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Max Frisch

Kultur

Max Frisch

  • Text: Julian SchüttIllustration: Eric Andersen

Was hatte der grosse Autor mit annabelle zu tun, und warum fanden das seine Freunde kritikwürdig? Sein Biograf Julian Schütt verräts.

Es war einmal ein berühmter Schriftsteller, der schrieb wie ein annabelle-Autor. Was seine Kritiker empörte, nahm Max Frisch als Kompliment.

Es kam vor, dass Max Frisch selbst gute Freunde irritierte. Einer hatte eben “Montauk” gelesen und war enttäuscht, weil er darin zu viele Frauengeschichten fand. Also musste er als guter Freund Klartext reden. Er sagt zu Frisch: “Da schrammst du aber haarscharf an annabelle vorbei.” Er hoffte, das sei ein heilsamer Schock. Der Schrifsteller gehe nun in sich.

Das Gegenteil war der Fall. Das Urteil belustigte Frisch. Er erzählte überall herum, wie man sich um ihn sorge, weil er neuerdings wie annabelle schreibe. Weder war annabelle für ihn ein Schreckgespenst, noch mied er Themen, nur weil sie auch in Frauenzeitschriften abgehandelt wurden. Ausserdem freute es ihn insgeheim, wenn sich nicht nur die Feinde, sondern ebenso die guten Freunde bei ihm nie zu sicher sein konnten. Er unterschied nicht zwischen den Stoffen des banalen Alltags und jenen, die literaturwürdig sind. Ihn trieb bis zuletzt die naive, banale Frage: Wie bleibt man lebendig? Als Mensch, nicht nur als Autor. Die Frage wirkt in seinen Werken wie in seiner Biografie auf gefährlich ansteckende Weise nach. Und sie erfasst einen als Mensch, nicht lediglich als Leser. Seit ich Max Frisch lese, kann ich selbst nicht mehr sein, ohne mich dauernd zu fragen: Wie bleibe ich lebendig?

Viel zu oft flüchtet sich die Literatur heute ins Elitäre oder in mutlose Unterhaltungsbuchhaltung. Viel zu selten nimmt sie die Leserinnen und Leser so ernst, wie Frisch sie nahm. Nehmen wir den “Stiller”: Es geht in diesem gewaltigen, alles aufs Spiel setzenden Roman nicht um ein abstraktes Identitätsproblem, wie uns die Forscher und Kritiker jahrzentelang weismachen wollten. Es geht ganz konkret darum, wie wir uns verändern wollen, nur lebendig sind, solange wir uns verwandeln. Und es geht um die Gründe, warum die Verwandlung meistens scheitert. Man muss ziemlich frei von Menschenkenntnis sein, um zu glauben, das Thema sei inzwischen weniger aktuell als Mitte der Fünfzigerjahre, als der Roman erschien und Frischs Weltruhm begründete.

Es mag Leute geben, die Mühe haben, wenn ihnen ein Autor zu nahegeht. Sie wollen sich beim Bücherlesen vergessen. Diese Leute haben es heute leicht. Das ganze Belletristiksortiment ist auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Aber ich vermisse Schriftsteller wie Max Frisch, die mir nahegehen, die mich verändern, lebendiger machen wollen. Natürlich komme ich am Ende doch nicht aus meiner Haut heraus, aber das liegt an mir, nicht an Frischs Büchern.

Die Erzählung “Montauk”, die angeblich haarscharf an annabelle vorbeischrammt, zeigt für mich am schönsten, wie Frisch bis ins Alter lebendig bleiben wollte, und Lebendigsein war für ihn stets mit dem Wagnis des Neuanfangens verbunden. “Montauk” ist der Versuch, eine kaum begonnene Liebesgeschichte am Strand von Montauk in die Literatur zu retten, frei von der Last der Erinnerungen. Es ist eine Feier der Gegenwart, und doch holt die Vergangenheit den Erzähler immer wieder ein. Seine junge Freundin steht für diese unbeschwerte Gegenwart. Sie hätte auch Annabelle heissen können.

Von Julian Schütt, einem der besten Frisch-Kenner, erschien dieses Frühjahr zum 100. Geburtstag des Schriftstellers im Suhrkamp-Verlag “Max Frisch: Biographie eines Aufstiegs”; er ist ausserdem Autor unserer Gastro-Kolumne “Schütt isst”.