Sophia Merwald über ihr Romandebüt: "Hoffnung hat auch mit Verzweiflung zu tun"
Die deutsche Schriftstellerin Sophia Merwald erzählt in ihrem preisgekrönten Romandebüt "Sperrgut" von einem Haus am Stadtrand, in dem Aussenseiter:innen zusammenwohnen – skurril-traurig, funkelnd und magisch.
- Von: Darja Keller
- Bild: Jakob Kielgaß
Sechs Figuren unterschiedlicher Generationen treffen in einem heruntergekommenen Haus namens «Lusthansa» am Stadtrand aufeinander und richten sich ein gemeinsames Leben ein.
Alle sind Grenzgänger, Versehrte, die nicht in die Gesellschaft hineinpassen – ein gealterter Turner, zwei junge Frauen mit Gewalterfahrungen, die sich ineinander verlieben, der entfremdete Vater einer der Frauen und seine Geliebte sowie die Matriarchin «Kristalloma», die über allem wacht. Sie baute das Haus einst für Frauen, die vor Gewalt flohen – und im «Lusthansa» (deswegen der Name) ihr Begehren füreinander entdeckten. Eines Tages schickt die Stadt einen Brief: Das Haus soll geräumt werden.
Davon erzählt der Debütroman «Sperrgut» der deutschen Autorin Sophia Merwald (27), der bereits vor der Veröffentlichung mit dem renommierten Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde. Eine surreale, traumartige und poetische Erzählung über eine mögliche Welt, in der wir uns trotz Unterschiede und Verletzungen umeinander kümmern. Ein Gespräch mit einer Autorin, von der man noch viel hören wird.
annabelle: Das Erste, was ich beim Lesen von «Sperrgut» dachte, war, dass es ein anti-minimalistischer, anti-cleaner Roman ist. Die Figuren leben in einem chaotischen und vollgestopften Haus, es gibt Schlamm-Überschwemmungen, eine Mottenplage, es wird vom Boden gegessen und Geschirr zertrümmert. Überhaupt gibt es von allem zu viel: zu viele Tiere, zu viele Gefühle, zu viel Kram, aber die Figuren scheinen sich mit allem irgendwie zu arrangieren.
Sophia Merwald: Das stimmt, es gibt viele Mensch-Tier-Verbindungen. Die Figuren werden teilweise als tierisch beschrieben, zum Beispiel Maj (eine der jungen Frauen, Anm. d. Red.), die «stärker haart als der Kater». Es geht um ein Sich-gemein-Machen mit dem Tierischen, weil zur Natur werden vielleicht eine der letzten Möglichkeiten ist, sich zu verstecken in dieser Welt. Ein Konflikt des Buchs ist: Was ist Natur? Was ist menschengemacht? Und wo sind wir sicher?
Inwiefern?
Das Menschengemachte, die Stadt, die das Haus ja loswerden will, ist den Figuren logischerweise eher unheimlich, und die Natur dagegen kann etwas Heimeliges haben. Die Bewohner:innen fühlen sich dem näher, was sie als Natur verstehen und wovor sich andere vielleicht fürchten, wie zum Beispiel Maden im Essen. Darum laden sie alles zu sich ein, sehen keine klaren Grenzen. Das kann gleichzeitig zu einem Problem werden, da das Haus ja auch gepflegt werden muss. Aber von diesem Sich-gemein-Machen mit der Natur versprechen sie sich Sicherheit, wie Fische, die im Wasser Tarnfarben annehmen, damit sie von Fressfeinden nicht erkannt werden. Für Menschen bedeutet mit der Natur eins werden normalerweise sterben. Aber für meine Figuren ist es ein tröstender Gedanke.
Man sagt ja, in Krisenzeiten werden mehr Utopien erzählt. Ist der Roman «Sperrgut» eine solche Utopie?
Ich würde das Lusthansa nicht als Utopie sehen, da es keinen Idealzustand abbildet. Es existiert nicht in einem Vakuum, es macht auf die Nöte unserer Zeit aufmerksam. Es denkt über Solidarität, gemeinschaftliches Wohnen und das gute Leben nach. Gleichzeitig sind die Figuren in so verwundbaren Positionen, dass sie sich auch gegenseitig verletzen und immer in der Vorahnung einer grossen Bedrohung leben. Für mich ist das Lusthansa eher eine Heterotopie, eine Art Gegenraum, der nach eigenen Regeln funktioniert und existierende gesellschaftliche Verhältnisse kritisiert.
Dieser Gegenraum steht auch an einem Ort, der für Utopien untypisch ist: im Industriegebiet ausserhalb der Stadt und doch in ihrer unmittelbaren Nähe. Warum steht es dort?
Das Lusthansa ist nicht weit weg von der Stadt und damit von dem, was wir als Wohnraum kennen. In Industriegebieten finden normalerweise vor allem Dienstleistungen statt. Das Lusthansa steht also an einem Ort, der eigentlich nicht zum Wohnen gedacht ist, dort existieren nicht so viele Regeln für das Zusammenleben von Menschen. Darum kann es ein Gegenentwurf dazu sein, wie wir Gemeinschaft oder Gesellschaft leben.
"Mit der Natur eins werden bedeutet normalerweise sterben. Aber für meine Figuren ist es ein tröstender Gedanke"
Als Leserin kommt einem das Haus ein wenig magisch vor, als würden es nur die finden, die es wirklich brauchen. Stimmt das?
Um das Haus zu betreten, muss man durch ein dunkles Loch im Boden gehen, eine alte Feuerstelle. Dieses Loch ist auch eine Metapher. Wer da durchgeht, hat danach an Händen und Füssen einen feinen Russ-Film, ist quasi schmutzig. Und dieser Schmutz steht auch für eine Art Verletzung, für einen Schmerz, den die Person mit sich herumträgt, und der der Grund ist, warum sie das Lusthansa braucht. Diesen Schmerz, diesen Film von Dunkelheit gibt es auch im Inneren, auf der Seele, daran erkennen sich die Figuren gegenseitig.
An einer Stelle schreiben Sie: «Ein Verlust wohnt in uns allen, darauf bauen wir.» Meinen Sie damit, dass es gerade dieser Schmerz ist, der die Figuren für diese Art von Zusammenleben offen macht?
Ja, aber Offenheit ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn die Figuren sind alle in grosser Not. Das Lusthansa ist ihre einzige Hoffnung. Hoffnung hat auch etwas mit Verzweiflung zu tun, die Schwelle ist dann niedriger, zu sagen: «Nun ja, ich probiere das jetzt mal aus mit dieser seltsamen Wohngemeinschaft. Ich habe im Aussen nichts verloren und habe drinnen nichts zu verlieren.» Das Haus ist in diesem Sinne kein magischer Ort, der für andere unsichtbar ist. Aber man muss ihn auch brauchen wollen.
"Wie könnten Frauen einen Schutzraum finden, in dem sie sicher sind und frei, ihre Lust zu entdecken?"
Die Erzählung von Schutzräumen für Frauen, die Männern entkommen und dabei einander und vor allem auch ihr Begehren füreinander finden, steht in einer Tradition mit anderen feministischen Texten – ich habe beispielsweise an die Schweizer Autorin Verena Stefan gedacht. Sie dachte in den 1970er Jahren darüber nach, wie Frauen sich Räume ohne Männer und füreinander schaffen und wie wir unsere Lust vom männlichen Blick befreien können. Waren Autorinnen wie sie ein Einfluss für Sie beim Schreiben?
Ich habe vor allem von der Gegenwart und nicht von der Vergangenheit aus gedacht. Das heisst nicht, dass ich nichts gelesen habe; dass es früher schon ähnliche Überlegungen gab, reichert die Geschichte für mich eher an. Meine Überlegungen gingen jedoch stärker von heute aus, von dem, was ich heute weiss über weibliche Lust und ihre Unterdrückung: Wie könnten Frauen einen Schutzraum finden, in dem sie einerseits sicher, andererseits frei sind, ihre Lust zu entdecken? Wie stelle ich mir diesen Schutzraum vor, wie sähe der aus, wer könnte den gestalten? Ich glaube, dass Lust genauso ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist wie Schutz.
Wie meinen Sie das?
Ich meine damit nicht nur sexuelle Lust, sondern auch spielerische Lust am Miteinander, am Sich-Begegnen, Sich-Auseinandersetzen und so weiter, das zählt für mich alles dazu. Also: Der Schutz des Lebens und die Lust liegen für mich nah beieinander.
«Sperrgut» ist auch eine Liebesgeschichte zwischen Stevie und Maj, die beide im Lusthansa wohnen. Als die beiden das erste Mal miteinander schlafen, fühlt man sich als Leserin, als würde man teilnehmen an etwas Ekstatischem und Heilendem, einer Art Ritual: «wir flüstern nicht mal mehr, die körper sind zu laut. ich hechte ihrem hinterher. ich verfluche ihren, sie verflucht mich. ich nehme meinen mund voller, als ich schlucken kann. sie schaut mir in die augen zwischen ihren beinen durch. ich sehe sie so gerne. wenn ich nur die luft hätte, ihr das zu sagen. wenn sie mir gehören würde.»
Stevie und Maj begegnen sich auf diesem geschichtsträchtigen Grund eines Hauses, in dem Frauen einander schon früher begehrt haben. Dadurch haben sie eigentlich genau die queeren Vorbilder, die in der Realität ausserhalb des Lusthansa oft fehlen. Und ihre Liebe hat eine Selbstverständlichkeit, die im Aussen oft fehlt. Es wird im Lusthansa nie zum Thema gemacht, dass sie zwei Frauen sind. Ihre gemeinsame Sexualität steht aber noch für etwas anderes: Die beiden haben manchmal, auch wegen schmerzhafter Erfahrungen, die sie teilen, Probleme, sich zu finden oder anzunähern. Aber in den intimen Momenten scheint es nicht viele Scharniere zu brauchen. Der Sex ist eine Ebene, auf der sie sich ohne viel Komplikationen finden können.
Sophia Merwald (*1998) hat Journalistik sowie Film- und Medienkulturforschung studiert und lebt in München. Sie arbeitet als freie Journalistin. «Sperrgut», 2026 bei Park x Ullstein in Berlin erschienen, wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet.