Werbung
Kuratorin Chus Martínez:

Kuratorin Chus Martínez: "Kunst kann Demokratie aktivieren"

Seit über dreissig Jahren kuratiert Chus Martínez renommierte internationale Ausstellungen. Heute leitet sie in Basel das Institut Kunst Gender Natur. Im Gespräch erklärt sie, warum Kunst mehr sein kann als ein elitärer Markt – und wie sie die Welt verändert.

Chus Martínez trägt beim Treffen in Basel ein minimalistisches Outfit und ein eindrückliches Pokerface. Ein Auftritt, der zu einer Frau passt, die berufsbedingt den Scheinwerfer auf andere lenkt.

Die 53-jährige Spanierin kuratiert seit gut dreissig Jahren Ausstellungen auf höchstem internationalem Niveau rund um die Welt: Sie führte den Frankfurter Kunstverein, war Head of Department der Documenta 13, Chefkuratorin am New Yorker El Museo Del Barrio sowie am MACBA in Barcelona. Sie konzipierte Länder-Pavillons für die Biennale in Venedig – und seit 2014 leitet sie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW das Institut Kunst Gender Natur.

Der Hochschulcampus liegt nur wenige Gehminuten von unserem Treffpunkt entfernt. Im Kunsthaus Baselland bauen Studierende gerade ihre Arbeiten für die Diplomausstellung auf. Ausserhalb der modernen Museumsarchitektur öffnet sich ein Industriegebiet, in dem heute jedoch kaum noch produziert wird. «Der Dreispitz ist in seinem Coming of Age», sagt Chus Martínez.

Anders gesagt: Die Gegend entwickelt eine eigene, neue Identität. Dasselbe könnte man über Chus Martínez’ Arbeit am Institut Kunst Gender Natur in Basel sagen.

Werbung

"Es ging darum, fundamentalen Elementen des Zusammenlebens das gleiche Gewicht zu geben wie der Kunst"

Kurz nach ihrem Antritt hat sie dort Ausbildungsinhalte, das öffentliche Programm und die Atmosphäre neu gedacht. Das Studium ist zwar noch immer in ein Bachelor- und Masterprogramm unterteilt, doch die Räumlichkeiten, Werkstätten und Ateliers sowie ein breites Rahmenprogramm sind allen Studierenden gleichermassen zugänglich. Vermittelt wird eine künstlerische Praxis, die Neugier, Empathie, Zuversicht und Beharrlichkeit über Innovationsstreben stellt. Chus Martínez selbst beschreibt es als eine Art fundamentales Parlament, also ein Ort, wo alle Interessen koexistieren können.

«Im internationalen Vergleich sind wir ein kleines Institut: Ein Team von knapp vierzig Personen, rund hundert Studierende und wechselnde Gäst:innen – es ist eine grossartige Ausgangslage: Wir können uns mit der Frage beschäftigen, wie wir die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft verstehen.»

Weil die neuen Prinzipien auch im Namen reflektiert sein sollen, wurde das Institut Kunst 2021 zu Institut Kunst Gender Natur umbenannt: «Es ging darum, fundamentalen Elementen des Zusammenlebens das gleiche Gewicht zu geben wie der Kunst: Also Gender, Natur – und heute würde ich wohl noch Technologie anfügen.»

Ziel sei aber nicht etwa, Natur, Gender und Technologie in der Kunst zu illustrieren, sondern sie im künstlerischen Prozess immer im Kopf zu behalten.

Erst Philosophie, dann Kunstgeschichte

Chus Martínez'  Denken ist geprägt von ihrer Kindheit in Galizien, einem konservativen Gebiet im Norden Spaniens. Dort wuchs sie als Einzelkind und in bescheidenen Verhältnissen auf: «Ich lernte, mit Widrigkeiten klarzukommen und trotzdem glücklich zu sein.» Sie weiss auch, dass sie damals trotz finanzieller Abstriche grosses Glück hatte: Ihre Eltern erkannten ihre Fähigkeiten früh und taten alles, um ihr Zugang zu Förderprogrammen und Stipendien zu verschaffen.

Werbung

"Ich begann mich für die Frage zu interessieren, ob Kunst die Welt verändern kann"

Sie studierte Philosophie – erst in Barcelona, dann in den USA – und dank guter Noten durfte sie sich für ein zweites Fach anmelden. «Ich dachte an Psychologie oder so, aber aus praktischen Gründen habe ich mich für Kunstgeschichte entschieden: Im Philosophie-Department gab es nur sehr wenige Männer und in der Kunstgeschichte sehr viele Gutaussehende.» Als ein solcher bei der Anmeldung neben ihr stand, habe sie sich spontan eingeschrieben, flüstert sie verschmitzt.

Sie fühle sich heute noch als Hochstaplerin, weil sie sich nie vollends fürs Fach begeistern konnte, obwohl sie letztlich in Kunstgeschichte doktorierte. Bereut habe sie die Entscheidung dennoch nie. «Im Studium begann ich mich für die Frage zu interessieren, ob Kunst die Welt verändern kann oder nicht. Meine früheren Professor:innen waren überzeugt, dass das nicht der Fall sei – ich solle mich besser den Theorien widmen als der Praxis.»

Sie will Kunst als Begegnungsraum

In den USA jedoch vertiefte sie sich in Letzterem. Für ihre erste Ausstellung arbeitete sie mit einem iranischen Dissidenten und Künstler im Exil zusammen. Es war der Beginn einer Obsession: Chus Martínez machte es sich zum Ziel, Kunst als Begegnungsraum zu etablieren, wo die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen und voneinander lernen können.

Vom elitären Ruf, den die Kunstwelt bis heute umweht – Markt und Spielwiese für die Schönen und Reichen, Freizeitbeschäftigung für Intellektuelle –, distanziert sie sich vehement: «Ich arbeite im öffentlichen Sektor und widme mich dem Gemeinwohl. Mein einziges Ziel ist es, die Werte der Demokratie zu aktivieren – mit experimentellen Fragen; mit Kunst.»

"Wir schmieren wir uns alle Avocado aufs Brot, trinken Matcha Latte, schauen Netflix und haben dasselbe gigantische Auto in der Vorfahrt stehen"

Das Thema Demokratie streifen wir in unserem Gespräch immer wieder. Aber was hat Kunst tatsächlich mit Demokratie zu tun? Natürlich kann Kunst politisch sein und in einigen Fällen auch gesellschaftlich etwas bewegen, aber inwiefern kann sie wirklich zur Demokratie, zur freien Meinungsbildung und zum Gemeinwohl beitragen?

«Wir wissen, dass die Demokratie und demokratische Bewegungen in vielen Ländern weltweit im Moment enorm leiden. Und offen darüber zu sprechen, ist problematisch: Man exponiert sich, macht sich angreifbar.» Das betreffe in erster Linie autoritäre Gesellschaften, in zunehmendem Masse aber auch den liberalen Westen.

«Wir brauchen Räume, in denen wir darüber nachdenken können, wie wir als Gesellschaft in Dialog miteinander treten, statt uns zu isolieren. Ich glaube, die Kunst könnte da wirklich Wunder vollbringen.»

Ankünpfungspunkte für alle

Im Moment sei sie davon angetrieben, Wege zu finden, um möglichst direkt mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Im Zentrum ihrer Ausstellungen stünden neben den gezeigten Arbeiten und den Kunstschaffenden das Publikum: «Es spielt keine Rolle, ob Leute Kunst mögen, ich interessiere mich für die Menschen und ihr Leben und will Anknüpfungspunkte für möglichst viele von ihnen schaffen.»

Chus Martínez erzählt von der Biennale of Graphic Arts im slowenischen Ljubljana, die sie letztes Jahr kuratierte: «Für 18 Euro konnte man die Ausstellungen so oft besuchen, wie man wollte. Es sprach sich herum und so kamen immer neue Leute dazu.» Das zeige ihr, dass ein nachhaltiges Echo und Gemeinschaftsbildung auch in den zunehmend isolierten Bubbles der modernen Gesellschaft immer noch möglich sei.

Wichtig sei in ihren Augen, dass wir uns mit Menschen austauschen, deren Lebensrealitäten und Meinungen sich von unseren eigenen unterscheiden. «Wir brauchen Menschen um uns, die wir respektieren, die aber ganz andere Lebenserfahrungen haben als wir selbst. Sonst schmieren wir uns alle Avocado aufs Brot, trinken Matcha Latte, schauen Netflix und haben dasselbe gigantische Auto in der Vorfahrt stehen.»

"Wir müssen Situationen schaffen, in denen zwanglose Begegnungen möglich sind, die einen aus dem Alltag und den täglichen Sorgen holen"

Sie erzählt von den Sommern, die sie mit ihrer Familie in einem spanischen Dorf verbringt. Morgens setze sie sich jeweils mit ihrem Laptop in den Innenhof, um Emails zu bearbeiten.

Ein älterer Nachbar komme regelmässig mit einem Kaffee dazu, um ihr von seinem Jahr zu erzählen: «Es ist grossartig, dass er mich jeden Morgen aufhält – wir lachen so viel zusammen.» Am Nachmittag wiederhole sich das Szenario mit zwei Frauen, die das Gemüse für das Abendessen rüsten.

Begegnungen wie diese werden rarer in einer individualisierten Gesellschaft, doch für Chus Martínez sind sie der Schlüssel. «Wir müssen Situationen schaffen, in denen zwanglose Begegnungen möglich sind, die einen aus dem Alltag und den täglichen Sorgen holen.»

Im Grunde sei es ja banal: «Man muss einfach grosszügig genug sein. Die Bereitschaft haben, Zeit und Aufmerksamkeit aufzubringen, auch wenn einen eine Sache vielleicht nicht allzu sehr interessiert. Es ist ansteckend, weil du dich plötzlich sehr verbunden fühlst.» Und das ist es, was sie auch mit der Kunst schaffen will.

In der Theorie klingt das alles einleuchtend und sinnvoll, aber um mit der Skepsis ihrer früheren Professor:innen zu sprechen: Kann Kunst in der Praxis wirklich einen neutralen Boden bieten, um Nähe unter zunehmend isolierten Menschen und Gruppierungen zu schaffen? Unabhängig ist sie schliesslich selten: Internationale Grossevents, auch eine Documenta oder die Biennalen, mit denen sie über die Jahre gearbeitet hat, sind punktuell auf Gelder aus der Privatwirtschaft angewiesen.

Mit organisierter Fürsorge gegen Feindseligkeit

«Ich bin nicht per se gegen den privaten Sektor», antwortet Chus Martínez darauf. «Es gibt viele Geldgeber, die grossartig mit dem öffentlichen Sektor zusammenarbeiten. Worum es mir geht, ist mehr Balance und Symbiose.»

Die Aufmerksamkeitskultur kreise derzeit vor allem um kapitalistische Werte; individueller Reichtum gilt als erstrebenswert, das Gemeinwohl und intellektuelle Arbeit verlieren an Relevanz. Der öffentliche Sektor müsse gestärkt werden; mit Geldern, aber auch ideell.

Anders als noch vor einigen Jahren, wo man vor allem von der Wichtigkeit der Institutionskritik sprach, sei heute etwas anderes gefragt: «Wir müssen kulturelle Institutionen schützen, die unser Erbe sichern. Und wir müssen organisierter Feindseligkeit von rechtskonservativer Seite organisierte Fürsorge entgegensetzen.»

Wie das gelingt? Vielleicht tatsächlich mit einer Art fundamentalem Parlament, wie es das Institut Kunst Gender Natur in Basel vorlebt. Also einem Format des gemeinsamen Nachdenkens und Verhandelns.

«Es sind die Summe und die Koexistenz der Interessen aller und die Unterschiede im Ausdruck ebendieser, die diesen Ort so besonders machen», steht auf der Website des Instituts. Dies fordere von allen Grosszügigkeit und Verantwortung.

Letztlich sieht Chus Martínez die Aufgabe der Kunst darin, unsere Fähigkeit zur Verbundenheit sanft zu aktivieren – es ist ein leiser Aufruf zum Coming of Age, zur Reifung einer gemeinschaftlichen Identität.

Aktuelle Ausstellungen und Events des Institut Kunst Gender Natur der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW.

Abonniere
Benachrichtigung über
guest
0 Comments
Älteste
Neuste Meistgewählt
Inline Feedbacks
View all comments