Netflix-Doku über Model-Castingshows: War es wirklich so schlimm?
Das Topmodel-Franchise wollte die Welt verändern – und formte dabei ein Schönheitsideal, das bis heute nachwirkt
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bild: Dukas
«Ich wollte die Beautywelt verändern», sagt Tyra Banks mit einem Ernst in die Kamera, als habe sie soeben ein Heilmittel für ein tödliches Leiden entdeckt. Banks stand schon immer für die ganz grossen Visionen. In der dreiteiligen Netflix-Dokumentation «Reality Check: Inside America's Next Top Model» blickt sie nun zum ersten Mal auf die von ihr erfundene, wahnsinnig erfolgreiche Castingshow zurück.
Ein paar Zahlen: 24 Staffeln lang lief die Mutter aller Model-Castingshows im US-Fernsehen, von 2003 bis 2018 mit über 300 Episoden. In ihrer Hochphase schalteten bei einzelnen Folgen rund neun Millionen Menschen ein – für eine Castingshow ein absoluter Ausnahmezustand.
Und: «America’s Next Top Model» war ein globales Franchise. Unter dem schlichten Titel «Top Model» entstanden über 50 internationale Ableger in mehr als 40 Ländern, von Brasilien bis Vietnam, für einige Zeit auch in der Schweiz. Besonders erfolgreich: Heidi Klums Version in Deutschland, die derzeit ihre 21. Staffel filmt. Weltweit wurden damit hunderte Staffeln produziert, tausende Kandidatinnen gecastet, bewertet, aussortiert, neu erfunden.
"Auf Schulhöfen wurden Walks geübt, Posen perfektioniert, Unsicherheiten vermessen"
Doch die eigentliche Wucht dieser Zahlen liegt nicht in Quoten, sondern in ihrer kulturellen Wirkung. «America’s Next Top Model» war kein harmloses Unterhaltungsformat, sondern eine Art globaler Schönheitskurs.
Die Show lieferte nicht nur Gewinnerinnen (die meist danach überhaupt keine Jobs als Model bekamen), sondern ein ganzes Regelwerk: wie ein Körper auszusehen hatte, wie ein Gesicht «funktioniert», wie man steht, schaut, leidet, sich verkauft – und wie man den Mund hält. Model sein wurde zur universellen Mädchen-Fantasie. Auf Schulhöfen wurden Walks geübt, Posen perfektioniert, Unsicherheiten vermessen.
"Die Sendung war eine globale Erziehungsanstalt für junge Frauen, die lehrte, dass Schönheit Leistung ist"
Und so wurde Woche für Woche ein Schönheitsideal in die Welt getragen: schlank, kontrolliert, belastbar bis zum Umfallen, immer bereit zur Selbstoptimierung – und zur Selbsterniedrigung. «Top Model» war damit weniger eine Castingshow als eine globale Erziehungsanstalt für junge Frauen, die lehrte, dass Schönheit Leistung ist. Diese Regeln stellte kaum jemand infrage.
In «Reality Check» kommen nun zum ersten Mal die Kandidat:innen, Juror:innen, Produzent:innen und Mastermind Tyra Banks selbst zu Wort. Und sagen wir mal so: Frau Banks kommt nicht besonders gut weg. Es ist zu vermuten, dass ihr nicht bewusst war, wie kritisch die Aufarbeitung werden würde, die sie heute völlig aus der Zeit gefallen wirken lässt.
"Die Make-overs endeten in irreversiblen zahnmedizinischen Eingriffen, die einer Kandidatin bis heute Schmerzen beim Beissen verursachen"
Aber war es wirklich so schlimm? Spoiler: ja. Schlimmer. Da gab es ein Fotoshooting, in dem Kandidatinnen als Obdachlose inszeniert wurden. Gleich zweimal wurden sogenannte «Ethnien getauscht»: Weisse Models trugen Blackface, als wäre Identität ein Kostüm, das man sich überstülpen kann.
Die berüchtigten Make-overs beschränkten sich nicht auf harmlose Typveränderungen, sondern zeigten die teilweise minderjährigen Models beim Brazilian-Waxing und endeten in irreversiblen zahnmedizinischen Eingriffen, die einer Kandidatin bis heute Schmerzen beim Beissen verursachen.
Eine Teilnehmerin wurde vor laufender Kamera sexuell missbraucht – und danach öffentlich slutgeshamed. Eine andere, von der bekannt war, dass ihre Mutter angeschossen worden war und seither im Rollstuhl sass, musste in einem Shooting eine erschossene Person darstellen. Einem Schwarzen Model liess man von drei kichernden weissen Frauen, die ganz offensichtlich nie zuvor mit Afrohaar in Berührung gekommen waren, den Kopf rasieren. Soll ich noch weiter aufzählen?
"Wenn sie wirklich gewinnen wollte, dann würde sie auch weniger essen"
Am schlimmsten jedoch war das allgegenwärtige Bodyshaming in beinahe jeder einzelnen Sendeminute. Keenyah Hill, ein schlankes Model, dem dennoch das Etikett «zu dick» verpasst wurde, diente dabei als besonders grausames Beispiel. Sie wurde nicht nur auffällig oft beim Essen gefilmt, um diesen Vorwurf dramaturgisch auszuschlachten, sondern musste in einem Shooting zum Thema «Die sieben Todsünden» ausgerechnet die Völlerei darstellen – platziert in einem Set, überladen mit Essen.
Im darauffolgenden Tierwelt-Shooting wurde sie dann als Elefant besetzt. Aus heutiger Sicht ist es zum Schreien, wie systematisch entwürdigend die Storylines waren. Leise Vorwürfe, die es schon damals immer mal wieder gab, wurden meist mit dem Satz «So ist es halt im Modelbusiness» abgetan. Beschämend, aber ich kann mich selbst daran erinnern, wie ich als Teenager-Zuschauerin dachte: «Wenn sie wirklich gewinnen wollte, dann würde sie auch weniger essen».
"Ein jahrzehntelang normalisiertes Wegsehen, das in Wahrheit ein kollektives Hinsehen ohne Konsequenzen war"
Die Dokumentation erscheint zu einem Moment, in dem der Vorhang über dem Sexismus der frühen Zweitausender langsam zur Seite gezogen wird. «Reality Check» steht damit nicht allein: Auch andere Formate schlagen in dieselbe Kerbe. Sie legen Machtmissbrauch, Grenzüberschreitungen und ein jahrzehntelang normalisiertes Wegsehen, das in Wahrheit ein kollektives Hinsehen ohne Konsequenzen war: «Sean Combs: The Reckoning», die Doku über P. Diddy etwa, «Framing Britney Spears» oder «Quiet on Set», die Aufarbeitung des Machtmissbrauchs beim Kindersender Nickelodeon. Ganz zu schweigen von den fortlaufenden Recherchen rund um die Epstein-Files. Was einst als Zeitgeist durchging, wird jetzt Stück für Stück neu verhandelt. Das ist erfreulich und bitter nötig.
"Das Publikum habe diese Art von Entertainment gefordert, sagt Tyra Banks"
Nur Tyra Banks entzieht sich mehrheitlich ihrer eigenen Verantwortung. Das Publikum habe diese Art von Entertainment gefordert, sagt sie, und schafft es damit nicht, der geschönten Reality-TV-Welt, die sie gross gemacht hat, zu entkommen. Sie spricht, als würde sie eine ihrer eingeübten Moderationen performen, betont ihren globalen Erfolg und inszeniert sich als jemand, der unermüdlich für Diversity gekämpft hat.
Ein Stück weit stimmt das sogar. Tyra Banks hat Türen geöffnet: für Schwarze Models, für queere Menschen im TV, für kurvigere Frauen – solange sie in ein klar definiertes, «richtiges» Plus-Size-Schema passten – und für Körper, die nicht dem damals heiligen 1,80-Ideal entsprachen. Das darf man ihr nicht absprechen. Aber die Sache ist komplex.
Problematisch wird es dort, wo das, was als Befreiung verkauft wird, in Kontrolle und Unterdrückung kippt. Banks, die selbst in einem sexistischen und rassistischen System verletzt wurde, reproduzierte dieses später gegenüber jüngeren Frauen und Mädchen. Dass dieser Bruch besonders von Schwarzer Frau zu Schwarzer Frau schmerzt, bringt die ehemalige Teilnehmerin Danielle Evans im Interview auf den Punkt. Und auch Tiffany Richardson, die in einer der berüchtigtsten Szenen der Show von Banks fertiggemacht wurde, sagt noch heute: «Tyra Banks hat mir das Leben zur Hölle gemacht».
Und was die viel beschworene Diversität betrifft: Ja, das «Top Model»-Format hat für Gleichbehandlung gesorgt. Unabhängig von Hautfarbe, Körperform oder Herkunft – alle wurden gedemütigt.