Mini-Serie zum Thema Altersvorsorge

«Ich will mich nicht vom Staat zur Heirat nötigen lassen»

Text: Seraina Kobler; Bild: Annick Ramp

Wie viel Geld habe ich einmal im Alter? Drei Autorinnen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen haben es ausgerechnet. Spoiler: Alle sind erschrocken. Teil 1 unserer Mini-Serie mit Seraina Kobler.

Seraina Kobler (37) ist freie Autorin, ledig und hat vier Kinder: Mattea (3), Ida Maria (5), Yann (10) und Juri (13). Sie lebt in einer Patchworkfamilie, zahlt seit zehn Jahren in die Pensionskasse ein und hat keine Ahnung, was das bedeutet.

Durchschnittlicher Monatslohn der letzten Jahre, brutto: 4500 Franken
Arbeitspensum: zwischen 60 und 80 Prozent
AHV*: 1858 Franken
PK*: 1062 Franken
Total: 2920 Franken

* Monatliche Rente ab dem regulären Pensionierungsalter (64) nach aktuellem Stand der geleisteten Vorsorgezahlungen

«Ich war zu einer Zeit Kind, als die Scheidungsrate in der Schweiz steil nach oben zu klettern begann. Die Gründe wären eigentlich erfreulich gewesen: steigender Wohlstand und eine bessere Stellung der Frau im Scheidungsrecht. Eigentlich. Denn in der Praxis wurden vor Gericht erbitterte Kämpfe geführt, deren Urteile die traditionelle Rollenverteilung zementierten. Die Frau sorgte für die Kinder. Der Mann zahlte und sah seine Kinder statt jeden Tag plötzlich nur noch jedes zweite Wochenende für ein paar Stunden.

Das war vielleicht mit einer der Gründe, warum «Mrs. Doubtfire» damals einer meiner Lieblingsfilme war. Dort spielt Robin Williams einen Vater, der sich – als alte Dame verkleidet – in seinen ehemaligen Haushalt einschleicht, um den Kontakt mit seinen drei Kindern nicht zu verlieren. Im Laufe der Handlung fliegt seine Tarnung als Nanny auf. Doch am Ende lässt sich die Mutter erweichen und teilt das Sorgerecht mit ihm. Happy End.

Im richtigen Leben sah es bei mir anders aus. Meinen Vater kannte ich lang nur von vergilbten Fotos. Meine beiden leiblichen Eltern waren mehrmals verheiratet und wurden mehrmals geschieden. Man könnte sagen, ich bin so etwas wie ein multiples Scheidungskind. Das hat sich so tief in mich eingegraben, dass ich mir immer geschworen hatte: Ich werde es einmal ganz anders machen. Und der einfachste Weg, dies zu tun, war, gar nicht erst zu heiraten.

Als ich dann selbst Mutter wurde, waren mir Dinge wie eine egalitäre Aufteilung der Betreuung, Studium und Berufseinstieg wichtiger als langfristige Sicherheiten. Ich wollte Geld verdienen wie er – und er sollte ebenso die Fingernägel des Babys schneiden können und zuhause bleiben, wenn es Fieber hat. Ich würde sagen, dieser Teil ist gelungen. Auch oder gerade wegen unserer Situation als Patchworkfamilie.

Zum Vater meiner beiden älteren Söhne habe ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Bei ähnlichem Einkommen teilen wir uns alles 50:50 auf. Keiner muss dem anderen etwas zahlen. Mein jetziger Partner verdient mehr als ich, was nicht nur daran liegt, dass er ein höheres Pensum in seinem Job hat, sondern auch daran, dass dieser besser entlöhnt wird.

Dennoch bleibt am Ende des Monats nicht viel übrig, weil wir zusammen seine Ex-Frau und die Kinder aus der Vorbeziehung vollumfänglich finanzieren, solang sich diese in Aus- und Weiterbildung befinden. Deshalb stagnieren die Abgaben an meine Pensionskasse seit Jahren auf eher tiefem Niveau. Während die Arbeitgeber bei meinem Partner auf den vollen Lohn einzahlen. Was bei ihm zu einer dreimal höheren Leistung nach der Pensionierung führt.

Und immer wieder kommt mir eine befreundete Juristin in den Sinn, die schon vor Jahren festgestellt hat, dass es nur eine Lösung gebe, wenn sich eine Mutter absichern wolle: heiraten. Doch für mich war schon damals klar: Ich will mich nicht vom Staat zu einer Heirat nötigen lassen. Ich bin erwachsen! Ich habe studiert! Ich arbeite! So weit meine Überzeugung. In meinen Zwanzigern liess sich die auch problemlos aufrechterhalten.

Doch jetzt, zehn Jahre später, kommen Zweifel auf. Zweifel, die ich als kinderlose Frau vielleicht nicht hätte. Weil sich ein höheres Pensum wegen Progression und Kita-Rechnungen schon seit Jahren finanziell nicht lohnt. Weil ich einerseits früh und dann nochmals später Mutter wurde. Weil das Leben mit fünfzig plötzlich nicht mehr vorbei ist. Testament. Patientenverfügung. Altersvorsorge. Immer wieder aufgeschoben, türmen sie sich auf, solang, bis es unangenehmer ist, sich nicht darum zu kümmern, statt sich darum zu kümmern.

Nur, wenn hier Transparenz und Klarheit herrscht, lassen sich rechtzeitig die richtigen Massnahmen ergreifen. In meinem Falle wäre das etwa ein höherer Rückeinkauf in die Pensionskasse oder eine private dritte Säule, welche von meinem Partner mitgetragen wird. Sobald meine jüngste Tochter in die Schule kommt, öffnet sich ein Zeitfenster, um auch beruflich nochmals Vollgas zu geben. Und wer weiss, vielleicht ist irgendwann auch Heirat eine Option. Aber wenn, dann aus freien Stücken.»

Der zweite Teil unserer Mini-Serie erscheint nächste Woche.

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