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Pop-Up: Jeff Koons

Kultur

Pop-Up: Jeff Koons

  • Text: Lars Jensen

Skulpturen, die ihn beim Sex mit Pornostar und Ehefrau Cicciolina zeigen, machten ihn berühmt. Heute kämpft er um den Sohn aus dieser Ehe.

Zur Begrüssung ein Händedruck. Ganz sanft, mit Fingern, die mindestens so viele Stunden Manicure erlebt haben wie die von Paris Hilton. Der dunkelblaue Anzug massgeschneidert, die schwarzen klassischen Schuhe ebenfalls. Eine Frisur, die keinen Raum für Zufälle lässt, und eine zu drei Vierteln rahmenlose Brille, mit der er aus fünfzig Meter Entfernung das Kleingedruckte auf einer Tube Handcrème entziffern könnte.

Der Künstler Jeff Koons hat zum Gespräch geladen. Es ist morgens um halb elf im Stammhaus der Kosmetikfirma Kiehl’s an New Yorks 3rd Avenue. Draussen glüht der Asphalt, drinnen reichen Hostessen eine erfrischende Erdbeermousse. Jeff Koons wurde Anfang der Neunziger reich und berühmt mit einer Serie von Bildern und Porzellanskulpturen, die ihn beim fantasievollen Geschlechtsverkehr mit der italienischen Ex-Pornodarstellerin und Ex-Parlamentsabgeordneten Cicciolina (Ilona Staller) zeigen: «Made in Heaven». Nun sitzt er hinter einem Tisch mit weisser Decke. Darauf stehen Vasen voller bunter Plastiktulpen und drei von Koons designte Plastikbehälter, die verschiedene Crèmes enthalten. Das Motiv der Etiketten: Plastiktulpen. Sie repräsentieren Lebensfreude, wird Koons später erklären.

Kein Zufall, dass Jeff Koons eine Pflegeserie präsentiert, deren Profite der Rettung vermisster und ausgebeuteter Kinder zugute kommen. Neben seinem Job als Künstler leitet er seit 2002 das Koons Family Institute. Dessen Mission besteht darin, «weltweit dafür zu sorgen, dass Kinder zu ihrem Recht kommen», sagt er. «Zum Beispiel zum Recht, beide Elternteile zu sehen.» In Dutzenden Ländern arbeitet sein Institut mit dem International Center for Missing and Exploited Children (ICMEC) sowie örtlichen Juristen zusammen, um verschleppte Kinder zu finden und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen.

Aus vielen Regionen kommen gute Nachrichten, wie wir mittels einer Powerpoint-Präsentation erfahren. Als das ICMEC 1990 seine Arbeit aufnahm, konnten knapp zwei Drittel der Kinder, die bei der Organisation als vermisst gemeldet waren, aufgespürt werden. Heute liegt die Quote – auch dank neuen technischen Möglichkeiten – bei 92 Prozent. Doch in einigen Ländern scheint sich nichts zu bewegen. Italien etwa melde 500 vermisste Kinder, während Frankreich und Deutschland jeweils rund 50 000 meldeten. «Da drängt sich der Verdacht auf, dass die Italiener nicht ganz korrekt zählen», klagt Koons.

Auf Italien ist er ohnehin nicht gut zu sprechen. 17 Jahre ist es inzwischen her, dass Cicciolina den gemeinsamen Sohn Ludwig aus New York entführte und in Italien versteckte. Seitdem haben italienische Gerichte Jeff Koons zwei- oder dreimal das Sorgerecht zugesprochen. Doch den Anwälten der Mutter mit ihren politischen Beziehungen gelingt es immer wieder, die Behörden auszutricksen, um zu verhindern, dass er den Sohn in seine Obhut nehmen kann. «Ich bin durch die Hölle gegangen», sagt er. Die dramatischen Worte fliessen so weich und mild aus seinem Mund wie Kiehl’s Crème de Corps aus dem Drückspender.

Doch der sanfte Tonfall kann nicht den Schmerz verbergen, den er empfindet, wenn er über seinen Sohn redet. Die Neunzigerjahre verbrachte Jeff Koons damit herauszufinden, wohin Cicciolina den kleinen Ludwig gebracht hatte. Vor Gericht versuchte er zu beweisen, was ohnehin jeder dachte: dass Cicciolina eine verlogene Schlampe sei.

Kunst zu produzieren, bedeutete für Koons damals vor allem Therapie. Die Werkgruppe «Celebration» entstand, gigantische Skulpturen, die er seinem Sohn widmete und deren manische Produktionsmethoden nicht nur den Künstler, sondern auch seine Galeristen in den finanziellen Ruin trieben. Doch die Krise ist überstanden, sagt der 55-jährige, der heute mit der Künstlerin Justine Wheeler verheiratet ist. Seit einigen Jahren kann er sich wieder massgeschneiderte Anzüge leisten. Wichtiger: Ludwig feiert bald die Volljährigkeit und kann dann selber entscheiden, mit wem er wie viel Zeit verbringen möchte. «Ich weiss noch nicht, wie wir das Ereignis feiern werden», sagt Koons.
Zum Abschied ein Händedruck. Ganz sanft.

International Center for Missing and Exploited Children: www.icmec.org

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