Sie erzählt von den Sommern, die sie mit ihrer Familie in einem spanischen Dorf verbringt. Morgens setze sie sich jeweils mit ihrem Laptop in den Innenhof, um Emails zu bearbeiten.
Ein älterer Nachbar komme regelmässig mit einem Kaffee dazu, um ihr von seinem Jahr zu erzählen: «Es ist grossartig, dass er mich jeden Morgen aufhält – wir lachen so viel zusammen.» Am Nachmittag wiederhole sich das Szenario mit zwei Frauen, die das Gemüse für das Abendessen rüsten.
Begegnungen wie diese werden rarer in einer individualisierten Gesellschaft, doch für Chus Martínez sind sie der Schlüssel. «Wir müssen Situationen schaffen, in denen zwanglose Begegnungen möglich sind, die einen aus dem Alltag und den täglichen Sorgen holen.»
Im Grunde sei es ja banal: «Man muss einfach grosszügig genug sein. Die Bereitschaft haben, Zeit und Aufmerksamkeit aufzubringen, auch wenn einen eine Sache vielleicht nicht allzu sehr interessiert. Es ist ansteckend, weil du dich plötzlich sehr verbunden fühlst.» Und das ist es, was sie auch mit der Kunst schaffen will.
In der Theorie klingt das alles einleuchtend und sinnvoll, aber um mit der Skepsis ihrer früheren Professor:innen zu sprechen: Kann Kunst in der Praxis wirklich einen neutralen Boden bieten, um Nähe unter zunehmend isolierten Menschen und Gruppierungen zu schaffen? Unabhängig ist sie schliesslich selten: Internationale Grossevents, auch eine Documenta oder die Biennalen, mit denen sie über die Jahre gearbeitet hat, sind punktuell auf Gelder aus der Privatwirtschaft angewiesen.
Mit organisierter Fürsorge gegen Feindseligkeit
«Ich bin nicht per se gegen den privaten Sektor», antwortet Chus Martínez darauf. «Es gibt viele Geldgeber, die grossartig mit dem öffentlichen Sektor zusammenarbeiten. Worum es mir geht, ist mehr Balance und Symbiose.»
Die Aufmerksamkeitskultur kreise derzeit vor allem um kapitalistische Werte; individueller Reichtum gilt als erstrebenswert, das Gemeinwohl und intellektuelle Arbeit verlieren an Relevanz. Der öffentliche Sektor müsse gestärkt werden; mit Geldern, aber auch ideell.
Anders als noch vor einigen Jahren, wo man vor allem von der Wichtigkeit der Institutionskritik sprach, sei heute etwas anderes gefragt: «Wir müssen kulturelle Institutionen schützen, die unser Erbe sichern. Und wir müssen organisierter Feindseligkeit von rechtskonservativer Seite organisierte Fürsorge entgegensetzen.»
Wie das gelingt? Vielleicht tatsächlich mit einer Art fundamentalem Parlament, wie es das Institut Kunst Gender Natur in Basel vorlebt. Also einem Format des gemeinsamen Nachdenkens und Verhandelns.
«Es sind die Summe und die Koexistenz der Interessen aller und die Unterschiede im Ausdruck ebendieser, die diesen Ort so besonders machen», steht auf der Website des Instituts. Dies fordere von allen Grosszügigkeit und Verantwortung.
Letztlich sieht Chus Martínez die Aufgabe der Kunst darin, unsere Fähigkeit zur Verbundenheit sanft zu aktivieren – es ist ein leiser Aufruf zum Coming of Age, zur Reifung einer gemeinschaftlichen Identität.