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The Last Dinner Party:

The Last Dinner Party: "Manchmal verliert man sich selbst, wenn man zu sehr liebt"

The Last Dinner Party besingen auf ihren gefeierten Alben die Höhen und Sturzflüge zwischenmenschlicher Beziehungen. Vor ihrem Valentinstagskonzert in Zürich sprach Georgia Davies mit uns über Sinn und Unsinn moderner Liebe.

Als sie vor gut zwei Jahren ihr Debütalbum «Prelude to Ecstasy» veröffentlichten, galten The Last Dinner Party als heisseste Band des Jahres. Es folgten unter anderem Auszeichnungen als Rising Star und Best New Artist bei den Brit Awards sowie eine Nominierung für den Mercury Prize, internationale Chart-Erfolge und Tourneen um die Welt.

Erst im Januar kehrte die fünfköpfige Gruppe von ihrer Stadiontournee durch Australien und Neuseeland zurück. Der Jetlag nagt noch an Bassistin Georgia Davies (mittig oben im Bild), als sie uns aus ihrer Londoner Wohnung via Videocall begrüsst. «Es war toll, in meiner Heimatstadt zu spielen – es war aber auch gut, dass wir neue Songs im Gepäck hatten», sagt die gebürtige Australierin lachend. Die Motivation, neue Songs zu schreiben, muss tatsächlich gross gewesen sein. Die Band war in den letzten Jahren fast nonstop auf Tour. Kaum vorstellbar, dazwischen Zeit für ein zweites Album zu finden. Doch im Oktober erschien es.

«To the Pyre» ist etwas düsterer und experimenteller als das gefeierte Debüt und auch mal inspiriert von einem bulgarischen Folklorechor. Doch im Herzen blieben sich The Last Dinner Party treu: Die Band erzählt in grossem Rockdrama von den Höhen und Tiefen der Liebe. Das Thema für das Gespräch zum Valentinstagskonzert in Zürich ist gesetzt.

annabelle: Georgia Davies, am 14. Februar spielen Sie mit Ihrer Band in Zürich. Wie stehen Sie zum Valentinstag?
Georgia Davies: Ich habe den Valentinstag lange total gehasst, fand ihn doof und konsumorientiert. Inzwischen denke ich: Eigentlich ein netter Grund, essen zu gehen. (lacht)

Die Songs Ihrer Band handeln ebenfalls häufig von Verliebtsein, Verlust und gebrochenen Herzen. War dieser Fokus für Sie als Band eine bewusste Entscheidung?
Ich glaube nicht, dass es eine bewusste Entscheidung war. Ich denke eher, dass die Fixierung auf romantische Liebe für viele Menschen einen grossen Teil des Lebens bestimmt: Wann passiert es mir? Werde ich jemals geliebt werden? Habe ich diese eine Person verloren, von der ich dachte, sie würde mich für immer lieben? Besonders, wenn man jung ist, macht man sich diese Gedanken. Für uns fühlt es sich also ganz natürlich an, Songs über die Herausforderungen und Qualen der Liebe zu schreiben.

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"Alleinsein ist ein Geschenk. Es ist befreiend"

Georgia Davies

Apropos Qualen: Unsere Vorstellungen von Liebe prallen ja oft mit der Realität zusammen. Sie hat immer auch mit Glück und Timing zu tun, aber Gesellschaft und Popkultur vermitteln uns etwas anderes. Stimmen Sie zu?
Ja, es gibt einen gewissen Druck, eine:n Partner:in zu finden – oder überhaupt irgendwen, egal ob es die richtige Person ist oder nicht. Es herrscht diese Angst, dass das Alleinsein schlimmer ist als alles andere.

Sind Sie selbst gerne allein?
Ja, heute liebe ich es. Für mich ist Alleinsein etwas Grossartiges: ein Geschenk.

Sie deuten an, dass das nicht immer so war.
Nein, ich glaube, das ist eine Lektion, die Menschen lernen, wenn sie Beziehungen durchmachen, die nicht ganz richtig sind. Irgendwann merkst du, dass es eigentlich schön ist, allein zu sein. Ich fand es sehr befreiend, nicht ständig nach Liebe zu suchen, sondern einfach zu warten, bis der oder die Richtige kommt.

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"Ich merkte plötzlich, dass das Leben ohne Dating sehr friedlich ist"

Georgia Davies

Gab es einen bestimmten Moment, der Sie zu dieser Einsicht führte?
Ich glaube, das war tatsächlich während der Pandemie, als es nicht möglich war, auf Dates zu gehen. Ich habe den Lockdown hier in London mit Lizzie verbracht (Anm. d. Red.: Bandkollegin Lizzie Mayland) – wir wohnen zusammen. Etwa sechs Monate lang waren wir nur zu zweit und hatten eine richtig gute Zeit. Da merkte ich plötzlich, dass das Leben ohne Dating sehr friedlich ist. (lacht)

Haben Sie so etwas wie ein Urvertrauen in die Liebe?
Ich denke da an meine Eltern: Sie lernten sich kennen, als sie noch sehr jung waren, heirateten nach etwa zwei Monaten und wenig später hatten sie mich. Es ging also alles sehr, sehr schnell. Ich fand das immer total verrückt. Aber als ich meinen Partner kennenlernte, wusste ich im Grunde sofort, dass wir einmal heiraten würden. Inzwischen sind wir verlobt. Wahrscheinlich habe ich durch das Beispiel meiner Eltern also tatsächlich immer an das Konzept der Liebe geglaubt.

Sie deuteten aber an, dass es auch da durchaus eine andere Zeit gab. Immerhin hielten Sie das Vorbild Ihrer Eltern für «total verrückt» und Sie hassten den Valentinstag.
Stimmt, in der Teenagerzeit und Anfang zwanzig habe ich aufgehört, an die Liebe zu glauben.

Gab es abgesehen von der Zwangsisolation der frühen Pandemie etwas, das Ihnen den Glauben an die Liebe zurückgegeben hat?
Ich glaube, das kam einfach durch Selbstreflexion. Eigene Erfahrungen machen und Tagebuch schreiben. Ich wünschte manchmal, ich könnte zu diesem Teenagermädchen, das so verzweifelt nach Liebe und Verbindung suchte, zurückkehren und ihr sagen, dass alles gut werden wird.

Sie selbst schreiben zwar keine Songs für die Band, aber fliessen persönliche Erfahrungen, die Sie untereinander teilen, hier und da auch ins Songwriting ein?
Wir reden zwar ständig über unsere Erfahrungen, aber das Songwriting ist bei uns meistens an die spezifische Erfahrung einer einzelnen Person gebunden. Allerdings sprechen wir nicht unbedingt explizit über die Inhalte, und ich glaube, über die Songs erfahren wir letztlich mehr über das Bandmitglied, das den Text geschrieben hat, als wir es in einem Gespräch je könnten.

Weil die Songs so persönlich sind?
Ja. Sie sind wie ein Geständnis oder eine tiefere Einsicht in die Psyche dieser Person. Auch dahingehend, wie sie ihre Erfahrungen verarbeitet. Ich sehe es als grosses Privileg, dieses Fenster in das Leben eines anderen Menschen zu haben.

Gibt es ein Lied auf dem Album, mit dem Sie sich besonders verbunden fühlen?
«The Scythe» ist der Song, der mich am emotionalsten macht. Er handelt von verlorener Liebe und Trauer. Wenn wir ihn live spielen, sieht man manchmal schon beim ersten Akkord, wie Leute im Publikum in Tränen ausbrechen. Man spürt, dass das Lied für Menschen, die vielleicht gerade herbe Verlusterfahrungen, Trauer oder eine Trennung durchgemacht haben, unglaublich bedeutend ist. Ich finde es so schön, dass ein Song so eine Wirkung auf Menschen haben kann.

Gibt es unabhängig von Ihren eigenen Songs ein Lied, das Ihre Sicht auf die Liebe geprägt hat?
«Temptation» von New Order. Da gibt es diese Zeile: «I’ve never met anyone quite like you before». Ich fand den Satz immer unglaublich schön. Etwas, das ich sehr gerne selbst hören würde.

"Manchmal wissen wir, was die anderen in der Band denken, können vorhersagen, was sie sagen oder tun werden"

Georgia Davies

Eine Sache, die beim Thema Liebe gern untergeht: Sie existiert nicht im romantischen Vakuum. Sie prägt auch Beziehungen, etwa in der Familie oder Freundschaften.
Ja, definitiv. Die Erfahrung, in einer Band zu sein, ist ebenfalls sehr besonders. Wir sind gleichzeitig Freundinnen, Kolleginnen und Kollaboratorinnen. Und obwohl wir alle schon vorher befreundet waren, vertieft die Erfahrung, gemeinsam in einer Band zu sein, diese Liebe so stark, dass es fast eine psychische Verbindung ist. Manchmal wissen wir, was die anderen denken, können vorhersagen, was sie sagen oder tun werden. Das ist sehr schön, denn wenn wir die Arbeit der anderen hören, denken wir oft: «Oh mein Gott, du bist ein solches Genie, ich liebe dich!» (lacht)

Fühlt sich diese Art der Liebe für Sie sicherer oder fragiler an als romantische Lieben?
Ich glaube, es ist beides. Ähnlich wie in einer romantischen Beziehung müssen wir zu fünft Kommunikation und Grenzen priorisieren. Darauf legen wir grossen Wert, denn wenn unsere Beziehung nicht absolut stabil ist, fällt alles auseinander. Diese ganze Maschinerie, die wir geschaffen haben, beruht letztlich darauf, dass wir Freundinnen sind.

Manchmal liebt man andere Menschen auf eine Art, die die Beziehung zu uns selbst ins Wanken bringen kann. Ist das ein Thema, das Sie beschäftigt?
Ja, auf alle Fälle.

"Kann man Musik lieben und gleichzeitig ein Kind lieben?"

Georgia Davies

Der Song «I Hold Your Anger» greift das Thema auf spannende Weise auf. Er fragt, ob man sich davor schützen kann, in einer Beziehung die Liebe zu sich selbst zu verlieren – konkret auch anhand des Beispiels der Mutterliebe.
Ja, im Song geht es um eine spekulative Form der Liebe: Könnte ich eine gute Mutter sein? Wäre ich in der Lage, mich selbst weiterhin zu lieben, während ich gleichzeitig dieses fragile Wesen liebe? Kann Liebe sich auf so viele verschiedene Achsen aufteilen? Der Song stellt all diese Fragen, tastet sich heran, sucht nach Antworten. Musik fühlt sich irgendwie an wie ein eigenes Kind.

Inwiefern?
Als Musikerin ist die Musik etwas, das man liebt, umsorgt, nährt. Etwas, von dem man besessen ist und das einen Grossteil der Gedanken einnimmt. Deswegen fühlt sich das Musikerinnendasein manchmal auch wie eine egoistische Hingabe für die Kunst an. Und dann stellt sich die Frage: Kann man Musik lieben und gleichzeitig ein Kind lieben?

Haben Sie eine Ahnung, wie die Antwort auf diese Frage ausfallen würde?
Nein. (lacht)

Sie müssten wohl oder übel den Versuch wagen.
Genau.

Ganz allgemein gefragt: Finden Sie, dass das Thema Liebe eher über- oder unterschätzt wird?
Ich glaube, der Kern der Liebe – wahre, essenzielle Liebe zwischen den Menschen – wird unterschätzt. Aber die gesellschaftliche Vorstellung von Liebe, der Druck und popkulturelle Darstellungen werden überschätzt. Das sind verschiedene Dinge.

Was war der beste Ratschlag, den Sie in Sachen Liebe je bekommen haben?
Meine Mutter sagte einmal zu mir, ich solle mir selbst den Rat geben, den ich auch meiner besten Freundin geben würde. In diesem Gedanken liegt viel Wahrheit. Denn wenn Freundinnen mich um Hilfe bitten, bin ich klar und entschieden – aus dem Wunsch heraus, dass es ihnen gut geht. Ich ermutige sie, sich nicht schlecht behandeln zu lassen oder sich selbst zu priorisieren. Es sind Ratschläge, die aus Liebe entstehen.

Aktuelles Album: «To the Pyre» (Island Records)
Live: 14. Februar, The Hall, Zürich

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