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AOC wehrt sich mit brillanter Rede gegen sexistische Attacke

Text: Marie Hettich, Bild: Getty Images

«A fucking bitch»: So soll der republikanische Abgeordnete Ted Yoho vor wenigen Tagen die US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez genannt haben. Ihre eindringliche Konter-Rede geht nun auf Social Media viral. 

Eigentlich habe sie die ganze Sache ruhen lassen wollen, sagt Alexandria Ocasio-Cortez in ihrer zehnminütigen Speech am Donnerstag vor dem US-Parlament. Aber als sie am Tag zuvor die Stellungnahme von Ted Yoho gehört habe, musste sie das Wort ergreifen. Das tat die 30-jährige US-Demokratin dann so, wie wir es von ihr kennen: eindringlich, pointiert und extrem smart.

Auslöser des Konflikts war eine Szene, die sich Anfang der Woche ereignete: Alexandria Ocasio-Cortez und Ted Yoho, ein 65-jähriger Republikaner, begegneten sich auf den Stufen des Kapitols. Plötzlich habe er seinen Zeigefinger in Ocasio-Cortez' Gesicht gestreckt und sie als «widerlich», «verrückt geworden» und «gefährlich» beschimpft, schilderte die Politikerin in ihrer Rede. Er bezog sich hierbei auf Ocasio-Cortez' Überlegungen, wie die seit der Corona-Krise zunehmende Kriminalität in New York City mit der vorherrschenden Armut und Arbeitslosigkeit zusammenhängen könnte. Anschliessend habe er sie in Anwesenheit einiger Reporterinnen als «fucking bitch» bezeichnet. 

Eine Pseudo-Entschuldigung, die alles nur noch schlimmer macht

Am Mittwoch meldete sich Ted Yoho zu Wort – auf sehr merkwürdige Weise. Er würde auf seine Sprache sehr achtgeben, weil er seit 45 Jahren verheiratet sei und zwei Töchter habe. Deshalb würde er auch Alexandria Ocasio-Cortez gegenüber niemals ausfällig werden, auch wenn sie andere politische Ansichten habe. Falls aber irgendwer da etwas missverstanden haben sollte, tue es ihm leid. Die Art von Pseudo-Entschuldigung also, die alles nicht besser, sondern nur noch schlimmer macht. 

Dementsprechend on fire war Alexandria Ocasio-Cortez in ihrer gestrigen Rede: Nur weil ein Mann eine Ehefrau oder Töchter habe, mache ihn diese Tatsache noch längst nicht zu einem anständigen Mann. «Alle Menschen würdevoll und mit Respekt zu behandeln – das macht einen anständigen Mann aus», so Ocasio-Cortez. Indem der Abgeordnete Yoho so respektlos mit ihr gesprochen habe, und bis heute keine Reue zeige, würde er anderen Männern die indirekte Erlaubnis geben, mit seiner Frau, seinen Töchtern und all den anderen Frauen in seinem Umfeld genauso umzugehen.

«All das ist nicht neu – und genau das ist das Problem»

Weiter sagt die Demokratin: «Mister Yohos Worte haben mich nicht tief getroffen oder verletzt. Ich habe als Kellnerin gearbeitet, ich bin Subway gefahren, ich war auf den Strassen New Yorks unterwegs – mit mir wurde schon zig Mal so umgegangen. Diese Art, mit oder über Frauen zu sprechen, ist nicht neu. Und genau das ist das Problem.»

Dass Ted Yoho, während er Ocasio-Cortez beschimpfte, nicht allein, sondern in Gesellschaft eines weiteren Abgeordneten war, würde nur noch mehr verdeutlichen, dass es sich hierbei nicht um einen einzelnen Vorfall handle. «Solche Vorfälle sind Teil unserer Kultur. Eine Kultur der verbalen und physischen Gewalt gegen Frauen, in der Männer ohne jegliche Konsequenzen davonkommen.»

73 Prozent für Ocasio-Cortez

Am Ende ihrer Rede bedankt sich Ocasio-Cortez bei Ted Yoho – dafür, dass er der Welt schön anschaulich bewiesen habe, wie auch ein Mann, der verheiratet ist, Töchter und einen Job mit viel Status und Macht hat, so respektlos mit Frauen umgehen kann. Vermutlich ein Seitenhieb gegen klassisch-konservative Ansichten, wonach Sexisten, wenn überhaupt, Männer aus der Unterschicht mit Migrationshintergrund sind.

Übrigens: Ende Juni hat Alexandria Ocasio-Cortez – die wohlgemerkt bisher jüngste Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses – die Vorwahlen in ihrem Wahlbezirk in New York City mit unglaublichen 73 Prozent der Stimmen gewonnen. Manchmal kann US-Politik auch richtig glücklich machen. 

Die ganze Rede von Alexandria Ocasio-Cortez gibts hier:

Marie Hettich ,
Redaktorin
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