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Eine Luzerner Regisseurin thematisiert in Dokufilm ihre Vergewaltigung

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Eine Luzerner Regisseurin thematisiert in Dokufilm ihre Vergewaltigung

Mit 16 Jahren wurde die Luzerner Regisseurin Alice Schmid in einem Zeltlager vergewaltigt. Sie verdrängte das traumatische Erlebnis, schloss es weg und erzählte niemandem davon. Bis heute: Im autobiografischen Film «Burning Memories».

«Der Tag wird kommen», heisst es in «The Searchers», diesem grossartigen Western mit John Wayne als Mann auf der Suche nach Vergeltung. «Der Tag wird kommen», heisst es auch einmal in «Burning Memories», dem neuen Film der Luzernerin Alice Schmid («Wir Kinder vom Napf»). Der Film ist kein Western, sondern die sehr berührende Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: Als 16-Jährige wurde Schmid während eines Zeltlagers von ihrem Schwimmlehrer vergewaltigt.

Sie erzählte es niemanden, verdrängte die traumatische Erfahrung komplett. Erst fünfzig Jahre später kam die Erinnerung zurück. Schmid reiste daraufhin ins südliche Afrika, ohne in diesem Moment wirklich zu verstehen, wieso. Dort, im heissen Wüstensand, entstanden Bilder von den schweren Stiefeln, in denen Schmid unterwegs ist. Dort entstand ein Film, der irgendwie doch etwas von einem Western hat, Duell mit einem Käfer inklusive. Bei aller Traurigkeit lässt Schmid nämlich auch Platz für kleine, gelungene Witze. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie mit betörender poetischer Sachlichkeit. Kein Vergeltungswunsch treibt sie dabei. Doch wie der Held von «The Searchers» ist sie auf der Suche. Nach einer Antwort auf die Frage: Warum?

annabelle: Alice Schmid, «auszusprechen, was in diesem Zelt geschah, ist so schwer», sagen Sie zu Beginn von «Burning Memories». Am Ende gelingt es Ihnen. Wie viel Lebenszeit liegt zwischen diesen Momenten?
Alice Schmid: Etwa zwei Jahre. Der Film nahm seinen Anfang, als ich in Oslo das Munch-Museum besuchte und dort das Bild von einem nackten Mädchen in der Pubertät sah, über dem ein langer, dunkler Schatten liegt. Es war, als würde ein Groschen fallen, alles kam mir wieder in den Sinn.

War es schlimm, sich zu erinnern?
Ja. Es war, als würde ich in diesem Moment alles nochmal durchleben. Ich litt unter enormen Schmerzen, unter Scham- und Schuldgefühlen. Und hatte dann den Impuls: Ich muss nach Afrika, einen Film machen! Ich dachte keineswegs an einen Film über mich, sondern an einen aus der Perspektive von Kindern wie meine anderen Filme.

Warum Afrika?
Dass das mit der Vergewaltigung zu tun hatte, wurde mir erst allmählich klar. Nach der Nacht im Zelt damals bin ich verstummt, habe sogar mein geliebtes Akkordeon nicht mehr gespielt. Meine Mutter ging mit mir zu einer katholischen Beratungsstelle. Die Frau dort vermutete wohl etwas, sprach es aber nicht aus.

Was sagte sie?
Sie sagte, «wenn du nicht reden möchtest, musst du vielleicht ein Jahr ins Welschland». Das war damals Tradition: Schwangere Mädchen schickte man in die französische Schweiz. Dort brachten sie das Kind zur Welt, gaben es zur Adoption frei und kehrten zurück. Dann wurde nicht mehr darüber geredet.

Also wusste Ihre Mutter in diesem Moment, was im Zeltlager geschehen war.
Ich glaube nicht. Sie erschrak, sie war ganz verstört, sie sagte: «Aber mein Mädchen doch nicht!» Dann zog die Frau eine knarzende Schublade auf, ich habe das Geräusch heute noch im Ohr, und zeigte uns einen Prospekt von einer Institution in Belgien. Belgien! Für mich klang das nach der «Welt hinter dem Horizont», in die ich mich seit jüngster Kindheit immer geträumt hatte. Es war wie eine Erlösung.

Was erwartete Sie in Belgien?
Im Heim, in das ich kam, waren fast nur Mädchen aus Afrika. Ich sah schwarze Gesichter, wohl an die hundert. Die Mädchen standen alle gleichzeitig auf und begrüssten mich – «bonjour, ma soeur». Unter diesen Mädchen fand ich meine Sprache und meine Musik wieder, dort verschwand nach langer Tortur auch die schreckliche Nacht im Zelt aus meinen Kopf. Seitdem ist Afrika für mich diese «Welt hinter dem Horizont», ein Fluchtort, den ich auch aufsuchen wollte, als ich mich wieder an meine Vergewaltigung erinnerte. Erst als ich in Afrika war, habe ich entschieden: Dieser Film wird davon handeln, was mir geschah.

Ihr erster Film heisst «Sag Nein» und thematisiert sexuellen Missbrauch an Kindern. Sie müssen da doch etwas geahnt haben!
Ich war damals gerade vierzig geworden und hatte wegen meiner Schlafprobleme einen grossen Zusammenbruch erlebt. Ich sprach mit einer Psychologin darüber, die sagte: «In Ihrer Kindheit muss etwas gewesen sein. Gab es Missbrauch?»

Was haben Sie geantwortet?
Ich wies das weit von mir. Meine Mutter hat mich oft geschlagen. Aber sexueller Missbrauch? Nein! Die Nacht im Zelt kam mir einfach nicht in den Sinn. Stattdessen erinnerte ich mich an ein Mädchen, das ich in meiner beruflichen Phase als Lehrerin getroffen hatte. Die hatte Missbrauch erlebt! So kam ich auf das Thema. Dass es etwas mit mir zu tun hatte, blieb mir verschlossen.

Verrückt.
Ja. Aber eine andere Psychologin, mit der ich im Zuge meiner Aufarbeitung der Vergewaltigung sprach, bestätigte, dass es nicht ungewöhnlich ist. Vielen geht es so, Frauen und Männern. Sie haben etwas gut weggeschlossen. Und dann kommt plötzlich ein Ton oder ein Geruch oder bei mir dieses Bild, und alles ist wieder da. Und dann kommt das Leiden. Es ist wichtig, sich jemandem anzuvertrauen, nicht noch einmal zu schweigen.

Zu Ihrem Leid gehört auch das schwierige Verhältnis zur Mutter.
Ja, ich habe mich lang dagegen gewehrt, meine frühe Kindheit zum Gegenstand des Films zu machen, bis ich, auch durch Gespräche mit meinem Dramaturgen, herausgefunden habe, dass das zusammengehört.

Wie genau?
Hätte ich zuhause Selbstbewusstsein entwickeln können, wäre ich dem Schwimmlehrer nicht so ausgeliefert gewesen. Hätte ich andere Berührungen erfahren als Schläge, hätte ich mutiger, nicht so duckmäuserisch reagiert. So habe ich mich nicht nur nicht gewehrt –, sondern sogar versucht, es möglichst gut zu machen.

Verspüren Sie keine Wut?
Ich sehnte mich als Kind nach der Liebe meiner Mutter, die ich nicht bekam. Das war für mich aber normal. Ich sehnte den Tag herbei, an dem ich gehen kann, «hinter den Horizont». Aber Wut habe ich keine verspürt. Bis heute nicht. Ich kenne keine Wut.

Am Ende des Films formulieren Sie einen Brief an die Mutter, in dem Sie ihr erzählen, was geschehen ist. Hat sie den Film schon gesehen?
Das nicht, aber ich habe ihr persönlich von der Vergewaltigung erzählt.

Wie hat sie reagiert?
Das möchte ich lieber für mich behalten. Meine Mutter ist jetzt 95. Ich konnte es ihr lang nicht erzählen, weil ich immer noch Angst vor ihr hatte. Die habe ich jetzt überwunden.

Würden Sie sagen, Sie haben ihr vergeben?
Ja, aber es war ein langer Prozess. Endgültig abgeschlossen war er erst lang nach Ende der Filmarbeiten. Mir wurde vorgeschlagen, ich solle doch auch ein Lied darüber schreiben und mich dabei auf dem Handörgeli begleiten. Irgendwann habe ich es getan – und die Worte flossen nur so aus mir heraus. In diesem Lied heisst es: «Verzelle und verzeihe!» (auf Youtube, Anm. d. Red.). Vergessen ist die Vergewaltigung nie. Sie bleibt immer Teil von mir. Doch indem ich zurückgeschaut und den Weg durch die Wüste auf mich genommen habe, kann ich jetzt besser vorwärts schauen.

Wegen Covid-19 ist der Filmstart auf März verschoben worden. Mehr Infos finden Sie hier.

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