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Robyn im Interview:

Robyn im Interview: "Die Entscheidung, als Single Mutter zu werden, war schwierig aber befreiend"

Die schwedische Musikerin Robyn ist zurück – mit neuer Musik über Extreme, existenzielle Fragen und den ebenso schwierigen wie befreienden Weg zur Mutterschaft.

Robyn ist umrahmt von skandinavisch cleanem Interieur: helle Farben, klare Linien. Die schwedische Musikerin meldet sich via Skype aus ihrem Studio in Stockholm. Wenige Tage vor diesem Gespräch räkelte sich die 46-Jährige noch in einem rot-schwarzen Lederoutfit mit Nieten und funkelnden Accessoires im TV-Studio von US-Talkmaster Stephen Colbert, um den Titelsong ihres neuen Albums «Sexistential» zu präsentieren.

Robin Carlsson, wie die Künstlerin mit bürgerlichem Namen heisst, scheut weder Kontraste noch Extreme. Im Laufe ihrer gut dreissigjährigen Karriere spannte sie den Bogen von Pop-zur Clubkultur und zurück und inspirierte eine neue Generation Musikschaffende von Lorde bis Charli XCX.

Robyns Karriere nahm eine Wende, als sie sich 2010 mit ihrem Trilogie-Album «Body Talk» und dem Song «Dancing on My Own» in die Hall of Fame der Popkultur einschrieb. Seither macht sie, was Popstars eigentlich nicht tun: Sie lässt sich Zeit, kümmert sich um Wunden, die das Leben hinterliess, und experimentiert. 2018 legte sie mit «Honey» einen Deep Dive in eine neue emotionale Intensität und kunstvoll verschachtelte Clubklänge bar. Und nun, acht Jahre später, richtet sie das Spotlight mit «Sexistential» in die Tiefen urmenschlichen Begehrens und zurück auf zugkräftige Pop-Beats.

annabelle: Robyn, seit Sie Ihr letztes Album veröffentlichten, ist in der Welt einiges passiert – und bestimmt auch in Ihrem Leben. Können Sie uns kurz auf den neuesten Stand bringen?
Robyn: Die Pandemie passierte. Und nach der «Honey»-Tour verbrachte ich etwa sechs Monate mit Schreiben in Max Martins Studio in Stockholm. Ich sammelte Material und arbeitete, so viel ich konnte, bis mein Sohn 2022 zur Welt kam. Dann pausierte ich knapp zwei Jahre lang. Und letztes Jahr stellte ich das neue Album dann fertig.

Wie erlebten Sie diese Zeit?
Es war ein ganz neuer Prozess für mich: schreiben, alles liegen lassen und später wieder aufgreifen. Ich fand das total aufregend.

Aufregend? Hatten Sie keine Angst davor, dass Ihre Mutterschaft ein Dämpfer für Karriere und Produktivität sein würde?
Einfach war es nicht. Ich fand es aber tatsächlich aufregend, gerade auch weil die eigene Zeit so kostbar wird, wenn man ein Kind hat. Und ich war sehr froh, dass ich etwas hatte, zu dem ich zurückkehren und auf das ich mich freuen konnte. Es war eine sehr spezielle Zeit voller Kontraste und extremer Erfahrungen.

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"Ich war eine Art Archetyp eines gefallenen Engels"

«Sexistential», Ihr neues Album, das Sie eben erwähnten, legt nun Zeugnis davon ab.
Ja, aber ich denke nicht, dass es ein Album über das Mutterwerden ist. Es geht eher um den Weg dorthin.

Können Sie das ausführen?
Als ich begann, daran zu arbeiten, hatte ich das Gefühl, nichts zu verlieren zu haben – und das ist ein guter Ausgangspunkt zum Schreiben. Aus derselben Position heraus habe ich viele Songs getextet, zum Beispiel auch «Dancing on My Own». «Honey» schrieb ich in einem anderen Zustand: weniger betrübt und heartbroken.

«Dancing on My Own» wurde seit der Veröffentlichung 2010 auf Dancefloors rund um den Globus rauf- und runtergespielt. Das Lied machte Sie quasi zur Schutzpatronin aller gebrochenen Herzen.
Ja, ich war eine Art Archetyp eines gefallenen Engels – und zu dieser traurigen Figur wollte ich wirklich nicht zurückkehren. (lacht) Aber als es mit «Sexistential» losging, war ich wieder in der alten Rolle – erneut heartbroken. Gleichzeitig habe ich damals angefangen, die Möglichkeit zu erkunden, als Single Mutter zu werden, und das war eine sehr, sehr schwierige, aber gleichzeitig eine sehr befreiende Zeit.

Wofür steht der Titel «Sexistential»?
Es geht um die Qualität der Extreme; darum, dass wir menschlich sind und entsprechend auch diese tief verankerten Bedürfnisse in uns tragen. Letztlich geht es ums Menschsein. Beim Musikmachen interessiert mich aber immer auch das Technische, also wie die Dinge klingen. Ich wollte, dass dieser Kontrast der Extreme auch hörbar ist: Die Songs sind voll persönlicher Beobachtungen und in ihrem Ton sehr plauderhaft, aber die Produktion ist minimalistisch. Wie bei «Dancing on My Own» hat der Sound Dancefloor-Charakter und gleichzeitig emotionale Tiefe.

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"Ich will ein Leben führen, das sich komplex und gleichzeitig hoffnungsvoll anfühlt"

Das Einbetten emotionaler Tiefe in die Leichtigkeit des Dancefloor-Kontextes ist etwas, wofür Ihre Fans Sie lieben: Es scheint der Schwere die Wucht zu nehmen.
(lacht) Das ist gut! Ich glaube, genau darum geht es mir: Ich will ein Leben führen, das sich komplex und gleichzeitig hoffnungsvoll anfühlt.

Die Texte auf Ihrem neuen Album sind spezifischer denn je. Im Titelsong erzählen Sie etwa ganz konkret von der Erfahrung, als Single-Frau ein Kind bekommen zu wollen; von traumatischen Fruchtbarkeitstests, IVF-Behandlung, Hormonchaos, aber auch von sexuellem Begehren. Warum wollten Sie diese sehr privaten Einsichten öffentlich teilen?
Ich wüsste nicht, wie ich es hätte anders machen können. Die Songs reflektieren im Grunde eine Art existenzielles Gespräch, das ich mit mir selbst führte. Fast wie Schnappschüsse aus meinem Leben, die letztlich dazu führten, dass ich tatsächlich versuchte, schwanger zu werden.

Als Sie den Titelsong in der «Late Show» von Stephen Colbert vorstellten, kommentierten manche auf Social Media, dass sich so ein Auftritt für eine Frau Ihres Alters nicht gehört – zu viel Sex, zu wenig Zurückhaltung. Man tut sich 2026 immer noch schwer damit, dass eine alleinerziehende Mutter mittleren Alters über sexuelles Begehren spricht.
Ach ja … Ich weiss, was Sie meinen. Einerseits finde ich es lustig, dass das Thema immer noch provoziert. Ich habe den Song nicht geschrieben, um zu provozieren. Andererseits merkte ich während des Schreibprozesses aber, dass ich diese Erfahrung nirgendwo gespiegelt sehe. Mir war also schon klar, dass das zum Thema werden könnte. Dass manche Leute dachten, es sei peinlich oder so, fand ich aber auch interessant. Ich sehe es als eine Art Kompliment.

"Ich finde es interessant, über mich zu lesen, aber eigentlich ist es mir egal"

Das setzt Ihnen nicht zu?
Nicht wirklich. Ich lese zwar alles, was über mich geschrieben wird, weil ich es interessant finde, aber es ist mir eigentlich egal.

Waren Sie in der Hinsicht immer so gelassen?
Natürlich ist mir wichtig, wie ich auf Menschen wirke. Aber ich glaube nicht, dass es meine Entscheidungen beeinflusst – zumindest nicht mehr, seit ich mein eigenes Label (Anm. d. Red.: Konichiwa Records) gegründet habe.

Den grossen Labels den Rücken zu kehren, war damals eine riskante Entscheidung für Sie. Aber sie war auch goldrichtig: Der internationale Durchbruch gelang Ihnen erst im Eigenlabel. Warum hatte dieser Schritt so einen grossen Effekt?
Ich konnte mir einen sicheren Raum schaffen, in dem ich frei entscheiden konnte, mit wem ich arbeiten und wofür ich mein Geld ausgeben wollte. Einfache Dinge eigentlich. Aber es erlaubte mir, mich neu auszurichten. Musik machte wieder Spass – so, wie es sein sollte.

Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen? Also ganz zu Beginn: Was faszinierte Sie am Beruf?
Ich glaube, es war eine Trotzreaktion gegen meine Eltern. (lacht)

… die beide fürs Theater arbeiteten.
Ja, ihr ganzes Leben lang. In den 1980ern und 1990ern brachten sie in Stockholm extrem experimentelle Sachen auf die Bühne. Ich fand sie damals unfassbar prätentiös und wollte unbedingt Popmusik machen – etwas möglichst Gegensätzliches. Und natürlich habe ich am Ende fast genau dasselbe gemacht wie sie.

"Meine Eltern leben noch, ich habe dieses unglaubliche Kind – warum gehe ich genau jetzt auf Tour?"

Allerdings wurden Sie trotz Ihres experimentellen Zugangs Teil der Popkultur und Vorbild für eine neue Generation von Popstars.
Ja, aber ich fühle mich sehr unwohl dabei, mir irgendeine Art von Anerkennung für die Arbeit anderer Kunstschaffender zuzuschreiben. Musik zu machen, ist harte Arbeit und jede:r Künstler: in muss für sich selbst sprechen. Ausserdem sind so viele Dinge, die zu einem Leben führen, zufällig. Als ich als Teenager meine ersten Plattenverträge erhielt, explodierte die schwedische Musikindustrie. Dann hatte ich einfach Glück, dass ich daraus ein Leben und eine Karriere machen konnte.

Jetzt, wo Sie Mutter sind: Würden Sie sagen, dass die Mutterschaft Sie verändert hat? Beeinflusst sie Sie als Künstlerin?
Sie bringt bestimmte Facetten von mir stärker hervor, aber letztlich hat der Weg dahin mich viel stärker geprägt als die Mutterschaft selbst. Was sich mit Kind aber natürlich verändert, sind die persönlichen Freiheiten. Dazu kommt: Jetzt braucht mein Sohn mich. In zehn Jahren hat er aber wohl kein Interesse mehr daran, Zeit mit mir zu verbringen. Und eigentlich bin ich gerade mitten in einer goldenen Phase: Meine Eltern leben noch, ich habe dieses unglaubliche Kind – da denke ich schon: Warum gehe ich genau jetzt auf Tour? Das ist doch verrückt. Ich sollte einfach zu Hause bleiben. Aber so ist das Leben. Als Mensch hat man Dinge, die man tun will.

"Vielleicht sollte ich mein Handy wegwerfen! "

Mit welchen Gefühlen blicken Sie derzeit auf die Welt?
Es ist so komplex. Man rutscht so leicht in diese polarisierten Positionen. Ich glaube aber, es gibt einen erwachsenen, reifen Raum, den wir teilen können. Und es geht darum, diesen Raum zu definieren, statt sich in Posts zu verlieren, sich zu beschweren und alle in Aufregung zu versetzen.

Fällt es Ihnen selbst leicht, sich den Mechanismen der modernen Welt zu entziehen?
Ach, ich weiss nicht, was man gegen diesen Scheiss machen soll – es ist furchtbar! Vielleicht das Handy wegwerfen.

Robyns neuntes Studioalbum «Sexistential» erscheint am 27. März über Konichiwa Records und Young

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