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Darum solltet ihr euch unbedingt «Promising Young Woman» anschauen

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Darum solltet ihr euch unbedingt «Promising Young Woman» anschauen

  • Text: Vanja Kadic
  • Bild: Merie Weismiller Wallace / Focus Features

Der Thriller «Promising Young Woman» wurde gerade mit dem Oscar für das «Beste Originaldrehbuch» ausgezeichnet. Absolut zu Recht, findet Redaktorin Vanja Kadic.

Cassie wollte mal Ärztin werden. Doch nach einem traumatischen Vorfall an der Uni begrub sie ihren Traum. Stattdessen arbeitet sie nun in einem Café und befindet sich auf einem Rachefeldzug: Jede Woche besucht sie Clubs und tut so, als wäre sie zu betrunken, um noch stehen, geschweige denn die Einstimmung zum Sex geben zu können. Und jede Woche kommt ein «Nice Guy», der sie in diesem Zustand abschleppen und mit ihr Sex haben will. Während Cassie (fantastisch gespielt von Carey Mulligan) diesen «netten Kerlen» eine Lektion erteilt, trifft sie auf eine Person aus ihrer Studienzeit – und begibt sich auf eine Mission.

Seit seiner Premiere Anfang 2020 beim Sundance-Filmfestival sorgt «Promising Young Woman» für Schlagzeilen. Der Thriller von Emerald Fennell, die als Schauspielerin etwa in «The Crown» zu sehen war, war für fünf Oscars nominiert und wurde für das «Beste Originaldrehbuch» ausgezeichnet. Zu Recht: Denn der Film schlüsselt präzise auf, wie allein Überlebende sexueller Gewalt dastehen – und wie Täter in der Gesellschaft geschützt werden. Dabei gelingt es Emerald Fennell, ein Narrativ zu schaffen, das über das stumpfe «Männer sind böse» hinausgeht.

Die Kultur auf der Seite der Männer

So richtet sich der Film laut Fennell auch nicht gegen Männer, sondern gegen die Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Und diese, so die Britin zur «BBC», «stellt sich nun mal eher auf die Seite der Männer als auf die der Frauen». Doch auch die können zur problematischen Struktur beitragen.

So wie Cassies ehemalige Kommilitonin Madison (Alison Brie), die achselzuckend meint, eine Frau, die mit vielen Männern schläft, müsse sich halt nicht wundern, wenn ihr niemand glaube, dass sie Opfer eines Übergriffs wurde. «Ich mache die Regeln nicht. Wenn man sich so betrinkt, passieren Dinge. Betrink dich nicht immer und erwarte dann, dass die Leute dich unterstützen, wenn du mit jemandem Sex hattest, mit dem du es nicht wolltest», sagt sie.

Das Leben eines jungen Mannes ruinieren

Oder die Dekanin von Cassies ehemaliger Universität (gespielt von Connie Britton), die erklärt, dass sie einem übergriffigen Studenten «the benefit of the doubt» geben, also im «Zweifel für den Angeklagten» handeln musste, statt der Studentin zu glauben, die von ihm vergewaltigt wurde. Meldungen über solche Geschichten würden halt nonstop bei ihr eintrudeln, erklärt die Dekanin. «Was hätte ich tun sollen, das Leben eines jungen Mannes ruinieren?» Bei Szenen wie dieser bleibt einem schon mal die Luft weg.

Der Titel «Promising Young Woman» soll unter anderem eine Referenz an Brock Turner sein, der als Student an der Stanford University bei einer Verbindungsparty eine bewusstlose Studentin hinter einem Abfallcontainer vergewaltigte. Er wurde 2016 wegen schwerer sexueller Nötigung zu gerade mal sechs Monaten Gefängnis verurteilt und kam bereits nach drei Monaten wieder frei. Turner, der als talentierter Schwimmer galt, wurde trotz seiner Tat als «Promising Young Man» bezeichnet. Sein Vater fragte in einem Brief ans Gericht, warum sein Sohn einen so hohen Preis für «20 Minuten Action» – damit meinte er die Vergewaltigung der Studentin – zahlen solle.

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«Kannst du erraten, was der schlimmste Alptraum jeder Frau ist?»

Und so fokussiert auch der Film auf die Frage, warum uns als Gesellschaft die Zukunft solcher «vielversprechender» Männer wichtiger ist, als jene der Frauen, die zu ihren Opfern wurden. Treffend die Szene, in der ein «netter Kerl» sagt: «Es ist der schlimmste Alptraum jeden Mannes, deswegen beschuldigt zu werden!» Und Cassie antwortet: «Kannst du erraten, was der schlimmste Alptraum jeder Frau ist?»

Aufregend ist in «Promising Young Woman» die vielschichtige Hauptfigur Cassie. Abgelöscht, voller Wut und auf einer Rachemission entspricht sie nicht unbedingt der klassischen Heldin. Obwohl viele ihrer Handlungen verwerflich sind, kann man – vor allem als Frau – Cassies Motivation nachvollziehen. Auch die übergriffigen Männer im Film kommen als überraschend mehrdimensionale Figuren daher.

Männer, mit denen man befreundet sein will

Denn die «Nice Guys» sind keine klassischen creepy Typen, die sich nachts im Gebüsch verstecken und Frauen auf dem Nachhauseweg missbrauchen. Es sind ganz normale Dudes. Nette Kerle. Keine Monster, sondern Männer, mit denen man befreundet ist und die man mag – die ein Nein aber dennoch nicht akzeptieren. Die keine Verantwortung für ihr falsches Handeln übernehmen. Und bei denen man nicht glauben will, dass sie sich einer Frau gegenüber übergriffig verhalten können.

«Promising Young Woman» ist ein starker Film mit Tiefgang und einer erfrischend neuen Perspektive auf Rape Culture. Und einem bittersüssen Ende, das sich wie ein Schlag in den Magen anfühlt.

 

«Promising Young Woman» ist ab 13. Mai in der Deutschschweiz und ab 12. Mai in der Romandie im Kino zu sehen

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