"The Moment": 5 Lektionen übers Popstarsein von Charli XCX
"Brat" war das Album des Sommers 2024. Statt den Hype in einer klassischen Doku zu konservieren, dekonstruiert Charli XCX ihn. In ihrem Film "The Moment" zerstört sie "brat" und liefert doch eine Blaupause dafür, wie Popruhm heute funktionieren kann.
- Von: Julia Friese
- Bilder: Zoey Kang (A24)
Lektion 1: Sag laut «Adieu Archetyp!»
Seit 2008 veröffentlicht Charli XCX als Popmusikerin Musik. Aber erst vor zwei Jahren gelang ihr der Durchbruch. «Brat», ihr sechstes Album, mit dem so ungut grünen Cover und den kleinen Arial-Lettern wurde ein Meme, ein sich selbst weiterkopierendes Phänomen, das Menschen weltweit dazu brachte, einen brat summer auszurufen, während sie einfach mal zu viel tranken oder mit einem ungut grünen Feuerzeug um 21 Uhr in Bett oder Badewanne lagen.
Da war eine Flamme und sie brannte. Durch. Das Album verliess seine Nische, betrat Terrains, die für gewöhnlich eher wenig mit Pop zu tun haben: Bratwurstbuden benannten sich in «brat wurst» um. Und selbst Kamala Harris' Präsidentinnenschaftskampagne war plötzlich brat.
Da war er also: Charli XCX' POPSTAR-RUHM in Grossbuchstaben, ihr Moment, von dem sie laut diverser Interviews immer gedacht hatte, sie würde ihn nur erleben, wenn sie optisch und musikalisch mehr dem archetypischen weiblichen Popstar entsprechen würde, in dessen Kostüm sie sich aber nie wohlgefühlt habe.
Allerspätestens jetzt könnt ihr euch also notieren:
Es ist nicht das Entsprechen eines Archetyps, das einen berühmt macht, sondern es sind die Dinge, die einen von diesem Archetypen unterscheiden. Selbst der grösste archetypische Popstar der Gegenwart, Taylor Swift, ist dem Archetypen in vielerlei Hinsicht fremd. Swift kann beispielsweise nicht oder eben wirklich nur sehr mechanisch tanzen, was sie in Videos wie «Delicate» überbetont. Sie ist ein grosser Nerd, kein kleines sexy Baby, also singt sie genau darüber: «I feel like everybody is a sexy baby, and I am a monster on the hill».
«Brat» wurde erfolgreich, weil es kein klassischer Chart-Pop ist, sondern die Musik, die Charli selbst hört: Club Banger. Die Texte klingen wie Sprachnachrichten und Memes. «Brat» ist keine Kopie tradierter Songlyrik. «Brat» ist sich selbst erhöhende Bekenntnis-Lyrik, ist die Sprache des Internets, des Moments.
Lektion 2: Nimm deine Ängste vorweg, um sie hinter dir zu lassen
Mit dem Erfolg kommt das High. Und kurz danach die Panik. Denn Ruhm dauert im Informationszeitalter oft nur einen Moment, und der ist einen Moment später eben schon wieder vergessen. (Siehe auch: Kamala Harris' Präsidentinnenschaftskampagne)
Charli wird angeboten, einen Film über «brat» zu drehen, um dessen Moment zu verlängern. Sie hätte nun etwas Archetypisches tun, also einen klassischen Konzertfilm oder eine Doku über «brat» drehen können, allerdings hätte sie damit ihren eigenen Code gebrochen.
Sowohl Charli als auch ihre Figur im Film haben Angst durch das Festhalten an «brat» im Ausverkauf und cringe zu landen. Der Film spielt diese nachvollziehbare Angst nun voll aus. Er erzählt, wie Charli es vollends hätte versauen können: mit einer «brat»-Kreditkarte und natürlich einem archetypischen Amazon-Konzertfilm.
Lektion 3: Teile unauffällig aber gezielt aus. Das schärft deine Marke
Irgend so ein Johannes (Alexander Skarsgård) bekommt im Film den Zuschlag, den «brat»-Konzertfilm zu drehen, der daraus eine familienfreundliche Konzert-Unterhaltung machen will. Aus dem «brat»-typischen Kokain macht Johannes eine Zigarette, die als überlebensgrosse Glitzer-Requisite über der Bühne hängt.
Aus Charlis reduzierter Bühnenperformance, die sie als emporgehobenen Teil eines feiernden Publikums zeigt, wird dank Johannes wieder die archetypische Pop-Animateurin, die choreografisch freundlich winkt, «Ich liebe euch alle» sagt, um dann im wallenden Kleid, getragen von Harness und Stahlseil über der Bühne zu schweben.
All das wirkt in «The Moment» unfassbar lächerlich und hebt damit umso deutlicher hervor, was «brat» ist, wie anders es war, wie anders somit Charli ist.
«The Moment» sagt von hinten durchs Auge: Taylor, Dua, Katy, ihr seid banal. Basic! Reissbrett! Amazon-Familien-Unterhaltung! Copy, Copy und Paste. Ich aber bin Ekstase. Die Gegenwart. Kunst! Da Charli diesen Vorwurf aber nicht wirklich macht, er sich nur aus dem Film ableiten lässt, wird ihr (offiziell) niemand böse sein. Im Gegenteil. Man lacht mit ihr. Und nebenbei schärft sie ihre Marke.
Lektion 4: Kassiere Brand-Deals – und eigne sie dir als kapitalismuskritische Kunst wieder an
Erst wenn ein Album erfolgreich ist, beginnt eine Plattenfirma sich richtig dafür zu interessieren. Charli sagt es selbst in Interviews. Eine Plattenfirma ist im Grunde nichts als eine Bank. Und nur ein erfolgreiches Album ist eine Kapitalanlage, die als solche dann auf viele Menschen trifft, die keine Ahnung von dem Album haben, aber dennoch versichern, wie «excited», also aufgeregt sie sind, auf Kosten von Coolness und Integrität des Albums Geld zu machen.
In «The Moment» wohnt man mehreren unangenehmen Zoom-Calls und Plattenfirmen-Konferenzen bei, die die Zuschauenden des Films als eher stumpfe Konsumierende verhöhnen. Da Regisseur Aidan Zamiri und Charli XCX das Ganze aber so überhöhen, dass man mit ihnen in diesen Witz eingeweiht ist, ist mal als Konsumierende:r auf der Seite der Künstlerin. Die Kunst wird scheinbar vom Apparat hinter ihr getrennt.
Ein Trick, den auch Greta Gerwig in ihrem «Barbie»-Film (2023) angewendet hat: Hier flüchtete die Puppe aus dem «Mattel»-Konzern, um sich eigenständig als Feministin zu etablieren. Ja, Mensch wollte sie werden! Puppe und Popstar sagen sich via Image-Film von den Kapitalinteressen hinter ihnen frei, um für die Konsumierenden sympathischer, letztlich also noch kaufbarer zu werden.
«The Moment» ist dabei noch etwas dreister als Gerwigs «Barbie», denn hier sieht man nun Szenen wie die eines Vogue-«What's in My Bag»-Drehs, in denen Charli ihr Team fragen muss, was denn nun in ihrer Tasche sei, da in ihrer Tasche natürlich nur Gegenstände aus Brand-Deals sind. Der Film macht sich mit uns darüber lustig, blendet aber selbst bereits in seinem Vorspann ein Stroboskop-Gewitter aus mehreren Marken-Logos ein, etwa für Spirituosen und Lautsprecher-Boxen, die zu einem späteren Zeitpunkt natürlich noch in Szene gesetzt werden.
Der Film klagt also einerseits über die Kommodifizierung der Kunst und distanziert sich damit scheinbar von ihr, während er sie wie selbstverständlich selbst betreibt. Diese Logik verdreht sich weiter, wenn die echte Charli den Film über ihr Unbehagen, was geistlose Content-Produktion angeht, mit etlichem weiteren geistlosen Content bewirbt, der nun aber ganz im Geiste des Films als ironisch und damit wieder als Kunstgriff gelesen werden kann.
«The Moment» ist also die Wiederaneignung des Kunstanspruchs, ohne auf das Geld und die Reichweite zu verzichten. Genial!
Lektion 5: Verhalte dich selbstkritisch, um nahbar zu bleiben. Oder verhalte dich ahnungslos und sehr schön – wie Kylie Jenner
Kylie Jenner spielt sich selbst in diesem Film. Dazu kam es nach eigener Aussage, weil der Regisseur des Films auf einem gemeinsamen Flug sein Projekt mit Charli erwähnte, woraufhin Kylie ihm unverblümt gesagt habe, dass sie gerne Teil davon wäre.
Charli trifft auf Kylie in einem Spa-Hotel auf dem Weg zu einem Facial, das ihr zuvor verwehrt wurde, weil die dort behandelnde Hautspezialistin sie erst grundlos erniedrigt und dann zum Kauf mehrerer Produkte genötigt hat. Kylie aber ist begeistert von eben dieser Dermatologin.
Und offenbart im Weiteren auch noch Begeisterung für «Amazon-Johannes». So wird Kylie als Figur gezeigt, die all jene Personen freundlich umarmt, die Charli zuvor schlecht behandelt haben – völlig unkritisch und arglos. In einem Interview sagt Jenner lächelnd, sie sei nicht so eine Bitch wie im Film. Und Regisseur Aidan Zamiri kontert: Sie sei aber doch sehr nett im Film. Und Kylie Jenner lächelt. Als hätte sie nicht mitbekommen, dass der Film sie als Affirmation des Grauens setzt.
Sie ist schön. Sie sitzt da schön. Sie tut ahnungslos. Notiert euch das als letzte Möglichkeit.