Max Urlacher: Freunde fürs Leben

Text: Claudia Senn
Foto: Thomas Schweigert

Wiedersehen mit Max! Der beliebte einstige annabelle-Kolumnist hat seinen ersten Roman geschrieben.

Max Urlachers Kumpels heissen Granini-Jim, Kickbox-Karsten und Der einbeinige Erwin. Ebenso skurril muten auch die Figuren in seinem ersten Roman an. annabelle-Leserinnen dürften einige davon bekannt vorkommen.

Am liebsten hätte Max Urlacher das Buch «Der fliegende Hoden» genannt. Doch das war dem Verlag zu bizarr. Jetzt heisst es ganz harmlos «Rückenwind», was keinen potenziellen Käufer abschrecken wird – aber leider auch nicht im mindesten darauf hindeutet, was für herrlich skurrile Figuren die Leserin hier erwarten. Es treten auf: Die palästinensische Venusfalle Samar, die ihren Liebhabern mit dem Mund ein Kondom überziehen kann, ohne es auch nur einmal mit den Fingern zu berühren. Der passionierte Zigarrenraucher und Schwerenöter Opa Fitz, riesig von Statur und fett wie ein Hängebauchschwein, der seinen Enkelkindern «Kommt an meinen Wanst!» zuzurufen pflegt, um dann stundenlang mit ihnen «rumzuschlumpfeln», wie er das wilde Herumtollen nennt. Der schwule Schweizer Barkeeper Röbi, der seine Gäste in Krisensituationen mit Walliser Birnenschnaps stärkt – und mit ein bisschen «Schnee vom Matterhorn». Trauriger Nebendarsteller ist ausserdem der besagte Hoden, der wie ein teigiges Markklösschen in einem Konfitüreglas voller Formalin schwimmt, seit ihn einer der Protagonisten wegen Tumorbefalls hat hergeben müssen.

Aufmerksamen annabelle-Leserinnen müsste es jetzt leise in den Synapsen knistern. Das kommt einem doch bekannt vor! Stimmt, der Berliner Max Urlacher, 38 und von Haus aus Schauspieler, war einer der Autoren der ehemaligen annabelle-Kolumne «Ein Mann, eine Frage». «Wie trauern Männer?», «Was finden Männer romantisch?» oder «Warum können Männer nicht ‹Ich liebe dich› sagen?», hiessen die Fragen, die er beantwortete. Und das Personal, das nun seinen ersten Roman bevölkert, gab es grösstenteils schon in diesen Texten.

Es trafen damals – jetzt darf man es ja verraten – Leserinnenbriefe für Max Urlacher ein, deren Inhalt deutlich amouröser Natur war. Das lag nicht so sehr am attraktiven Foto, das die Kolumne illustrierte, sondern vielmehr an den anrührenden, aufs Schönste tragikomischen Texten. Und vor allem an Max Urlachers Courage, sich auch mal selbst zum Deppen zu machen. Schonungslos, aber trotzdem liebevoll schilderte er Beziehungsnöte und die Niederlagen seiner Schauspielerkarriere, die bisweilen «auf dem Niveau Wasserleiche» dahindümpelte.

«Nichts ist versöhnlicher als Ironie gegenüber dem eigenen Tun», lässt er eine der Figuren in «Rückenwind» sagen. Sofern er selbst ein Lebensmotto hat, dann wohl dieses. Urlacher-Fans dürfen sich also freuen. «Rückenwind» ist wie eine zu einem Roman ausgebaute annabelle-Kolumne. Erzählt wird die Geschichte der beiden Freunde Anton und Tobias, die fast wie Brüder bei Antons Grosseltern aufwachsen, während ihre Eltern aus allerlei Karriere- und Egotrip-Gründen abwesend sind. Schlimm ist das nicht, denn an Nestwärme herrscht kein Mangel. Auf Konventionen pfeifen alle Bewohner der anarchischen Generationen-WG. Und genügend Fischstäbchen mit Ketchup stehen dank Antons Grossmutter auch immer zur Verfügung. Nur Opa Fitz nervt manchmal ein bisschen, wenn er ewig über die Liebe schwadroniert.

«Blablasülzikowski», denkt Anton dann. Doch ehe er sichs versieht, ist er selbst ein Teenager, den nur noch die Frage umtreibt, «ob Sarahs Brüste meine Handflächen ausfüllen würden oder nicht». «Eine Liebesgeschichte» heisst es auf dem Cover von «Rückenwind». Das führt auf eine falsche Fährte. Denn geliebt wird von allen Protagonisten zwar reichlich, doch das eigentliche Thema ist – und das macht den Reiz des Buchs aus – eine Männerfreundschaft. Die Leserin, die sich schon immer fragte, was ihr Mann mit seinem besten Buddy so redet, ist hier hautnah dabei, wenn Tobias und Anton die anatomischen Vorzüge ihrer Mitschülerin «Katharina der Geilen» erörtern. Wenn sie, um endlich ihre Jungfräulichkeit loszuwerden, einen Billigflug nach Korfu buchen, weil es dort angeblich von willigen Engländerinnen nur so wimmle. Und wenn sie später als Erwachsene ihre gebrochenen Herzen und in Trümmern liegenden Karrieren betrauern. Selten hat man Männer so ausführlich über Gefühle reden hören. Das ist beim Lesen etwas ungewohnt, hatte man sich doch eben erst damit abgefunden, dass Männer in diesen Dingen – Hirnforscher bestätigen es – von Natur aus maulfaul sind. Alles Quatsch, sagt dazu Max Urlacher. «Männer sagen viel, indem sie schweigen. Man muss es nur zu deuten wissen.»

Er selbst hat nicht den einen dicken Männerfreund, sondern eine ganze Hand voll, die sich diese ehrenvolle Aufgabe teilen. Sie tragen filmreife Namen wie Kickbox-Karsten, Opern-Terry oder Der einbeinige Erwin, und wenn er von ihnen erzählt, dann klingt das so schillernd, dass man sich wünscht, sie auf der Stelle kennen zu lernen. Max Urlacher mag sie alle sehr, und manchmal liebt er sie sogar, «denn Freundschaft und Liebe sind doch zwei verschiedene Ecken des gleichen Gefühls». Aber diese Liebe auch noch aussprechen? Nein, das überlässt er doch lieber seinen Romanfiguren. Immerhin, als sein ältester Kumpel Granini-Jim eine Tschechin heiratete, sagte Max Urlacher nach der Hochzeit: Ich liebe dich, Jim. Auf Tschechisch. «Auf Deutsch hätte ich mich das nie getraut. Ich weiss gar nicht, warum.»

Kann ein Mann mit einer Frau befreundet sein? Ein Alter mit einem Jungen? Ein Reicher mit einem Armen? «Natürlich», sagt Max Urlacher, der solche Fragen vollkommen absurd findet. «Manche sind mit ihrem Hund befreundet und finden das wunderbar.» Eine seiner engsten Freundinnen ist seine Putzfrau Marianne, genannt Putzi, ein Berliner Original; dick, resolut, grossherzig. Die Schauspielerin Franka Potente, auch sie eine Freundin, hatte sie einst empfohlen, als sie der Meinung war, so ginge das mit Max Urlachers Wohnung nicht mehr weiter. Potente wiederum erbte sie von Matt Damon, der Putzis Dienste während der Berliner Dreharbeiten von «The Bourne Supremacy» in Anspruch genommen hatte. Wenn Putzi nicht gerade bei Urlacher klar Schiff macht, streift sie durch Berlin und weist Buchhändler zurecht, die sich erdreisten, «Rückenwind» nicht prominent im Schaufenster zu platzieren. Max Urlacher ist das peinlich, aber Putzi lässt seine Einwände nicht gelten. «Das ist ja wohl das Mindeste, was Freunde füreinander tun können», findet sie.

Das Thema Freundschaft reicht für mehr als einen einzigen Roman. Deshalb wird Max Urlacher sein nächstes Buch Putzi widmen. Einen schönen Namen hat er auch schon: «Die Putzi Diaries». Ob sich die Leute beim Verlag mit diesem Titel anfreunden können, steht allerdings noch in den Sternen. Möglicherweise ist er ihnen, nun ja, zu bizarr.

Max Urlacher (38) hat Schauspielerei an der Otto-Falckenberg-Schule in München und Arts Management in London studiert. Er gastierte an den Schauspielhäusern von Bochum, Leipzig und – während der Marthaler-Ära – auch in Zürich. Daneben stand er in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. Im Herbst ist er neben Mario Adorf im ARD-Zweiteiler «Der letzte Patriarch» zu sehen. 2005 veröffentlichte er gemeinsam mit Franka Potente den Brief-Roman «Los Angeles–Berlin. Ein Jahr» (Herder-Verlag). Auf seiner Website www.maxurlacher.com ist gerade ein Putzi-Blog gestartet.

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