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Hochzeit - Schönster Tag?

Redaktion: Helene Aecherli
Foto: Getty Images

Hochzeit - Schönster Tag?

Schön wärs! Den Gästen kann eine Hochzeitsfeier gehörig Unbill bereiten.

  • Die Einladung
    Damit gehts schon los: Erstens, weil es viele Brautpaare nicht lassen können, das eierschalenfarbene Kärtchen mit Bibelfloskeln zu garnieren («Die Frau wurde aus dem Knochen des Mannes geschaffen»). Zweitens, weil die Einladungen fast immer an ein ihr und euch gerichtet sind, so als bestünde die Welt nur aus Paaren: «Ja, wir kommen gern / Nein, wir sind leider verhindert». Bleibt für Singles die bange Frage: Wen nehme ich als Begleitung mit? Ist mit dem wir auch eine Freundin gemeint? Ertrage ich es, allein hinzugehen?
  • Der Bastelterror
    Wird meistens von den Trauzeugen via Rundschreiben befohlen und ist immer eine Anmassung, egal ob es darum geht, Etiketten für Weinflaschen zu kreieren, A5-Büttenblätter mit Assoziationen zum Hochzeitspaar zu bemalen oder uralte Sandkastenbilder der Braut auszugraben.
  • Die Kleidung
    Was bitte soll ich bloss anziehen? Weiss ist tabu (der Braut vorbehalten), Schwarz ebenso. Man rennt wie wild von Geschäft zu Geschäft und verfällt in eine prämaritale Depression. Denn kaum etwas ist so bieder und unkleidsam wie die typischen Hochzeitsgäste-Kleidchen (knielange A-Form in Pastell mit Bolero).
  • Die Kirchenfrage
    Soll ich zur Trauung in die Kirche gehen, auch wenn ich das sonst nie mache? Schleiche ich mich nach dem Ja-Wort und vor der Predigt direkt zum Reisschmeissen vor die Kirche?
  • Der Apéro-Marathon
    Der erste Härtetest des Tages. Das Brautpaar verschwindet mit ausgewählten Gästen zur Fotosession, die Übriggebliebenen kauen am Blätterteiggebäck und nippen lauwarmen Weisswein oder Orangensaft. Da das Dinner noch Stunden entfernt ist (Glück haben jene, die nur zum Apéro eingeladen sind), isst man noch mehr Blätterteig und trinkt noch mehr lauen Weissen. Nicht verheiratete Paare werden jetzt zum ersten Mal gefragt: «Und wann seid ihr dran?» Und Single-Frauen wird klargemacht, dass sie hier als zweisamkeitgefährdende Konkurrenz gelten: «Schaaatz, komm mal her, du hast lange genug mit der geflirtet!» Erlösung bringt erst das Ballon-mit-Geschenkkärtli-Steigenlassen. Ein Zeichen, dass der Apéro bald vorbei ist.
  • Die Suche nach dem Platz am Tisch
    Der zweite Härtetest des Tages: Man findet seinen Platz an einem Achtertisch ganz hinten im Säli bei den anderen Singles oder ist eingeklemmt zwischen den Kollegenpärchen des Bräutigams.
  • Die Produktionen
    Der dritte Härtetest des Tages: Der Trauzeuge, meist ein verklemmter Kumpel des Bräutigams, präsentiert die Darbietungen der ehemaligen Pfadikollegen/Handballfreunde/Turnriegenfreundinnen. Total humorfrei. Immerhin sind nun wirklich alle Gäste gelangweilt: Das Leben ist doch gerecht. Höhepunkt: das Ablästern danach auf der Toilette.
  • Das Essen
    Salat, Braten mit Gratin dauphinois, Cassata.
  • Das Strausswerfen
    «Alle unverheirateten Frauen versammeln sich bitte in fünf Minuten zum Brautstrausswerfen!» Entkommen: unmöglich. Die 35-jährige Singlefrau steht stoisch mitten unter kichernden 18-Jährigen. Einziger Lichtblick ist die angetrunkene Tante, die lallend preisgibt, dass es ihr heute, als Witwe, besser geht als je zuvor. Der Tiefpunkt: Man schnappt sich nicht einmal den Strauss, der weinselige Onkel haut sich grölend auf die Schenkel und rückt näher.
  • Das Tanzen
    Das Brautpaar macht den obligaten Walzer, die Gäste klatschen und juchzen. Dann flüchten die Männer an die Tische zurück und kippen verlegen den ersten Whisky, der DJ legt mit abwesender Miene auf, die Frauen tanzen demonstrativ in kleinen Grüppchen auf dem Klötzliparkett, Raucher flüchten nach draussen und bleiben dort.
  • Das Happy End
    Der Shuttlebus wartet mit laufendem Motor. Wenn man Pech hat, gibts vor der Abfahrt noch ein Feuerwerk auf dem Parkplatz. Wenn man noch mehr Pech hat, hat das Hochzeitspaar ausgerechnet den Ballon mit dem Überraschungskärtli gefunden, den man selbst in den Himmel hatte steigen lassen, und macht sofort einen Termin ab für das auf dem Kärtli versprochene Dinner zu dritt.

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