Glosse

Wo sind die Pommes Chips? Wenn Güter aus dem Angebot verschwinden

Text: Mathias Plüss; Illustrationen: Illumueller.ch

Unser Autor hat einen bösen Verdacht: Jedes Konsumgut, das ihm ans Herz gewachsen ist, verschwindet früher oder später aus dem Angebot. Dafür kommen dauernd Neuheiten in die Regale, mit denen er nichts anfangen kann.

Ich betrete den Coop mit ein wenig Herzklopfen. Meine Lieblinge, seid ihr auch alle noch da? Riesenbirchermüeslijoghurt, Haselnussguetsli, Räucherspeck – hat jemand an eurer Rezeptur geschraubt oder euch gar aus dem Sortiment gekippt? Diesmal kann ich aufschnaufen: Es fehlt nichts. Sogar das Regal mit meinem Lieblingsbier, das seit Tagen verdächtig leer gestanden war, ist wieder aufgefüllt. Traumatisch in Erinnerung ist mir jener Tag im Herbst letzten Jahres, als auf einen Schlag zwei meiner Favoriten aus den Regalen verschwunden waren: das Bio-Weizenbier und die genialen Rosmarin-Knoblauch-Chips.

«Keine Veränderung geschieht nach dem Zufallsprinzip», schrieb mir der Coop-Konsumentendienst auf meine Reklamation hin. Die genannten Produkte seien «bei der Kundschaft auf geringes Interesse» gestossen. Ich verfluchte den Allgemeingeschmack, blieb aber einigermassen hilflos. Ein gutes Weizenbier kann ich auch anderswo auftreiben, aber bei den Chips ist die Situation dramatisch: Rosmarin-Knoblauch ist ausgerottet. Die Firma Zweifel, von der sie stammten, hat die Produktion eingestellt. Im Coop-Regal stehen jetzt stattdessen Meersalz-Alpenkräuter-Chips. Eine seltsame Vorstellung: Alpweiden mit Meerwasser. Das Ergebnis ist fader als Reiswaffeln an Wassersauce. Der Herrgott hat schon gewusst, warum er Berge und Meere trennte.

Wie verdünnter Rotwein
Manchmal reicht schon eine Änderung im Rezept, um den Geschmack zu verderben. klassisches Beispiel ist für mich Rivella grün: 1999 auf den Markt gekommen, avancierte es rasch zu meinem Lieblings-Rivella. Doch 2007 wurde es auf Diät gesetzt – Rivella grün sollte jetzt luftig-leicht-spritzig-frisch daherkommen. Man nahm die Hälfte des Zuckers aus, setzte auf hippe Werbung und gab sogar der Flasche eine schlankere Form. Seither steht für mich Rivella grün auf der gleichen Stufe wie verdünnter Rotwein. Rivella trinke ich immer noch. Aber nur das rote. Dessen Rezept ist seit der Erfindung 1952 unverändert. Ich glaube an die Endform. Raketen-Glaces und Stocker-Laugengipfeli, Swisstopo-Karten und Bialetti-Espressomaschinen, Tschechows Erzählungen und Bachs Chaconne: An manchen Dingen gibt es nichts zu verbessern. Meine Lieblingspizzeria hat seit dreissig Jahren die gleiche Speisekarte.

Für vollkommene Produkte ist Reklame überflüssig – wirbt man dennoch, kommt nur der Slogan infrage, den das unerreichte Pilsner Urquell führt: «Das Perfekte braucht man nicht zu verändern.» Zugegeben, manchmal sind Änderungen nötig. Oft sind sie aber schlicht ärgerlich, ohne dass ein Nutzen ersichtlich wäre.

Mit jedem neuen Handy muss ich die Bedienung fast von Grund auf neu lernen. Bei meiner jüngsten Anschaffung hat es mich allein eine halbe Stunde Sucharbeit in Internetforen gekostet, um herauszufinden, wie man ein MMS empfangen kann. Das WC-Papier, das ich seit Jahren benutze, hat begründungslos von kompakten Zwölfer- auf sperrige Neuner-Packungen umgestellt. Das ist nicht nur weniger, sondern es passt auch nicht mehr auf mein Velo. Die praktischen 2-Liter-Plastiksäckli gibts seit einiger Zeit nicht mehr zum An-die-Wand-Hängen, sondern nur noch als Rollen, die man jedes Mal aus der Schublade klauben muss. Wer denkt sich so etwas aus? Nein, ich habe nichts gegen das Neue. Aber ich habe etwas dagegen, dass das Alte verschwindet. Betty Bossi bringt jährlich vierzig bis fünfzig neue Produkte auf den Markt – wahrlich eine Leistung, ist doch die Kulturtechnik des Kochens seit einigen Hunderttausend Jahren bekannt. Ich habe kürzlich in einem Katalog geblättert und gestaunt: Da gibts Pizzascheren, Pfannendeckel mit Geruchfilter, Spaghettitöpfe mit eingebautem Schwenk-Löchersieb oder multifunktionale Schürzen, die man auch als Abtrocknungstuch und Serviette nutzen kann. Es würde mich wundern, wenn derlei Dinge besonders lange im Angebot blieben.

Nicht mehr erhältlich!
Ich dulde nicht viele Gerätschaften in der Küche, nur schon aus Platzgründen. Aber einmal bekam ich etwas wirklich sehr Praktisches geschenkt, nämlich den Täschler von besagter Betty Bossi. Ich gehöre zu jenen Leuten, die unendlich lange brauchen, um ein Ravioli von Hand zu formen. Am Ende ist es trotzdem schief und hat garantiert ein Leck. Mit dem Täschler aber geht es ganz geschwind: Teig ins Gerät legen, Füllung in die Vertiefungen geben, zweite Teigschicht darüberlegen und fest auf den Deckel drücken – schon hat man sechs grosse, schöne, dichte Ravioli. Nur ist mir das Ding nach kurzer Zeit auf den Boden gefallen und war nicht mehr zu retten. Ich musste fortan ohne den Täschler leben, denn er war schon nicht mehr erhältlich. Wahrscheinlich hatte ihn ein elektronischer Büchsenöffner aus dem Angebot verdrängt.

Doch es geschehen noch Zeichen und Wunder: Auf Anfrage hat mir Betty Bossi mitgeteilt, der Täschler werde ab etwa Februar 2013 wieder im Angebot sein, «auf Wunsch der Kundinnen und Kunden». Für einmal bin ich kein einsamer Querulant, sondern im Zentrum einer Volksbewegung! Weiter hiess es: «Unsere Produktentwickler sind gerade daran, den Täschler weiterzuentwickeln.» Da schwant mir sofort wieder Böses. Er war doch schon perfekt! Bis auf den fehlenden Stossdämpfer vielleicht. Dennoch gab mir das Beispiel etwas Hoffnung, und so erkundigte ich mich bei Zweifel nach meinen Rosmarin-Knoblauch-Chips. Immerhin hat die Firma vor einiger Zeit die legendären Zwiebel-Ringli wieder ins Sortiment aufgenommen, nachdem eine entsprechende Facebook-Fangruppe auf 12 000 Mitglieder angewachsen war. Doch der Marketingleiter musste mich enttäuschen: Weder auf Facebook noch sonst wo gebe es Anzeichen für ein Rosmarin-Knoblauch-Revival. Dann gab er noch einen drauf: «Die Nachfrage nach Knoblauch und Rosmarin ist in der Schweiz sehr gering.»

Die Sehnsucht nach supersauren Kaugummis
Hätte ich die Macht, ein einziges Produkt wiederaufleben zu lassen, so wählte ich ohne Zögern die supersauren Kaugummis. Dabei bin ich nicht einmal sicher, ob sie wirklich so waren, wie ich glaube. Meine Erinnerung sagt: Nach dem Fussballtraining hielt ich stets beim Selecta-Automaten am Strassenrand. Für fünfzig Rappen bekam man eine Packung mit wenigstens zehn (die Fantasie sagt zwanzig) runden Kaugummis, die in ihrer Säure unerreicht waren, besonders wenn man sie alle auf einmal in den Mund stopfte. Doch irgendwann verschwanden sie. Ich stelle mir vor, dass die Kaugummis in einem Akt von Beamtenbrutalität verboten wurden, weil ein EU-Ministerium in der Säure eine Gefahr für den Zahnschmelz witterte.

Wo habe ich nicht überall nach diesem Geschmack gesucht, jahrelang! Habe mutig auf verdächtig farbige Kugeln gebissen, die ich aus einem rostigen Kasten in einer rumänischen Spelunke zog, wo sie bestimmt schon zwei Jahre ohne Verpackung gelagert hatten. Es hat alles nichts genützt, ich habe die Säure nicht wiedergefunden. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es vielleicht in einer düsteren Ecke eines Bahnhöfchens der RhB einen vergessenen Automaten gibt, der die supersauren Kaugummis noch hat. Oder gibt es womöglich irgendwo einen Schwarzmarkt für illegale Süsswaren? Sachdienliche Hinweise bitte an mathias.pluess@gmx.ch

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