Chefärztin

Begegnung mit Brida von Castelberg

Text: Barbara Achermann; Fotos: Anne Gabriel-Jürgens

Begegnung mit Brida von Castelberg
Der Operationssaal ist ihr Reich: «Wunderbar» sagt Brida von Castelberg, als sie das Kind in ihren Händen hält
Vorgezogener Ruhestand: Im Oktober verlässt Brida von Castelberg nach 19 Jahren das Triemli
Brida von Castelberg gilt als strenge Chefin. Am unerbittlichsten ist sie jedoch mit sich selber: Wenn sie nicht arbeitet, plagt sie das schlechte Gewissen
Kapazität, aber keine Fachidiotin: Brida von Castelberg hat stets eine dezidierte Meinung und mischt sich in gesellschaftliche Debatten ein
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Der Operationssaal ist ihr Reich: «Wunderbar» sagt Brida von Castelberg, als sie das Kind in ihren Händen hält

Vorgezogener Ruhestand: Im Oktober verlässt Brida von Castelberg nach 19 Jahren das Triemli

Brida von Castelberg gilt als strenge Chefin. Am unerbittlichsten ist sie jedoch mit sich selber: Wenn sie nicht arbeitet, plagt sie das schlechte Gewissen

Kapazität, aber keine Fachidiotin: Brida von Castelberg hat stets eine dezidierte Meinung und mischt sich in gesellschaftliche Debatten ein

Auf Visite mit der aufmüpfigsten Chefärztin der Schweiz.

Brida von Castelberg sitzt nicht aufs Maul. Wenn sie etwas stört oder ärgert, muss sie darüber reden. Dann blinzelt sie zweimal, reisst ihre fünflibergrossen Augen auf und sagt Sätze wie «Frauen, die ihr Kind aus Bequemlichkeit von Leihmüttern austragen lassen, finde ich zum Kotzen». Oder «Man müsste in der Spitalverwaltung radikal sparen.» Sie leitet die Zürcher Frauenklinik Triemli und ist die aufmüpfigste Chefärztin im Land. Anders als ihre Kollegen und wenigen Kolleginnen mischt sie sich in gesellschaftliche Debatten ein. Ob Bundesratswahl, Präimplantationsdiagnostik oder der neuste Kinofilm, stets hat sie eine dezidierte Meinung. Brida von Castelberg ist eine Kapazität, aber keine Fachidiotin. Auch was ausserhalb ihres Spitals geschieht, interessiert sie. Bevor sie eine Patientin entlässt, will sie wissen, ob die Frau daheim Probleme hat und Unterstützung braucht. Für solche Fragen hat sie vor ein paar Jahren zwei Psychologinnen eingestellt, von denen immer eine auf Arztvisite dabei ist. In ihrer Frauenklinik wird ganzheitliche Medizin nicht gepredigt, sondern gelebt. Dazu gehört auch ein Arzt, der früher eine Ärztin war und transsexuelle Menschen berät. Man sieht es dem grauen Betonblock von aussen nicht an, dass hier drinnen Denkmuster und Konventionen gebrochen werden. Brida von Castelberg und ihre Kollegin Stephanie von Orelli sind schweizweit die einzigen Chefs, die eine Klinik im Team leiten, mit je einem Teilzeitpensum von (theoretisch) siebzig Prozent.

Auch optisch fällt die Chefärztin aus dem spitalkonformen Rahmen, sie trägt zentimeterkurze Haare, chanelroten Lippenstift und lange Ohrclips, die beinahe ihre schmalen Schulter berühren. An diesem Dienstagabend tritt sie sichtlich angespannt vor die rund vierzig schwangeren Frauen und vereinzelten Männer im Saal, die zum Infoabend ins Triemli gekommen sind. Sie steckt beide Hände tief in die Taschen ihres weissen Kittels, bewegt sich ungelenk, spricht schnell. Manchmal wünschte sie sich die Selbstsicherheit, die Eloquenz und das «barocke Auftreten» ihres Vaters, der einst Kunsthauspräsident in Zürich war.

Am nächsten Morgen ist alle Unsicherheit verflogen. Der Operationssaal ist ihr Reich. Sie arbeitet noch schneller, als sie redet. Zeichnet mit sicherer Hand eine Linie auf den runden Bauch, schneidet entschlossen in die Haut, reisst mit einem kräftigen Ruck das Gewebe auf, durchtrennt die Fruchtblase, das Wasser sprudelt, fasst in die Gebärmutter, kichert, «es dreht sich weg», wühlt mit beiden Händen, kriegt das Kind endlich zu fassen, «wunderbar», nach knapp fünf Minuten übergibt sie dem Kinderarzt einen gesunden Bub und sagt «Thank you».

Zwischen zwei Operationen erklärt Brida von Castelberg die Zukunft der Geburtshilfe. Künftig werde man bereits zu Beginn einer Schwangerschaft die Hochrisikoschwangeren bestimmen können, und zwar anhand eines Bluttests. «Es gibt zum Beispiel Marker für Schwangerschaftsvergiftungen oder Frühgeburten.» Diese Frauen werde man sehr engmaschig untersuchen und spitzenmedizinisch begleiten. Die übrigen müssten weniger oft zur Kontrolle als bisher. Sie sitzt in der kleinen Angestelltenküche und trinkt Kaffee, der Anästhesist gegenüber streicht Butterbrote. Auf dem Kaffeekässeli steht «Gib en Stutz». Eine Stimmung wie in einer Studenten-WG.

Das Triemli war eines der ersten Spitäler der Schweiz, das Wassergeburten angeboten hat. Jetzt landet Brida von Castelberg einen weiteren Coup: Sie will in ihrer Frauenklinik ein Geburtshaus einrichten. Dort sollen Schwangere nicht wie Patientinnen behandelt werden, sondern wie das, was sie in den meisten Fällen sind: gesunde Frauen, die ein gesundes Kind auf die Welt bringen. Die Hebamme trägt im Geburtshaus die volle Verantwortung. Sie betreut die Schwangere ganz ohne Spitalnachthemdchen, Hightechmedizin und ständige Schichtwechsel. «Geburtshäuser leisten hervorragende Arbeit, aber sie haben einen grossen Nachteil: Im Notfall ist der Weg zum Operationssaal viel zu lang.» Manchmal entscheidet sich innerhalb weniger Minuten, ob ein Leben gerettet werden kann. Liegt das Geburtshaus Tür an Tür mit der Spitzenmedizin, verringert das die Risiken erheblich. Eine bestechende Idee. Und wer das steile Hierarchiegefälle eines Spitals kennt, weiss, dass es revolutionär anmutet, wenn eine Chefärztin den Hebammen derart viel Verantwortung einräumen möchte.

Brida von Castelberg blättert im «20 Minuten»; die ideale Pausenlektüre, wie sie sagt. Sie ist eine Intellektuelle, aber kein abgehobener Schöngeist: «Das Feuilleton der NZZ ist mir zu kompliziert.» Selbst politisch passt diese Frau in keine Schublade. Früher habe sie FDP gewählt, manchmal SP, heute positioniere sie sich eher grün.

Vergangenes Wochenende war Brida von Castelberg zweimal im Theater. In ihrer knappen Freizeit verkehrt sie mit vielen Künstlern. Zu ihrem Freundeskreis gehören die Regisseure Christoph Marthaler und Luc Bondy, ihr Lebenspartner war der verstorbene Fotograf Urs Marty und ihr bester Freund der ebenfalls verstorbene Filmemacher Daniel Schmid. Im Gespräch mit Freunden sucht sie Antworten auf ethische Fragen, die sich in der Frauenheilkunde stellen. Vor allem die Fortpflanzungsmedizin könne zu makabren Auswüchsen führen. Eine Patientin habe sich jahrelang erfolglosen Fruchtbarkeitsbehandlungen unterzogen. Als sie endlich schwanger wurde, liess sie den Embryo abtreiben. Eine andere erwartete Zwillinge und wollte eines wegmachen. Da habe die Oberärztin sie gefragt: «Das Mädchen oder den Jungen, das Schöne oder das Intelligente, das Schwarze oder das Weisse?» Die Frau behielt beide und bedankte sich mehrmals für die ungewöhnliche Schocktherapie. Das neuste Angebot der Kinderwunschmedizin ist das Einfrieren von Eizellen. «Das ist reine Geldmacherei», findet Brida von Castelberg. «Die Ärzte machen den Frauen falsche Hoffnungen, wenn sie ihnen versprechen, sie könnten damit nach 45 schnell und einfach schwanger werden.»

Andere Sorgen haben ihre jugendlichen Patientinnen. Sie wollen ihre Schamlippen verkleinern, «die grossen operiere ich, die normalen sicher nicht», oder ihr Jungfernhäutchen rekonstruieren. «Ein Dilemma, schliesslich bedienen wir mit diesem Eingriff die patriarchalen Strukturen, in denen diese muslimischen Mädchen leben. Allerdings, wenn wir sie nicht operieren, werden die Frauen massiv bedroht.»

Die Pause ist vorbei, sie steht auf, zieht den Mundschutz hinauf, den Haarschutz runter, einzig ihre Augen bleiben frei: graublau, mit Kajal umrahmt. «Es geht weiter, Bauchspiegelung, Zyste auf dem linken Eierstock.» Im Idealfall ist eine Operation wie ein gutes Theaterstück, das Zusammenspiel ist reibungslos, die Übergänge fliessen. Aber die Pflegefachfrau ist von der Rolle, hat nicht alle Instrumente vorbereitet und nimmt nun ein Wegwerfrohr an Stelle eines wiederverwendbaren. Brida von Castelberg spricht gedämpft, man hört dennoch ihre Verärgerung. «Wissen Sie eigentlich, was das kostet?» Keine Antwort. «Fünfzig Franken, Sie haben gerade fünfzig Franken zum Fenster rausgeschmissen.»

Ja, sie sei manchmal eine Rappenspalterin, «aber das muss ich». In der Schweiz gebe es kaum ernsthafte Absichten zu sparen. «Zehn Prozent der Bevölkerung verdienen ihren Lohn direkt oder indirekt im Gesundheitswesen. Die haben ein Interesse daran, dass das so bleibt.» Ginge es nach ihr, würde sie den Geldhahn als Erstes bei der Verwaltung zudrehen. «Hier im Spital gibt es IT-Spezialisten, HR-Spezialisten, Finanzleute, Controller, Supercontroller und Berater. Wer braucht die? Ich bestimmt nicht. Der ganze Überbau muss weg.» Heute würden Ärzte und Pflegende mehr Zeit vor dem Computer verbringen als bei den Patienten. «Die Bürokratie nimmt absurde Formen an.» Für eine Auskratzung, ein Routineeingriff, der eine Minute daure, habe man einen administrativen Aufwand von rund zwei Stunden.

Brida von Castelberg hat keine Angst zu provozieren. Im Gegenteil, es bereitet ihr Freude. «Einige Leute finden, ich sei eine blöde Kuh. Ist mir doch egal.» Ihre pointierten Meinungen äusserte sie auch in einer Kolumne in der Schweizer Ausgabe der «Zeit». Dort plädierte sie für kreative Ideen, um den Organmangel zu bekämpfen, oder warnt davor, dass manche Frauen in der Schweiz zu leichtfertig abtreiben.

Der nächste Eingriff. Eine Frau hat einen gutartigen Tumor in der linken Brust. Brida von Castelberg leitet eine Ärztin in Ausbildung an. Weil der Knoten im Décolleté liegt, soll sie den Schnitt in der Achselhöhle ansetzen, wo man die Narbe kaum sehen wird. Die beiden Frauen fassen den Busen wie Brotteig, graben die Finger tief ins Gewebe. «Sie müssen den Tumor füregrüble», sagt Brida von Castelberg, zieht die offene Wunde auseinander und stöhnt vor Anstrengung: «Machen Sie vorwärts, ich kann fast nicht mehr halten.» Beim Nähen weist sie die junge Ärztin mehrmals leise zurecht, zu lange, zu tief seien ihre Stiche. Brida von Castelberg gilt als strenge Chefin, bei der man sehr viel lernt. Einige sagen, sie sei pedantisch.

Am unerbittlichsten ist sie aber mit sich selber. Wenn sie nicht arbeitet, plagt sie das schlechte Gewissen. Seit sie vor 19 Jahren die Leitung der Frauenklinik übernommen hat, verdreifachte sich die Zahl der Patientinnen. Mit ihrer Arbeitsmoral kompensiere sie ihre Herkunft. Sie wuchs in einem feudalen Stadthaus in Zug auf, mit mehreren Hausangestellten. «Ich wollte anders leben als meine Eltern.»

Die Tochter ist das pure Gegenteil. Brida von Castelberg hat vor lauter 90-Stunden-Wochen nicht einmal gemerkt, dass sie schwanger war. Mit dreissig Jahren nistete sich ein Ei in ihrem Eileiter ein und platzte nach einigen Wochen. Sie musste notfallmässig operiert werden. «Ich dachte, ach, schade, dass der Embryo am falschen Ort ist. Aber wegen der Schwangerschaftshormone fand ich ja auch jedes Büsi extrem herzig.»

Ab und zu überlegt sie noch heute, was aus den Hunderten von möglichen Chromosomenkombinationen für ein Mensch entstanden wäre. Dann bedauert sie es, dass man eine Schwangerschaft nahezu perfekt verhüten kann. Der Zeitpunkt zum Kinderkriegen war einfach nie der richtige. «Andererseits», sie lacht, und es klingt tief und laut, wie der Motor ihrer Vespa, «die Windeli-Breili-Phase hätte ich vermutlich nicht überlebt. Grauenhaft.» Heute muss sich in ihrer Klinik niemand mehr zwischen Familie und Karriere entscheiden. Von den zwölf Kaderärzten arbeiten nur zwei zu hundert Prozent.

Am nächsten Tag ist Chefvisite. Brida von Castelberg reicht einer Patientin die Hand: «Gahts rächt?» In ein paar Tagen wird sie ihr mitteilen, ob sie Metastasen in den Lymphknoten hat. Sie rede stets Klartext. Dennoch würden Patienten und Angehörige einen negativen Befund oft total verdrängen.

Auch ihr ist es so ergangen, als ihr Lebenspartner vor bald zehn Jahren an Lungenkrebs erkrankte. Sie habe als Ärztin versagt, die Symptome nicht erkannt. «Erst als er an einem Sonntag den ganzen Tag im Bett blieb, in der Nacht Atemnot hatte und beim Aufstehen schwankte, da konnte ich die Krankheit nicht mehr übersehen.» Schlagartig wurde ihr klar, es könnte Lungenkrebs mit Hirnmetastase sein. Die Diagnose war richtig. Brida von Castelberg pflegte ihren Partner zuhause, bis er wenig später starb.

Im Oktober wird Brida von Castelberg sechzig Jahre alt und tritt in den vorgezogenen Ruhestand. Nein, müde ist sie nicht, im Gegenteil, seit sie Hormontabletten gegen ihre Wechseljahrbeschwerden nimmt, kann sie wieder wunderbar schlafen. Sie wolle einfach noch etwas anderes machen, habe den Kopf voll Ideen für Projekte in der Schweiz oder in der dritten Welt. Wenn sie im Sitzen redet, so wie jetzt in ihrem unaufgeräumten Büro, dann wechselt sie ständig die Haltung. Seit zwanzig Jahren hat sie ununterbrochen Rückenschmerzen. «Aber das ist kein Problem, ich lebe gut damit.» In einer Zeit, in der es als unbestritten gilt, dass man möglichst aufmerksam in seinen Körper hineinhorchen soll, vertritt Brida von Castelberg eine etwas andere Haltung. «Alles Mist. Ich lasse den Schmerz links liegen.»

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