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10 Stimmen zur Frauensession: «Ich möchte die Schweizer Politiklandschaft diverser machen»

Politik

10 Stimmen zur Frauensession: «Ich möchte die Schweizer Politiklandschaft diverser machen»

  • Text: Sandra Huwiler
  • Bilder: alliance F, Yoshiko Kusano und Monika Flueckiger

Solidarität, Systemkritik, Schwesternschaft: Im Bundeshaus in Bern fand am Wochenende nach 1991 die zweite Frauensession statt. Wir haben mit Teilnehmerinnen über ihre Motivation und ihre Hoffnungen gesprochen.

Es herrschte ein Gefühl von Schwesternschaft, von Gemeinsamkeit, von Kampfgeist im Nationalratssaal des Bundeshauses vergangenes Wochenende. 246 Frauen unterschiedlicher Hintergründe diskutierten zwei Tage lang ihre Anliegen und forderten politische Veränderungen. Organisiert wurde die Frauensession vom Bund Schweizerischer Frauenorganisationen alliance F zusammen mit verschiedenen Frauenverbänden.

Debattiert wurden Vorstösse aus acht zuvor gegründeten Kommissionen und die verschiedenen Forderungen wurden am Ende der Frauensession in Form von Petitionen den Vizepräsidentinnen ans Parlament überreicht. Gefordert wurden unter anderem die Verbilligung externer Kinderbetreuung, die Elternzeit, Gutschriften in der Pensionskasse für Kinderbetreuung, Lohngleichheit, Zugang zu umfassender sexueller Bildung oder die Erhöhung des Budgets zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt.

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Was hat die Teilnehmerinnen und Gäste bewogen, nach Bern zu reisen, welche Hoffnungen haben sie und was wollen sie in Zukunft verändern?

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Alma Onambele, Sozialwissenschaftlerin, 21 Jahre alt, Zürich

Wieso ich an der Frauensession bin: Ich dachte, es wäre schön, wenn mehr junge Menschen und mehr People of Color im Parlament wären – um diese zu vertreten, bin ich hier.

Was ich mir erhoffe: Eine Veränderung, Anstoss für sehr viele Themen, die mir persönlich am Herzen liegen. Ich bin aktivistisch tätig und setze mich fürs Klima und gegen Rassismus ein.

Politisches Amt in Sicht? Vielleicht. Einerseits fände ich es toll, um ein Zeichen zu setzen. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob das mein Weg ist, die Veränderungen anzustreben, die mir wichtig sind. Aber mein Grosi möchte, dass ich Bundesrätin werde, also mal schauen.

Zita Küng, Präsidentin des Vereins CH2021, 67 Jahre alt, Zürich

Wieso ich an der Frauensession bin: Ich bin Präsidentin des Vereins CH2021 und wir haben versucht, alle möglichen Milieus im Land zu motivieren, um dieses Jubiläumsjahr zu bestreiten. Eine der grossen Geschichten ist diese Frauensession, die wir zusammen mit allen Frauenverbänden vorbereitet haben. Nicht nur um zu jubilieren, sondern auch um die vielfältigen Anliegen der Frauen aufzuzeigen. Die bestehenden Parteien können das politische Interesse der Frauen gar nicht abbilden.

Persönlich habe ich drei grosse Anliegen: Geld, Zeit und Gewalt. Frauen brauchen in ihren Portemonnaies sehr viel mehr Geld – dass dieses fehlt, ist systemisch. Zudem soll die Zeitautonomie fairer verteilt werden zwischen den Geschlechtern – nicht nur im Erwerbsleben, sondern übers ganze Leben. Und ich finde es unerhört, wie normal es immer noch ist, dass männliche Wesen in Gewalt ausbrechen und dass wir keine andere Kulturtechnik entwickeln können, wie mit Unmut und Differenzen umgegangen werden kann. Die Ursache der Gewalt muss dringend bekämpft werden.

Was ich mir erhoffe: Ich beobachte einen wachsenden und grösseren Widerstand, Frauen äussern ihre Bedürfnisse stärker. So werden die ordentlich ins Parlament gewählten Frauen mit den Motionen aus der Frauensession in ihre Kommissionen lobbieren gehen. Und ich hoffe, dass deren Umsetzung an den einen oder anderen Orten gelingen wird.

Mira Koch, 32 Jahre alt, Bern

Wieso ich an der Frauensession bin: Ich finde es wichtig, dass es diese Frauensession gibt und dass dieser Raum kreiert wird. Ich bin Aktivistin, arbeite im anti-rassistischen Bereich und deshalb ist mir ein intersektionaler Ansatz sehr wichtig: Zu sehen, wer heute hier ist und wer eben auch nicht, wer ein Verständnis für politische Prozesse und deren Bedeutung hat und wer eben nicht. Aber wenigstens sind auch Personen hier, die sonst von der Politik ausgeschlossen sind.

Was ich mir erhoffe: Die Session vermittelt ein Gefühl des Frauenstreiks. Unter Frauen – weiblich gelesenen Personen, auch trans und non-binären Menschen – herrscht eine andere Solidarität. Ich denke, dass aus dieser eine Veränderung geschaffen werden kann.

Politisches Amt in Sicht? Ich bin aktivistisch tätig und habe für den Stadtrat in Bern für die Alternative Linke kandidiert.

Brigitte Ramseier, Co-Geschäftsführerin BPW Switzerland, 57 Jahre, Basel

Wieso ich an der Frauensession bin: Eigentlich von Amtes wegen, ich bin Co-Geschäftsführerin von Business & Professional Women. Mir geht es darum, Frauen in ihrer finanziellen Unabhängigkeit zu unterstützen, sodass sie über das eigene Leben bestimmen können.

Was ich mir erhoffe: Dass Frauen noch besser über den Gender Pay Gap informiert sind – und vor allem auch den Gender Pension Gap. Es ist erschreckend, wie wenig bekannt ist, dass Frauen vor allem in der zweiten Säule im Alter massive Einbussen haben. Aber ich schwanke zwischen grosser Hoffnung und auch dem Wissen, dass unser Parlament männlich dominiert ist und einen Grossteil der Petitionen aus der Frauensession versenken wird. Doch unsere Forderungen sind sehr realpolitisch und keinesfalls utopisch. Ich hoffe also, dass diese Spuren hinterlassen werden.

Aslihan Aslan, Account Managerin, 28 Jahre alt, Zürich

Wieso ich an der Frauensession bin: Ich möchte die Schweizer Politiklandschaft diverser, inklusiver und zugänglicher machen.

Was ich mir erhoffe: Dass diese Session dazu beiträgt. Ich bin dem Anlass gegenüber aber auch kritisch eingestellt. Er ist mehrheitlich elitär und akademisch und ich habe festgestellt, dass gewisse Teilnehmer:innen sehr privilegiert sind. Natürlich ist es beispielsweise toll, MINT-Berufe zu fördern, uns muss aber bewusst sein, dass nicht jede Person die Wahl hat, studieren zu gehen. Es gibt in der Schweiz Klassenverhältnisse und Diskrepanzen, dies wird meiner Meinung nach zu wenig berücksichtigt. Wir müssen daher weiter daran arbeiten, dass die institutionelle Politik zugänglicher wird.

Louise Alberti, 22 Jahre alt, Stäfa

Wieso ich an der Frauensession bin: Um mit anderen Frauen ein Zeichen zu setzen und wahrgenommen zu werden. Damit man uns zuhört.

Was ich mir erhoffe: Viele Forderungen sind sehr progressiv und werden Mühe haben, angenommen zu werden, dennoch können wir Aufmerksamkeit generieren. Obwohl wir politisch unterschiedlich gesinnt sind, von links bis rechts, können wir uns in Themen finden und gemeinsam dafür eintreten.

Politisches Amt in Sicht? Bisher war ich eher aktivistisch tätig, bin aber jetzt neu in der SP und versuche dort Fuss zu fassen. Insbesondere parteiintern werde ich sehr gefördert und unterstützt. Auch wenn die institutionelle Politik bisher noch wenige Anreize verschafft, als junge und weibliche Person in die Politik zu gehen, ändert sich das mit Projekten wie der Frauensession oder der Kampagne «Mier sueched dich» der SP Stäfa, welche versuchen, allen Gehör zu verschaffen.

Ndiya Dimgba, Anwältin, 34 Jahre alt, Zürich

Wieso ich an der Frauensession bin: Ich bin politisch sehr interessiert und hoffe, dass wir heute ein Zeichen für alle Frauen setzen können.

Was ich mir erhoffe: Ganz allgemein Gleichberechtigung – und im Detail hoffe ich, dass wir mit der Frauensession ein paar Schritte in diese Richtung machen können. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit dieser Session eine Wirkung haben werden. Und ganz persönlich, da Nachwuchs in Planung ist, würde ich sofort die Elternzeit einführen.

Politisches Amt in Sicht? Ich bin Mitglied von Bla*Sh und da politisch aktiv. Die Session ermutigt mich aber definitiv, politisch noch stärker mitwirken zu wollen.

Ellen Ringier, Verlegerin Fritz + Fränzi, 69 Jahre alt, Zürich

Wieso ich an der Frauensession bin: Mich begeistert, wie professionell die Themen angegangen werden. Und mit welchem Selbstbewusstsein die Frauen ihre Anliegen vorbringen. Das Frauenbild, mit dem ich aufgewachsen bin, hat sich radikal geändert – das wusste ich natürlich vorhin schon, hier spüre ich es aber richtig. Hier herrschen Good Vibrations, das macht mich wahnsinnig glücklich.

Was ich mir erhoffe: Dass das Parlament alle Motionen so annimmt und umsetzt, das wäre natürlich fantastisch. Und ich denke, dass sich viele der jungen Frauen nach dem heutigen Tag weiter politisch engagieren. Ich nehme viel Zukunftshoffnung aus dieser Session mit, denn ich bin überzeugt, dass unser Land überall mehr Frauen braucht und dass dadurch die Lösungen, wenn sie von allen Gender vorgebracht werden, besser sein werden.

Celine Boillat, Landwirtin, 34 Jahre alt, Jura

Wieso ich an der Frauensession bin: Ich wollte an diesem historischen Anlass teilnehmen und auch meine Region, den Jura, repräsentieren. Zudem bin ich in der Landwirtschaft tätig und möchte auch die Position der Frauen in der Landwirtschaft verbessern.

Was ich mir erhoffe: Dass wir konkrete Vorschläge machen, die umgesetzt werden können. Ich habe den Eindruck, dass wir sehr professionell arbeiten und nicht zum Plausch hier sind.

Politisches Amt in Sicht? Im Moment nicht, ich bin als Landwirtin tätig, ebenso mein Mann und wir haben noch kleine Kinder. Aber heute hier zu sein, war mir wichtig.

Jacqueline Kucera, Leiterin Parlamentsbibliothek, 57 Jahre alt, Neuenburg

Wieso ich an der Frauensession bin: Mir ist es sehr wichtig, dass im Bundeshaus für einmal nur Frauen zusammen sein können. Der Vibe ist komplett anders, als wenn die Männer auch hier sind. Ich arbeite jetzt seit einigen Jahren in diesem politischen Umfeld und mir ist es wichtig zu sehen, welche Anliegen die Frauen zusammentragen und wie anders die Debatte ist. Man spürt den grossen Respekt und die Achtung untereinander. Das zeigt mir, dass wir alle wissen, wie schwierig es sein kann, als Frau, Mutter, Care-Arbeiterin so weit zu kommen und sich zu engagieren.

Was ich mir erhoffe: Für mich geht es darum, ein Zeichen zu setzen. Und was es auslösen wird, ist die Verbundenheit unter den Frauen. Und die Motivation, sich zu engagieren.

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