Peaches: "Was soll an mir schockierend sein? Die Welt ist schockierend!"
Vor 25 Jahren öffnete Peaches mit Songs wie "Fuck The Pain Away" ein Fenster für sex-positiven Feminismus im Pop. Kurz vor ihrem 60. Geburtstag und mit einem neuen Album im Gepäck plädiert die kanadische Electro-Punk-Ikone für weniger Reibung in der Welt
- Von: Melanie Biedermann
- Bild: ZVG
Es ist 10 Uhr Ortszeit an einem Januartag in New York, als Merrill Nisker via Zoom aus ihrem Hotelzimmer grüsst. Sie entschuldigt sich – «ich muss kurz etwas essen, tut mir so leid» – und nimmt einen grossen Bissen von ihrem Avocado-Toast. Dann ist sie voll da.
Volles Dasein: Das ist Merrill Niskers Ding, seit sie vor 25 Jahren nach Berlin zog und mit «The Teaches of Peaches» die internationale Musikszene aufmischte. Der Erfolg schien damals über Nacht zu kommen, dabei war die Kanadierin längst Teil der aufkeimenden progressiven Musikszene Torontos. Mit Leslie Feist etwa – mit der sie sich eine Wohnung über einem Sex-Shop teilte – oder Chilly Gonzales – einem Bandkollegen im DIY-Projekt The Shit – blieb sie eng verbandelt.
Ihr eigener musikalischer Durchbruch gelang Nisker allerdings erst nach ihrem Umzug nach Berlin und mit der neuen musikalischen Identität als Peaches, mit elektronischen Clubbeats, Punk-Attitüde und sex-positiven Parolen. Songs wie «Fuck The Pain Away» sandten damals Schockwellen um die Welt, ihre Live-Performances sind seit jeher berüchtigt.
Auf das explosive Debüt folgten vier weitere erfolgreiche Alben – zuletzt 2015: «Rub», eine eigene Rockoper («Peaches does herself») und ein Musical («Peaches Christ Superstar»), ein Fotobuch, Engagements am Theater und die Welttournee zum 20-jährigen Jubiläum von «The Teaches of Peaches». Der gleichnamige Dok-Film zu letzterer wurde an der Berlinale uraufgeführt, «Peaches Goes Bananas» – eine zweite Doku über das Leben der Musikerin – am Filmfestival in Venedig. Keine Frage, Peaches hat längst Kultstatus. Und nun ist mit «No Lube So Rude» das erste neue Album seit gut zehn Jahren da.
Beim Anruf aus New York wird deutlich, was hinter der anhaltenden Anziehungskraft der 59-Jährigen steckt: Egal wie radikal sich die Künstlerin als Peaches gibt, im Gespräch wirkt Merrill Nisker entwaffnend warm und offen.
annabelle: Merrill Nisker, Sie waren die letzten zehn Jahre gut beschäftigt, auch ganz ohne neue Musik. Warum war es jetzt trotzdem wieder an der Zeit für ein neues Peaches-Album?
Merrill Nisker: Ich könnte inzwischen wirklich ein Best-of-Act sein; einfach all die alten Songs spielen und meine Kreativität in anderen Bereichen weiterentwickeln. Ich sehe es als Privileg und Glück, dass ich weiterhin eingeladen werde und all diese Dinge machen darf. Aber es ist grossartig, jetzt neue Musik am Start zu haben und diese Kraft zu spüren: Die Kraft von 2026! – Ich glaube, das sagen im Moment nicht allzu viele Leute. (lacht)
"Ich wollte den Leuten zeigen, dass es okay ist, sich frei auszudrücken"
Inmitten der allgegenwärtigen Untergangsstimmung könnten wir wohl alle etwas Kraft gebrauchen.
Ja, und wir haben Kraft. Deshalb fand ich es auch wichtig, mich mit neuer Arbeit zu melden: Um den Leuten zu zeigen, dass es okay ist, sich frei auszudrücken. Damit wir uns nicht so verloren fühlen.
Warum wählen Sie jetzt wieder das Medium der Musik? Welche Rolle spielt sie in Ihrem Leben?
Ich glaube, Musik war für mich immer der Weg, etwas Tieferes als mich selbst zu finden. Sie gibt mir die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die mich beschäftigen. Und das Musikhören gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu hinterfragen, die wir hören.
Ihre Karriere begann mit einem Bruch: Sie startete in Toronto mit Folkmusik. Der Erfolg kam aber erst, nachdem Sie ums Jahr 2000 nach Berlin gezogen sind und «The Teaches of Peaches» veröffentlichten.
Ja, Toronto war damals noch sehr repressiv. Es gab im Grunde nur Folkmusik und ich habe da lange Zeit einfach mitgemacht. Aber irgendwann wollte ich mich selbst ausdrücken. Ich spürte, dass das der beste Weg ist, etwas über die Welt und mich selbst zu lernen.
"Die Welt ist voller Reibung. Uns fehlt ein magisches Gleitmittel, um wieder miteinander zu diskutieren"
Songs wie «Fuck The Pain Away» oder «Boys Wanna Be Her» wurden zu Hymnen der LGBTQI+-Community. Um einen plumpen Schock-Effekt, wie von kritischen Stimmen immer mal wieder behauptet, ging es Ihnen dabei nie, oder?
Nein, aber ich finde es lustig, wenn die Leute sagen, ich wolle nur schockieren oder meine Texte seien zu explizit. Wir sprechen doch alle so. Wir fühlen so. Warum sollten wir beim Schreiben anderen Regeln folgen? Das macht keinen Sinn. Und wenn man bedenkt, wie schockierend alles um uns herum ist, sehe ich erst recht nicht, was daran schockierend sein soll. Ich halte nur einen Spiegel vor und gebe dem Ganzen einen Twist.
Auch «No Lube So Rude» bezieht sich jetzt wieder auf mehr als Sex. Wofür steht der Titel?
Es ist eine Allegorie: Die Welt ist gerade so voller Reibung. Alles und alle geraten aneinander. Wenn wir ein magisches Gleitmittel (englisch lube, Anm. d. Red.) hätten, das uns dabei helfen würde, zumindest wieder miteinander zu diskutieren… Wir brauchen etwas, das uns hilft, zu entspannen und neue Wege auszuprobieren. Und das ist ja genau, was Gleitgel tut: Wenn du beim Sex nicht feucht bist, löst es dein Reibungsdilemma und alles fühlt sich gleich viel angenehmer an. Es ist auch ein Türöffner, um Neues zu erkunden. Genau das fehlt uns in dieser Welt. Die Welt ist «so rude»!
"Faschismus, Gier, weisse Vorherrschaft – diese Dinge waren nie weg"
Gab es einen konkreten Moment, in dem Ihnen klar wurde: Davon muss das Album handeln?
Ich erkannte, dass wir uns zu lange am vermeintlichen Komfort unserer Privilegien festgehalten haben. Die Geschichte holt uns gerade ein – Faschismus, Gier, die Ideologie der weissen Vorherrschaft; diese Dinge waren nie weg, sondern brodelten immer unter der Oberfläche. Und dieser Hass schert sich nicht um Menschlichkeit. Das müssen wir verstehen. Wir müssen zusammenkommen und die Menschlichkeit zurückbringen.
Sie sind Kanadierin, aber Ihr Lebensmittelpunkt ist seit vielen Jahren Berlin. Beruflich sind sie weltweit unterwegs. Wie prägt all das Ihre Sicht auf die Welt?
Ich glaube, inzwischen kämpfen Menschen überall auf der Welt mit ähnlichen Themen, wenn auch verschiedenen Problemen. In Grossbritannien herrscht etwa dieser furchtbare Mangel an Verständnis von trans-Rechten. Und was allein in den zwei Wochen, die ich gerade in Amerika verbrachte, los war, ist verrückt: der Angriff auf Venezuela, die Tötung von Renée Nicole Good und wiederum die fortschreitende Beschneidung von trans-Rechten – hier wütet ein offener Krieg gegen alles und jede:n, die keine weissen Männer sind. Gleichzeitig hat der New Yorker JFK-Flughafen All-Gender-Toiletten. Ich kann hier grossartigen Latte trinken und im Hotel Avocado-Toast essen. Wir leben in einer sehr surrealen Welt.
Wie nehmen Sie Berlin wahr? Die Stadt galt bisher als sicherer Hafen für Kreativität und persönliche Freiheit.
Das wird gerade bedroht. Auch in Berlin werden Fördergelder gestrichen. Und in Deutschland generell gibt es mehr Zensur, viel Islamophobie und Spannungen um progressive jüdische Stimmen, die nicht automatisch die israelische Regierung unterstützen. Die Gentrifizierung, der Aufstieg der AfD…
Mit «No Lube So Rude» bilden Sie zu diesem globalen Backlash auf verschiedenen Ebenen ein Gegengewicht. Das Musikvideo zum Titeltrack feiert die queere Community Berlins. Fühlt sich diese noch intakt an?
Ja, es gibt weiterhin so viele grossartige Menschen in Berlin, die für Kreativität kämpfen.
Wie wählen Sie aus, mit wem Sie zusammenarbeiten?
Ich arbeite oft mit Leuten aus meinem Umfeld. Es geht mir immer viel mehr um Gemeinschaft als darum, «die richtigen Leute» zu finden. Für das Album habe ich etwa ausschliesslich mit Musikschaffenden gearbeitet, die sich als weiblich identifizieren.
Beim erwähnten Musikvideo wirkte zudem die schwedische Regisseurin Erika Lust mit, eine Pionierin feministischer Pornografie. Wie fanden Sie zueinander?
Wir haben uns tatsächlich bis heute noch nie getroffen, aber wir bewundern uns gegenseitig. Ich finde es grossartig, dass das grösste Publikum auf ihrer Plattform ältere Frauen sind. Eine Pornoseite, die sich an ältere Frauen richtet? Wie unglaublich ist das denn!
Begehren jenseits der Wechseljahre ist ein anderes grosses Thema auf «No Lube So Rude». Das Album beginnt mit einem Song namens «Hanging Titties».
Ja – (singt): «Thirsty much, my hanging titties hit like a punch». Da weisst du sofort, woran du bist.
"60 ist nicht mehr das, was es einmal war. Wir werden älter, aber wir verschwinden nicht"
In Ihrer Arbeit sind das Altern und die Wechseljahre keine neuen Themen. Inzwischen gibt es auch vermehrt öffentliche Debatten darüber. Eine gute Entwicklung, oder?
Ja, das finde ich grossartig: Lasst uns darüber reden! Diese Dinge gehören zum Leben. Wir werden älter, aber wir verschwinden nicht. Es gibt immer noch Begehren und wir haben immer noch unseren Verstand.
Wie erlebten Sie selbst die Wechseljahre?
Ich war damals 36.
Das ist sehr früh…
Ich glaube, das hing damals damit zusammen, dass sich ein Ei an meinem Eierstock eingenistet hatte. Ich wusste lange nichts davon, war bei einer schlechten Gynäkologin, die mich so verschreckte, dass ich vier Jahre lang nicht mehr hinging. In dieser Zeit hatte ich kaum noch meine Periode. Später wurde das Ei entfernt, aber die Blutungen kamen nie zurück.
Wie erlebten Sie das damals? Und wie geht es Ihnen heute?
Ich hatte eine Zeit lang deutlich mehr Stress und Ängste, aber das könnte mit allem möglichen zu tun gehabt haben. Inzwischen nehme ich seit etwa zehn Jahren Östrogen, mache also Hormonersatztherapie. Mein Östrogenspiegel hat sich immer noch nicht eingependelt, aber seither fühle ich mich viel besser: Jetzt ist alles wieder weicher und wohlig.
Wie blicken Sie auf Ihren 60. Geburtstag in diesem Jahr?
60 ist nicht mehr das, was es einmal war, das sollten wir uns vor Augen halten. Die Menschen werden heute älter, es gibt 90- oder 100-Jährige, die voll im Leben stehen. Wir tendieren dazu, zur Jugend zu schielen, aber wir sollten uns vielmehr generationenübergreifend ausrichten. Das wäre sehr wichtig.
In vielen westlichen Ländern ist die Rede vom Gegenteil: Dass der Generationengraben sich eher weitet statt schliesst. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich glaube, Leute in meinem Alter gehen noch immer gerne feiern, weil wir seit unseren Zwanzigern diese Tradition haben. Jüngere weniger – sei es wegen der Pandemie, dem Zustand der Welt oder all den anderen Dingen, die einem Angst machen können, sich frei zu bewegen.
Merken Sie diese Kluft auch in Ihrem unmittelbaren Umfeld? Vielleicht auch anhand der Leute, die Ihre Konzerte besuchen?
Mein Publikum nehme ich sogar als euphorischer wahr als früher. Die Leute wissen, wie wichtig es ist, zusammenzukommen. Vielleicht müssen wir aber auch damit aufhören zu betonen, was für eine «wilde Zeit» es gerade ist. Das ist die neue Normalität.
Wie blicken Sie auf die neue Generation Musikschaffende? Macht sie Ihnen Hoffnung?
Ja, sie ist sehr stark. Musikalisch passiert unglaublich viel, gerade auch in Toronto, was mich sehr freut! Ich denke etwa an die Lambrini Girls, Cortisa Star, Brutalismus 3000 oder Amyl and The Sniffers. Es geht weniger um eine bestimmte Art Musik, mehr um diese Kraft.
All die Namen, die Sie erwähnen, haben eine gewisse Nähe zum Punk. Hat er also doch überlebt?
Ja, und sehen Sie sich doch auch etwa eine Kim Gordon an, die mit 70 das erste Mal den Alleingang wagte. Für mich ist das revolutionär. Und natürlich: Patti Smith, die als Poetin ihren Weg geht und einfach versteht, wie man nicht nur cool bleibt, sondern auch einen kühlen Kopf bewahrt. Und dann gibt es natürlich Menschen wie Grace Jones, wo es weniger um neue Musik, dafür umso mehr um Performance geht. Ich meine, wie alt ist sie? Knapp 80? Das ist doch pure Kraft!
Aktuelles Album: «No Lube So Rude» (Kill Rock Stars)