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Autorin Martina Hefter übers Altern:

Autorin Martina Hefter übers Altern: "Es gibt keinen Trost, es gibt nur Ablenkung"

Die Deutsche-Buchpreis-Gewinnerin Martina Hefter spricht über ihr Buch "Es könnte auch schön werden", ihre Besuche im Pflegeheim und die Frage, wie Nähe bleibt, wenn Autonomie und Sprache schwinden.

Die volle Windel, die rote Notrufklingel, die «Küchenschlacht» im Fernsehen, der Wunsch, endlich wieder heimzugehen – und die Schuldgefühle darüber. In ihrem Gedicht- und Sprechtextband «Es könnte auch schön werden» schreibt Martina Hefter von den regelmässigen Besuchen bei der Schwiegermutter in einem Leipziger Pflegeheim.

Tastend, oft wütend, dann wieder mit trockenem Humor kreist die Deutsche um die Frage, wie Nähe möglich bleibt, wenn Sprache, Autonomie und Zeit zerfallen. Die Texte interessieren sich dabei weniger für grosse Antworten als für die Zumutungen des Alltags. Der titelgebende Konjunktiv ist dabei kein Versprechen, sondern eine vorsichtige Möglichkeit. Ein Buch, das Trost nicht behauptet, sondern gerade dadurch entstehen lässt, dass es auf jede Form von Feelgood-Zuversicht verzichtet. 

Martina Hefter, 1965 geboren, lebt als Schriftstellerin und Performerin in Leipzig. Für ihren Roman «Hey guten Morgen, wie geht es dir?», in dem sie die Pflege ihres an Multipler Sklerose erkrankten Mannes literarisch verarbeitet, wurde sie 2024 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. 

annabelle: Waschen, Wickeln, Füttern: Berührungen sind gerade in Pflegeheimen aufs Funktionale reduziert. Allgemein scheint Zärtlichkeit alten Menschen oft vorenthalten zu werden – wie war das bei Ihnen und Ihrer Schwiegermutter?
Martina Hefter: Vorangestellt sei gesagt: Ich habe meine Schwiegermutter nicht gepflegt, sondern regelmässig besucht. Vor ihrer Zeit im Heim waren wir auch gar nicht besonders eng. Wir haben uns beispielsweise nicht mal zur Begrüssung umarmt. Bei meinen Heimbesuchen aber habe ich nach und nach intuitiv angefangen, ihre Hand zu nehmen oder sie zum Abschied kurz im Gesicht zu streicheln. Und gemerkt, dass in diesen kleinen Berührungen eine Qualität lag, die es vorher nicht zwischen uns gegeben hatte. Die schön war. Wobei ich nie genau wusste: Was ist zu viel? Sie konnte das gerade zum Schluss nicht mehr klar äussern, das fand ich schwierig. 

Besuche im Pflegeheim geniessen nicht gerade den besten Ruf: langweilig, energieraubend, beklemmend. Wie kam es dazu, dass Sie die Begleitung übernommen haben?
In dem Moment, als klar war, dass meine Schwiegermutter nicht gerade aus freien Stücken in ein Heim umzieht, fühlte ich eine Dringlichkeit, sie zu besuchen, ihr beizustehen – viel mehr noch als in den Jahren davor. Mein Mann sitzt im Rollstuhl und kann aufgrund seiner MS-Erkrankung nicht übernehmen, meine Schwägerin lebt in Kopenhagen, das Heim war in Leipzig. Aber klar, auch ich hatte Momente, in denen ich am liebsten gleich wieder gegangen wäre. 

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"Meine Aufgabe als Schriftstellerin war es, diese Welt in meinen Gedichten wirklich vorkommen zu lassen"

Ist die Windel voll? Genug getrunken? Dazwischen genervte Sticheleien, auch das macht Heimbesuche aus. «Es gibt keinen Trost, es gibt nur Ablenkung», schreiben Sie – was genau meinen Sie?
Die Ablenkung ist der Trost. Sie besteht in Kleinigkeiten, die es nicht abzuwerten gilt: Kreuzworträtsel. Oder auch Fernsehen. Meine Schwiegermutter und ich haben uns immer zusammen die Kochsendung «Küchenschlacht» angeschaut und das sogar gern. Das war wie ein gemeinsamer Ankerpunkt und hatte etwas ganz Gemütliches. Meine Aufgabe als Schriftstellerin war es dann, diese Welt in meinen Gedichten wirklich vorkommen zu lassen – mit profanen Begriffen wie eben diesem lustigen Titel «Küchenschlacht». 

«Gedichte / Sprechtexte» heisst es ja auch in der Unterzeile, gerade der Wechsel aus spielerischer Sprache und Direktheit macht den Band so zugänglich und authentisch…
In der Lyrik ist es ja massiv verbreitet, dass Dichter:innen auf gar keinen Fall verstanden werden wollen, aus Furcht unterkomplex rüberzukommen. Ich kenne den Vorwurf der Trivialität, habe aber keine Angst davor, weil ich weiss: Mein Schreiben ist nicht trivial. 

 «Das ‹Schwieger› in Schwiegermutter verschleife ich, sodass es sich wie ‹schwer› anhört und deswegen heissts ab sofort Schwermutter», erklären Sie. Geht es aber nicht auch darüber hinaus? Ist eine Schwere nicht fast immer eine Begleiterscheinung, die alte Menschen erfasst, sie grummelig werden lässt, mutlos?
Ja, das habe ich bei meiner Schwiegermutter auch so erlebt, der Begriff der Schwere war immer da. Übrigens gleich in mehrfacher Hinsicht: Früher eine sportliche, agile Frau, ist sie auch im wörtlichen Sinn sehr schwer geworden. Sie hatte keine Eigenkraft mehr, musste mit einem Kran aus dem Bett gehoben werden und war durch und durch angewiesen auf die Hilfe anderer. Auch geistig hat sie nicht mehr alles mitbekommen und oft keine Freude mehr an Ausflügen empfunden, alles war nur noch anstrengend, vieles konnte sie nicht mehr einordnen. 

Sie beschreiben eine Szene, in der die Bewohnenden zu einem Reimspiel eingeladen sind, ein Spiel, das so viel Raum für Albernheiten birgt. Doch alle «schauen sie immer traurig oder neutral, wenn das Reimwort erklingt». Was tun?
Ja, im Pflegealltag ist dieses Spielerische aufgrund all der ganz realen Umstände meist gar nicht möglich. Aber so naiv oder utopisch es sein mag, ich wünschte, dass man einfach mal alle im Garten sitzen lässt, Raum gibt. Eine Aufgabe für uns alle als Gesellschaft: Utopie mitdenken und nicht als etwas abtun, das sowieso nicht erreichbar ist. Eine Utopie, wie wir – nicht nur im Alter – leben und miteinander leben können, ist ja eigentlich keine Utopie, vielleicht mehr ein Auftrag. 

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"Ich bin generell vorsichtig mit Prognosen, vermeide es, mich im Vorfeld zu fest auf etwas zu freuen"

Deshalb der Konjunktiv in «Es könnte auch schön werden»? 
Ich bin generell vorsichtig mit Prognosen, vermeide es, mich im Vorfeld zu fest auf etwas zu freuen, weil ich grundsätzlich damit rechne, dass noch etwas dazwischenkommt. Aber ja, in der Formulierung steckt ein Hoffnungsschimmer. Es könnte auch schön werden – vielleicht sogar den eigenen Tod betreffend. Vielleicht liegt es an den Wörtchen «auch»: Es deutet an, dass es eine andere Sichtweise geben kann. Gerade was Alter und Tod betrifft, sagt man ja eher, dass alles schrecklich wird, alles scheisse, alles tut weh, alles endet krank. Aber erinnern wir uns: Es könnte auch schön werden. 

Und gleichzeitig ist da dieses weniger Schöne. Einmal schildern Sie, wie Sie Ihre Schwiegermutter in den Rollstuhl packen und zu einem asiatischen Imbiss fahren, den Sie gernhaben. Das frittierte Hühnchen fällt in Stücken runter, nichts schmeckt ihr wirklich gut und obendrein drängeln andere Besucher:innen in bemerkenswerter Rücksichtslosigkeit an Ihnen vorbei. War das nicht schrecklich frustrierend?
Oh, der ganze Text ist von Wut und Empörung gespeist. Gegen vieles: andere Leute, schräg angelegte Gehsteige, auf denen man den Rollstuhl nicht richtig fahren kann, die Situation insgesamt – gegen alles. Und deswegen habe ich auch genau diese ziemlich mündliche Form gebraucht, damit das alles ungekünstelt rauskommt. Dieser Gedichttext ist ja viel autobiografischer als der Roman, hier habe ich vieles aufgeschrieben, was wirklich passiert ist.  

Gerade der Perspektivwechsel gibt zu denken: Etwa wie schnell man selbst hilfsbedürftig werden kann, wenn man etwa einen Rollstuhl schiebt und nur mit Hilfe von Skinheads die Treppe hoch ins Gasthaus gelangt. Kann man sich als Hilfsbedürftige keine Moral und politische Überzeugung mehr leisten? 
Ja, da wird’s schwierig. Dieses Angewiesensein auf Leute, auf die man eigentlich nicht angewiesen sein will, zu merken, wie moralisch angreifbar man wird, ins Wanken gerät. Wir waren mehrmals in diesem Gasthaus. Ich hatte sonst keinen Kontakt zu den Leuten dort – sie haben uns reingeholfen, manchmal kamen auch Bedienungen oder ein Koch. Und trotzdem habe ich dort eine ganz merkwürdige Geborgenheit gespürt. Ich wusste, welche Leute sich dort treffen und habe mir dennoch zugestanden, dass ich kurz ausruhen darf. Meinen Kaffee trinken, den Vögeln zuhören und mich darüber freuen, dass einmal alles glattgegangen war. Absurd. 

 

"Man will sicher nicht von jedem angefasst werden, muss es aber über sich ergehen lassen"

Vertretbar, solange Reflexion stattfindet?
Vielleicht. Und eine Parallele zu der Situation der Menschen im Pflegeheim. 

Inwiefern?
Man will sicher auch nicht von jedem angefasst werden, muss es aber über sich ergehen lassen, hat keine Wahl. Ich selbst finde es ja schon oft beim Arzt nicht toll, angelangt zu werden, wenn ich mir dann vorstelle, dass eine fremde Person mich waschen soll – bitte nicht. Da fragt aber niemand mehr nach. Genauso wenig wie die Pflegenden gefragt werden, ob ihnen der oder die Patient:in zusagt.  

Lebt Ihre Schwiegermutter heute noch?
Nein, sie ist im Herbst 2022 gestorben.  

Die Frage, ob Sie aus dem Unglück anderer künstlerischen Nutzen ziehen dürfen, treibt Sie um, auch bei Ihrem preisgekrönten Roman, der sich unter anderem künstlerisch mit der Pflege Ihres an MS erkrankten Ehemannes auseinandersetzt. Hatten Sie Skrupel, die Besuche bei Ihrer Schwiegermutter literarisch zu verwerten?
Ich habe lange mit meinem Mann und seiner Schwester darüber gesprochen. Meine Schwiegermutter war nicht mehr klar, umso wichtiger war es, was die Familie dazu sagt. Gerade meine Schwägerin hatte sehr darunter gelitten, ihre Mutter nicht öfter besuchen zu können und war total dankbar für meinen Einsatz, aber auch für dieses Buch. Jetzt aber ist Schluss damit, kein literarischer Nutzen mehr aus dem Unglück anderer – es gibt noch andere Themen! 

Ist das Alter denn ein Unglück?
Nicht grundsätzlich, aber das, was meine Schwiegermutter erlebt hat, war keine Situation, die man sich wünscht. Ich hätte es zynisch gefunden, so zu tun, als hätte sie da etwas Positives rausziehen können und wehre mich dagegen, dass man stets die guten Seiten sehen soll. Mein eigenes Älterwerden finde ich jedenfalls nicht supertoll. Ich wäre lieber wieder jünger. 

"Im Moment fühle ich mich sehr fit und bin zuversichtlich, dass ich alles gut schaffen werde – vermessen!"

Sie haben in München und Berlin eine Ausbildung in zeitgenössischem Bühnentanz absolviert und arbeiten schon seit Jahren als Performancekünstlerin. Bewahren Sie sich selbst die Körperlichkeit durch den Tanz?
Ja, das Tanztraining beeinflusst mein Verhältnis zu mir selbst schon stark. Aber ich glaube schon, dass gerade wir Frauen im Alter oft ein bisschen zu verschwinden drohen und auch einsamer werden. Das sehe ich immer wieder auch unter meinen Freundinnen: Viele Frauen um die Fünfzig werden plötzlich verlassen, und die Männer haben dann schnell jüngere Frauen. Das ist eine gewagte Theorie – aber vielleicht kommen wir als Frauen deshalb mit dem Alleinsein im Alter vergleichsweise besser klar. 

Sie sind Sechzig, was wünschen Sie sich persönlich für Ihre Zukunft?
Im Moment fühle ich mich sehr fit und bin zuversichtlich, dass ich alles gut schaffen werde – vermessen! Ich bin mir bewusst, wie schnell sich alles ändern kann, aber warum mir jetzt schon die Freude verderben? Manchmal stelle ich mir vor, später ganz allein im Wald zu leben. Ob ich dann noch Holz hacken kann? Keine Ahnung, aber diese Vorstellung von Selbstbestimmung gefällt mir. Ich kenne verschiedene Menschen, die in Senioren-WGs zusammenleben. Für mich wäre das der Horror.  

"Früher habe ich in WGs gewohnt, heute aber würde ich das nicht mehr wollen"

Warum?
Viel zu viel Mensch, viel zu nah. Früher habe ich in WGs gewohnt, heute aber würde ich das nicht mehr wollen. Und wenn, bräuchte es sehr viel Platz und Freiheit. Aber wie soll das logistisch gehen? Unser luxuriöses Verständnis von Entfaltung und Selbstbestimmung bedingt finanziellen Wohlstand. Es bräuchte ein viel grösseres gesellschaftliches Bewusstsein für alte Menschen und entsprechende Unterstützung, subventionierte Pflege und Wohnmodelle – wie genau das aussehen kann, weiss ich nicht. Im Moment aber geht es eher in die Richtung: Alle sind für sich selbst verantwortlich, der Staat zieht sich zurück. Das macht es noch schwieriger. Es wird immer Menschen geben, die sich solche Modelle leisten können – und andere nicht. Gesamtgesellschaftlich kann ich mir Mehrgenerationenmodelle besser vorstellen. 

Was schwebt Ihnen vor?
Ich habe mal in Darmstadt nach einer Lesung in einem Mehrgenerationenzentrum übernachtet, das war wirklich toll. Keine grossen, luxuriösen Wohnungen, dafür richtig schöne Gemeinschaftsräume. Die Macher:innen hatten sich schon in den 70er- und 80er-Jahren mit entsprechenden Wohnideen beschäftigt und aus der eigenen privilegierten Situation mitgedacht, dass es für alle zahlbar sein muss.  

Was erwarten Sie von Ihren Kindern in punkto Altersversorgung?
Ich habe zwei sehr liebe Töchter, die sich auch jetzt schon viel kümmern – gerade um meinen Mann. Ich selbst möchte nicht, dass die da so viel investieren. Wobei ich selbst aus einer Grossfamilie komme, in der meine Oma nach ihrem Schlaganfall zu Hause bis zu ihrem Tod von allen zusammen gepflegt wurde.  

Was heisst «von allen»?
Meine Eltern hatten zusammen mit der Schwester meines Vaters, ihrem Mann und meiner Grossmutter ein kleines Hotel. Wir waren nicht reich, aber wir hatten ein eigenes Haus mit genug Platz, um allen ihren Freiraum zu gewähren. Meine Eltern waren berufstätig, doch dadurch, dass sich die Familie die Pflege meiner Grossmutter geteilt hat, ging das gut auf. Auch meine Mutter ist zu Hause gestorben. Meine Schwester und ich haben sie betreut, und wir waren alle bei ihr, als sie gestorben ist: fünf Frauen um sie herum – meine Tante, ihre Töchter, meine Cousinen, meine Schwester. Natürlich hatte auch ich früher Phasen, wo ich mich von dieser Familie abstossen musste. Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, was ich für ein Glück mit ihr gehabt habe.  

Martina Hefter: «Es könnte auch schön werden», Klett Cotta, Stuttgart 2026, 128 Seiten, ca. Fr. 30.

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