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Petra Volpe:

Petra Volpe: "Es gibt zu wenig Filme, die liebevolle Männer feiern"

Was passiert, wenn Männer, die schwerste Verbrechen begangen haben, andere Häftlinge pflegen? In "Frank & Louis" erzählt "Heldin"-Regisseurin Petra Volpe von Fürsorge im Gefängnis. Ein Gespräch über Schuld, Nähe und eine Männlichkeit, die im Kino viel zu selten vorkommt.

Ein amerikanisches Gefängnis: Eine Gruppe von Männern sitzt um einen kargen Tisch, verurteilt wegen schwerer Verbrechen, oft wegen Mord. Einige dieser Männer tragen Westen. Andere nicht. Diese sind älter, sie wirken gebrechlich, unsicher, fahrig. Es sind erkrankte Häftlinge. Auch Demenzkranke sind unter ihnen.

Jeweils ein Mann in Weste sitzt neben einem der älteren Männer und hilft ihm beim Essen. Löffel werden dabei sehr behutsam zu Mündern geführt – keine heftigen Bewegungen, die den Kranken erschrecken könnten. Münder, aus denen Speichel und Essensreste tropfen, werden vorsichtig abgetupft.

Es sind rührende Momente, voller Zärtlichkeit und Fürsorge. Petra Volpe, die mit «Frank & Louis» ihren ersten englischsprachigen Film vorlegt, hat sie nicht erfunden. Sie bezieht sich auf ein US-Gefängnis, in dem bedürftige Häftlinge von ihren Mitinsassen im Gefängnisalltag unterstützt werden. «Gold Coats» heisst das Konzept, nach der Farbe der Westen.

annabelle: Frau Volpe, in «Frank & Louis» pflegen Häftlinge ihre demenzkranken Mitinsassen. Wie sind Sie auf das reale Vorbild, das «Gold Coats»-Programm, aufmerksam geworden?
Petra Volpe: Meine Koautorin Esther Bernstorff hatte darüber gelesen und mir davon erzählt. Das Gefängnis, in dem das umgesetzt wird, befindet sich in der kalifornischen Kleinstadt San Luis Obispo. Vor zwanzig Jahren hat dort eine Psychologin dieses Programm erfunden – und gegen zunächst grosse Widerstände etabliert. Als wir das Gefängnis besuchen konnten, sprachen wir mit ihrer Nachfolgerin.

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"Warum macht sich das Kino so wenig Gedanken über den Pflegeberuf?"

War es schwer, eine Erlaubnis für Recherchen zu bekommen?
Es war Arbeit. Wenn man in ein amerikanisches Gefängnis will, muss man sehr viel kommunizieren, Transparenz schaffen, Vertrauen bilden. Schliesslich durften meine Kamerafrau Judith Kaufmann und ich zum ersten Mal kommen – 2014 war das bereits. Ich konnte mit den «Gold Coats» Gespräche führen, ihnen bei der Arbeit zuschauen und war total fasziniert. Ich habe schon damals, also lange vor «Heldin», gedacht: Warum macht sich das Kino so wenig Gedanken über den Pflegeberuf? Aber Pflege, Alter und Alzheimer dann in einem Gefängnis zu sehen – darüber spricht ja erst recht niemand.

Haben Sie die Insassen als zugänglich erlebt?
Das Gefängnisleben ist unfassbar monoton. Alles, was irgendeine Variation in den Alltag bringt, ist für die Häftlinge ein Gewinn – also auch Gespräche mit uns. Darüber hinaus hatten sie aber ein extremes Bedürfnis, über ihre Arbeit zu reden.

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Warum?
Sie konnten zeigen, dass sie noch Menschen sind. Sie waren sehr, sehr offen. Ich hatte lange Zeit einen Briefaustausch mit einem der Insassen. Wir bekamen auch Kontakt zu «Gold Coats», die inzwischen aus der Haft entlassen worden waren – mit ihnen konnten auch meine Schauspieler:innen sprechen. Wir haben schliesslich im Gefängnis eine Drehbuchlesung gemacht und die Gefangenen konnten dazu Feedback geben. Es war sehr wichtig für mich, sie am Film zu beteiligen.

"Es ist für viele von ihnen das erste Mal, dass sie einen anderen Mann anfassen, dass sie körperliche Nähe zu einem Mann zulassen"

Was haben diese Häftlinge für ein Selbstverständnis? Nicht wenige sind Mörder. Wie gehen Gewaltkarriere und Pflege für sie zusammen?
Eigentlich gar nicht. Aber es geht dann eben doch. Es kostet einfach eine riesige Überwindung. Als «Gold Coat» ist es für viele von ihnen das erste Mal, dass sie überhaupt einen anderen Mann anfassen, dass sie körperliche Nähe zu einem Mann zulassen. Sie kommen oft aus Milieus, wo es bestenfalls belächelt wird, wenn man als Mann fürsorglich und liebevoll ist. Im Gefängnis kann es geradezu gefährlich sein – es gilt als sehr unmännlich.

Und die Patienten selbst sind auch nicht gerade einfach im Umgang.
Ja, auch das gilt es auszuhalten: Eine Person mit Demenz kann sehr harsch reagieren, kann einen bespucken und attackieren, einfach aus der Not der Erkrankung heraus. Und da können die Gold Coats nicht reagieren, wie sie es vielleicht gewöhnt sind. Sie müssen verzeihend und liebevoll und empathisch bleiben.

Ihre Hauptfigur Frank sitzt wegen Mordes im Gefängnis. Er übernimmt die Betreuung des demenzkranken Louis zunächst aus Berechnung: Er hofft, damit seine Chancen auf Begnadigung zu verbessern. Doch die Arbeit verändert ihn. Haben Sie solche Wandlungen auch bei Ihren Recherchen erlebt?
Sehr oft. Das waren dann Aussagen wie: «Die Arbeit als Gold Coat hat mir das Gefühl gegeben, wieder ein Mensch zu sein. Und erst dadurch war ich endlich in der Lage, mein Opfer beim Namen zu nennen. Es als das zu sehen, was es ist: ein Mensch.» Damit einher geht, dass die Insassen sich und der Welt endlich eingestehen, was sie getan haben. Das geschieht aber nicht sofort. Viele berichten, dass sie, als sie ins Gefängnis kamen, zunächst erst einmal Selbstmitleid hatten – und die Schuld bei anderen suchten.

Gibt es dafür eine Erklärung?
Viele waren noch sehr jung, als sie ihre furchtbare Tat begingen, gerade einmal 18, 19 Jahre alt. Die Tat hatte immense Auswirkungen: auf das eigene Leben, auf das Leben des Opfers, auf beide Familien, Freunde und Verwandte. Sich all dem zu stellen, ist überwältigend. Verdrängung ist die einfachste Reaktion. Sich verschliessen. Sich bemitleiden. Ausflüchte suchen.

Und die Arbeit mit den Kranken verändert das?
Ja, und das hat mich unglaublich berührt: Ich glaube, unser Film spricht damit über die Geschichte der «Gold Coats» im Gefängnis hinaus auch etwas sehr Universelles an. Für andere zu sorgen: Das ist es, was uns zu Menschen macht und als Menschen verbindet.

Sie klingen sehr überzeugt, wenn Sie über das «Gold-Coats»-Programm sprechen …
Es funktioniert extrem gut. Es hat einen riesigen Effekt auf die Pflegenden – auf die Gepflegten sowieso. Alzheimer und Demenz sind furchtbare Krankheiten. Schon hier draussen. Für arme Leute, die keine Ressourcen und keine schönen Wohnungen haben, ist es noch einmal viel schwerer als für die wohlhabenden, gutbürgerlichen Erkrankten, von denen das Kino uns immer erzählt. Im Gefängnis aber ist es extrem.

"Es ist an vielen Orten noch ein unfassbar brachiales und natürlich auch zutiefst rassistisches Strafsystem"

Macht das Programm Schule? Schauen andere Gefängnisse sich das ab?
Es gibt in anderen US-Gefängnissen teils ähnliche Formen von «Peer Support Programs», in denen Gefangene ihre Mitgefangenen unterstützen. Es gibt teils Hospiz-Abteilungen, in denen todkranke Insassen beim Sterben begleitet werden. Aber in dieser Form ist das «Gold-Coats»-Programm einzigartig.

Warum?
In den USA ist die Haltung «Auge um Auge» doch noch sehr verbreitet. Bestrafung durch Entmenschlichung, das sieht man ja auch an der Todesstrafe. Es ist an vielen Orten noch ein unfassbar brachiales und natürlich auch zutiefst rassistisches Strafsystem.

"Alte Menschen sind in den USA die am stärksten wachsende 'prison population'. Da bahnt sich eine grosse humanitäre Krise an"

«Frank & Louis» ist der erste Film, den Sie auf Englisch gedreht haben. Warum?
Das ergab sich gewissermassen von selbst. Es ist eine spezifisch amerikanische Situation – in ein Schweizer oder ein deutsches Gefängnis hätte ich die Geschichte in dieser Form nicht verlegen können. Alte Menschen sind in den USA die am stärksten wachsende «prison population». Da bahnt sich eine grosse humanitäre Krise an. Und es gibt überhaupt keinen Plan, wie mit dieser Überalterung im Gefängnis umzugehen wäre.

Sie haben den Film beim Sundance-Festival in den USA vorgestellt. Wie kam er an?
Ich war extrem nervös, weil ich dachte: Das kann richtig schiefgehen, dass eine Schweizerin über ein so aufgeladenes politisches Thema einen Film macht. Es könnte auch als unzulässige Einmischung aufgefasst werden. Doch das Publikum hat den Film begeistert angenommen.

Einen Starttermin gibt es aber noch keinen?
In den USA? Wir sind mit amerikanischen Verleihern im Gespräch. Der Markt dort ist aber gerade nicht so, dass einem ein sensibles, humanistisches Drama aus den Händen gerissen wird. Was dagegen gut geht, ist Horror-Kino. Für mich ist das aber leider nix. Mein Seelchen ist zu sensibel dafür.

Es wurde vermutlich aber auch mit «Frank & Louis» einer Herausforderung ausgesetzt?
Es ist schon ein Film, der mir alles abverlangt hat, in jeder Beziehung. Aber ich hatte das Gefühl, das hat einen Sinn. Ich weiss, wofür ich aufstehe am Morgen und mich dem aussetze.

Sie haben gesagt, Ihr Film werfe eine feministische Perspektive auf Männer. Was heisst das?
Feminismus, so wie ich ihn verstehe, bezieht die Männer mit ein. Die Rollen, die Männer haben. Es ist eine Weltsicht, die sich mit Geschlechterkonventionen beschäftigt – und die betreffen beide Geschlechter. Schon in «Die göttliche Ordnung» war es mir extrem wichtig, dass auch die Männer nicht einfach nur blöde Dödel sind, die sich gegen das Frauenwahlrecht sperren. Man sieht, dass auch sie von den Konventionen gefangen sind und davon verformt werden.

Hat sich Ihr Blick auf Männer durch «Frank & Louis» noch einmal verändert?
Das nicht. Ich finde aber, es gibt einfach zu wenig Filme, die eine Form von Männlichkeit feiern, die «caring» ist: liebevoll und liebesfähig und empathisch. Die fehlen auch als Vorbilder für junge Männer, die dann sehen könnten, dass ein solches Verhalten nicht im Widerspruch zu Männlichkeit steht. «Frank & Louis» bietet das an. In einem Umfeld, in dem man es am allerwenigsten erwarten würde.

«Frank & Louis» läuft ab dem 22. Oktober im Kino

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