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Adieu, Instagram: So lebt es sich nach dem Abschied von Social Media

Adieu, Instagram: So lebt es sich nach dem Abschied von Social Media

Was, wenn ich mich einfach von Instagram und Co. abmelden würde? Diese Frage stellen sich wohl viele. Unsere Autorin hats getan. Und zieht nach neun Monaten Bilanz.

Lange habe ich nicht mehr so viele neidvolle Blicke geerntet wie in den vergangenen Monaten. Nein, ich besitze nicht etwa diese hinreissende neue Brosche von Dries Van Noten, habe keinen Preis gewonnen und werde auch nicht das nächste Jahr auf Bora-Bora verbringen. Ich habe mich lediglich vergangenen Juli von Instagram abgemeldet.  

Dabei versuche ich, mein digitales Verschwinden möglichst diskret zu halten. Zu schnell schwebt über solchen Verzichtserklärungen ein selbstgefälliger Beigeschmack: Obacht, Klugscheisseralarm. Wer will schon hören, wie erfüllend das Leben ohne abendliches Doomscrolling ist, während man selbst noch Lach-, Rührungs- oder Mitleidstränen über Katzenvideos und heimkehrende australische Austauschstudent:innen verdrückt? Ich nicht. 

Deswegen nur kurz: Auch ich habe es geliebt, mit entrückt-entzücktem Blick im digitalen Orbit zu verschwinden, und würde nie etwas anderes behaupten. Es war kein bewusster Bruch, der zu meinem Ausstieg führte, sondern ein schleichender Prozess: Vor den Sommerferien klinke ich mich traditionell aus und tauche im Juli digital unter. Dieses Mal aber erschien es mir nach Urlaubsende von Woche zu Woche unmöglicher, meinen Account zu reaktivieren. 

Vielleicht, weil die Welt eh gerade so überfordernd chaotisch ist, begann mich allein der Gedanke an eine Rückkehr zu stressen. Nach ein paar weiteren Tagen mit überraschend viel freier Zeit kam ich mehr und mehr zur Ruhe. Und zu dem Entschluss, fernzubleiben. 

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"Kannst du dir als Journalistin leisten, nicht mehr auf Social Media zu sein?"

Womit ich nicht gerechnet hatte, war der kollektive sehnsüchtige Seufzer meiner Umwelt, sobald jemand hörte, dass ich raus bin bei Insta (TikTok und Snapchat ebenfalls). «Ach echt, ich wünschte, ich könnte auch, aber …» Und dann kommen sie, die Bedenken, die ich nur allzu gut kenne: «Dann kriege ich nichts mehr mit. Verliere ich Kontakte. Gerate in Vergessenheit. Verschwinde.» 

Während ich innerlich noch zu einer gepflegten Rückhand ansetze – versprochen, es gibt Wege, sich zu finden – denke ich darüber nach, dass digitale Sichtbarkeit zur Existenzbedingung geworden zu sein scheint. Erst der Post beweist, nicht nur wo ich alles war, sondern auch, dass ich bin. 

Kommt jetzt nicht überraschend, aber ich tauge aus unfassbar vielen Gründen nicht zur Influencerin, unter anderem, weil ich eines nie verstehen werde: Wie kann man auf eine Party, Premiere oder ein Pressedinner gehen, wo es egal ist, ob ich mich amüsiere oder nach wenigen Minuten wieder gehe – solange ich ohne glänzende T-Zone ein Beweisbildchen hochlade? Ist halt ein Job, schon klar. Ist aber auch: meine Lebenszeit. Vielleicht bin ich auch schlicht zu alt für den ganzen Scheiss. 

Nervös werden lässt mich nur eine Bemerkung, die übrigens nie neutral, sondern mit einem auf der Klaviatur der mahnenden Untertöne beeindruckenden Spektrum daherkommt: «Kannst du dir als Journalistin leisten, nicht mehr auf Social Media zu sein?»

Schon zucke ich zusammen. In meinem preussischen Pflichtverständnis bin ich an der Stelle einfach sehr leicht zu kriegen. Und es stimmt: Ich bekomme gewisse Sachen nicht mehr mit – oder nur zeitversetzt.

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"Ich habe angefangen, wieder wahrzunehmen, was um mich herum passiert"

Als ich mich neulich zum «2016 Trend» äussern sollte, hatte ich schlicht noch nie etwas davon gehört. Einmal geschüttelt aber wusste ich: egal. Zumal ich dank meines popkulturell überdurchschnittlich interessierten Umfelds (noch) nicht ganz hinter dem Mond lebe.

Wirklich vermissen tue ich eher die komprimierte Weisheit und Inspiration internationaler Accounts meines Vertrauens. Sie gaben mir Hintergrundinfos, mal zum Weltgeschehen, mal zur Herstellung von Falafel, die ich mir jetzt selbst zusammensuchen muss. Was hilft: Ich höre morgens Radio. Ich lese Tageszeitungen und checke nun halt gezielt die Websites meines Vertrauens. Gossip und Rezepte inklusive. 

Mein Sohn weiss, dass ich eine Petition unterschrieben habe, die Social Media auch in der Schweiz erst ab sechzehn erlauben will. Er sagt: «Find ich gut.» Und fügt hinzu: «Aber solange sich die anderen über Snapchat verabreden, lösche ich mal gar nichts. Ich will kein Aussenseiter sein.» Versteh ich auch. Und genau das ist wohl der Unterschied zwischen uns. Er will dazugehören. Ich aber will so gerne öfter mal aussen vor bleiben.  

Es gibt Tage, da erschöpft mich schon der blosse Anblick von WhatsApp-Nachrichten, SMS – und früher dann auch noch Insta-DMs. So lieb und lustig sie oft gemeint waren, liefen viele am Ende auf dieselbe Frage hinaus: «Hast du das gesehen? Hast du mitbekommen, dass …? Bist du auch da und da?» Aber will ich wirklich wissen, wer wieder wo war, welches neue Boutiquehotel eröffnet hat und ob der Bikini von X problematisch oder empowernd ist?  

Natürlich träume ich schon von einem Dumbphone, obwohl mein eitles Ich natürlich auch die netten Kommentare und den Anblick meines kuratierten Lebens-Best-ofs vermisst. Aber je länger ich raus bin, desto mehr geniesse ich es. Ich habe meine Apps aufgeräumt, das Verspielteste ist jetzt LinkedIn und dort werde ich mich garantiert nie über Stunden verlieren. 

Ich habe angefangen, wieder wahrzunehmen, was um mich herum passiert, wenn ich Tram fahre oder im Café auf meine Bestellung warte. Ich schnappe auf, beobachte und habe meine Stifte wieder rausgeholt. Manchmal zeichne ich daheim und höre dabei Musik. 

Ach ja: Ich schlafe auch früher ein. Oft über meinem Buch. Ich bleibe morgens länger im Bett liegen. Statt aufs Display schaue ich aus dem Fenster und lasse meine Gedanken schweifen. Und geniesse es, weder die noch mein verpenntes Antlitz zu teilen.

Oder das deine zu sehen. Sorry, der war jetzt gemein, aber ganz ohne Klugscheisseralarm geht es offenbar doch nicht ganz.

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