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Natascha Beller: «Ich dachte, SRF wird die Serie nicht durchgehen lassen»

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Natascha Beller: «Ich dachte, SRF wird die Serie nicht durchgehen lassen»

  • Interview: Kerstin Hasse und Vanja Kadic; Bilder: SRF/Samuel Schalch, Patrick Karpiczenko

Die Zürcher Filmregisseurin und Drehbuchautorin Natascha Beller (38) schrieb für die SRF-Show «Deville Late Night» und feierte im vergangenen Jahr mit ihrem ersten Kinofilm «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» Premiere. Ab Sonntag wird auf SRF ihre vierteilige Krimiparodie «Advent, Advent» ausgestrahlt. Ein Gespräch über Schweizer Humor, künstlerische Kompromisse und das Frausein in einer Männerdomäne.

annabelle: Mit «Advent, Advent» hätten Sie eine «Bünzlivariante von Twin Peaks» schaffen wollen, sagten Sie kürzlich in einem Interview. Warum «nur» die Bünzlivariante?
Natscha Beller: Ich wusste, dass wir für «Twin Peaks» nicht das Budget haben werden (lacht). US-Produktionen wie «Twin Peaks» oder «Fargo» inspirierten mich vor allem fürs Polizeirevier in «Advent, Advent». Als Kulisse dafür drehten wir in einem Cevi-Lagerhaus – und brachten so das Schweizerische rein.

Braucht es das Bünzlige, damit eine Serie auf SRF funktioniert?
Ich glaube, bünzlig muss eine Produktion nicht sein, aber einen Schweiz-Bezug haben schon. «Advent, Advent» spielt ja nicht so sehr in der Realität, ich wollte aber dennoch etwas Schweizerisches in dieser Fantasiewelt. Ich habe es SRF auf jeden Fall nicht als bünzlig verkauft – sie haben es einfach so bekommen, wie es ist.

«Die Idee der Autorin Natascha Beller war es, etwas Konventionelleres zu machen, das mehr Leute erreicht», sagte Ihre Hauptdarstellerin Lara Stoll in einem Inti mit dem Tages-Anzeiger. Etwas «Konventionelles» zu machen, stellt man sich für Kunstschaffende fast schon als Genickbruch vor. 
Ich musste einige Kompromisse eingehen. Aber das ist immer so, wenn man etwas für SRF macht. Die Serie fühlt sich aber immer noch wie meine an: Ich stehe voll dahinter und finde «Advent, Advent» sehr lustig. Ich möchte ein breites Publikum erreichen, ohne dabei meine Kreativität und meinen Anspruch an Humor zu verlieren. Ausserdem finde ich das Resultat gar nicht so konventionell. Ich dachte sogar, dass SRF es nicht durchgehen lässt.

Lara Stoll, die in «Advent, Advent» die Polizistin Nico Halter spielt, entspricht nicht unbedingt dem klassischen SRF-Aushängeschild. Besetzten Sie sie vielleicht genau deshalb mit dieser Rolle? 
Ich hatte sie schon früh für die Rolle im Kopf. Ich kannte sie vorher nicht gut, wir sind uns nur ein paar Mal über den Weg gelaufen und dabei hatte ich immer das Gefühl, sie sei leicht verkatert (lacht). Man hat sie einfach gern. Irgendwie stellte ich mir die Rolle genauso vor: ein bisschen muffig und verkatert, aber sympathisch. Als es ans Casting ging, fragte ich sie an und schrieb ihr: «Lara, willst du der nächste Mike Müller werden?» Ihr Ja hat mich sehr gefreut.

Wie entscheiden Sie, wie weit Sie beim Humor gehen und was Sie den SRF-Zuschauerinnen zumuten können? Haben Sie nach Ihrer Arbeit bei Deville mittlerweile so etwas wie einen Schweizer Humor-Barometer?
Bei «Deville Late Night» waren wir eine externe Produktion und hatten keine Grenzen. Ausser der komischen Regel, dass wir keine Witze über die sieben Sakramente der Kirche, also Beichten und Co., machen durften. Abgesehen davon: «Advent, Advent» ist einfach mein Humor, da hatten wir keine Einschränkungen. Der Humor war SRF nie zu schwarz oder zu derb.

Was macht für Sie Schweizer Humor aus?
Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, Humor ist von Person zu Person sehr individuell. Ich finde, die Schweiz hat keine ausgeprägte Humor-Kultur  – oder sie hat bei uns einfach keinen hohen Stellenwert. Das vermisse ich manchmal ein wenig.

Wie äussert sich dieser fehlende Stellenwert Ihrer Meinung nach?
Ich merke es vor allem, wenn ich im Ausland bin. In England zum Beispiel ist Humor gefühlt omnipräsent. Man merkt, dass der Humor eine ganz andere Wichtigkeit hat in der Gesellschaft. In der Schweiz habe ich manchmal das Gefühl, dass es eher eine Bubble ist. Da gibt es die Comedy- oder die Kleinkunst-Szene und das jeweilige Publikum dafür – aber darüber hinaus ist es schwierig, Leute zu erreichen.

Sie sind selbst Teil der Schweizer Humor-Branche. Wie ist es, als Frau in dieser Branche zu arbeiten?
Teilweise einsam. Sowohl bei «Der Bestatter» als auch bei «Deville Late Night» war ich die einzige Frau im Autorenteam. Ich habe auch schon eine Absage bekommen von einem Autorenteam, weil sie «bereits eine Frau» in der Gruppe hatten. Da dachte ich: Frauen können also nicht in der Überzahl sein, Männer aber schon? Das hat mir schon Eindruck gemacht. Damals wurde aber noch nicht so offen über Gleichstellung diskutiert.

Und heute?
In den letzten zwei Jahren bekam ich öfter Anfragen fürs Mitschreiben an Projekten, gerade weil ich eine Frau bin – à la «wir brauchen noch eine Frau im Autorenteam». Das mochte ich auch nicht, weil ich den Eindruck hatte, dass man mich nicht aufgrund meines Könnens oder meines Talents will, sondern «nur» weil ich eine Frau bin. Anfragen, die so formuliert sind, lehnte ich immer ab. Darauf bin ich echt allergisch. Dabei haben wir ja einige erfolgreiche Filmemacherinnen. Die Förderungsbeiträge gehen dann aber doch eher an Männer.

Als Sie Fördergelder-Anträge für Ihren Film «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» einreichten, wurden diese vor allem von Männern abgelehnt. Müssen Sie als Frau eher um Anerkennung ihrer Ideen kämpfen? 
Ich glaube schon. Aber das ist meine subjektive Wahrnehmung. Ich versuche jeweils, für Frauen und mit Frauen in der Hauptrolle zu schreiben, und habe das Gefühl, dass weibliche Figuren einfach anders beurteilt werden. Es heisst schnell: Diese Figur ist unsympathisch – und eine Frau darf nicht unsympathisch dargestellt werden. Es ist schwieriger, mit spannenden und unsympathischen Frauenfiguren durchzukommen. In «Advent, Advent» ist Lara als Figur auch nicht die Sympathie-Trägerin schlechthin: Sie nimmt Pillen, klaut, hält sich nicht an die Regeln. Wenn es eine männliche Figur wäre, würde das, glaube ich, niemand hinterfragen. Diese Kritik an Frauenfiguren habe ich schon von vielen Männern gehört. Gleichzeitig bekam ich bereits für mein allererstes Drehbuch – eine Fernsehkomödie mit einer Frau in der Hauptrolle – von vielen Schauspielerinnen, die das Buch im Castingprozess lasen, ein positives Feeedback. Sie schrieben mir: Ich spiele sonst immer nur die Freundin oder das Opfer – so schön, gibt es diese spannende Frauenfigur. Dass das so ein Thema ist, hat mich sehr überrascht. Das hat mich motiviert, weiterhin für Frauen zu schreiben.

Im Gegensatz zu den männlichen Autoren und Regisseuren.
Vielleicht. Das kann aber auch daran liegen, dass es für mich einfacher ist, Frauenfiguren zu schreiben, weil ich eine Frau bin. Ich wurde schon von renommierten Regisseuren als Autorin angefragt, die bereits eine Idee oder Skizzen hatten. Ich merkte, dass ihre Frauenfiguren unglaublich schwach sind und dass sie alle spannenden Handlungsstränge den Männern geben wollen. Das Feedback hörten sie meist nicht gern. Ich konnte diese Jobs dann auch nicht annehmen, weil ich wusste, dass es ein unglaublicher Kampf wird, diesen Frauenfiguren – die teilweise extrem dümmlich waren – Tiefe zu geben.

War es für Sie als einzige Frau in Autorenteams jeweils auch die Aufgabe, den Finger auf solche Themen zu legen? 
Ja, leider. Bei «Deville» machten wir mal etwas zum «#MeToo»-Movement. Bei der nächsten Episode schlug ich einen weiteren Beitrag zum Thema vor. Da hiess es: Haben wir doch schon gemacht! Ich musste erklären, dass das Thema damit nicht erledigt ist. Klar waren nicht alle Männer in allen Teams immer so, aber ich glaube schon, dass man als Frau oft sagen muss: Hey, in diesem Sketch könnte es doch auch eine Frau sein. Das Geschlecht spielt ja auch eigentlich so oft keine Rolle. Die Szene ist lustig mit einer Frau oder einem Mann.

Mit Ihrem Partner Patrick «Karpi» Karpiczenko arbeiteten Sie für «Deville Late Night», «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» und nun auch für Ihr Projekt «Advent, Advent» zusammen. Die «Sonntagszeitung» nannte Sie vor wenigen Tagen das «Power Couple des Schweizer Humors». Was dachten Sie, als Sie das gelesen haben?
Mir ist es ehrlich gesagt ein bisschen egal (lacht). Aber was mir jetzt bei der Promo für «Advent, Advent» aufgefallen ist: Ich wurde für sehr viele Interviews mit Karpi zusammen angefragt. Er half bei der Co-Regie mit, aber eigentlich ist diese Serie mein Projekt. Oft wird es jetzt aber schon fast als seines verkauft. Oder es heisst: Wir wollen schon ein Interview – aber nur mit ihm zusammen.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe mich ehrlicherweise schon gefragt, ob das auch umgekehrt so gewesen wäre, wenn es sein Projekt wäre und ich mitgeholfen hätte. Karpi ist eine Rampensau, er steht mehr in der Öffentlichkeit, es macht Sinn, dass die Medien Interesse haben. Dennoch fand ich es interessant. Ich schlug zum Beispiel auch immer Lara Stoll als Interviewpartnerin vor, aber offenbar ist Karpi für manche interessanter.

Und wie reagierte er darauf?
Er ist sich dessen sehr bewusst – er bekommt oft Interview-Anfragen, in denen ich als Anhängsel mitangefragt werde. Die sagt er aber ab und betont auch immer, dass das meine Serie ist. Er hat ein Augenmerk darauf – auch wenn er die Aufmerksamkeit schon gern hat. (lacht)

Die erste Folge von «Advent, Advent» ist am Sonntag, 29. November um 21.45 Uhr, auf SRF 1 zu sehen. Die gleichnamige Hörspielserie zu «Advent, Advent» erzählt die Vorgeschichte zum Fernsehformat und läuft am 29. November um 11 Uhr auf Radio SRF 3. 

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1.

Slam-Poetin und Filmemacherin Lara Stoll spielt in «Advent, Advent» die tablettenabhängige Dorfpolizistin Nico Halter.

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