erlebe ich das fast jede Woche. Doch wie kann ich diesen Teufelskreis durchbrechen?
Zuerst einmal ist es sehr wichtig, zu unterscheiden, was sind die Bedürfnisse der Kinder und was sind die eigenen Bedürfnisse. Viele Eltern (vor allem Mütter) können oft nicht mehr unterscheiden, was jetzt für das Kind wichtig ist und was für sie selbst.

Frauen sollten sich also selbst mehr reflektieren?
Selbstreflexion ist sicherlich wichtig. Aber auch Selbstfürsorge und einen Partner auf Augenhöhe, der bereit ist, seinen Teil zu übernehmen. So kann man sich gegenseitig Freiräume schaffen.

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«Mental Load ist in jeder Beziehung, die mir bekannt ist, präsent»

Felizitas Ambauen

Meine Freiräume sind massiv geschrumpft, seit beispielsweise das Yoga-Studio, meine Lieblingsbar oder das Hallenbad geschlossen ist. Ich weiche nun mehr auf meinen Garten oder Tage allein in den Bergen aus. Das hilft.
Bei uns sind die kritischen angespannten Momente vor allem am Abend, bevor unsere Tochter ins Bett geht. Mein Mann und ich haben dann fix eine Viertelstunde für mich eingeplant, so kann ich pausieren. Diese Viertelstunde reicht mir, um mich zu regulieren, und ich habe wieder mehr Geduld für das Kind.

Wenn die Kinder gross sind, fallen solche Probleme hoffentlich weg und die Beziehung wird einfacher.
Das kann sein, muss aber nicht. Die Beziehungszufriedenheit – dies zeigen Untersuchungen – reduziert sich bei der Geburt des ersten Kindes. Beim Schuleintritt steigt sie jedoch wieder an. Und sind die Kinder in der Pubertät, fällt sie wieder. Ein stetiges Auf und Ab also. Und wenn die Kinder ausziehen, kommt entweder die Scheidung oder mehr Zufriedenheit.

Apropos Scheidung: 22 Prozent der Frauen gaben in der Umfrage an, sie seien zu lang mit dem falschen Partner zusammengeblieben. Sollten sich deiner Meinung nach Paare früher trennen?
Nein, nicht früher trennen, aber besser überlegen, was die Motive sind, beim Partner zu bleiben. Viele bleiben aus Angst, danach allein zu sein oder aus Bequemlichkeit. Ich empfehle immer, sich nicht im Affekt zu trennen, sondern erst einmal zu verstehen, worum es geht.

Jetzt haben wir so viel über Mankos gesprochen. Was macht denn die Frauen in einer Partnerschaft zufrieden?
Die Zufriedenheit der Frau hängt stark davon ab, was für ein Partner mit im Beziehungsboot sitzt. Sieht der Mann beispielsweise Feminismus und Gleichberechtigung auch als Chance für sich selbst und ist er bereit, alte Muster aufzubrechen, wirkt sich das oft positiv auf die Zufriedenheit der Frau und schlussendlich auch des Mannes aus.

Prüfe also, wer sich ewig bindet, und aufpassen bei der Partnerwahl. Das gilt wohl auch für guten Sex. Denn: Nur ein Fünftel der Frauen sagt, sie seien mit ihrem Sexualleben zufrieden. Ich finde das erschreckend wenig.
In meiner Praxis, also in der Therapie und Beratung, zeigt sich ein noch negativeres Bild: etwa acht von zehn Frauen in heterosexuellen Beziehungen sind mit ihrem Sexualleben nicht zufrieden.

Da bin ich baff.
Aber zu mir kommen ja auch vor allem Leute, die unzufrieden sind und etwas verändern möchten, das ist eine verzerrte Stichprobe. Aber ja: Ein unerfülltes Sexleben ist ein grosses Thema. Dabei gäbe es so viele gute Anregungen, den Sex zu verbessern: Podcasts, Bücher, Filme. Viele denken, guter Sex sei etwas, das einfach ist, dabei kann man Sex entwickeln. Sexualität wächst und verändert sich ein Leben lang. Meistens ist die Paarberatung der erste Ort, wo man darüber redet.

Wo fängt man denn als Paar am besten an, bevor man in Therapie geht?
Bei sich selbst! Du kannst zum Beispiel mit deinem Partner diese Übung machen: Jeder fragt sich für sich: Was will ich mehr, was will ich weniger, was will ich reaktivieren und was will ich loslassen? Danach tauscht ihr euch aus. So kommt ihr ins Gespräch und entdeckt gemeinsame Nenner oder Dinge, die ihr vom anderen noch nicht wusstet. Oder ihr hört meinen Podcast «Beziehungskosmos», zum Beispiel über achtsamen oder selbstbestimmten Sex.

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«Wir sollten uns fragen: «Denke ich gerade daran, wie mich mein Partner findet, oder finde ich den Sex selbst geil?»»

Felizitas Ambauen

Ich habe nicht so Hemmungen über Sex zu sprechen und bin immer wieder überrascht, wie es vielen Frauen unangenehm ist. Warum?
Wir haben es schlicht und einfach nicht gelernt. Viele Frauen kennen auch ihren Körper nicht, sie haben ihre Vulva noch nie betrachtet. Eine Frau kam zu mir in Therapie – aufgeschlossen, emanzipiert -, sie konnte jedoch ihre Vagina nicht von der Harnröhrenöffnung unterscheiden.

Wie kann das sein?
Viele von uns Frauen über dreissig hatten noch Aufklärungsbücher, in denen nicht die gesamten weiblichen Genitalien abgebildet sind. Und Zuhause gab es niemand, der offen über Sexualität und das Geschlecht gesprochen hat. Ich hoffe wirklich sehr, dass das heute besser ist.

Ich denke schon. Doch noch immer steht in vielen Büchern im Fokus, wie Frau dafür sorgen kann, nicht schwanger zu werden oder sich nicht mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken.
Ja, auch im Aufklärungsunterricht. Dabei wäre die Lust der Frau am Sex oder Selbstbefriedigung genauso wichtig. Zum Glück gibt es heute mehr Möglichkeiten als früher, Informationen zu bekommen – zum Beispiel über Social Media.

Nur 12 Prozent der befragten Frauen gaben an, mit ihrem Aussehen sehr zufrieden zu sein. Hat das nicht auch einen Einfluss auf unsere Sexualität?
Du sprichst das Thema Selbstliebe an. Je zufriedener ich mit mir bin, desto mehr kann ich mich beim Sex gehen lassen – das trifft sicherlich zu. Doch viele Frauen haben eine Sexualität gelernt, die darum geht, dem Mann zu gefallen. Sie überlegen sich weniger, was sie selbst wollen, als was der Mann will. Und am Schluss wissen sie gar nicht mehr, was wirklich ihr eigenes Bedürfnis ist.

Woher kommt das?
Das hat viel damit zu tun, wie wir Frauen sozialisiert werden in puncto Sex. Wir lernten: Guter Sex ist, wenn der Mann am Schluss befriedigt ist. So auch beim eigenen Aussehen: Viele Frauen beschäftigen sich viel mehr damit, ob sie für den Mann attraktiv sind, als damit, ob sie sich selbst schön finden.

Sollten wir uns also mehr fragen «Finde ich mich schön?» als «Findet er mich schön?»?
Ja, durchaus oder auch: Warum will ich überhaupt, was er will, und nicht mehr, was ich will?

Und wie lernen wir Frauen, was wir wollen?
Das Wichtigste finde ich: Sich anschauen und sich selbst zu befriedigen. Denn wenn du nicht weisst, was dir selbst gefällt, kannst du es auch nicht deinem Gegenüber erklären. Für guten Sex ist der Partner darauf angewiesen, dass du sagen kann, was dir gefällt und wo du gern berührt wirst. Und Frau soll sich beim Sex ruhig mal fragen: «Denke ich gerade daran, wie mich mein Partner findet, oder finde ich den Sex selbst geil?»

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Felizitas Ambauen ist als selbstständige Psychotherapeutin in ihrer eigenen Praxis tätig. Zusammen mit der Journalistin Sabine Meyer hat sie ausserdem den Podcast «Beziehungskosmos». In diesem Podcast bespricht sie alle zwei Wochen die brennendsten Beziehungsfragen. Du kannst ihr hier auf Instagram folgen!

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Kathinka

Danke für das offene und authentische Interview!