Harry-Styles-Konzert auf Netflix: Warum sich die Ekstase lohnt
Auf Netflix läuft jetzt mit «Harry Styles. One Night in Manchester» die allererste Performance von Harry Styles' viertem Album «Kiss all the Time. Disco, Occasionally». Killt sie die Magie der bevorstehenden Tour?
- Von: Linda Leitner
- Bild: Netflix
Stundenlang hingen wir vor Wochen in der Warteschlange für ein Ticket zum Auftakt der «Together, Together»-Tour am 16. Mai in Amsterdam – und das ganz ohne das neue Album zu kennen. Was macht man nicht alles für Popstar Harry Styles? Blind vertrauend sehr viel Geld ausgeben definitiv.
Weil die Sehnsucht so gross war. Drei Jahre er weg. Trug währenddessen tolle Trenchcoats und noch tollere kurze Höschen. Lief mit tausend anderen Menschen einen wahnsinnig schnellen Marathon in Berlin. Hielt in der Hand stets ein Croissant (die liebt er). Und im Arm Zoë Kravitz (die liebt er angeblich auch). Hing im Club Berghain ab (er soll an der härtesten Tür der Welt jedes Mal nervös gewesen sein). Er war einer von uns.
Am Freitag veröffentlichte der 32-Jährige nun das vierte Studioalbum «Kiss All the Time. Disco, Occasionally» – sein erstes seit «Harry’s House» 2022. Gestern zeigte Netflix mit «Harry Styles. One Night in Manchester» ein «One Night Only»-Konzert, bei dem er das ganze Album zum allerersten mal live vor über 20'000 Fans einmal komplett durchnudelte. Man war nervös, die Erwartungen waren hoch. Folgende Fragen wurden beantwortet:
Machen solche Streams Konzert-Experiences kaputt?
Vorab die gesamte Performance sehen, bevor man selbst im Stadion steht – lohnt sich das? Entwarnung: «Harry Styles. One Night in Manchester» hat mit der Tour nichts zu tun. «We don't ever play it like this again», so der 32-Jährige. Alles klar, die Tour wird also komplett anders aussehen. Erleichterung.
Und man darf ja fast ein wenig neidisch sein: Durch die Präsenz des Streaming-Giganten Netflix mussten im Publikum die Handys weg. Alle wurden gezwungen, ganz im Moment zu bleiben – und natürlich das kommende TV-Special nicht vorzeitig zu spoilern.
Wie reagiert das Publikum aufs Album?
Auf den ersten Blick wirkt das Album ein bisschen zu dudelnd und dahinplätschernd. Aber hey, es ist locker-flockig, unangestrengt, es schmiegt sich verdammt organisch ins Ohr und zielt dennoch nicht verzweifelt auf Hit-Potenzial ab.
Was fehlt, ist die melodische Wucht der alten Hits wie «As It Was» oder «Sign of The Times». Nun gut, Styles hat rumprobiert. Sagen wir: Das in den Berliner Hansa Studios aufgenommene Album ist groovig. Und vielleicht sagt der entzückende Titel «Kiss All the Time. Disco, Occasionally» alles aus: Da bleibt viel Zeit, gemütlich zu viben – und manchmal wirds wild.
Los geht das Konzert in der Co-op Live Arena in Manchester – wie das Album – mit der housigen Wucht «Aperture», dem Track, den Styles erst kürzlich an den Brit Awards performte. Der Bass treibt die Zeilen «We belong together» unzählige Male durchs Stadion, bis es wirklich den hinterletzten Eisklotz ins Mark trifft.
Styles spielt das gesamte Album von vorne bis hinten durch: Und da ist kein Bühnenbild, keine Tänzer, im Gegensatz zu den Brit Awards keine Choreo. Es ist kein glitzerndes Spektakel mit Fans in Federboas. Nur Harry und seine Musik. Er hat ein Orchester, Streicher, einen Chor, befindet sich selbst an Mischpult, Klavier und Gitarre.
«Ich habe neu entdeckt, was für ein Privileg es ist, durch Musik Teil des Lebens von Menschen zu sein», sagt er. Blablabla? Aber dann singt ein ganzes Stadion scheinbar jede Zeile eines Albums mit, das kaum 24 Stunden alt ist. Etwa bei «Dance No More« brüllen ihm die Fans jede einzelne auf Social Media als sinnfrei belächelte Songzeile entgegen. Und hey, wer braucht bierernste Lyrics? Harry Styles ist ein witziger Typ, das sehnsüchtige Fan-Herz wartet nur drauf, dass er endlich schelmisch grinst.
Erstmal aber wirkt er gar nicht mal so ausgelassen. Immer wieder predigt er, dass er den Fans alles zu verdanken hat. Vielleicht tut er das ein bisschen zu oft. Glauben wir das jetzt?
Nach dem letzten Song des neuen Albums, «Carlas Song» kommen die Hits. Klar. Unter anderem «From the Dining Table», «Golden», «As it was». Bei den alten Kalauern, den «Golden Oldies», wie er sie nennt, reisst Styles dann gewohntermassen die Bude ab. Er kann sich seinen eigenen Knüllern körperlich kaum entziehen. Vielleicht muss er sich ins neue Album erst noch gemütlich reintanzen.
Bei «Watermelon Sugar» bastelt er eine Songzeile um: «I want all your bellys» singt er. Und man verzeiht ihm den anbiedernden Pathos. Eventuell hat er glasige Augen. Als er von der Bühne geht, scheint er selber nicht ganz zu wissen, ob das gerade alles tatsächlich passiert ist.
Warum war er so lang weg?
Im Apple-Music-Interview mit Zane Lowe erzählt Harry Styles von seiner Zeit in Rom und Berlin. An den Italiener:innen liebt er, wie sie Essen und einander wertschätzen. Im Berliner Club Berghain sei er mitten auf dem Dancefloor in Tränen ausgebrochen. Er habe sich schon lange nicht mehr so frei gefühlt. Einmal auf der anderen Seite sein, Musik gespielt bekommen, tanzen, feiern – vielleicht hat er das alles nie gemacht.
So hört man dem Album weniger die brachiale Musikszene der deutschen Hauptstadt an als das Lebensgefühl eines Mannes, der ganz Selbstverständliches komplett neu lernt. Streicher wechseln sich mit Dance Songs ab, man hüpft, schwoft, shufflet und schunkelt durch «Kiss All the Time. Disco, Occasionally» – und ja, womöglich wird man dabei jemanden anrempeln, mit dem man tatsächlich durchgehend knutschen will.
Und exakt so möchte sich Harry Styles auf der Bühne fühlen, scheint es: Als sei man gemeinsam in dieser Musik. Als wäre er mittendrin – zusammen mit jeder einzelnen Person. "We belong together", das ist die grosse Message dieses Konzerts. Davon haben wohl viele schon geträumt.
Und bei «Are You Listening Yet?» heisst es dann auch : «If you must join a movement, make sure there’s dancing». Wenn du dich schon einer Bewegung anschliessen musst, schau zumindest, dass dabei getanzt wird. Styles weiss um die Relevanz von zuckrig-schimmernder Popmusik in Zeiten wie diesen.
Wie tanzt man?
Eine Hand mit der Rückfläche affektiert in die Hüfte gestemmt, die andere auf Kopfhöhe rotieren lassen – das ist der Stylesche Powermove. Wenn man den einmal selber draufhat, kriegt man ihn leider nicht mehr los.
Was können wir modisch lernen?
Schon im Interview mit Zane Lowe führte Styles folgenden Styling-Hack vor: Die Spitzen des Hemdkragens gehören vorn in den Pulli rein. Der Full Look von Celine, den Harry Styles am Konzert trägt, beweist ausserdem, welch grossartige Farbkombi Buttergelb und Königsblau ist. So schön osterlich auch.
Schwitzt Harry Styles nicht?
Irgendwie nicht.
Warum lohnt sich das Ganze?
Weil man die Netflix-Performance unbegrenzt rewatchen kann. Sie stimmt auf die Tour im Mai ein. Wenn ich ehrlich bin, hoffe ich dann aber doch auf mehr glitzernde Looks – ganz so wie es die Key Art zum Stream samt Lametta-Jäckchen vermuten liess (siehe unten).
Fazit
Harry Styles hat abgeliefert, aber streckenweise schlichtweg zu viel an. Ich erinnere an die eingeölte Motte auf seiner Brust während der letzten Tour.