Ronja von Rönne: "Ich bin eine professionelle Lügnerin"
In ihrem neuen Buch "Alles Liebe" erzählt Ronja von Rönne von Lügen, Liebe und Selbstbetrug. Ein Gespräch über Wahrheit, Romantik, Drama — und warum Schreiben für sie jedes Mal ein Albtraum ist.
- Von: Jacqueline Krause-Blouin
- Bilder: Carolin Saage
Als sie bereits im Call sitzt, die Interviewerin aber nicht, geht Ronja von Rönne (34) davon aus, dass sie den Fehler gemacht hat. Dabei lag der eindeutig bei der Interviewerin. Ronja von Rönne ist fast froh darüber. «Ich habe ADHS», sagt sie lachend, als es dann endlich beide zum Interview geschafft haben. «Mir passiert so etwas ständig, deswegen bin ich nicht traurig, wenn andere auch mal schuld sind.» Von Rönne schaltet sich aus Berlin zu, zwischendurch kommt ein Kurier vorbei, der signierte Bücher abholt. Die Schriftstellerin wirkt gelöst, lacht viel, schmeisst mit Anglizismen um sich, wie es nur eine Millennial-Frau aus einer Grossstadt tun kann, und spricht über die ganz grossen Themen: Liebe, Depressionen, Kunst. Und über ihr fünftes Buch «Alles Liebe». Aber Achtung: Was sich wie der Titel eines schmalzigen Groschenromans anhört, ist in Wahrheit eine messerscharfe Analyse zwischenmenschlicher Abgründe.
annabelle: Ronja von Rönne, Ihr neues Buch kreist stark um Lügen, Geheimnisse und Selbsterzählungen. Was fasziniert Sie daran?
Ronja von Rönne: Als Autor:in lügt man professionell. Die Suche nach der Wahrheit ist deutlich anstrengender als die spannende Erzählung von einer Lüge. Seit ich ein Kind bin, male ich mir schon immer selbst gerne Dinge aus und bin auch sehr gut im Mich-selbst-Belügen. Denn: Lügen sind überlebenswichtig. Sie können uns schaden, sie können uns schützen — und sie können uns zerstören.
"Das ist der kleine Teil am Schreiben, der mir Spass macht: mein Hirn herrenlos davongaloppieren zu lassen"
Wenn Autor:innen professionelle Lügner:innen sind, ist es ja beachtlich, dass Sie sich diesen Beruf ausgesucht haben.
Nun, ich halte Lügen per se für nicht nur schlecht. Wir brauchen Geschichten, wir brauchen Narrative, um zu überleben. Alles, was wir über uns selbst wissen, ist die Interpretation dessen, was wirklich passiert ist — und nicht das, was tatsächlich geschehen ist. Dabei können ja nur Lügen und Selbstbetrug passieren. In der Fantasiewelt, beim Schreiben, darf man ausdrücklich lügen. Das ist der kleine Teil am Schreiben, der mir Spass macht: mein Hirn herrenlos davongaloppieren zu lassen.
Gleichzeitig sind wir als Gesellschaft sehr auf Wahrheit fixiert: Was ist wahr, was sind alternative Fakten? Finden Sie Wahrheit überbewertet?
Nein. Man muss die Lügen, die man sich selbst und anderen erzählt, erkennen und aufdecken. Und jetzt befinden wir uns mit KI in einem Zeitalter, in dem es umso wichtiger wird, herauszufinden, was wirklich wahr ist. Das Spiel mit der Wahrheit ist gefährlich.
Sie haben auch als Journalistin gearbeitet, also in einem Beruf, der der Wahrheit verpflichtet ist. Interessiert Sie die Fantasie mehr?
Schreibtechnisch: Auf jeden Fall. Deswegen liebe ich das Format der Kolumne, das einem Polemik und Übertreibung verzeiht.
Der erste Satz Ihres neuen Buches lautet: «Miriams Krebs war langweilig.» War dieser Satz der Ausgangspunkt?
Einer der Ausgangspunkte. Tatsächlich gab es mindestens zehn Anfangssätze, ich habe jede Geschichte mindestens drei Mal neu geschrieben. Am Ende ist es dieser geworden: Er ist provokant und macht viel auf.
"Wenn ich mich trenne, muss ich jedes Mal aufs Neue wieder herausfinden, wer ich eigentlich bin"
Was für ein Kind waren Sie? Haben Sie damals schon Geschichten erfunden?
Ja, und ich habe auch gelogen. Ich hatte eine Bande, die ich angeführt habe: die Wilde Fünf. Der Name war natürlich von der Wilden Dreizehn aus den Jim-Knopf-Büchern geklaut, zugegeben hätte ich das nie. Und dann gab es noch eine deutlich krassere Geschichte: Ich habe zum Beispiel ständig gesagt, ich hätte Bauchschmerzen, weil ich nicht zur Schule wollte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das besonders gut funktioniert, wenn ich behauptete, es tue rechts unten weh. Das Ende der Geschichte: Irgendwann hat mich meine Mutter ins Krankenhaus gebracht und gesagt: Hier stimmt etwas nicht, das muss der Blinddarm sein, und die Ärzte haben dann tatsächlich einer Operation zugestimmt. Und ich habe es durchgezogen, obwohl er gar nicht entzündet war. Ich habe bis heute drei Narben am Bauch, nur weil ich so stur war.
Was reizt Sie an dieser kindlichen Fantasie, sich selbst zur Hauptfigur einer grossen Geschichte zu machen?
Als Kind malt man sich oft Katastrophenszenarien aus, in denen man selbst die Hauptrolle spielt: Man ist die Heldin, man steht im Mittelpunkt, alle schauen auf einen. Die wahren Ausmasse einer Katastrophe begreift man in diesem Alter natürlich überhaupt nicht. Vieles erlebt man erst einmal als Abenteuer. Und wenn man, so wie ich, als Kind sehr viel liest, vermischt sich das schnell mit den Geschichten aus den Büchern. Dann wünscht man sich plötzlich, Waise zu sein — nicht, weil man wirklich versteht, was das bedeutet, sondern weil Pippi Langstrumpf und Harry Potter ohne Eltern aufwachsen.
Ist Ehrlichkeit in Beziehungen, speziell in Liebesbeziehungen, überschätzt?
Nein, Ehrlichkeit ist die Basis von allem. Hintergangen zu werden, kann lebenslange Narben hinterlassen.
Wie ehrlich ist die Beziehung, die Sie mit sich selbst führen?
Nicht so aufrichtig, wie ich sie gern hätte. Ich verliere mich schnell und vergesse, wer ich bin. Vor allem in Beziehungen kann das leicht passieren. Ein Beispiel: Ich schreibe morgens, an einem aufgeräumten Schreibtisch am allerbesten. Dann war ich in einer Beziehung mit einem Schriftsteller, der seinen Laptop abends mit in Kneipen nimmt. Und plötzlich führte ich mich auf wie Hemingway und tippte ihm gegenüber Texte, die sicherlich morgens besser geworden wären. Wenn ich mich trenne, muss ich jedes Mal aufs Neue wieder herausfinden, wer ich eigentlich bin. Vielleicht ist es eher ein Sich-Vergessen als ein Sich-Belügen.
"Ich bin sicher nicht jemand, der sich selbst liebt. Wäre ich gern, bin ich aber nicht"
Ihr Buch heisst «Alles Liebe». Was haben Sie in letzter Zeit über Liebe gelernt?
Ich glaube nicht, dass es stimmt, dass man sich erst selbst lieben muss, bevor man geliebt werden kann. Ich glaube, das ist eine Lüge.
Wirklich?
Ich bin sicher nicht jemand, der sich selbst liebt. Wäre ich gern, bin ich aber nicht. Aber ich bin jemand, der wahnsinnig geliebt wird und durch meine Krisen durch geliebt wurde. Damit meine ich auch die Liebe in Freundschaften. Es geht dir bestimmt deutlich besser, wenn du dich selbst lieben kannst. Aber sich selbst ganz okay zu finden, reicht auch schon. Eltern lieben dich, egal wie abgefuckt du bist, gute Freunde lieben dich, auch wenn du gerade nicht gut zu dir bist. Es gibt Menschen, die tief in der Drogensucht stecken, die trotzdem geliebt werden. Das sind Menschen, die sich garantiert nicht selbst lieben.
Ein Satz aus Ihrem Buch ist bei mir besonders hängen geblieben: «Er mochte sie nicht besonders, aber er liebte sie.» Ist das Liebe — oder etwas anderes?
Ich glaube, was diese Figur nicht versteht, ist, dass es sich eher um eine Form von Besessenheit handelt — nicht um Liebe. Wahre Liebe bedeutet für mich, dass man sich wirklich für einen anderen Menschen freuen kann. In dem Text geht es um ein ehrgeiziges Künstlerpaar. Würde er sie wirklich lieben, könnte er sich an ihrem Erfolg erfreuen, aber das Gegenteil ist der Fall: Er macht sie klein, um sich selbst grösser zu fühlen. Deshalb glaube ich: Was er empfindet, ist nicht Liebe, auch wenn er selbst fest davon überzeugt ist. Er kommt von dieser Frau nicht los, sie übt eine Faszination auf ihn aus. Aber eigentlich mag er sie nicht besonders. So etwas kann man durchaus empfinden — ich glaube nur, dass er die falschen Begriffe dafür verwendet.
"Meine Hochzeit hat grossen Spass gemacht. Meine Scheidung allerdings auch"
Uns Millennials wurde mit Rom-Coms eine ziemlich unrealistische Vorstellung von romantischer Liebe vermittelt. Glauben Sie daran?
Ich kann nur sagen: Meine Hochzeit hat grossen Spass gemacht. Meine Scheidung allerdings auch. Ich habe definitiv zu wenig darüber nachgedacht, was ich da eigentlich tue. Aber Weiss steht mir einfach sehr gut! (lacht)
Was bleibt dann von der romantischen Liebe übrig, wenn man den Rom-Com-Teil abzieht?
Die grossen Lieben unseres Lebens sind die Menschen, die uns begleiten. Wichtig ist, Menschen im Leben zu haben, mit denen man die eigene Geschichte teilen kann. Menschen, die verschiedene Versionen von einem kennen, die Entwicklungen — und vielleicht auch Rückentwicklungen — miterlebt und mitgetragen haben. Wer diese Langfristigkeit in einer romantischen Liebe findet, hat gar nicht unbedingt mehr Glück als jemand, der sie in einer platonischen Freundschaftsbeziehung findet. Irgendwann gemeinsam sagen zu können: Weisst du noch, damals, als wir mit fünfzehn bekifft nachts auf einem Acker lagen und in die Sterne geschaut haben? — Das ist doch eigentlich das Schönste. Das Schwierige an romantischen Beziehungen ist ja, dass man mit ihnen oft eher auf einen bestimmten Lebensabschnitt zurückblickt. Die meisten dauern nicht für immer.
"Aber genau das ist ja Romantik: die Abkehr von Tatsachen"
Trotzdem stecken wir enorm viel Energie in Liebesbeziehungen. Warum?
Ja, total. Da ist dann so ein Mensch und man beschliesst: Das ist jetzt der, mit dem ich mich 24/7 umgeben will — total verrückt, aber irgendwie bleibt diese Sehnsucht nach romantischer Zweisamkeit bestehen. Die ist bleiern in unsere DNA gegossen. Es ist auf jeden Fall keine kognitiv-vernünftige Entscheidung. Aber genau das ist ja Romantik: die Abkehr von Tatsachen. Die Hoffnung auf das ganz Grosse, auf ein glückliches Für Immer.
Lügen können in Ihrem Buch auch soziales Kapital sein: Man verschafft sich mit ihnen Aufmerksamkeit. Ist Instagram dafür das perfekte Beispiel?
Ja, dabei ist Instagram ja nur vermeintlich authentisch. Wenn du dir zum Beispiel die ganze Manosphere anschaust: Da posen Männer mit irgendwelchen Autos, die sie sich nur geleast haben und Menschen faken, dass sie Businessclass fliegen. Da ist schon sehr, sehr viel Schein. Von Filtern, die jede Pore verstecken, gar nicht erst zu sprechen.
Sie hingegen sind sehr ehrlich auf Instagram. Sprechen offen über Depressionen, Panikattacken und den Tod.
Ja, ich bin relativ ehrlich – auch im echten Leben – weil ich mir einfach keine Lügen merken kann. Ich habe ein wahnsinnig schlechtes Gedächtnis. Ich wüsste überhaupt nicht mehr, wem ich was erzählt habe. Vielleicht bin ich schlicht aus Bequemlichkeit authentisch. Und die Offenheit habe ich nie bereut. Denn ich habe erfahren: Wenn ich über den Tod meines besten Freundes oder meinen Kampf gegen die Depression spreche, kann das Menschen, denen Ähnliches passiert ist, abholen.
Trotzdem schulden Sie niemandem diese Ehrlichkeit, oder spüren Sie da eine Verantwortung?
Vielleicht zum Teil. Und dann ist da natürlich der Erfahrungswert: Als ich öffentlich gemacht habe, dass ich Depressionen habe, gab es wahnsinnig viel Dankbarkeit dafür. Menschen haben sich getröstet gefühlt. Nach einer Lesung beispielsweise kam ein älterer Herr auf mich zu und sagte: Ich traue mich jetzt mal, meiner Frau zu sagen, wie schlecht es mir geht. Natürlich kann man sich auch verrennen. Nicht alles an mir selbst ist so wahnsinnig spannend, und nicht alles davon ist vielleicht mitteilenswert. Aber ich sehe da keine Alternative. Mich zu verstellen — dafür finde ich mich dann doch zu okay. Auch mein Profil ist, wie jedes Profil, kuratiert. Und eine Auswahl an Wahrheit kann auch eine Lüge sein.
In Ihrem Buch steht: «Schon in der siebten Klasse war mir klar, dass man ohne Drama niemand war.» Brauchen wir Drama, um uns lebendig zu fühlen?
Also ich persönlich überhaupt nicht. Aber ich bin ein sehr voyeuristischer, dramabegeisterter Mensch. Vielleicht möchten wir auch einfach die nicht so spannende Gegenwart ein bisschen aufpimpen. Das ist ein menschliches Bedürfnis. Sicher moralisch verwerflich, aber unterhaltsam.
Wie entstehen Ihre Figuren?
Ich denke sehr lange über sie nach und kenne sie extrem gut. Ich frage mich: Ist das jemand, der eher online shoppt? Oder auf Flohmärkte geht? Ist es jemand, der eher gemobbt wurde oder gemobbt hat? Trägt die Figur Schmuck? Mit der Zeit werden sie plastischer und dann frage ich mich: Warum hat die welche Probleme? Dann wickelt sich die Geschichte um die Figur.
"Es war mitunter ein Albtraum, dieses Buch zu schreiben"
Sie bauen also erst die Figuren auf und spinnen dann die Geschichte um sie herum?
Ja. Dann schreibe ich sie und dann ist sie nicht gut. Aber mit jedem Entwurf nähere ich mich dem Kern weiter an. Dann schreibe ich sie neu. Dann ist die neue Geschichte furchtbar. Dann schreibe ich zu Hause gar nichts. Dann merke ich, ich habe nur noch eine Woche bis zur Abgabe. Dann kann ich nicht mehr schlafen. Das ist alles furchtbar. Ich hatte einmal sogar eine Woche lang vor Abgabe Sehstörungen. Ich habe nur noch verschwommen gesehen und Dinge sind grösser und kleiner geworden wie bei Alice im Wunderland. Vermutlich eine Nebenwirkung von meinem Epilepsie-Medikament. Es war extrem unheimlich, aber ich musste nun mal abgeben, also habe ich, statt zu tippen, in mein Handy diktiert. Es war mitunter ein Albtraum, dieses Buch zu schreiben.
Warum machen Sie es trotzdem immer wieder?
Ich denke jedes Mal: Wenn es erst mal weg ist, bin ich total glücklich. Aber ich fühle mich einfach nur komplett leer. Und ich werde verlässlich nach einer Buchabgabe krank. Jedes Mal. Aber dann kommt irgendwann der Moment, in dem ich das erste Mal das gedruckte Buch in der Hand halte. Und dann war es all den Kummer wert. Ich glaube, was es für mich schwierig macht, ist nicht das Schreiben an sich, sondern mein Perfektionismus: Die richtigen Worte wegzulassen, die guten Sätze zu erkennen. Zusätzlich habe ich ADHS, und die Selbstdisziplin, die man als selbstständige Künstlerin braucht, fällt mir extrem schwer.
Die Männer in diesem Buch wirken oft seltsam, abwesend oder ziemlich eindimensional. Absicht?
Ja. Frauen scheinen spannender zu sein. Ich glaube, das liegt daran, dass Frauen auch im echten Leben einfach mehr zu stemmen haben, mehr Verantwortung haben, mehr Selbstbetrug leisten müssen, um zu funktionieren.
Ich hatte das Gefühl, dass Sie heute mehr Wärme für Ihre Figuren haben, besonders für die weiblichen, als in früheren Romanen.
Ja, vor allem im Vergleich mit meinem ersten Buch. Da mochte ich keine meiner Figuren. Da war sehr viel Wut in mir drin. Ich bin über die Jahre deutlich empathischer geworden. Und heute habe ich kein Interesse mehr daran, mich in Menschen hineinzufühlen, die einfach nur unangenehm sind.
Sie schreiben komisch über grausame Dinge. Ist es genau diese Reibung, die Sie interessiert?
Einer meiner Lieblingsautoren ist Roald Dahl. Der ist für mich ein Meister des Makaberen. Über lustige Dinge lustig zu schreiben, ist ja ungefähr so, wie kommunistische Artikel in der linken Studentenzeitschrift zu veröffentlichen: nicht überraschend. Einfach langweilig. Für mich ist Humor eines der elegantesten Werkzeuge überhaupt, obwohl auch ich aufpassen muss, dass es nicht ins Zynische kippt. Humor ist wie ein Regenschirm, den man gegen das Schlimme aufspannen kann. Ein Umgang mit der Realität, der sie zuweilen erträglich macht.
«Alles Liebe» von Ronja von Rönne ist ab 2.7. im Handel erhältlich